Die Aktualität von Reichs WAS IST KLASSENBEWUSSTSEIN? von 1934 (Teil 3)

Was soll das sein: „revolutionäre wissenschaftliche Arbeit“ im Gegensatz zu „bürgerlicher Wissenschaft“?

Die bürgerliche Wissenschaft ist um so Iebensfremder, produziert um so groteskere Theorien, verirrt sich um so mehr im Streit über diese Theorien, je Iebensnäher das behandelte Gebiet ist. Daher ist etwa die Mathematik noch am freiesten von den Einflüssen bürgerlichen Denkens, während etwa die Tuberkuloseforschung es noch nicht einmal zu einer gründlichen Erhebung der Einwirkung von Volksernährung und Wohnmaiziere auf die menschlichen Lungen gebracht hat; von der Psychiatrie, dem Tummelplatz der wüstesten Borniertheit, sei nur gesagt, daß sie, die die Aufgabe hätte, die Grundprinzipien der seelischen Hygiene zu erarbeiten, wie ein eigens dazu fabriziertes Werkzeug funktioniert, gerade dies unmöglich zu machen. (Was ist Klssenbewußtsein?, 1934, S. 53)

Die Massen haben für richtige Tatsachenfeststellungen einen prächtigen Instinkt, der nur dann nicht sichtbar ist, wenn die revolutionäre Organisation ihm nichts und die Quacksalber ihm alles bieten, vom Tischrücken bis zur Quelle von Lourdes. (ebd., S. 55)

Und weiter:

Die marxistische Wissenschaft kann nicht dadurch entwickelt werden, daß man die KlassenkampfparoIe in die Wissenschaft trägt und nichts tut, als die Etikette „Klassenkampf“ aufkleben: sie kann nur entwickelt werden aus den Fragestellungen, Problemen, Ergebnissen der einzelnen Wissenschaftsgebiete selbst. Es muß sachlich nachgewiesen werden, wo die bürgerliche Forschung versagt, weshalb sie versagt, wo sich die bürgerliche Weltanschauung der Erkenntnis hindernd in den Weg stellt, wie sie das tut etc. Dann, nachdem sie dies getan hat, wirklich sachlich geleistet hat, hat man auch das Recht sich selbst marxistischer Wissenschaftler zu nennen und die Beziehung der einzelnen Wissenschaft zur Frage des wirtschaftlichen Klassenkampfes herauszuarbeiten. (ebd., S. 53)

Das folgende ist eine direkte Vorwegnahme des orgonomischen Funktionalismus:

Grundsatz: Es Ist unmöglich, in Einzelheiten [und] Anweisungen zu gehen; man muß die Grundsätze der Anschauung und des Betrachtens klar haben und sie auf die Einzelheiten anwenden; ist der Grundsatz richtig, dann begeht man im einzelnen Fall keine Fehler. Ist der Grundsatz der Anschauungsmethode falsch, dann sind richtige Entscheidungen in Einzelfällen nur Zufall und die Quelle von Fehlern ist riesengroß. (S. 66)

Ähnliches läßt sich über Reichs gesellschaftspolitische Ansichten sagen. Es ging stets, wie eine Überschrift in Was ist Klssenbewußtsein? lautet, um die „Inbesitznahme des eigenen Besitzes“. In Amerika fragte er sich, warum die Arbeiter nicht selbst die Herrschaft über die Produktionsmittel übernehmen, was über das Aktienrecht durchaus möglich gewesen wäre. Er schrieb das ihrer „Freiheitsunfähigkeit“ zu, ihrer biophysischen Panzerung, die sie zum „Sitzen“ zwingt. Zwanzig Jahre zuvor hatte er dies noch dem mangelnden „Bewußtsein“ zugeschrieben, also einer weit einfacher zu handhabenden Störung. Davon abgesehen hat er seine Meinung aber nie grundlegend geändert:

Es ist klar, daß es keine Führung je geben kann, die alles überblicken und dirigieren könnte, was das gesellschaftliche Leben an zu bewältigenden Problemen und Aufgaben hervorbringt. Das bringt nur die bürgerliche Diktatur zustande, weil sie die Bedürfnisse der Massen nicht in Rechnung stellt, weil sie gerade auf der scheinbaren Bedürfnislosigkeit der Masse und auf deren politischer Stumpfheit ruht. Im heutigen kapitalistischen System ist die Arbeit längst vergesellschaftet, nur die Aneignung der Produkte ist eine private des Unternehmers.

Die soziale Revolution will etwa die Großbetriebe sozialisieren, das heißt, sie der Selbstverwaltung der Arbeiter dieser Betriebe übergeben. Wir wissen wie schwer die Sowjetunion im Anfang und auch heute mit dieser Selbstverwaltung zu ringen hat. Die revolutionäre Arbeit in den Betrieben kann nur erfolgreich sein, wenn sie das Interesse des Arbeiters für den Betrieb weckt, als sachliches Interesse an der Produktion, und an diesem Interesse ansetzt. Der Arbeiter hat aber kein Interesse am Betrieb als solchem, schon gar nicht am Betrieb in seiner heutigen Form. Ihn revolutionäres Interesse am Betrieb schon heute zu gewinnen, muß er diesen sich schon jetzt im Kapitalismus als ihm selbst gehörig zunächst vorstellen. In den Belegschaften muß das Bewußtsein geweckt werden, daß der Betrieb und seine Führung auf Grund ihrer Arbeit ihnen und nur ihnen zusteht; daß dieses Recht, das derzeit der Kapitalist für sich in Anspruch nimmt, mit vielen Pflichten verbunden ist, daß man über Betriebslenkung, Betriebsorganisation etc. Bescheid wissen muß, wenn man sein eigentlicher Herr ist. Es muß klar in der Propaganda zum Ausdruck kommen, daß der eigentliche Herr des Betriebes nicht der gegenwärtige Besitzer des Kapitals und der Produktionsmittel, sondern die Arbeiterschaft ist. Es ist massenpsychologisch ein großer Unterschied, ob wir sagen: „Wir enteignen den Großkapitalisten“, oder ob wir sagen: „Wir nehmen unser Eigentum in unseren rechtmäßigen Besitz“. Im ersten Falle reagiert der durchschnittliche unpolitische oder politisch verbildete Industriearbeiter auf die Enteignungsparole mit einem Schuldgefühl und einer Hemmung, als ob er sich fremden Besitz aneignete. Im zweiten Falle wird er sich seiner, auf Grund seiner Arbeit, gesetzmäßigen Eigentümerschaft bewußt, und die bürgerliche Ideologie von der „Unantastbarkeit des Privateigentums“ an den Produktionsmitteln verliert ihre Gewalt über die Massen. Denn nicht, daß die herrschende Klasse eine derartige Ideologie verbreitet und verteidigt, ist das Problem, sondern daß und weshalb die Masse davon ergriffen wird und sie bejaht.

Sollte es eine revolutionäre Organisation nicht zustandebringen, der Belegschaft der Betriebe beizubringen, daß sie die rechtmässige Herrin ist und sich schon jetzt um ihre Aufgaben zu kümmern hat? So wie sich die kleinbürgerlichen Kaufmannsfrauen und die Arbeiterinnen in den Sex-Pol-Gruppen darüber eingehend klar zu werden versuchten, wie man eigentlich die Erziehung der Kinder am besten gestalten, die Hausarbeit am praktischsten einrichten könnte, ob es nicht vorteilhafter sei, in einem Wohnblock eine kollektive Küche einzurichten, so können, werden und müssen die Belegschaften schon jetzt die Vorbereitung für die Übernahme der Betriebe treffen. Sie müssen ganz aus Eignem überlegen, sich schulen, verstehen, was alles notwendig ist und wie es am besten einzurichten wäre. (…) Der realen Übernahme der Macht in den Betrieben durch die Belegschaften muß die ideelle Übernahme der Macht durch konkrete Vorbereitung vorangehen. (…) Dies und nur dies heißt „Weckung des Klassenbewußtseins“. Die revolutionäre Parteiführung hat keine andere Aufgabe und kann keine andere haben, als diesen Vorstufen der revolutionären sozialen Demokratie nach der Machtergreifung zur restlosen Klarheit zu verhelfen, die Vorbereitungen zu lenken, mit dem größeren Wissen nachzuhelfen. Derart in die konkrete Arbeit einbezogen, wird jeder Arbeiter sich als eigentlicher Herr des Betriebs fühlen und den Unternehmer nicht mehr als Lohngeber, sondern als Ausbeuter seiner Arbeitskraft empfinden. (…) Er wird kämpfen für eigene Interessen, mehr, er wird lendenlahmen Führungen den Streik aufzwingen und sie beseitigen, wenn sie versagen. Die revolutionäre Propaganda war im wesentlichen nur eine negative Kritik; sie muß es lernen, außerdem aufbauend, vorbereitend, positiv zu sein. (S. 63f)

Es ist offensichtlich, daß bereits angesichts dieser Aussagen Reichs später im Rahmen des Konzepts „Arbeitsdemokratie“ geprägter Begriff „Fachbewußtsein“ weitaus passender ist, als der Begriff „Klassenbewußtsein“. Was sich bei Reich vollends grundlegend geändert hatte, ist die Stellung zum „Klassenkampf“.

Anfang der 1930er Jahre beurteilte Reich das politische Geschehen nach der Fragestellung, ob der jeweilige Vorgang in „Richtung der reaktionären oder der revolutionären Entwicklung“ weist und was dabei „in den verschiedenen Schichten der Masse (vorgeht)“.

Was in ihr ist für und was ist gegen uns? Wie erlebt die breite unpolitische oder verbildete Masse die politischen Ereignisse? Wie erlebt und empfindet die Masse die revolutionäre Bewegung?

Jedes Ereignis ist widerspruchsvoll, enthält Elemente für und gegen die Revolution; Voraussehen ist nur möglich: a) durch Erfassung der Widersprüche, b) durch Aufstellung der möglichen Varianten der Entwicklung, (z.B. reaktionäre und revolutionäre Elemente im Faschismus).

Der gesellschaftliche Prozeß enthält gleichzeitig vorwärtsdrängende und zurückhaltende oder rückwärtsdrängende Kräfte; revolutionäre Arbeit ist das Erfassen beider und das Vorwärtstreiben der revolutionären Tendenzen (z.B. Hitlerjugend: sexuelle Freiheit ist vorwärts, Autoritätsgläubigkeit rückwärtsdrängende Kraft). (S. 66)

Es ist offensichtlich, daß diese Fragen weitaus besser und fruchtbringender in einem vollständig anderen Bezugsrahmen als der Marxistischen „Klassenanalyse“ beantwortet werden können, nämlich in dem Dreischichten-Modell der menschlichen Charakterstruktur, wie Reich es ein Jahrzehnt nach Was ist Klassenbewußtsein? in der Neufassung von Die Massenpsychologie des Faschismus vorstellen sollte.

masspsychfascism

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Eine Antwort to “Die Aktualität von Reichs WAS IST KLASSENBEWUSSTSEIN? von 1934 (Teil 3)”

  1. O. Says:

    Reich hat auch aus fast allem einen „remake“ gemacht, vgl. auch Die Funktion des Orgasmus, Sexuelle Revolution, Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral, Charakteranalyse – erst bei den „orgonomischen“ Schriften der letzten 10-15 Jahre blieb es bei einer Version. Ein Motiv war sicher, Marxismus (SexPol) und Psychoanaylse aus seinen früheren Schriften zu vertreiben.

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