Jesus und die Frauen

Bereits in Die bio-historischen Grundlagen des Christentums (Teil 3) habe ich Ernst E. Vardiman zitiert, der auf den eklatanten Widerspruch zwischen der Idealisierung der Person Jesu und der eher abträglichen Darstellung Marias hingewiesen hat. Dies deutet auf einen Verdrängungsprozeß, dem alles, was an die Himmelskönigin erinnern könnte, zum Opfer gefallen ist. Wie alles Verdrängte ist es dann natürlich später in Gestalt der Marienverehrung verzerrt wieder an die Oberfläche gedrungen.

Aber nicht nur Maria, sondern alle Frauen in der Umgebung Jesu werden in den Evangelien aus dem Vordergrund geschoben. Sie waren seine Hauptzeugen, wurden jedoch von jenen wieder in den Hintergrund gedrängt, die Jesus schmählich im Stich gelassen hatten und sich nun als „Apostel“ in den Vordergrund spielten. Aus dieser Tradition heraus konnte sich dann schließlich Epiphanius mit „apostolischer“ Autorität über die Kollyridianerinnen ereifern:

Dieser (Christus) hat wie ein Bildner und Herr des Geschehens sich aus der Jungfrau wie von der Erde gebildet, indem er als Gott vom Himmel herab kam und als Logos aus der heiligen Jungfrau Fleisch annahm; sicherlich aber nicht, damit die Jungfrau angebetet würde, nicht damit er sie zu Gott mache, nicht damit wir auf ihren Namen opfern, nicht damit er Weiber nach so vielen Generationen [männlicher Dominanz] zu Priesterinnen mache.

Schon immer haben Frauen gespürt, daß Jesus und nicht seine Jünger auf ihrer Seite stehen. So schrieb im 16. Jahrhundert die Heilige Theresia von Avila:

Herr, als du auf der Welt warst, hast du die Frauen nicht verachtet. Du warst immer für sie da und zeigtest ihnen dein großes Erbarmen. Du fandest bei ihnen auch mehr Glauben und gewiß nicht weniger Liebe als bei den Männern. Wir dürfen in der Öffentlichkeit nichts tun, was für dich irgendwie wichtig ist. Wir dürfen nicht einmal über einige Wahrheiten reden, über die wir im Stillen weinen aus Angst, daß du nicht hörst, was unser innigstes Sehnen ist. Trotzdem kann ich das um deiner Güte und Gerechtigkeit willen nicht glauben, Herr, denn du bist ein gerechter Richter, nicht wie die Richter dieser Welt, die alle Männer sind, Söhne Davids, und die von vornherein sogar den Tugenden der Frauen mißtrauen.

In den Seligpreisungen der Bergpredigt Mt 5,3-9 nennt Jesus in der patriarchalischen Gesellschaft typisch weibliche Attribute: geistig arm, da vom Bildungssystem ausgeschlossen; leidtragend, da die Hauptlast der Arbeit auf den Frauen ruht; sanftmütig, als primär biologische Anlage und als sekundäre patriarchale Verbiegung; unterdrückt, deshalb Hunger nach Gerechtigkeit; Barmherzigkeit als Merkmal der Mutterschaft; reinen Herzens und friedfertig, da frei von den korrumpierenden Einflüssen der Macht.

In ihrem Kommentar zu den Synoptischen Texten aus der Genesis schreiben Othmar Keel und Max Küchler über Jesus:

Die lukanische und johanneische Tradition verkünden immer wieder seine unbefangene, befreiende Hinwendung zu verschiedensten Frauen (Lk 7,36-50; 8,1-3; 10,38-42; Joh 4,27; 12,1-11). Die einseitig den Mann begünstigende Ehescheidungspraxis hat er trotz Dtn 24,1 unter Verweis auf Gen 2,24 abgelehnt (Mk 10,2-12; Mt 19,3-10; vgl. Joh 8,1-11). Die kultische Unreinheit, die die Frau viel schwerer belastete (Menstruation: Lev 15,19-30; Geburt: Lev 12), erklärte Jesus für inexistent (Mk 7,1-23 parr; vgl. Mk 5,25-34 parr). (Fribourg 1971, S. 94)

Weiter weisen Keel und Küchler darauf hin, die Jünger Jesu, vor allem der Rabbinenschüler Paulus, hätten dieses „kostbare Erbe“ Jesu nicht zur Entfaltung gebracht.

Durch frauenfeindliche Überlieferungen belastet (vgl. etwa 1 Kor 11,2-16) und im eifrigen Bemühen die christliche Frau den jüdisch-griechisch-römischen Idealbild der Ehefrau abzupassen (vgl. Kol 3,18-22; 1 Tim 2,11-15), gelang es diesen Männern nur noch gelegentlich in schwächlichen Korrekturen der stark frauenfeindlichen Traditionen, das genuin Christliche zur Geltung zu bringen.

Als bezeichnendes Beispiel nennen Keel und Küchler 1 Kor 11,13ff, wo Paulus gegen seine eigene christliche Aussage in 1 Kor 11,11f, „das noch weitgehend jüdisch-heidnische Empfinden der Gemeinde zur Hilfe ruft“.

Immerhin tritt schon im Buch Maleachi, dem Schlußpunkt des Alten Testaments Jahwe als Anwalt der Frauen auf. Da wird in Mal 2,14-16 von allen Sünden die Sünde hervorgehoben, seiner Frau die Treue zu brechen. „Der Herr kennt sie; er ist der Anwalt der Frauen, die von ihren Männern verstoßen worden sind.“ Seine Frau zu verstoßen, „ist so schlimm wie Mord.“ Um so schockierender ist es, daß Rabbi Hillel, ein Zeitgenosse Jesu, den Scheidungsartikel Dtm 24,1 schon als erfüllt ansah, wenn eine Frau das Essen anbrennen ließ (Walter Grundmann: Jesus von Nazareth, Göttingen 1975, S. 75).

Neben der Stelle bei Maleachi wäre auch noch das jüdische apokryphe Buch Daniel, bzw. eine Ergänzung desselben (DanZ B) zu nennen, wo Susanne von den patriarchalen Ältesten unschuldig verleumdet, jedoch dann vom Gottesmann Daniel rehabilitiert wird. Maleachi erinnert natürlich an das Scheidungsverbot bei Jesus (Mk 10,2.12), Daniel an Jesu Verteidigung der Ehebrecherin (Joh 8,1-11). Diese zu Jesus hinführenden jüdischen Versatzstücke sind aber nur Funken in einem universalen patriarchalen Dunkel. Und wenn man die betreffenden Stellen im Zusammenhang liest, sind es zumal recht lichtschwache Funken. Es bleibt doch der Bruch. Man vergleiche nur Jesu Fragen, wer denn sich anmaßen wolle, den ersten Stein zu werfen (Joh 8,7) mit der deuteronomischen Aufforderung: „Wirft den ersten Stein!“ (Dtn 13,10) oder auch mit der Aussage: „Eine Zauberin darf nicht am Leben bleiben“ (Ex 22,17).

In ihrem Buch über Heilige und Hexen schreibt Anke Jelsma:

In Bezug auf die Stellung der Frau erscheint es mir unverkennbar, daß das Auftreten Jesu eine befreiende Reaktion auf die patriarchalische Verhaltensweise war, die innerhalb des Judentums die Oberhand gewonnen hatte. (Konstanz 1977, S. 38)

Und weiter:

Immer wenn Männer gewissen schwierigen Frauen das Schweigen auferlegen wollten, beriefen sie sich auf Paulus. Immer suchten die Frauen dann Schutz bei Jesus. (ebd., S. 64f)

Wie schon erwähnt sind nach den Evangelien die ersten Zeugen der Auferstehung Frauen. Paulus schreibt jedoch in 1 Kor 15,4-8, Jesus habe sich zuerst Petrus gezeigt, „danach dem ganzen Kreis der zwölf Jünger. Später sahen ihn über fünfhundert Brüder auf einmal (…). Dann erschien er Jakobus und schließlich allen Aposteln“, einschließlich Paulus, der den Endpunkt, das Siegel darstellen will. Bei Markus 16 steht jedoch, daß es Maria Magdalena war, der sich der auferstandene Jesus als erster zeigte. Maria Magdalena, seine Geliebte; sie, mit der er ein Fleisch und Blut sein wollte (vgl. Mk 10,8): ihre genitale Liebe, die sich bis über den Tod hinauserstreckte, war der Ausgangspunkt des Christentums.

Ohne Übertreibung kann man die Vermutung wagen: Hätte Maria von Magdala nicht das leere Grab Jesu entdeckt, das die Voraussetzung zum Erlebnis seiner Auferstehung zunächst bei ihr selbst und dann bei den Jüngern wurde, so wäre das „Christentum“ vielleicht mit Jesu Kreuzigung zusammen bereits erloschen. (Salcia Landmann: Jesus und die Juden, München 1987, S. 293)

Von Anfang an zeigte sich das wirklich spezifisch Christliche an den Frauen. Wedding Fricke schreibt in seinem Buch Strafrechtlich gekreuzigt, schon die Tatsache, daß Jesus

den Frauen insgesamt Sympathie entgegenbringt, ist nach den damals geltenden gesellschaftlichen Regeln eine unschickliche Sache. Jesus soll aber noch einen entscheidenden Schritt weiter gegangen sein: Konkubinen und Ehebrecherinnen nimmt er in Schutz. Dirnen verspricht er [in Lk 7,47] mehr Vergebung als den Keuschen im Lande. (Buchschlag 1986)

Genau wie beim Essen scheint der „Vielfraß und Säufer“ (Mt 11,19) Jesus, wie Fricke schreibt, „auch in Bezug auf Frauen (…) nicht abstinent gewesen zu sein.“ Und weiter: „Jesus hat (…) offenbar den Ort, wo es leckere Sachen zu essen gibt, mit einem Brautgemach verglichen“. Fricke verweist auf eine „Szene mit erotischem Hauch“ bei Lk 7,36-50, wo sich Jesus „von einer Frau – Lukas nennt sie eine ‘Sünderin’ – im Hause des Pharisäers Simon bedienen läßt und ihre Annäherung, die selbst den toleranten Gastgeber zu weit geht, gut heißt“. Weiter verweist Fricke auf die Toleranz, die Jesus bei dem Gespräch „mit der samaritanischen Frau am Jakobsbrunnen zum Ausdruck bringt (Joh 4), die immerhin fünf Männer gehabt hat und nun mit einem zusammenlebt, der nicht ihr legitimer Ehemann ist“.

Außerdem möchte ich den Leser auf folgende Stellen in den Evangelien hinweisen: Mt 26,6-13; Mk 5,25-34; 15,40f; 16,1-8 (der ursprüngliche krönende Schluß des ältesten Evangeliums); Lk 8,1-3; 10,38-42; 23,26-31; Joh 11,1-45.

Wenn man derartige Stellen in Reihe liest, dann wird die folgende von Fricke zitierte Stelle aus dem apokryphen Phillipusevangelium alles andere als unglaubwürdig:

Die Frauen wandelten mit dem Herrn allezeit: Maria, seine Mutter, deren Schwester und Magdalena, die seine Paargenossin genannt wird (…) Maria Magdalena liebte den Soter mehr als alle Jünger, und er küßte sie oftmals auf ihren Mund. Die übrigen Jünger kamen zu ihr und machten ihr Vorwürfe. Zu ihm sagten sie: Weshalb liebst du sie mehr als alle?

Fricke weist darauf hin, daß „der Umstand, daß in den Evangelien jeder Hinweis auf eine Eheschließung Jesu fehlt, kein Indiz gegen, sondern gerade für den Verheiratetenstatus ist“. Schalom Ben-Chorim schreibt in seinem Buch über seinen jüdischen Bruder Jesus, daß die Ehe für einen Rabbi einfach selbstverständlich war und daß Jesu Jünger und insbesondere Jesu Gegner ihn gefragt hätten, warum er denn von diesem allgemeinen Brauch abwiche – so daß das Fehlen jedes Hinweises auf eine Ehe Jesu geradezu der Beweis für eine Ehe sei! (München 1967, S. 129).

Selbst Martin Luther ging davon aus, daß Jesus verheiratet war, „um der menschlichen Natur völlig teilhaftig zu werden“. Luther glaubte, daß Maria Magdalena die Ehefrau Jesu war. In allen Evangelien wird sie an herausragender und stets an erster Stelle der Frauen genannt. Sie ist als einzige nicht geflohen, hat Jesus nach Golgota begleitet und den Auferstandenen sah sie als erste.

Fricke schreibt:

Wenn nach kirchlicher Darstellung stets nur das Bild eines unverheirateten Jesus erscheint, so dürfte dies auf den Apostel Paulus zurückzuführen sein, der – nun in der Tat als Sonderling! – sein eigenes Junggesellendasein preist und es zum Modell eines guten Christen machen möchte.

Demhingegen ließe sich feststellen, „daß nirgendwo ein Ausspruch des Meisters erscheint, in dem er sich gegen die Sinnenfreuden der Ehe, gegen die Sexualität im allgemeinen und gegen die Sexualität der Frau im besonderen wendet“.

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Eine Antwort to “Jesus und die Frauen”

  1. Manuel Says:

    Wirklich schade, daß wir keine Evangelien der „Jüngerinnen“ Jesu haben!
    In den Texten der Jünger ist immer wieder ihre Irritation über die Haltung Jesu den Frauen gegenüber spürbar. Über die Rolle der Frauen im Umfeld Jesu wird offensichtlich nur das gesagt, was man eh nicht verschweigen konnte. Interressant aber auch, wie sich die Jünger selbst in ihren Texten als machtgierig, dumm und feige (ungläubig sowieso) demontieren… es scheint, als hätten sich alle folgenden Männer der Kirche ein Beispiel an den Aposteln genommen und nicht an Jesus.
    Vielleicht war Jesu Haltung gegenüber Kindern eine noch größere Herausforderung für seine patriarchalischen Jünger. Die Jünger wollten die Kinder verscheuchen, doch Jesus „herzte“ und segnete sie und forderte seine Jünger als Krönung sogar noch auf, selbst so zu werden, wie diese Kinder, „denn solchen gehört das Reich Gottes“ (Mk 10,14). Ja, er treibt es sogar noch weiter, als seine Jünger ihn ernsthaft fragen, wer denn „der Größte“ im Himmelreich sei: „Jesus rief ein Kind zu sich und stellte es mitten unter sie und sprach: (…) Wer nun sich selbst erniedrigt und wird wie dieses Kind, der ist der Größte im Himmelreich.“ (Mt 18, 2-4).
    Stattdessen haben Priester jahrhundertelang Kinder erniedrigt, haben diesen „Größten im Himmelreich“ keinerlei Achtung gezeigt.

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