Matriarchale Völker

Ein Großteil der sogenannten „Reichianer“ glauben nicht, daß es die Genitalität wirklich gibt in Gestalt von realen Genitalen Charakteren und ganzen genitalen Völkern. Jeder, der solche Ansichten vertritt, verläßt automatisch die Orgonomie, egal wie „orgonomisch“ er sich auch sonst immer geben mag. Umgekehrt kann man die Orgonomie getrost vergessen, sollten diese „Skeptiker“ Recht behalten.

Es liegt jedoch umfangreiches ethnologisches Material vor, welches nachweist, daß die Genitalität in Gesellschaften der Normalfall sein kann. Man nehme z.B. den in Zentralindien lebenden, 200 000 Seelen zählenden Stamm der Muria. Sie wurden von dem britischen Missionar Verrier Elwin ethnographisch untersucht, der sie ursprünglich zum Katholizismus bekehren wollte. Er ließ aber sehr schnell von seinem Vorhaben ab, als er bemerkte, daß die Muria ohne „Gott und Gesetz“ weitaus glücklicher und christlicher leben als je ein Katholik. Das Beispiel der Muria allein bestätigt Reichs Thesen über die Genitalität in jeder Hinsicht! (Siehe auch meinen Blogeintrag Eine andere Gesellschaft ist möglich. LEBEN ist möglich!)

Derlei Bestätigung für Reichs Thesen finden wir aber nicht nur in jenen abgelegenen Gegenden diese Welt, bis zu denen das Patriarchat nicht vordringen konnte, sondern erst recht in der Urgeschichte der Menschheit von vor 6000 Jahren. Und selbst innerhalb dieses Zeitraums brauchte das Patriarchat Jahrtausende, um sich durchzusetzen. Das Patriarchat ist also nicht der „selbstverständliche Normalfall“, wie uns manche Wissenschaftler mit dem Tonfall absoluter Unhinterfragbarkeit weismachen wollen!

Man nehme nur die 30 000 Jahre alte „Venus von Galgenberg“, einem Fund aus Niederösterreich. Die Arbeitstechnik und die raffiniert komponierte anmutige und tänzerische Pose können nur das Ergebnis einer langen Bildhauertradition sein. Die Figur strahlt eine gesunde, selbstbewußte weibliche Erotik aus, die uns noch heute anspricht. Besonders bezeichnend sind die spitz aufgerichteten Brüste und die hervortretende Vulva. Dies zeigt die genitale Gesundheit dieser Urgesellschaft in der offenbar die Frau und ihre Sexualität bestimmend waren.

In diesem Zusammenhang sollte man aber nicht nur vor der patriarchalisch geprägten Wissenschaft, die in solchen Figuren beispielsweise so etwas wie sexistische, gar pornographische „Pin Ups“ sehen will, auf der Hut sein, sondern auch sogenannte „Matriarchatsforscherinnen“ sind mit Vorsicht zu genießen. So hält etwa Heide Göttner-Abendroth Reich vor, er hätte als „libertinärer Sexualideologe“ fälschlich geglaubt, „matriarchale Völker praktizierten im ‘Erlaubt ist, was gefällt’ eine bestechende Triebökonomie.“ Für so etwas ist, Göttner-Abendroth zufolge, die Heiratsstruktur zu fest gewesen, denn durch „Stellvertreterhochzeit“ wurden immer gleich ganze Familien vermählt. Heiratete jemand eine Frau, galt dies gleichzeitig auch wechselseitig für alle seine Brüder, bzw. alle ihre Schwestern, „so daß keine oder keiner, wie häßlich oder unbeholfen sie/er auch war, auf Sexualität oder Kinder verzichten mußte“ (Für die Musen, Frankfurt 1988, S. 81)

Welch ein Horror. Sozialistische Planwirtschaft bis ins Bett hinein! Dann doch lieber der freie Markt, wo man sich seinen Sexualpartner selbst aussuchen kann! Gemach, einen derartigen „sexuellen Ursozialismus“ hat es nie gegeben – und wenn, dann allenfalls annäherungsweise in der patriarchalischen Polygamie. Hier, im mythologischen Traumland der Feministinnen, ist dann auch die Erotik nicht mehr auf den „puren Sexualakt“ (ebd., S. 72) reduziert, kein „bloßes Sexualspiel“ mehr, sondern der Eros gilt als „die magische weittragende Kraft, die sich in Liebe, Tod und Wiedergeburt offenbart“ (ebd.). Bei sowas muß ich immer an Wagners sexualmystische Weihfestspiele und an das keusche Liebespaar Adolf und Isolde denken.

Die Sexualität wird mit allen möglichen und unmöglichen Dingen überfrachtet, die nichts mit ihr (sondern allenfalls etwas mit der Gegensatzfunktion Arbeit) zu tun haben. Nur die Lust scheint so gut wie gar keine Rolle zu spielen. Insbesondere die Frau hat man in dieser Hinsicht seit Jahrtausenden kastriert und in manchen Bereichen der Erde sogar die empfindsamsten Bereiche ihres Genitals weggeschnitten. Außerdem wird immer offensichtlicher welch schier unglaublich hoher Prozentsatz der weiblichen Bevölkerung in der Kindheit sexuell mißbraucht worden ist, um für immer empfindungslos zu werden. Dieses „Zureiten“, um einen Begriff aus dem allgemein romantisch verklärten Zuhältermilieu zu gebrauchen, war eine der Voraussetzungen für das Funktionieren der patriarchalischen Gesellschaft und ist neuerdings geradezu die wirtschaftliche Grundlage der boomenden Sexindustrie, die zu einem Großteil auf die Lolita-Gelüste der Männer abzielt – und sich so selbst verewigt. Hier wird nur eine sexuelle Vorliebe verfestigt, die aus der Angst des patriarchalen „Mannes“ vor der reifen Sexualität der Frau erwächst.

Uns ist der Mund trocken und ohne Geschmack, die Hände schwach und kraftlos, der Körper ohne Knochen. Wacht auf Schläfer, sie benutzen uns wie Spielwiesen, genießen uns wie Nachtclubs, behandeln uns wie Maschinen, sie treten auf uns wie auf Dreck, betrachten uns als Blumen des Bösen.

Eine zeitgenössische junge Trobrianderin über australische „Sextouristen“, die die Trobriand-Inseln besuchen, z.n. dem Nachwort aus Bronislaw Malinowski: Korallengärten und ihre Magie, Frankfurt 1981.

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8 Antworten to “Matriarchale Völker”

  1. Robert (Berlin) Says:

    Die Figur strahlt eine gesunde, selbstbewußte weibliche Erotik aus, die uns noch heute anspricht. Besonders bezeichnend sind die spitz aufgerichteten Brüste und die hervortretende Vulva. Dies zeigt die genitale Gesundheit dieser Urgesellschaft in der offenbar die Frau und ihre Sexualität bestimmend waren.

    Also mich spricht diese Figur nicht dermaßen an, als dass ich daraus eine „gesunde, selbstbewusste“ Erotik erschließen könnte. Diese Schlussfolgerungen erscheinen mir weit übertrieben.

    Das Patriarchat ist also nicht der „selbstverständliche Normalfall“, wie uns manche Wissenschaftler mit dem Tonfall absoluter Unhinterfragbarkeit weismachen wollen!

    Auch Tidiane N’Diaye schreibt in Der verschleierte Völkermord: Die Geschichte des muslimischen Sklavenhandels in Afrika, dass Afrika vor den Arabern und Europäern matriacharlisch war.

    • Zeitgenosse Says:

      Wenn man sich zB die Traditionen der Genitalverstümmelung ansieht, dann sehe ich das etwas differenzierter. Und diese praktik wurde nicht vom Islam eingeschleppt sondern stammt aus dem Alten Ägypten. Erhellend ist nur die Tatsache, dass der Islam heute dagegen auch nichts zu machen scheint. Wäre ja ein leichtes diesbzgl. eine entsprechende Empfehlung abzugeben von Seiten der islamischen Gelehrten. Aber ist nicht wirklich erwünscht.

  2. Hannelore Vonier Says:

    Die gleiche Behandlung seitens der zivilisierten Welt erfahren viele indigene Kulturen, die typischerweise sexuelle Freiheit als selbstverständlich ansehen. Bekannt sind die Mosuo in Südchina, auf die das Interesse von chinesischen und ausländischen Sextouristen durch zahlreiche Artikel über „freie Liebe“ in den Medien und der Forschung gelenkt wird.
    Auch die o.g. Muria sind betroffen. Über sie schrieb in 60er Jahren Gordian Troeller: „…enthält die Kindergemeinschaft noch tausend Geheimnisse. Sie werden umso sorgfältiger gehütet, wie mehr und mehr herumreisende Inder das Ghotul als ein Bordell betrachten, und versuchen als Kunden Eintritt zu erlangen.
    Zum Glück ist es ihnen bisher nicht gelungen. Und das ist das Bild, das die „Zivilisation“ von sich bietet: fremde Menschen, die die Murias als Primitive auslachen und ihre Bräuche verachten. Gleichzeitig versuchen sie aber, sie bei der ersten Gelegenheit schamlos auszunutzen. Dazu benutzen sie Alkohol, Geschenke oder Drohungen. Sie sind die Schlangen im Paradies.“
    „Genitale Völker“ scheint mir ein viel passenderer Begriff zu sein als das grch./lat.-patriarchale Wort „Matriarchat“.

  3. Robert (Berlin) Says:

    @Hannelore Vonier
    Der Begriff „genitale Völker“ erscheint mir ein gelungener Begriff zu sein. Gerade unsere Kulturen sind ja geradezu schreiend anti-genital, das Suhlen in prägenitalem Sadismus und oralen Süchten ist gerade herausstechend. Genitale versus antigenitale Völker, wirklich sehr treffend.

  4. Peter Nasselstein Says:

    http://www.wissenschaft.de/kultur-gesellschaft/archaeologie/-/journal_content/56/12054/7363633/Venus-No.-2-auf-der-Schw%C3%A4bischen-Alb-entdeckt/

    Neues von der schwäbischen Venus.

  5. claus Says:

    „Umgekehrt kann man die Orgonomie getrost vergessen, sollten diese „Skeptiker“ Recht behalten.“
    Eine Orgonomie als eine Art System vielleicht. Aber dann bleiben immer noch die vielen Beobachtungen aus Labor und Therapie und deren beobachtbare Zusammenhänge.

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