Die Aktualität von Reichs WAS IST KLASSENBEWUSSTSEIN? von 1934 (Teil 2)

Tragisch ist, daß Was ist Klassenbewußtsein? in vieler Hinsicht die gegenwärtige „reaktionäre Politik“, d.h. die anti-autoritäre Gesellschaft geprägt hat. Die Broschüre hatte einen großen Einfluß auf die Neue Linke, wie sie sich etwa in der Politik der Grünen zeigt. Wie unmittelbar Reich der modernen Barbarei den Weg geebnet hat, zeigt folgende Stelle:

Um [ein Kind revolutionär zu beeinflussen], ist genaue Kenntnis der schweren Hemmungen, denen das Kind unterliegt und die später zu reaktionären Bindungen werden, unerläßlich. Man tritt in eine Bauernstube im Gebirge, die Eltern sind sozialistisch eingestellt, aber das Kind hört, wenn es einem Fremden begegnet, immerzu: „Sag‘ schön küß die Hand“, oder: „Na, wie sagt man denn?“ und das Kind krümmt sich vor Angst in sich zusammen, es wird „brav“. Der ideologische Kampf gegen das sogenannte Bravsein gehört zu den wichtigsten Aufgaben der proletarischen Front (…). (Was ist Klassenbewußtsein?, 1934, S. 33, Hervorhebungen hinzugefügt)

Oder etwa:

Die Jugend muß sich ihr Leben auf jedem Gebiet schon jetzt einzurichten beginnen. Sie kann sich dabei zunächst weder um Polizei noch Behörden kümmern und soll es auch nicht tun; sie soll einrichten und tun, was sie für richtig hält und was sie einzurichten vermag. Sie wird dann bald erkennen, daß sie auf harte Schranken stößt, daß ihr die Einrichtung auch nur der einfachsten, selbstverständlichsten Dinge des jugendlichen Lebens unmöglich gemacht werden wird; und so, praktisch, wird sie erkennen, was revolutionäre Politik, was revolutionäre Notwendigkeit ist. (ebd., S. 64)

Das „Kernproblem der Erziehung“ sei entweder „Gehorsam oder frische Regsamkeit des Kindes“. Natürlich ist gegen eine „frische Regsamkeit des Kindes“ rein gar nichts einzuwenden, doch in den Händen der „Demokraten“ geriet dieser emanzipatorische Ansatz zu einem Hebel der Lebensfeindlichkeit. Man schaue sich doch die heutigen Kinder an, die niemals grüßen, ungehobelt und egoistisch sind und zu veritablen dummen Antifa-Arschlöchern heranwachsen! Das ganze erinnert daran, was aus Reichs Therapieansatz in den Händen der „Reichianer“ geworden ist.

Bertell Ollman, der das Vorwort zu Sex-Pol Essays (1973) geschrieben hat, beschreibt die Nachwirkungen von Was ist Klassenbewußtsein? wie folgt:

Das meiste, was Reich hier vertritt, in Bezug auf das was zu tun und zu sagen ist, ist durch die eine oder andere radikale Gruppe in den Jahren nachdem er dies schrieb, in die Praxis umgesetzt worden. Frauenemanzipation, Anarchisten, Hippies, [rassisch] schwarze und [rassisch] braune Revolutionäre und, ab und an, Marxisten versuchten die Menschen zu radikalisieren, indem sie ihnen halfen Lehren aus ihrem persönlichen Leben zu ziehen. Nur Reich hat jedoch versucht diesen Ansatz zu systematisieren. Nur Reich erkennt, daß sexuelle Belange im Mittelpunkt des persönlichen Lebens der meisten Menschen stehen. Und nur Reich stützt seine Strategie auf eine tiefgehende sozialpsychologische Analyse des Lebens in der kapitalistischen Gesellschaft. (Bertell Ollman: Social and Sexual Revolution, London 1979, S. 196)

Das vielleicht beste Beispiel für Deutschland ist der Soziologe Günter Amendt.

Ich erinnere mich an eine zweiteilige Sendung im ZDF vor ein paar Jahren: wie die Wissenschaft unser Denken über Sexualität beeinflußt hat. Reich wurde nur von dem „Sexualwissenschaftler“ Amendt erwähnt. Amendt, ein Schüler Adornos, war einst aktiv in der „antifaschistischen“ 68er-Bewegung, wo von den Nazis vertriebene und unterdrückte Wissenschaftler, darunter Freud und Reich, ihre Renaissance erlebten. Für die 68er sei die Sexualität kein Selbstzweck, sondern Mittel zur Revolution gewesen. Sie hätten das „Orgasmusideal“ abgelehnt. (Äußerungen von Volkmar Sigusch in der gleichen Sendung zufolge würde Sigusch die Orgonomie als sexfeindlich, wenn nicht sogar als „faschistisch“ einstufen, „da sie die anarchisch wilde und freie, fantasievolle Sexualität auf den bewußtseinsgetrübten Orgasmus reduzieren will“.) Die 68er hätten mittels der sexuellen Revolution versucht sich selber von ihren Ängsten zu befreien, so daß sie individuell befreit in der Lage versetzt würden, die soziale Revolution herbeizuführen.

Mit seinem erstaunlich weitverbreiteten Buch Sexfront versuchte Amendt die „Revolution“ an der vernachlässigten „Front“ der Sexualität voranzubringen, mußte aber bald erkennen, daß mit der um sich greifenden Sexualisierung der Gesellschaft dieses Thema zunehmend seine Sprengkraft verlor. Aus diesem Grund wandte er sich in den 1990er Jahren einem anderen Thema zu, das das Potential in sich hatte, die „erstarrten Verhältnisse“ in Bewegung zu bringen: Drogen. Wie so häufig bei Homosexuellen schien auch Amendts Leben um zwei Themen zu kreisen, zumindest theoretisch: Sex und Drogen. Thema seiner Dissertation war „Das Sexualverhalten Jugendlicher in der Drogensubkultur“.

Da es weltweit keine Gesellschaft gäbe, in der keine „bewußtseinserweiternden Substanzen“ konsumiert würden, es sich also ähnlich wie die Sexualität um ein Grundbedürfnis des Menschen handele, sei, so Amendt, die gegenwärtige Prohibition nicht haltbar, deshalb eine „Liberalisierung“ unabwendbar. Es müsse sich eine Kultur ausbilden, in der der Einzelne lerne verantwortlich mit Drogen umzugehen.

Klingt natürlich vernünftig, ist aber widersinnig. Oder sagen wir lieber: es ist pestilent.

Die Emotionelle Pest wird daran evident, daß es in einer „befreiten“, d.h. befriedigenden Sexualität nur um eins gehen kann: um mehr Kontakt. Aber genau der wird durch die „Liberalisierung“ von prägenitalen und sadomasochistischen „Ersatzkontakten“ und durch die politische Instrumentalisierung des Sexualtriebes hintertrieben. Ähnlich bei den Drogen: man kann die Menschen nicht „verantwortlicher“ (kontaktvoller) machen, indem man den Zugang zu psychoaktiven Substanzen erleichtert, die diese Kontaktfähigkeit nachhaltig unterminieren und das Leben mit einer weiteren Schicht aus Ersatzkontakt ersticken.

Amendt ist 2011 bei einem absurd-tragischen Unfall in der Hamburger Innenstadt von einem umherfliegenden (sic!) Auto erschlagen worden. Der 38jährige Autofahrer, dessen Opfer Amendt geworden ist, ist im Cannabisrausch bei rot schnurstraks mit überhöhter Geschwindigkeit über eine Kreuzung gefahren, mit einem zweiten Wagen zusammengestoßen und dann mit seinem Auto in eine Gruppe von Passanten geflogen, zu der auch Amendt gehörte.

Amendts – ja, Mörder ist in einer von „Amendt & Konsorten“ geprägten Welt aufgewachsen. Eine anti-autoritäre Welt, in der dank der „sexuellen Revolution“ die muskuläre Panzerung sich weitgehend aufgelöst hat, während sich die Augenpanzerung und damit die Kontaktlosigkeit entsprechend verstärkt hat. Die Menschen sind „hemmungsloser“ geworden. Um mit der wachsenden Angst, d.h. der nicht mehr durch die Muskulatur gebundenen Energie, fertigzuwerden und die innere Leere (Kontaktlosigkeit) ertragen zu können, greifen sie zunehmend zu legalen und illegalen Drogen. Hinzu kommt, daß mit der allgemeinen Liberalisierung und der damit einhergehenden Toleranz für „alternative Lebensstile“ auch ganz unabhängig von individuellen Bedürfnissen Drogen konsumiert werden, um bei bestimmten Gruppen dazuzugehören.

In der alten autoritären Gesellschaft, also vor 1960, war die Prohibition tatsächlich sinnlos, da sich die Menschen unter Kontrolle hatten. Heute, nachdem die Menschen halt- und orientierungslos geworden sind, nach Aufhebung der Prohibition zu rufen, ist entweder „dumm“ (neurotisch) oder verbrecherisch (pestilent). Rufe ich nach mehr Polizei? Nein, nach einer gesellschaftlichen Atmosphäre, in der Drogen schlicht und ergreifend unakzeptabel sind. Als prototypischer modern liberal hat Amendt für mehr Liberalität, mehr „Vernunft“ plädiert.

Es ist offensichtlich, daß Nixons „Krieg gegen die Drogen“ gescheitert ist und schier unglaublichen Schaden angerichtet hat. Das bedeutet aber nicht, daß dieser „Krieg“ an und für sich falsch ist. Er wurde vielmehr auf einer falschen Ebene gefochten. Es geht um eine grundlegende Veränderung der Kultur und vor allem eine Bekämpfung der Emotionellen Pest in Gestalt der Propagandisten des Drogenkonsums.

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6 Antworten to “Die Aktualität von Reichs WAS IST KLASSENBEWUSSTSEIN? von 1934 (Teil 2)”

  1. Robert (Berlin) Says:

    Es klingt sicher zynisch, aber ich spürte eine gewisse Genugtuung, dass ein Drogen-Libertin die Folgen seiner Propaganda so hautnah spüren dürfte.
    Sein Buch Sexfront war für damalige Zeiten sicher fortschrittlich, aber auch da war schon Drogensucht und Narzissmus ohne Mitgefühl angesagt. Ärger bekam er wegen einiger Nacktbilder a la McBride in dem Buch, um ihm eins auszuwischen. Sein späteres Sexbuch war dann nur noch angepasst und langweilig.

  2. Manuel Says:

    An diesem Artikel ist alles korrekt und treffend. Dennoch fehlt ein entscheidender Hinweis: daß die Ursache für die chronische Augenpanzerung und daraus folgende Kontaktlosigkeit sowie SUCHT nach Ersatzkontakten in der frühesten Kindheit liegt, in dem angstergfüllten Lebensgefühl, das kontaktlose, lieblose, unberechenbare Eltern im Säugling hervorrufen.

  3. Johannes Says:

    Hej Peter

    Irgendwie habe ich das Gefühl, dass es jemand fast schon geil findet, dass Herr Amdendt so mysteriös um sein Leben gekommen ist.
    Es war bestimmt nicht alles richtig und er argumentierte überaus moralisch, aber eine wichtige Funktion hatte der Herr dennoch.
    Im Fernsehen warnte er bspw. Eltern davor, ihren Kinder Drogen über die Ernährung zu geben. Außerdem werden die Drogen genommen, ob sie gut sind, oder nicht und er hat auch viele Menschen über die Risiken informiert.

    Es grüßt
    Ein Mensch, der Deinen Nachrichtenbrief nahezu jeden Tag liest

  4. Robert (Berlin) Says:

    Für alle, die es noch gern lesen wollen:

    http://de.muvs.org/bibliothek/browser/?tree=kap&id=4062&seq=1

  5. David Says:

    … aber das Kind hört, wenn es einem Fremden begegnet, immerzu: „Sag’ schön küß die Hand“, oder: „Na, wie sagt man denn?“ und das Kind krümmt sich vor Angst in sich zusammen, es wird „brav“.

    Vor Angst? Heutzutage noch tiefere, noch schwerer zugängliche Ängste als die Angst vor Prügel?? Angst vor LIebesentzug?

    Natürlich ist gegen eine „frische Regsamkeit des Kindes“ rein gar nichts einzuwenden, doch in den Händen der „Demokraten“ geriet dieser emanzipatorische Ansatz zu einem Hebel der Lebensfeindlichkeit.

    Vieles hat sich, wie ich glaube, seit den Sechziger Jahren total umgedreht. Wenn ein Kind merkt, dass es nicht so „brav“ und dankbar ist, dass es die Eltern nicht so sehr achtet und liebt, wie die wollen, hat es Schwierigkeiten.

    Ist heute das Elternpaar rechtsradikal, dann ist das möglicherweise nicht so wichtig. Denen ist heute, wie ich glaube, wichtiger, dass das Kind hart zuschlagen, aber auch hart arbeiten kann, dass es hinreichend konkurrenz-orientiert ist, für die Welt, in der wir leben. Ich selber bin so nicht und habe dadurch erhebliche Probleme.

    • David Says:

      Mit anderen Worten: noch mehr als dass das Kind brav ist, wünschen „rechte“ Eltern, dass es rasch groß und stark wird, wie ich glaube.

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