Reichs „Sozialpsychiatrie“ (Teil 2)

Ähnlich wie in der CORE-Arbeit betrachtete sich Reich auch in der Sozial-Psychiatrie als den einzigen, der genug Erfahrung besaß, um sie praktisch ausüben zu können. Noch 1946 hatte Reich geschrieben, daß man im sozialen Verkehr nicht die Techniken der charakteranalytischen Behandlung anwenden könne (Walter Hoppe: Wilhelm Reich, München 1984, S. 514, siehe auch Reichs Vorwort zu Der Krebs).

Die Praxis sollte sich für ihn als verhängnisvoll erweisen, denn ihre Anwendung fand die entwickelte Sozial-Psychiatrie in seiner Gerichtsverhandlung, die er nicht mit juristischen Tricks (die in der Grundlagenforschung nichts zu suchen haben), sondern mit wissenschaftlichen (medizinischen und sozialhygienischen, d.h. dem Thema immanenten) Mitteln durchstehen wollte. Er beklagt die „charakterologische Fehlkalkulation“ in Gerichtsprozessen, „das Vernachlässigen der irrationalen Motive bei kriminellen Handlungen und bei Rechtsentscheidungen“. Deshalb wollte er in seinem öffentlichen Verfahren die irrationalen Motivationen seiner Gegner bloßlegen, wie er es früher im Behandlungszimmer unter vier Augen getan hatte (vgl. Jerome Eden, Hrsg.: Earth on Trial, Idaho 1988, S. 41f).

Das ständige Offenlegen und Infragestellen der Motivation anderer ließ Reich für den Uneingeweihten als paranoiden Verrückten erscheinen, der überall dunkle Machenschaften sieht. Man kann sagen, daß Reich diesem letzten seiner wissenschaftlichen Experimente zum Opfer gefallen ist, da man erstens dergestalt nicht mit der unpersönlichen Justiz und Bürokratie umgehen kann und zweitens auf diese Weise der Mythos von Reichs angeblicher paranoider Schizophrenie aufkam (bzw. die „definitive Bestätigung“ fand), der bis heute die Rezeption seines Werkes erschwert.

Hinzu kam Reichs unangenehm totalitär wirkende, da die Gewaltenteilung unterminierende, Forderung, an den Gerichten „Kommissionen für Sozial-Pathologie“ einzurichten, wie er es bereits in seiner eigenen Organisation mit der Aufstellung des EPPO (Emotional Plague Prevention Office) vorexerziert hatte. Was für „Stalinistische“ Untertöne dies hatte, zeigt sich an folgendem Beispiel: Bei einem Treffen mit seinen Schülern brachte er das Gerücht zur Sprache, daß ihre finanziellen Beiträge für den orgonomischen Forschungsfonds in seine Taschen wandern würden. Er hatte festgestellt, daß viele der Ärzte von den Gerüchten wußten, aber keiner ihnen nachgegangen war, wodurch sie, seiner Meinung nach, zu verstehen gaben, daß die Gerüchte vielleicht etwas für sich hatten. Reich zog dies ans Licht und sagte, daß er nun kein Geld mehr annehme, „bevor nicht all dieser Schmutz und Mist aus der Arbeit entfernt worden ist“.

Dem Tondukument dieses Treffens folgend beschreibt ein heutiger Student der Orgonomie das weitere Geschehen wie folgt:

Die Ärzte einer nach dem anderen zur Rede stellend fragte er: „Was haben Sie sich dabei gedacht? Warum haben Sie nichts gegen das Gerücht getan? Warum haben Sie Geld gegeben? Was dachten Sie, wohin es gehen würde? Haben Sie es freiwillig gegeben?“ Nach viel Drucksen und Gestottere (man konnte sich das Sichwinden bildhaft vorstellen) war das Hauptgefühl, das bei den meisten Doktoren aufzusteigen schien: „Ich fühlte mich schuldig, auf ihren Schultern zu reiten“, und: „Ich dachte, Sie würden das Geld verdienen, daß es für Laborausrüstung und so was verwendet wird“. Mit anderen Worten, keiner von ihnen kannte seine eigenen Beweggründe genau oder hatte es auf sich genommen herauszufinden, wozu ihre Beiträge dienen würden. (…) Die Einheitlichkeit von Reichs Herangehensweise war offensichtlich und seine Hartnäckigkeit emotionalem „Dreck“ hinter den Kulissen nachzugehen war bewundernswert. Dies war eine beeindruckende Demonstration dessen, was er als die Ausübung der praktischen Sozial-Psychiatrie bezeichnet hat. Nachdem die Atmosphäre gereinigt war, endete das (…) Treffen mit der Bemerkung: „Ich fühle mich nun viel besser, wo alles raus ist“, was bei allen Anwesenden Anklang fand. (Pulse of the Planet, No. 3, S. 100)

Wie können sich Erwachsene in der Öffentlichkeit (in einer individuellen Therapiesitzung ist es etwas anderes) derartig vorführen und zur Schnecke machen lassen? Fragwürdig ist auch die begeisterte Reaktion des heutigen Studenten der Orgonomie. Das ganze erinnert beklemmend an die Art, wie die Kommunisten mit ihren eigenen Leuten umgesprungen sind, insbesondere an die Versammlungen während der chinesischen Kulturrevolution, wo „Abweichler“ sich vor der Gruppe selbst anklagen mußten. Was für ein totalitäres System könnte sich aus der Orgonomie entwickeln!

Hier gehört auch her, wie Ilse Ollendorff den Reich vom Anfang der 1950er Jahre beschreibt:

Reich fürchtete zu dieser Zeit, daß ich weggehen könnte. Er fürchtete sogar, daß ich ein Gegner werden und ihn verleumden würde. Um sich dagegen zu schützen, benutzte er jetzt genau dieselben Methoden, die er so wütend bei anderen, besonders bei den Stalinisten, bekämpfte. Er verlangte immer wieder von mir, „Geständnisse“ über meine Gefühle der Furcht vor der Arbeit niederzuschreiben, über gelegentliche Gefühle von Furcht vor ihm und Haß gegen ihn, und er nahm diese „Geständnisse“ an sich und schloß sie ein. (Wilhelm Reich, München 1975, S. 150f)

Andererseits kann man Reichs Herangehensweise, bei der Einzelne aus der Gruppe herausgegriffen werden, auch vor dem Hintergrund betrachten, daß das Individuum in der Masse zur Irrationalität neigt. Meist ist die irrationale Meinung des Einzelnen eine Funktion der Gruppe, zu der er gehört. Die Masse ist der Sitz der irrationalen Ideologie, die das Individuum vertritt. Nimmt man es aus der Masse heraus, erweist es sich als unerwartet einsichtsvoll und klug. Reich hat versucht, den Einzelnen zur Besinnung zu bringen, ihn wachzurütteln. Dabei benutzte er die Gruppe, denn die ist, wie er aus seiner Sexpol-Arbeit wußte, nicht nur Sitz der Irrationalität, die ein Hitler ausnutzen konnte, sondern auch Schlüssel zum rationalen Kern.

Im Kampf gegen die Emotionelle Pest rät Reich u.a.:

Wenn nötig enthülle offen deine Schwachpunkte, sogar deine Geheimnisse. Die Menschen werden verstehen. („Truth Versus Modju“ Orgone Energy Bulletin, Vol. 4, S. 162-170)

Die Masse funktioniert irrational, wenn sie aus Monaden besteht, die voreinander ihr Innenleben hinter einer Maske verbergen. Wird diese Maske weggezogen und der Einzelne im Kontext der Gruppensituation angesprochen, ist der Zauber der Massenirrationalität gebrochen: das natürliche Empfinden betritt den sozialen Schauplatz. Nichts anderes ist „Sozialpsychiatrie“.

Diese diffizile Dialektik von „anonymer Masse“ und Individuum ist das Geheimnis des Gegensatzes von Politik und faschistischer Irrationalität auf der einen und Arbeitsdemokratie und Rationalität auf der anderen Seite. Es ist der Gegensatz von Blauem Faschismus und Orgonomie. Es ist eine Gratwanderung, die der Menschheit den finalen Todesstoß versetzen könnte, sollte die Orgonomie in die falschen Hände geraten. Oder wie Reich im Rückblick auf seine Sexpol-Zeit sagte: „Ich hätte ein Führer sein können wie Hitler“ (Myron R. Sharaf: „Further Remarks of Reich: 1949“The Journal of Orgonomy, 7(1), S. 113-116, May 1973).

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5 Antworten to “Reichs „Sozialpsychiatrie“ (Teil 2)”

  1. Robert (Berlin) Says:

    “ der Mythos von Reichs angeblicher paranoider Schizophrenie aufkam“

    Er kam schon wesentlich früher auf, nämlich 1933/34 durch Fenichel, Sterba und Gerö, also den Kollegen Reichs. Nicht zu Vergessen Annie Reich, die ebenfalls ihren Anteil daran hatte.

    „Fragwürdig ist auch die begeisterte Reaktion des heutigen Studenten der Orgonomie.“

    Absolut nicht! Reich musste vollkommene Klarheit über seine Mitarbeiter und Schüler haben und seine Gruppentherapie führte dazu, dass neurotische Motivationen wie Geld spenden für einen „Lügner“, den man sich nicht zu fragen traute, ob er die Spenden für sich privat benutzte, der Vergangenheit angehörten.

  2. O. Says:

    Reich war ohne Zweifel eine authoritäre Persönlichkeit, wußte sich im Recht und ließ andere Menschen wohl eher nicht zu Wort kommen … – dies könnte man aus den Schilderungen schließen. Und sicherlich hatte er auch seine weiche und sehr kontaktvolle Seite, wie es auch Eva und Peter Reich verkörpern.
    Ob jemand mit Reich klarkam oder nicht, ist heute völlig unerheblich für seine Schriften, daher ist auch die Diskussion um eine Diagnose irrelevant. Ihn als Person als „unzurechnungsfähig“ zu bezeichnen, ist ein letztlich feiger Versuch, ihn als verrückt und seine Inhalte als nicht diskutierbar darzustellen. Selbst wenn jemand erkranken sollte, schmälert das nicht seine Leistung vor oder nach der Erkankung.
    Es wäre ehrlicher zu sagen, ich teile nicht die Ansichten von Reich oder es interessiert mich nicht, als zu behaupten, man wüßte es besser und Reich hat nicht Recht, weil er ja wohl „verrückt“ geworden sei.

  3. Die Orgonomie ist die endgültige Wahrheit! « Nachrichtenbrief Says:

    […] wir alle Menschen und Reich, war, wie alle Genies, ganz besonders menschlich – allzumenschlich… An anderer Stelle habe ich mich eingehend mit totalitären Zügen innerhalb der Orgonomie […]

  4. claus Says:

    „Er beklagt die ‚charakterologische Fehlkalkulation‘ in Gerichtsprozessen, ‚das Vernachlässigen der irrationalen Motive bei kriminellen Handlungen und bei Rechtsentscheidungen‘.“

    Heute zum Beispiel in der ständigen Suche nach ‚Motiven‘, worunter dann rationale Motive verstanden werden. Der Reker-Attentäter ist ein Beispiel, aber noch viel verrückter: Brejvik weniger für krank als für rechtsradikal zu halten. Mit dem biopathischen Hintergrund politischen Denkens und Handelns kommt man überhaupt nicht zurecht – man stellt sich das immer wieder so vor, als wären Gründe auch Ursachen.

  5. Tzindaro Says:

    I do not think Reich was paranoid schitzophrenic, but he was unduly influenced by the anti-communist hysteria of the times, as were many Americans, and as a refugee, he was unduly convinced of the ultimate goodness of the American government and that justice would prevail in an American courtroom.

    His disillusionment with communism, to which he had given his full loyalty in his youth, was brought to a personal fear by the murder of Trotsky by Soviet agents. Reich felt himself in the same situation as Trotsky, a former communist who had come into conflict with the Party, had his own take on things, his own following, and had published writings that were in conflict with the official party line. He was really too egotistical to realize he was small fry compared to Trotsky and the Soviet government did not care about him. His ego made him expect after Trotsky’s murder that he might be next.

    That combined with the American capitalist establishment’s constant drumbeat of fear of communist agents infiltrating government made Reich sound paranoid to people today, when we know there were never any communists infiltrating American government agencies, as so many believed at that time.

    Reich was like many immigrants, believing the American propaganda of freedom that never was true and is even less so today, and was too inclined to trust the American legal system and expected the courts to deal out justice. That is why he went into such detail about the reasons behind the bare legal facts. He also, for reasons of egotism, was concerned about the history books and wanted all the facts to be known.

    The trial was indeed a disgrace to the US justice system, but that is hardly unique. The US courts are among the least fair in the developed world, with nine out of ten criminal cases settled by a coerced guilty plea without any evidence ever being presented in court, just by the defendent being told that he would get a harsher sentence if he refuses to plead guilty and insists on his right to a trial. In such a system, it is not surprising that a case of what to most outsiders looks so much like a simple case of a quack selling a fake cancer cure was taken at face value and handled the way it was.

    The case against Reich was not unique. Other unorthodox medical treatments have been delt with the same way by the FDA and other regulatory bodies. It is the standard procedure in such cases. In Germany, you have heilpraktikers who are allowed to work in the health field unmolested, but in America they would often be arrested.

    But all that happened more than two generations ago. The trial of Wilhelm Reich is not important today. HIs actual discoveries and inventions are where the focus ought to be and all the fascination with the courtroom drama of the legal case and with Reich’s personal history is only an impediment to real work in orgonomy.

    However, the counter-truth to that is that the legal drama attracts far more attention than any mere scientific discovery or medical treatment. Most of the people who become interested in orgonomy today are first attracted by the interesting history of Reich, not by the facts he discovered.

    Reich was right about many things. He was also wrong about many things. That should be no surprise. He was human. And if someone makes hundreds of statements on all sorts of topics, over a lifetime, it is just as unlikely he will be wrong every time as that he will always be right. Reich was usually right in his lab and in his writings on many subjects. He was frequently wrong in his assumptions about who his enemies were and why the government was persuing the case against him. And he was wrong to think the Soviet government considered him important enough to bother with. But that was not paranoia; it was egotism.

    The idea of a „social psychiatry“ was another one of Reich’s mistakes. He meant well, but the sheer complexity of modern large-scale industrial society is far beyond what could be handled by such methods. Perhaps in a small-scale group, a commune or village, perhaps, something like that could work, but in the modern nation-state, where the rulers controll vast resources of propaganda developed by thousands of man-hours of scientific research on how to manipulate the public, it is not going to happen.

    For us, the living, our job is to sort through all Reich’s writings and try to discover what is valid and still true and of use to us and what is irrelevant and mistaken. Placing Reich on a pedestal and makling him seem supernaturally wise and all-knowing does nobody any service.

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