Reichs „Sozialpsychiatrie“ (Teil 1)

In seiner Sexpol-Arbeit um das Jahr 1930 herum wollte Reich den neurotischen Widerstand unterlaufen, indem er den „individuellen moralischen Hemmungen“ eine „kollektive Atmosphäre der Sexualbejahung“ entgegensetzte (Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 175). In seinen Massenveranstaltungen wurde die Gehemmtheit, der Intellekt und seine Kontrollfunktion umgangen und die Emotionen direkt angesprochen. Dergestalt gelang es ihm bis zur arbeitsdemokratischen Kernschicht des Charakters vorzudringen, der Grundlage jedes echten sozialen Verhaltens. Man könnte behaupten, daß er in seiner Sexpol-Arbeit als erster Gruppentherapie angewandt hat (siehe das entsprechende Kapitel über „Die Praxis der Sexualökonomie“ in Reichs Buch).

In den gleichen Jahren hat der Demagoge Hitler ähnliche Massentechniken benutzt, um alle moralischen Hemmungen gegen seine rassistische „Herrenmoral“ wegzufegen und dergestalt die faschistische Mittlere Schicht der Charakterstruktur zu mobilisieren, die unter der zivilisierten Fassade des Massenmenschen bedrohlich lauert. Durch diese Mobilisierung hätte er beinahe die ganze Menschheit in den Untergang getrieben. Doch wie Reich zeigte, kann man dieses Potential auch für das Gegenteil nutzen: den Weg aus der Falle weisen durch Mobilisierung der arbeitsdemokratischen Kernschicht. Man denke nur an evangelikale Massenveranstaltungen in Amerika, wo teilweise tatsächlich der Kern mobilisiert wird, was dann aber sofort in mystische Kontaktlosigkeit umbiegt. Es ist ganz einfach überwältigend, was in so einer Evangelisationsveranstaltung freigelegt wird. In der Massenatmosphäre kommt es zu Ausbrüchen, zu denen der auf sich allein gestellte Einzelne nicht in der Lage wäre.

Erinnert sei auch an heutige Rockveranstaltungen und insbesondere die Beatlemania der 1960er Jahre, wo gesittete junge Mädchen unter spastischen Zuckungen Schreikrämpfe bekamen. Wozu wurde diese ungeheure Energiefreisetzung genutzt, mit der man die Welt auf den Kopf, bzw. auf die Füße hätte stellen können? Immerhin wurde die 68er „Revolution“ ins Leben gerufen, die für die Reich-Renaissance verantwortlich war, ohne die wir alle wahrscheinlich nie von Reich gehört hätten. Vielleicht hat nicht viel gefehlt und es wäre zu einer echten Sexuellen, bzw. Biologischen Revolution gekommen. Und dies wurde nicht durch das unverständliche Intellektualisieren der Studenten entzündet, sondern allein durch den ausschließlich emotionalen Appell, der von der Rockmusik ausging.

Es sei daran erinnert, daß die Hitler-Bewegung direkt aus dem hypnotisierenden Musiktheater Wagners hervorgegangen ist und dessen ästhetische Mittel der Massenbeeinflussung genutzt hat. Man siehe Reichs Kritik an der Aufklärungsarbeit der KPD und sein „Lob“ für die Massenarbeit der Faschisten, die die Menschen nicht „aufklären“ wollten, sondern ihre (sekundären) Gefühle ansprachen.

Wäre die Musik der 1960er Jahre weniger eine, wie Reich es ausdrückt, „Fickermusik“ („rock and roll“!) gewesen, wäre alles weniger auf neurotische Rebellion zugeschnitten gewesen, hätte man der Jugend bessere Leitbilder gegeben, hätte man das Problem der Genitalität angegangen, wären keine Drogen, mystischen Lehren und politischen Ideologien im Spiel gewesen – vielleicht sähe die Welt heute anders aus.

Leider mußte Reich in Äther, Gott und Teufel konstatieren, daß das Sekundäre für den gepanzerten Menschen anziehender ist als das Primäre – und deshalb jeder Appell an die Emotionen ein Spiel mit dem Feuer ist. Nicht von ungefähr ist die individuelle Therapie so langwierig, die Herstellung von Rationalität so aufreibend und problematisch. Um wieviel gefährlicher muß da die „Massentherapie“ sein! Man denke in diesem Zusammenhang an den Personenkult („Führerkult“), der sich um nicht-pestilente zentrale Therapiefiguren wie Reich, Walter Hoppe und insbesondere Elsworth F. Baker jeweils kristallisiert hat. Bezeichnenderweise sind nach dem Ableben der zentralen Figur die jeweiligen Gruppierungen zerfallen. Man sollte sich auch nicht wundern, daß sich immer wieder pestilente Therapeuten der Reichschen Techniken bedienen, um ihre sadistischen Bedürfnisse auszuleben und einen faschistischen Kult um sich herum zu scharen. (Es war verblüffend, daß, wenn man eine beliebige Gruppe von „jungen Reichianern“ vor sich hatte, ausgerechnet die offensichtlich schlimmsten Neurotiker eine Therapie-Ausbildung machen wollten.)

Reich war sich dieser fatalen Mechanismen bewußt und hat sicherlich auch deshalb seine Tätigkeit als „Massentherapeut“ und später sogar als individueller Therapeut aufgegeben. Die Figur des Helfers, der denen „da unten“ hilft, ist mit den Prinzipien der Arbeitsdemokratie ohnehin unvereinbar. Unvereinbar – wenn nicht das Problem der Schere, die sich zwischen den Forderungen der rationalen Arbeitsdemokratie und der irrationalen Struktur der Massen auftut, bestände. Die Massen sind unselbständig, verantwortungslos und kindisch – und neurotisches Verhalten verlangt autoritäre Maßnahmen (Reich). Der heutige Mensch

ist im Grunde hilflos, freiheitsunfähig und autoritätssüchtig, denn er kann nicht spontan reagieren; er ist gepanzert und erwartet Befehle, denn er ist widerspruchsvoll und kann sich auf sich selbst nicht verlassen. (Die Funktion des Orgasmus, Fscher TB, S. 176)

Reich hat ein Gutteil seiner Massenpsychologie des Faschismus einem Beispiel für diese autoritäre Vorgehensweise gewidmet: Lenin, der durch die autoritären, un-arbeitsdemokratischen Maßnahmen einer therapeutischen „Erziehungsdiktatur“ die Menschen (nach Reichs grotesk falscher Interpretation der Intentionen Lenins) zur Arbeitsdemokratie führen wollte. Kombiniert mit Reichs Kritik an der ineffizienten Propagandatechnik der Kommunisten haben wir hier erste Ansätze einer „orgonomischen“ Massentechnik vor uns.

Der Konflikt zwischen dem Gefahrenpotential, das in der Massentherapie steckt, und der Notwendigkeit einer massentherapeutischen Herangehensweise, was beides in der widersprüchlichen Charakterstruktur der Massen begründet ist, fand schließlich in den 1950er Jahren seine Lösung, als Reich die „Sozial-Pathologie“, „Sozial-Psychiatrie“, bzw. „soziale Biopsychiatrie“ entwickelte. Vor dem Hintergrund seiner neuen Einsichten griff er dabei auf seine Sexpol-Zeit um 1930 zurück, wie er in seiner letzten Petition ans Oberste Gericht vom 10. Jan. 1957 ausdrücklich sagt (Jerome Eden, Hrsg.: Earth on Trial, Idaho 1988, S. 41). Neben Reichs Eingaben an die Gerichte ist sein Interview mit Kurt Eissler ein weiteres Dokument der „sozialen Psychiatrie“. Hier werden die Probleme der Sozial-Psychiatrie im historischen Kontext seiner psychoanalytischen Anfänge erläutert (Reich Speaks of Freud).

Dergestalt stand für Reich die Sozial-Psychiatrie zentral in seinem Lebenswerk und verband dessen Endpunkte: seine Anfänge als Charakteranalytiker und sozialer Aktivist in Wien mit seinem in die CORE-Arbeit eingebetteten Kampf gegen die FDA in Amerika. Die Sozial-Psychiatrie kann geradezu als Kulminationspunkt seiner Laufbahn betrachtet werden, da hier seine gesamte Entwicklung in ein einheitliches Gebilde floß. Man findet, zusammen mit CORE-Arbeit, eine Rückbesinnung auf Reichs angefangenes Jurastudium, auf seine „Marxistische“ Gesellschaftsanalyse („Higs“, Gangster in der Regierung, irrationale Geschäftsinteressen der Großindustrie gegen die orgonomische Medizin, etc.), sowie auf die rein verbale Vorgehensweise der Psychoanalyse und ihren konzeptionellen Rahmen.

Im Gerichtsprozeß blieb der wahre Angreifer, der Drahtzieher, im Hintergrund verborgen. Er benutzte – und mißbrauchte – seelisch kranke Menschen: Voyeure, Leute, die sich persönlich angegriffen fühlen durch meine Enthüllungen über den „Kleinen Mann“ (…), phallisch-sadistisch-homosexuelle Menschen, die ihre Bewunderung für mich, und ihren Wunsch von mir behandelt zu werden, so zum Ausdruck brachten, wie sie es in meiner Arztpraxis tun würden: durch Messerattacken, durch sadistisches Verspotten, Verleumdungen, oder – als schizoider Charakter – durch tatsächliche Versuche mich zu ermorden. Diese Beispiele mögen genügen, um zumindest etwas von der Pathologie im Hintergrund freizulegen; passiv-homosexuelle Menschen, die sich dem phallischen Charakter unterwerfen, dem Drahtzieher der Verschwörung. (Earth on Trial, S. 41)

Für Reich war Cloudbusting und CORE-Arbeit „planetarische Medizin“, soziale Massenaktion, Massentherapie, Öko- und Sozial-Hygiene: mit Verschwinden der „atmosphärischen Panzerung“ (DOR) hat der Kern wieder die Möglichkeit sich zu entfalten.

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11 Antworten to “Reichs „Sozialpsychiatrie“ (Teil 1)”

  1. Robert (Berlin) Says:

    Reichs Veranstaltungen mit den anonymen Fragezetteln geht auf Max Hodann zurück, dem Stadtarzt von Berlin-Reinickendorf. In seinen Büchern plädierte er meist für die kommunistische Partei.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Max_Hodann

    • Peter Nasselstein Says:

      Im Unterschied zu den bereits bekannten Sexualreformern Max Hodann, Magnus Hirschfeld, Fritz Brupbacher und Friedrich Wolff, die sich auf Wohnungsnot, Abtreibung und die Gesetzgebung konzentrieren, bringt Reich seine Erfahrung aus der psychoanalytischen Ambulanz in Wien ein. Vor diesem Hintergrund geht es bei ihm um die sexuellen Bedürfnisse und die psychologischen und ideologischen Folgen ihrer Unterdrückung.

  2. Rudolf Says:

    „Durch diese Mobilisierung hätte er (Hitler) beinahe die ganze Menschheit in den Untergang getrieben.“
    Wer treibt uns aktuell in den Untergang?
    Die „Befreier“ / die „Befreiung“ vom ersten Untergang?

  3. Pierre Says:

    Sehr gute und hintersinnige Bemerkung, Rudolf.
    Sie verweist auf eine hier immer wiederkehrende, mechanistische, am Buchstaben klebende und die Zeitumstände vernachlässigende Deutung der Reich’schen „politischen“ Texte. Schade, denn gerade und im Grunde nur mit Reich wären die vernagelte „antifaschistische“ Basis der „westlichen Wertegemeinschaft“ und ihre verheerenden Konsequenzen zu begreifen.

  4. Rudolf Says:

    Danke, Pierre, für Dein Lob.
    Deine „Anregung“ für den Blog spricht mir aus dem Herzen.
    Zu allererst sollte hier das nervtötende Schlagwort „Faschismus“ entsorgt werden.
    Dann sollte die ständige Bezugnahme auf die sinnlosen psychoanalytischen Theorien (Ödipus etc.) hinterfragt werden.
    Dringend bedürften die Charakterstrukturen der Erfinder dieser Theorien einmal einer orgonomischen Analyse.
    Überhaupt gibt es doch immer wieder Schwachstellen in Argumentation und Weltanschauung hier im Blog.
    Aber das ist zu vernachlässigen gegenüber der ungemeinen Bereicherung, mit der uns Peter hier täglich übersprudelnd anregend nährt.

  5. O. Says:

    Es sind die Anregungen hier in den Blogs und auch bei Reich, die „einen Flügel wachsen“ lassen, Assoziationen wecken und zu neuen und alten Ideen verhelfen können.
    Und leider kann man Reich auch in verschiedene Richtungen interpretieren, was schnell zu falschen Schlüssen führen kann. Letzteres nervt mich häufig bei Reich. Zu Kinder der Zukunft kaum mehr als ein Artikel in einem Buch und ein paar Ergänzungen als massenpsychologische Prophylaxe, dann hier und da etwas zur Arbeitsdemokratie, dann wieder referierte Experimente (ohne Versuchsprotokolle) in diesem und jenem Feld, und allgemeine Interpretationen und Schlüsse, die eine Theorie von der Orgonenergie darstellen sollen. Ideen und Assoziationen lassen den Leser begeistern und erahnen, welches Potential dahinter stehen könnte, doch dann steht der Leser im Regen … nichts folgt mehr, nichts wirkliches zum Anpacken … Kein Bild von der Körpertherapie, der Orgonphysik oder was das mit dem Cloudbuster eigentlich sollte und wie man es Handhaben könnte.
    Dann wendet man sich fast in mystischer Hoffnung an „Überlebende der Reich-Verfolgung“ und möchte mehr erfahren: Bspw. einem Hoppe oder einem Baker – beide tot – wenn man zu spät geboren wurde und ihn nicht mehr mitbekam. Und was machte deren Faszination aus? NICHTS!

    Hoppe redet viel über das Wort Orgon und hat aber nichts verstanden. Und seine Nachfolger, die sich auf ihn beziehen – oh Gott bewahre uns vor diesen! (das ist noch freundlich gesagt)
    Was bringt uns Baker? Eine isolierte und sich isolierende Gruppe von Nach-Reichianern, die zu wissen, etwas vorgeben, jedoch wird man es auch nie erfahren, was sie zu wissen glaubten. Das Beste an Bakers Buch ist die ausgelöste Kritik an seiner Schrift durch die von Chester, der zeigt, dass man alles auch detaiiliert anders betrachten kann. Und diese Diskussion endet dann in was? Die Welt wird es nicht erfahren, vermutlich auch: in gar nichts.

    Weiter Nachkommen dieser „Tradition“ können meist nicht mehr diskutieren oder etwas kritisch und dialektisch durchdenken. Sie ertragen eine Kritik nicht als sachlichen Erkenntnisgewinn (oder eine Aufforderung hierzu), sondern nehmen es persönlich … selten werden, wir hier bei Peter Nasselstein, auch mal Gegenargumente stehen gelassen und unkommentiert den Lesern zu Reflexion angeboten.
    Dies ist eine Stärke dieses Forums und ebenso greifen sich hier die Kommentatoren nicht persönlich an, obwohl man nicht der gleichen Meinung ist.

    Von daher würde ich auch von Pierre und Rudolf hier gerne mehr Anregungen sehen, auch, wenn man nicht unbedingt einer Meinung sein muss.

  6. Wie Wilhelm Reich von der Nachwelt betrogen wurde « Nachrichtenbrief Says:

    […] zur Herstellung einer besseren Zukunft für die Menschheit: die Sozialpsychiatrie. Ich bin darauf an anderer Stelle eingegangen. Dieser Ansatz wurde vielleicht am gründlichsten und vor allem systematisch zerstört durch all […]

  7. Zur orgonomischen psychiatrischen Charakterdiagnostik « Nachrichtenbrief Says:

    […] („phallisch“, „anal“, etc.) auf den Schrott geworfen, doch noch 1956 schrieb Reich in seiner Eingabe an das Supreme Court über „The Characterological Error“, wo er sich Bakeresk z.B. über […]

  8. Peter Nasselstein Says:

    Wenn der Charakterpanzer eines Politikers öffentlich zusammenbricht:

    ab Minute 7:

    http://www.zdf.de/ZDFmediathek/hauptnavigation/sendung-verpasst#/beitrag/video/2038848/ZDF-heute-journal-vom-28November-2013

    Deutschland auf dem Weg in eine Räterepublik: Sowjetdeutschland!

    • O. Says:

      Jetzt waren wir so lange ohne Regierung, dass ich mich schon dran gewöhnt habe. Das könnte der erste Schritt in die Arbeitsdemokratie sein. 😉

  9. Peter Nasselstein Says:

    Für alle, die meine Begeisterung für Trump, Laibach, etc. nicht verstehen und hier „Faschismus“ wittern: ihr habt NICHTS verstanden:

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