Wilhelm Reich und das Judentum (Teil 3)

Die Griechen, Gnostiker und Christen gingen davon aus, daß das Geistige dem Körperlichen übergeordnet sei, dagegen lehrt die jüdische Kabbala, der hebräischen Bibel folgend, die Ebenbürtigkeit. Der Mensch ist sein Körper! Eines der Wesenszüge der Kabbala ist die Verpflichtung zum Humor und zur Lebensfreude. Das Hauptgebot ist, glücklich zu sein. Die Kabbala kennt weder Askese noch Kasteiung. Sie ist eine weltfreudige Mystik.

In der jüdischen (im Unterschied z.B. zur griechischen) Tradition war niemals die Rede von sexueller Askese (mit den Essenern und den frühen zionistischen Pionieren als einziger Ausnahme). Die Kabbala ist kraß antizölibatär. Der Liebesakt heiligt den Körper. Nur durch die sexuelle Vereinigung ist göttliche Vollkommenheit erlangbar. Erst in der leidenschaftlichen Liebesvereinigung ist der Mensch ganz Mensch: ein Leib und eine Seele. Genauso wie in der Orgonomie im gemeinsamen gleichzeitigen Orgasmus aus zwei Organismen energetisch ein einziges Orgonom wird. Es ist die Quelle aller religiösen Sehnsucht nach Einheit mit „Gott“.

Für die Kabbala ist Sexualität göttlich. Damit ist keine spiritualistische Pseudosexualität gemeint. Auch geht es nicht nur um die Erzeugung von neuem Leben, vielmehr zählt vor allem der reine Lustgewinn. Dies macht die Kabbala einmalig in der mystischen Tradition der Welt (einschließlich dem vom Koitus reservatus geprägten Tantra und Taoismus). Hier ist eine der Quellen für die gemeinste, widerwärtigste Form der antigenitalen Emotionellen Pest: der Antisemitismus.

Leider hat sich Reich vollständig von den spirituellen Traditionen des Judentums ab und der christlichen Tradition zugewandt. Scheinbar war ihm nie bewußt, wie nah doch die Kabbala seinen eignen Ansichten kommt. Und was Reichs Vorliebe für Christus als Verkörperung des Genitalen Charakters betrifft, hat sich die moderne Kabbala ausdrücklich auf den „Rabbi Jesus“ berufen, der von der Last des Gesetzes befreite und sich so von den Priestern abhob, so wie später der Kabbalist vom orthodoxen Talmudisten.

Die Kabbala vertritt eine quasi funktionelle neuplatonische Schöpfungslehre mit Gott als der „Wurzel aller Wurzeln“, die sich durch Emanation stufenweise in „10 Sephiroth“ entfaltet. „Proto-Orgonomen“ wie Bruno und Goethe (die beide das Christentum mehr oder weniger verachteten) haben sich eingehend mit der Kabbala befaßt und sind nicht zuletzt dadurch dem späteren Orgonomischen Funktionalismus sehr nahe gekommen.

Reichs Haupteinfluß, Freud soll, David Bakan zufolge, ebenfalls stark von der Kabbala geprägt worden sein (Sigmund Freud and the Jewish Mystical Tradition, Princeton, NJ 1958). Bakan sieht die Psychoanalyse in einer revolutionären, „antigesetzlichen“ kabbalistischen Tradition. Es ist wohl unumstritten, daß er hier einer fixen Idee aufgesessen ist und sich in dieser Hinsicht in haltlosen Spekulationen verfangen hat. Was seine Analyse trotzdem interessant macht, ist die Tatsache, daß Reichs Orgonomie weitaus besser mit Bakans Behauptungen harmoniert als Freuds Psychoanalyse – obwohl natürlich auch Reich in keinster Weise von der „mystischen Tradition“ des Judentums beeinflußt wurde.

Die offensichtlichste Verbindung zwischen Psychoanalyse und Kabbala sei, so Bakan, daß auch die letztere versucht, in einer „Wortanalyse“ hinter die oberflächliche Bedeutung der Wörter zu blicken. Über den großen Kabbalisten Abraham Abulafia (geb. 1240) schreibt Bakan:

Das psychologische Ziel, das Abulafia verfolgte, war, „die Seele zu öffnen, die Knoten, die sie binden, zu lösen.“ Dies beruhte auf der Vorstellung, daß die inneren Kräfte des Menschen infolge seines gewöhnlichen, täglichen Lebens in Anspruch genommen (bound in) werden. In Abulafias Schriften gibt es die Vorstellung, daß diese Knoten darin einen Wert haben, daß sie das Individuum davor bewahren, von den Strömen des Kosmos übermannt zu werden. Wenn jedoch das Individuum Kontakt mit dem göttlichen Strom haben will, ist es notwendig, daß die Knoten gelöst werden. (ebd., S. 76)

Dies überschreitet die Psychoanalyse und verweist auf die Charakteranalyse und Orgontherapie.

Auch durch die ganze Denkmethode weist die Kabbala über die Psychoanalyse hinaus zur funktionellen Charakteranalyse. Bakan erwähnt Abulafias kabbalistische Methode des „Springens“, die stark an den Orgonomischen Funktionalismus gemahnt. Er zitiert dazu den Kabbala-Kenner Scholem:

Tatsächlich ist dies nichts weiter als eine sehr bemerkenswerte Methode, die Assoziation als Meditationsweg zu benutzen. Es ist nicht ganz das „freie Spiel de Assoziierens“, wie es die Psychoanalyse kennt; vielmehr wird der Übergang von einer Assoziation zur anderen von bestimmten Regeln bestimmt (…). Jeder „Sprung“ öffnet eine neue Sphäre, die von bestimmten formalen, nicht materiellen Charakteristiken gekennzeichnet ist. (ebd., S. 77)

Man denkt sofort an das systematische Vorgehen der Charakteranalyse und an das Wechseln von einem Funktionsbereich zum anderen aufgrund funktioneller („formaler“) Identität.

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