Sekundärtugenden

Drei Zeitungsmeldungen eines Tages:

  1. Der „Hass-Islamist“ Harry M. alias „Isa Al Khattab“ aus Pinneberg bei Hamburg bedroht auf seiner Weltseite „Islamic Hacker Union“ den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde: der „dreckige Jude“ solle aufpassen, „daß Allah dich nicht schon im Diesseits straft mit dem Tod. Das ist keine Drohung von mir, sondern Allah dem Allmächtigen.“ Der junge Hacker ist vor einem Jahr zum Mohammedanismus konvertiert.
  2. In Köln ärgerte sich ein Autofahrer dermaßen über einen Bagger, der auf der Straße im Weg stand, daß er ausstieg und dem Baggerfahrer (49) ins Gesicht schlug. Anschließend verprügelte er einen weiteren Bauarbeiter (33) mit einer Schaufel, um danach mit seinem Handy Verstärkung zu rufen. Bis die Polizei endlich kam, drosch die zusammengerufene Bande mit Eisenstangen und Kabeln auf die anwesenden Bauarbeiter ein.
  3. In Brüssel wurden zwei Franzosen, die sich bei einem Autounfall leichte Blessuren zugezogen hatten, in einem Krankenhaus behandelt. Als die Mediziner weg waren, stahlen die Männer eine Handtasche und flüchteten dann mit einem Krankenwagen.

Der alltägliche Wahnsinn, der Zerfall der westlichen Zivilisation im Mikrobereich des Alltags. Feuerwehrleute, die angegriffen werden, wenn sie einen Brand löschen wollen. Ambulanzen, die gestohlen werden, während die Sanitäter den Notfallpatienten aus seiner Wohnung hohlen. Lehrer, die buchstäblich Angst um ihre Leben haben. Bundesweit haben junge Frauen nachhaltig die Feierlaune verloren.

Letztendlich ist es egal, wer „die Mächtigen“ sind und was sie tun. Wichtig sind einzig und allein die Massen. Wichtig ist allein, die Charakterstruktur der überwiegenden Mehrheit der Menschen. Zivilisation ist nur möglich, wenn die Menschen einen gewissen Spannungsbogen ertragen können, sie „frustrationstolerant“ sind und ein Mindestmaß von Vernunft zeigen. Das, und allein das, machte und macht den Erfolg von Weltregionen wie Europa (inkl. seiner Ableger auf fremden Kontinenten, etwa Australien), China, Korea und Japan aus.

Durch eine Erziehung, die für derartige „Sekundärtugenden“ nichts als Verachtung übrig hat und die dazu komplementäre Masseneinwanderung von Menschen, deren Frustrationstoleranz und „Vernunft“ gegen Null tendiert, sind wir zunehmend mit Massen konfrontiert, mit denen man schlichtweg „keinen Staat mehr machen kann“.

„Reichianer“ haben auf das Geschehen eine genauso einfache wie ganz offensichtlich falsche Antwort parat: die „bürgerliche Fassade“ breche zunehmend weg und die „mittlere Schicht“ der Charakterstruktur würde zum Ausdruck kommen, d.h. Perversion und Chaos, aber das sei nur eine kathartische Übergangsperiode und letztendlich werde der rationale Kern zum Vorschein kommen.

Was für ein Quatsch! Kann jemand wirklich ernsthaft glauben, daß das Ausagieren sekundärer Triebe in irgendeiner Weise „heilsam“ ist? (Es ist in der Orgontherapie vollkommen gleichgültig, daß der Patient etwa im Straßenverkehr einen Tobsuchtsanfall bekommen kann. Wichtig ist, daß sich die Wut auf der Matraze und mit Kontakt entlädt.) Glaubt wirklich jemand, außer vielleicht er ist Anhänger von Herbert Marcuse, daß aus dem Zerfall der Gesellschaft mehr erwachsen kann als – nur noch mehr Zerfall?

Wir leben gegenwärtig in einer Welt, in der jeder seine vermeintliche „Individualität“, seine „Persönlichkeit“ und seine „Identität“ ausleben will. Was dabei vollkommen unter die Räder gerät ist das, was man früher „Charakterstärke“ genannt hat: die Fähigkeit sich selbst zurückzunehmen, die eigenen Interessen hintanzusetzen, sich selbst infrage zu stellen und nach der Goldenen Regel zu leben, was vor allem Selbstkontrolle bedeutet.

Werden diese Funktionen rigide, haben wir es mit dem triebgehemmten Charakter zu tun, lösen sie sich auf, mit dem triebhaften Charakter. Beide sind unfähig sich selbst zu regulieren, doch immerhin kann der erste Rudimente der Arbeitsdemokratie aufrechterhalten, während sie in den Händen des letzteren im Chaos versinkt.

Leider glauben die antiautoritären Volksbefreier, daß in der systematischen Zerstörung der „Sekundärtugenden“ das Heil aufkeimt.

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7 Antworten to “Sekundärtugenden”

  1. Robert (Berlin) Says:

    „Reichianer“ haben auf das Geschehen eine genauso einfache wie ganz offensichtlich falsche Antwort parat: die „bürgerliche Fassade“ breche zunehmend weg und die „mittlere Schicht“ der Charakterstruktur würde zum Ausdruck kommen, d.h. Perversion und Chaos, aber das sei nur eine kathartische Übergangsperiode und letztendlich werde der rationale Kern zum Vorschein kommen.

    Das war auch die übliche Theorie der 68er, wurde aber häufig mit Freud begründet. Dann müsste ja auch jeder Krieg massenhaft gesunde genitale Charaktere hervorbringen – was da an Sekundärtrieben ausagiert wird. Die zweite Schicht wird durch die Zerstörung der Dritten nicht besser, sondern schlechter.
    Anders bei Kindern (siehe Summerhill), wo die zweite Schicht nicht chronisch verankert ist und zur Persönlichkeit gehört.

    • Peter Nasselstein Says:

      Apropos Summerhill, 68er und so: die heutige BILD promoted in großer Aufmachung das Buch einer Chinesin, die angeblich eine neue Erziehungs-Debatte auslöst. Amy Chua: Die Mutter des Erfolgs. Ihr Fazit:

      Westliche Eltern bemühen sich, die Individualität ihrer Kinder zu respektieren. Die Chinesen hingegen sind überzeugt, daß der beste Schutz, den sie ihren Kindern bieten können, darin besteht, sie auf die Zukunft vorzubereiten, sie erkennen zu lassen, wozu sie imstande sind, und ihnen Fähigkeien, eiserne Disziplin und Selbstvertrauen mit auf den Weg zu geben, die ihnen keiner je nehmen kann.

      „Reichianer“ reagieren auf so etwas entweder hilflos oder sie rasten aus. Die Lösung, der Weg aus der Falle, liegt natürlich weder im Antiautoritarismus, demzufolge wir es nur mit „Hochbegabten“ zu tun haben, die man auf keinen Fall irgendwie einschränken darf, noch im „chinesischen“ Autoritarismus, sondern in einer Erziehung, die alle drei Charakterschichten berücksichtigt.

  2. Robert (Berlin) Says:

    Für Kinder ist eine autoritäre (nicht verwechseln mit sadistische oder ungerechte) Erziehung besser als eine „antiautoritäre“, die Neill zurecht als zügellos im Gegensatz zur Selbstregulation bezeichnete.
    Inwieweit in einer gepanzerten Gesellschaft gesunde Kinder leben können, diese Frage wäre zu stellen. Mir kamen schwere Zweifel auf, als DeMeo von deutschen Reichianern erzählten, die von frei erzogenen Kindern berichteten, nur weil die mal untereinander Übernachten dürften etc. Eine Möglichkeit wäre, Kinder ständig therapeutisch zu behandeln, um neue Panzerungen zu verhindern (siehe Peter Reich). Auch Paul Ritters Buch „Freie Familienerziehung“ ist in diesem Zusammenhang zu nennen.

  3. Adept Says:

    Über das funktionell-instrumentalisierte Töchterchen der Chinesin
    habe ich gelesen, dass diese mit 13 Jahren ihrer Mom mitgeteilt hat, dass
    es jetzt reicht …
    Der dressierten Chinesen-Mammi empfehle ich eine Auszeit.

    Es wird wohl noch einige Zeit benötigen, bis man versteht, dass der Mensch ein Körper-Geist-Universum Wesen ist, das man nicht beliebig manipulieren kann.

  4. Klaus Says:

    „Körper-Geist-Universum Wesen“
    Donnerwetter!! Was ist das?
    „das man nicht beliebig manipulieren kann“ Wer weiß!

  5. Adept Says:

    Nachtrag :
    1. ich habe einen hochbegabten Sohn
    2. ich habe versucht, ihn als Sozialwesen zu fördern.
    (das geht nicht ohne eine gewisse Härte)
    3. die Grenzen der Akzeptanz der Gesellschaft sind mit so einem Kind
    trotzdem sehr schnell erreicht.
    4. Das chinesische Töchterchen hat die Grenzen schneller erkannt und
    sich – wie übrigens mein Sohn, bloß hat der länger gebraucht –
    dem Mainstream untergeordnet und nicht der Mama.
    5. Die ‚mittlere Schicht des Charakters‘, das ausgleichende Moment,
    ist also dem klassischen Libido und Erfolgsdruck (familieninterner
    Ausdruck:schwanzgesteuert) entgegengesetzt.
    6. Charakter ist ein überlegener Ausdruck zwischen gesellschaftlicher
    Notwendigkeit und persönlicher Wahrhaftigkeit (letzterer Ausdruck ist
    natürlich nur unter dem Aspekt andauernder (Selbst) Reflektion zu
    verifizieren. Man könnte sagen, dass das von außen einströmende
    gesellschaftliche Kraftfeld am „Ich“ wie das Meer am Felsen brandet
    und diesen Felsen formt; er kann nicht anders als geformt werden.

    Folglich gibt es einen (intelligenten) Nachwuchs, der versucht, nicht vom Sexualtrieb gesteuert sein Leben zu verwirklichen.
    (Das heißt aber nicht: gegen seinen Sexualtrieb!)

  6. Britta Heinemann Says:

    Das Positive zuerst.
    Es wird überhaupt wieder über so etwas wie eine „Sekundärtugend“ diskutiert. Das heißt auch, die Menschen fangen wieder an ihr eigenes Verhalten zu reflektieren und damit auch über die Ausswirkungen desselben auf andere nachzudenken. Eine gute Nachricht! Die noch bessere Nachricht:
    Dies ist selbst in Managementkreisen angekommen! Vor kurzem stieß ich beim Stöbern im www auf den Wirtschaftsblog der Seneca Vision mit wirklich lesenswerten Ansätzen. Viel Spass bei der Lektüre.

    http://seneca-vision.de/klaus-peters/blog-klaus-peters-seneca-vision/item/6-ist-pünktlichkeit-noch-eine-zier.html

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