Wilhelm Reich und das Judentum (Teil 1)

Reich hat zu seinem Mitarbeiter Michael Silvert gesagt, Silvert würde weniger wie ein Jude aussehen, je mehr er er selbst werden würde. Dies sagt, glaube ich, das wesentliche über den „Juden“ Reich und sein Verhältnis zum Judentum aus. Zu Elsworth F. Baker sagte Reich, er, Reich, wäre kein Jude, da ein Jude nur der wäre, der regelmäßig in die Synagoge ginge. Mit dieser Definition steht Reich ziemlich einzig dar. Reichs Absage an seine jüdischen Wurzeln ging so weit, daß selbst der Jude Morton Herskowitz, der letzte direkte Schüler Reichs, nichts von Reichs „Judentum“ wußte, bis Reichs Witwe Ilse Ollendorff 1969 ihre Reich-Biographie veröffentlichte.

Reichs problematische Haltung zur Homosexualität haben Ilse Ollendorff und Myron Sharaf (beide waren Juden) vollkommen falsch eingeschätzt. (Siehe dazu meinen Blogeintrag Fragwürdigkeiten der Reich-Biographik.) Sie hat wenig mit Reichs verdrängter Homosexualität zu tun, als vielmehr mit seinem eigenen verdrängten Judentum. Man kann sie nur im Rahmen von Reichs früher Lektüre von Otto Weiningers (ein zum Protestantismus übergetretener Jude, der Christus und Wagner verehrte) antisemitischem Machwerk Geschlecht und Charakter verstehen.

Bei Weininger ging der jüdische Selbsthaß bis zum Selbstmord von 1903 (er war 1880 Wien geboren!) als bewußter Vorwegnahme des Holocaust. In Geschlecht und Charakter wird der schwache, feige, hinterhältige, verächtliche Ghetto-Jude mit dem schwachen, feigen, hinterhältigen, verächtlichen Geschlechtscharakter der Frau gleichgesetzt. Der richtige Mann müsse sich von seiner Weiblichkeit, d.h. gleichzeitig von seinem Judentum befreien. Hinter Reichs Problem mit der Homosexualität, bzw. Bisexualität steckt in Wirklichkeit sein Problem mit seinem Judentum.

Weininger wollte sich vom Judentum trennen, genauso wie sich der Mann vom Weib, seiner Mutter, trennen muß. Frauenhaß und Judenhaß sind die beiden Kernelemente von Weiningers Philosophie. Der neue Mann sollte alles triebhaft Weibliche und Jüdische in sich vernichten. Der Jude und das Weib haben kein Ich und deshalb keinen Eigenwert. Das erinnert etwas an die Schwarzen in Amerika, die zu asketischen Moslems werden, um dem Image als glücklich grinsende fleischlichen Lüsten hingegebenen Nigger-Affen das genaue Gegenteil entgegenzuhalten. Hier ist auch die Gleichung sinnlicher Nigger = sinnliche Frau = sinnlicher Schwuler. Der Führer der Black Muslims, Louis Farrakhan, ist ein Frauenverächter, ein Homosexuellenhasser und ein militanter Antisemit.

Die ganze Familientradition der Reichs lief darauf hinaus, kein „Jude“ zu sein. Also nicht so jiddisch zu sprechen und dabei wild in der Gegend rumzufuchteln, was Reich z.B. stets bei Otto Fenichel gestört hat („peinlich!“), sondern dezidiert kühl, männlich-herb und „deutsch“ als „Herrenreiter“ aufzutreten, – wie heute der archetypische Israeli. Dieses jüdische Hin-und-Her von Untermensch und Übermensch kommt noch in Reichs Rede an den kleinen Mann zum Ausdruck, wenn er etwas kryptisch zum kleinen Mann sagt: „Du nennst nun einen ‚Juden‘, wer dir zuviel oder zuwenig Respekt einflößt“ (S. 37).

Nur in diesem Rahmen kann man auch Reichs stolzes und gradliniges Verhalten vor Gericht verstehen. Sich nicht mit juristischen Kniffen kriecherisch durchzuwinden wie der „archetypische jüdische Rechtsverdreher“, gehörte zu seiner persönlichen Emanzipation vom Ghetto-Judentum. Dies hat Reich davon abgehalten, sich ganz normal zu verhalten, juristische Kniffe zu nutzen, Kompromisse zu akzeptieren, Lippenbekenntnisse abzugeben und mit dem Richter zu handeln – wie ihm Baker, einer seiner wenigen nicht-jüdischen Mitarbeiter, nahelegte. (Baker war von der typischen Verachtung des amerikanischen Konservativen für „Washington“ und Institutionen wie die FDA geprägt.)

Freud war C.G. Jung so zugetan, weil dieser endlich mal ein Nichtjude war, der die Psychoanalyse aus ihrem jüdischen Ghetto führen könne, waren doch so gut wie alle Psychoanalytiker Juden. Vielleicht muß man auch aus dieser Perspektive Reichs Trennung von der Psychoanalyse sehen: als ein weiterer Schritt seiner Emanzipation vom jüdischen Milieu. Man wird in der Orgonomie, sowohl zu Reichs Zeiten als auch nach Reichs Tod, vergeblich nach irgendwelchen „jüdischen“ Elementen suchen, obwohl ein Großteil der Orgonomen Juden waren und sind. Wirklich die einzige Ausnahme ist ein Aufsatz von Richard Schwartzman, wo er Maimonides erwähnt – in einem Artikel gegen die Beschneidung…

Das spezifisch jüdische an der Psychoanalyse war ihr „Bilderverbot“, d.h. alles lief nur über das Medium der Sprache ab, der Analytiker blieb für den Patienten unsichtbar und der Körper blieb stets draußen vor. Gegen diese audielle Kultur der Juden setzte Reich die visuelle „griechische“ Kultur: in der Orgonomie ist alles greifbar, sichtbar, das Auge steht im Mittelpunkt, Bücherwissen gilt nichts, sondern nur die Naturerfahrung.

So ist auch Reichs merkwürdige Zuneigung zu Christus (ein griechischer Begriff) zu verstehen, während vom jüdischen Rabbi Joschua („Jesus“) nie die Rede ist. Reich hat sozusagen einen nichtjüdischen, „arischen“ Christus vertreten.

Auch die beiden großen Lieben seines Lebens waren gerade jene beiden langjährigen Verhältnisse, die keine Jüdinnen (wie Annie Pink und Ilse Ollendorff) waren: Elsa Lindenberg und Aurora Karrer.

Selbst seinen „Kommunismus“ kann man unter dieser Perspektive vielleicht besser verstehen, denn es gab zwei Parteien, die eine Lösung der Judenfrage versprachen: die Kommunisten wollten die Juden durch vollständige Assimilation beseitigen, die Nationalsozialisten wollten die Juden durch vollständige Sequestration beseitigen.

1930 erklärte die UdSSR die Sowjetisierung des Lebens für so weit fortgeschritten, daß allenfalls noch Sprachunterschiede zwischen den Nationen blieben und jedes Beharren auf jüdische Identität „kleinbürgerlicher Chauvinismus“ wäre. „Ein Buch, das 1931 in einem kommunistischen Partei-Verlag in Wien und Berlin erschien, formulierte diese alte und wiederum neue Linie sowjetischer ‚Judenpolitik‘ programmatisch, nicht zuletzt auch gegenüber der aufkommenden NS-Bewegung in Deutschland.“ (Gerd Koenen/Karla Hielscher: Die Schwarze Front, Reinbek 1991, S. 153) Der Titel lautete: Otto Heller: Der Untergang des Judentums. Die Judenfrage – Ihre Kritik – Ihre Lösung durch den Sozialismus, Wien-Berlin 1931. Wurde Reich durch dieses Buch zu seiner Untergang-des-Judentums-Forderung in Rede an den kleinen Mann inspiriert?

Ich glaube, daß das jüdische Volk irgendwann einmal sich in den Massen der Menschentiere dieses Planeten verlieren wird, zu seinem eigenen Gedeihen, und dem seiner Enkelkinder. Das hörst du nun nicht gerne, kleiner jüdischer Mann, denn du pochst so sehr auf dein Judentum, weil du dich selbst als Juden verachtest, und jeden, der dir nahe ist. Der schlimmste Judenhasser ist der Jude selbst. Dies ist eine alte Wahrheit. Doch ich verachte dich nicht, und ich hasse dich nicht. Ich habe mir dir nur nichts gemein, oder nicht mehr gemein, als ein Chinese mit einem Wiesel (!!, PN) in Amerika: den gemeinsamen Ursprung aus dem Weltall. Weshalb gehst du nur bis Sem, und nicht bis auf das Protoplasma zurück, kleiner Jude? Für mich beginnt das Lebendige in der Plasmazuckung, und nicht mit deinem Rabbinat. (S. 38f)

Jedenfalls empfahl Reich Otto Hellers Buch 1934 in „Anfragen“ Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie Band 1, Nr. 2, S. 159-164.

Genauso auch Reichs späterer Antikommunismus und plakativer „Amerikanismus“: er wollte nicht der typische linksintellektuelle Jude sein, der sich über die tumben Amis lustig macht. Gerade jüdisch-stämmige Linksintellektuelle, die Atheisten waren, haben sich immer explizit zu ihrem Judentum bekannt. Der modern liberal identifiziert sich gerne mit den Unterprivilegierten. In der Dialektik der Aufklärung findet sich ein ganzes Kapitel, das die Juden praktisch mit dem Proletariat gleichsetzt. Reich hat dieses verachtenswerte Spiel nicht mitgemacht.

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7 Antworten to “Wilhelm Reich und das Judentum (Teil 1)”

  1. Robert (Berlin) Says:

    Es besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass Reich und Heller persönlich bekannt waren:
    „1926 wurde er aus der ČSR ausgewiesen und zog nach Berlin. Dort schrieb er für die Zeitungen Welt am Abend, Berlin am Morgen sowie die Die Rote Fahne und unterrichtete an der „Marxistischen Arbeiterschule“ (MASCH). In einer Publikation von 1931 erklärt er die Auflösung des Judentums im Sozialismus. Andere Bücher beschreiben den sozialistischen Aufbau in der Sowjetunion.“ (Wikipedia)
    Reich arbeitete bekanntlich auch an der MASCH.
    ———————————————————-
    Einer der besten Artikel im Blog!

  2. Pierre Says:

    Vielleicht muß man auch aus dieser Perspektive Reichs Trennung von der Psychoanalyse sehen: als ein weiterer Schritt seiner Emanzipation vom jüdischen Milieu.
    Oder umgekehrt. Denn es war doch die jüdische, aber universell-wissenschaftlich sein wollende Psychoanalyse, die den nicht-jüdisch sein wollenden Juden Reich ausgestoßen hat, wohlweislich ohne Nennung irgendeiner Begründung (weil „alle“ das Arcanum kannten bzw. ahnten). Aber das ist sicher nur ein Aspekt; es kamen andere, tiefer liegende Gründe hinzu

  3. walter Says:

    Griechentum als Quelle des Christentums und des Deutschtums von Hermann Cohen http://www.tpsalomonreinach.mom.fr/Reinach/MOM_TP_129636/MOM_TP_129636_0001/PDF/MOM_TP_129636_0001.pdf

  4. Dr. Peter Bolen Says:

    Peter Bolen

    Liebe Arbeit und Wissen sind die Quellen unseres Daseins.

    Sie sollen es auch regieren – Wilhelm Reich.

    Dies ist das Motto aus dem Vorsatzblatt der meisten deutschen Ausgaben von Reichs Büchern, die ab 1966 erschienen ( Die sexuelle Revolution. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt /M.) Erstmals gedruckt in englischer Sprache in „The funktion of the orgasm.“ Organe Institut Press, Rangley ME/USA 1942.

    Mich hat dieses Motto auf meinem Lebensweg begleitet.
    Heute bin ich über dieses Zitat neuerlich gestolpert, es stammt allerdings aus dem Jahre 300 vor unserer Zeitrechnung!

    Es gibt in der jüdischen Religion die Tora.

    Tora (auch Thora, Torah; Betonung auf „a“, in jiddisch Tojre, auch Tauroh; von hebräisch ‏‫תּוֹרָה‬‎ ‚Gebot‘, ‚Weisung‘, ‚Belehrung‘, von jarah ‚unterweisen‘). Sie ist der erste Teil des Tanach, der hebräischen Bibel. Sie besteht aus fünf Büchern, weshalb sie im Judentum auch chamischa chumsche tora‚ Die fünf Fünftel der Tora‘ genannt wird. Die griechische Bezeichnung ist Pentateuch (Πεντάτευχος). In den deutschen christlichen Bibelübersetzungen sind dies die fünf Bücher Mose.‬

    Bei der Tora handelt es sich um eine schriftliche Überlieferung.

    Daneben gibt es aber auch eine mündliche Überlieferung, die Mischna.
    Die Mischna (hebr. ‏מִשְׁנָה‎, „Wiederholung“) ist die erste größere Niederschrift der mündlichen Tora und als solche eine der wichtigsten Sammlungen religionsgesetzlicher Überlieferungen des rabbinischen Judentums, aufbauend auf der Kodifizierungsleistung der Tannaim. Die Mischna bildet die Basis des Talmud.

    Darin, bzw. im Buch von Michel Krupp: Einführung in die Mischna (Verlag der Weltreligionen im Insel Verlag Frankfurt/Main und Leipzig 2007) lese ich auf Seite 91 folgenden Satz:
    Aus der Zeit vor den fünf Gelehrtenpaaren kennt die Tradition zwei Männer.
    Der erste ist Shimon der Gerechte. Entweder handelt es sich bei ihm um den bei Josephus, Ant.XII 43 erwähnten Hohepriester gleichen Namens (um 300 v.u.Z) oder seinen Enkel Shimon II (um 220.v.u.Z.) Josephus Ant.XII 224,Sir 50,1-21…

    Sein Kernspruch lautete:

    „Auf drei Dingen ruht die Welt, auf der Tora, auf der Arbeit (avoda) und auf der Liebe (ahava)“.

    Mit Thora ist das Wissen über die Thora gemeint, das Wort avoda kann mit profane Arbeit oder Gottesdienst übersetzt werden, ahava kann auch als Liebestätigkeit übersetzt werden.

    Eine nicht zufällige Übereinstimmung dieser zwei Zitate.
    Reich war Jude und kannte aus seiner Kindheit die Inhalte der jüdischen Religion.

    Vielleicht ist diese kleine Forschungsreise in die jüdische Vergangenheit für die Leser der Schriften Wilhelm Reichs interessant.

  5. Peter Nasselstein Says:

    Die „orgonomische“ Religion ist da! Ich kann gar nicht sviel fressen, wie ich kotzen möchte!

    und weil es so wunderschön war:

    • claus Says:

      Ein gewisser Forist hier könnte sich bestätigt fühlen.
      „Dr. Pasotti had been a patient of Dr. Baker, and published several articles in the Journal of Orgonomy.“
      Es liegt doch nahe, dass Therapie nicht zeitgemäße Rationalität garantiert. Auch Menschen der Steinzeit hatten ihre Kulte und glaubten Sachen, die man heute wohl nicht mehr glauben kann. Ein Bedürfnis nach Bildhaftem und Einfachem kommt dem zu allen Zeiten entgegen.

      • Peter Nasselstein Says:

        Das grundsätzliche Problem ist, daß die Orgonomie auf einer Lüge beruht und daß solche Typen dieser Lüge noch eins draufsetzen. Reich hat bestimmte Funktionen entdeckt und die jeweils zu sozusagen „Substanzen“ abstrahiert, um über sie reden zu können. Orgonenergie = Orgonozean = Gott. Mit diesen Bausteinen wird dann frei herumhantiert, lösgelöst von dem, worum es wirklich geht.

        Das findet sich übrigens nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch in der Religion selbst: die Schöpfer der Bibel wären bas erstaunt, wenn sie sehen könnten, was aus ihrem Anliegen alles gemacht wurde.

        Es ist jeweils ein ungeheurer Verrat am jeweiligen „Schöpfer“ des ganzen.

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