Die bio-historischen Grundlagen des Christentums (Teil 3)

Insbesondere zur Stadt Jerusalem hat Jahwe eine hocherotische Beziehung voll galliger Eifersucht. Städte waren überhaupt etwas Weibliches und manche trugen als Ehrentitel „Mutter in Israel“. Damit war wohl die Göttin gemeint, denen die Städte ursprünglich geweiht waren. Die alte Bezeichnung für Jerusalem war „Salem“ (Gen 14,18; Ps 76,3), was Abendstern bedeutet und auf Aschera verweist, die kanaanitische Entsprechung der Aphrodite, bzw. der Venus. Salem war der jebusitische Heros der Göttin, der Sohn der Aschera, der Priesterkönig der Stadt. Noch die Söhne Davids, der die alte jebusitische Stadt erobert und zu seiner Residenz gemacht hatte, wurden nach Salem Absalom und Salomo benannt.

Im Zuge der voranschreitenden Patriarchalisierung des Nahen Ostens hatte Aschera aber schon vor der Machtübernahme ihre Herrschaft an ihren Partner, den Gott El Eljon, den „Allerhöchsten“ abgeben müssen, der später einfach mit Jahwe gleichgesetzt wurde. El Eljons jebusitischer Priesterkönig war der sagenhafte Melchisedek und nach der Eroberung wurde David selbst Priester „nach der Ordnung Melchisedeks“, wobei sich Tempel und Opferkult auch fürderhin so gut wie gar nicht vom alten kanaanitischen Kult unterschieden. Ja offenbar wurde sogar der Brauch der Heiligen Hochzeit beibehalten. Jedenfalls wird von einer Bettgenossin des alten Davids berichtet, die ihn angeblich nur warmhalten sollte.

Man suchte im ganzen Land nach einem schönen Mädchen, und die Wahl fiel auf Abischag aus Schunem. Sie war außerordentlich schön. Man brachte sie zum König, und sie wurde seine Pflegerin. Aber der König hatte keinen Verkehr mit ihr. (1 Kön 1,3f)

Dieses Mädchen ist höchstwahrscheinlich identisch mit der Schulammit, die Bezeichnung oder der Name eines Mädchens aus dem Kulttext des heiligen Geschlechtsverkehrs, dem Hohelied (7,1). Den Sinn der betreffenden Strophe hat man nämlich Reclams Bibellexikon zufolge auf die Schunemiterin Abischag bezogen. Daß die Heilige Hochzeit vollzogen wurde, ist auch daraus ersichtlich, daß Abischag später mit dem Königsthron gleichgesetzt wurde (1 Kön 2,22) – als Vertreterin der Göttin auf Erden vergab sie den Thron!

Man sieht wie sehr der ganze Jerusalem-Mythos von matriarchalen Elementen durchwoben ist. Rückblickend besteht so eine enge Beziehung zwischen der Christusfigur und der Göttin aus der später El Eljons Gattin, Jahwes „Tochter Zion“ und schließlich „Maria“ wurde. Wenn Jesus, der „aus dem Hause Davids“ stammt, später im Hebräerbrief (7) mit Melchisedek gleichgesetzt wird – entpuppt sich Jesus Christus letztendlich als Priester der Aschera, als Heros der Himmelskönigin.

Im Christentum entwickelte sich der um Jahwes Tochter Zion gruppierte Vorstellungskomplex weiter zu Maria als „Mutter der Kirche“. Wenn in Offb 12,1-6 die Himmelsjungfrau das Himmelskind gebiert, wird dies traditionell auf Maria gedeutet, die Christus zur Welt bringt. Ursprünglich war aber wohl nicht Maria, sondern nach altisraelitischer Tradition Jerusalem gemeint. Die Kontinuität zwischen der Tochter Zion und der „Mutter Gottes“ ist auch daraus ersichtlich, daß die Heilsbotschaft für Jerusalem Zef 3,14-18 sich fast wörtlich in der an Maria gerichteten Verkündigung der Geburt Jesu in Lk 1,28-31 wiederfindet.

Auch später wurde Maria immer konsequent mit einstmals heidnischen Kultplätzen in Zusammenhang gebracht. Es waren kraftgeladene Orte, wie der Berg Zion, die der Göttin geweiht waren. Hier spürte der matriarchale Mensch sie, die kosmische Energie. Gerda Weiler schreibt dazu:

Wenn die ehemaligen matriarchalen Heiligtümer von christlichen Kirchen überbaut werden, sehen wir Marienkathedralen entstehen – ein Zugeständnis an den matriarchalen Ursprung des kraftgeladenen Ortes. Wenn Maria an diesen Heiligtümern „Wunder“ tut und Kranke heilt, wirkt der vergessene matriarchale Kultort, entfalten sich Kräfte, zu denen das matriarchale Bewußtsein einen direkten Zugang gehabt hat. (Ich verwerfe im Lande die Kriege, München 1984, S. 315)

Man kann in dem ganzen Kampf der jahwistischen Propheten einen verzweifelten Verdrängungsversuch gegen die Orgonenergie sehen. Wenn sie gegen den „Götzendienst“ auftreten, dann doch letztlich gegen die Kraft, die diese Fetische auflud. Und dort wo tatsächlich Jahwe selbst als Statue dargestellt wird (!), ist es eine Frau, die Mutter Michas, von der die Initiative dazu ausging (Ri 17-18). Demgegenüber ist es bezeichnend, daß im Katholizismus mit seiner Rückkehr zum Konzept der „Gottesmutter“ und der Bilder- und Reliquienverehrung eine gewisse „Rückbesinnung auf die Orgonenergie“ zu konstatieren ist. So spricht z.B. der berühmte katholische Theologe Romano Guardini vom „strömenden Weltpneuma“.

Dieser Zusammenhang mag Reich u.a. dazu bewogen haben, in seinem Interview mit Kurt Eissler zu bekennen:

Während Freud im Judentum befangen war, war ich frei davon. Ich sympathisierte eher mit der christlichen Gedankenwelt und dem Katholizismus. Nicht, daß ich sie gutheiße oder daran glaube. Ich glaube nicht an diese Dinge. Aber ich verstehe sie gut. Die Christen haben die tiefste Perspektive, die Kosmische. Der amerikanische Jude hat sie auch, aber nicht der Europäer. (…) die Geschichte des Christentums interessiert mich sehr. (…) Christus (…) kannte die Lebensenergie.

Ilse Ollendorff berichtet, daß Reich ohne religiöse Feierlichkeit beerdigt werden wollte; „nur die Schallplatte mit Schuberts Ave Maria, von Marian Anderson gesungen, sollte abgespielt werden“ (Wilhelm Reich, München 1975, S. 201).

Man vergleiche nur die „Reden zum Sabbat“ mit den „Reden zum Sonntag“ im Radio und Fernsehen, um zu sehen, daß das rabbinische Judentum, um mit Reich zu reden,

auf den ausschließlich „menschlichen“ Bereich beschränkt ist. Es ist diese Beschränkung auf rein menschliche Angelegenheiten, eine Folge der Panzerung, die dafür verantwortlich ist, daß der Mensch keinen Kontakt mit dem Universum bekam (…)(Christusmord, Freiburg 1978, S. 68).

Der Katholizismus hat im Gegensatz zum irgendwie „rabbinischen“ Protestantismus diese „außermenschliche“, kosmische Perspektive. Dies mag auch der Grund dafür sein, warum so viele wirklich große Menschen zum Katholizismus übergetreten sind.

Reformer wie die Leviten, Propheten und christlichen Reformatoren wiederholen die alte dürre, patriarchale Leier, sich nicht an die Dinge dieser Welt z verlieren, so wie es die „fetischistischen“ Alten vor ihnen leider getan hätten. Man soll festumrissenes Eigentum des unfaßbaren „ganz anderen Du“, Eigentum Gottes bleiben, sich nicht verlieren, nicht loslassen. Die ewige Angst, von der Großen Mutter wieder verschlungen zu werden – die Geschichte von Religion und Philosophie als Geschichte einer Fallangst, als Geschichte der Orgasmusangst.

Die „Entzauberung“ der Welt bleibt das Grundthema der Aufklärung von den Leviten und Propheten abwärts. Jesus steht nicht für diese Entfremdung. Um dies ganz erfassen zu können, ist die Beschäftigung mit der Marienverehrung von solch großer Bedeutung. Erst sie bringt einen Wesenszug der jesuanischen Botschaft voll zum tragen, der in jeder nackten Christologie zu kurz kommt. Walter Grundmann beschreibt diesen besagten Wesenszug wie folgt:

Nicht Jesus „bringt“ das Reich – eine Vorstellung, die Jesus selbst ganz fremd ist – sondern das Reich bringt ihn mit. Daß Jesus das Reich bringt, ist eine Vorstellung der Christen. (Jesus von Nazareth, Göttingen 1975, S. 69)

Naturgemäß bringt Maria Jesus, nicht Jesus Maria. Welch ein perverser patriarchaler Horror, wenn Christus vom Himmel steigt und sich seine Mutter aussucht! Aber genau diesen naturfeindlichen (= frauenfeindlichen) Aspekt kann die Christologie schnell annehmen.

Jesus steht in einer matriarchalen Tradition, was sich in der späteren Geschichte des Christentums eindeutig an der Marienverehrung gezeigt hat. Und was Maria in den Evangelien anbetrifft, schreibt Ernst E. Vardiman in seinem Buch über Die Frau in der Antike (Düsseldorf 1982):

Die Evangelisten haben die Person Jesus idealisiert, damit er ja nicht anderen Menschen gleich erscheine. Rätselhaft bleibt, warum sie die Gestalt seiner Mutter und die Liebe der Mutter zum Sohn nicht auch idealisierten. Maria wird sehr selten erwähnt und oft – ganz entgegen der späteren Tradition – mit all ihren Unzulänglichkeiten gezeichnet. Liegen hier Tendenzen vor, gegen die Verehrung der Muttergöttin, die bei den Heidenvölkern in Galiläa seit Jahrhunderten verwurzelt war, anzukämpfen? (Hervorhebungen hinzugefügt)

Advertisements

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

3 Antworten to “Die bio-historischen Grundlagen des Christentums (Teil 3)”

  1. Robert (Berlin) Says:

  2. Klaus Says:

    „daß das rabbinische Judentum, um mit Reich zu reden,

    auf den ausschließlich „menschlichen“ Bereich beschränkt ist. Es ist diese Beschränkung auf rein menschliche Angelegenheiten, eine Folge der Panzerung, die dafür verantwortlich ist, daß der Mensch keinen Kontakt mit dem Universum bekam (…)(Christusmord, Freiburg 1978, S. 68).

    Der Katholizismus hat im Gegensatz zum irgendwie „rabbinischen“ Protestantismus diese „außermenschliche“, kosmische Perspektive.“

    Eben drum bin ich – ohne all das Fleischwerdegedöns für bare Münze zu nehmen und ohne ‚katholisch erzogen‘ worden zu sein – noch drin in dem Laden. Ich mag ihn ein wenig, und nur er hat bei uns richtige Klöster (wenn auch, wie ich hörte, die meisten Mönche verheiratet sein mögen
    🙂

  3. Jesus und die Frauen | Nachrichtenbrief Says:

    […] in Die bio-historischen Grundlagen des Christentums (Teil 3) habe ich Ernst E. Vardiman zitiert, der auf den eklatanten Widerspruch zwischen der Idealisierung […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: