Heilige Hochzeit und Unbefleckte Empfängnis

Wenn von der himmlischen Zeugung Jesu die Rede ist, könnte dies durchaus verdecken/enthüllen, daß Maria eine Prostituierte war. Reich schreibt in seiner Rede an den Kleinen Mann (S. 39):

Du verehrst das Christkindlein. Das Christkind wurde von einer Mutter geboren, die keinen Trauschein hatte. So verehrst du, ohne es zu ahnen, im Christkind deine sexuelle Freiheitssehnsucht (…).

In der Bibel lesen wir über die Liebesnacht dieser göttlichen Hure:

(…) du hast Gnade bei Gott gefunden! Du wirst schwanger werden und einen Sohn zur Welt bringen. (…) Gottes Geist wird über dich kommen, seine Kraft wird es bewirken. (Lk 1,30f.35)

Bei dieser hocherotischen Stelle wird stets auf Jes 7,14 verwiesen, wo von der Geburt des Messias durch „die junge Frau“ die Rede ist. In ihrem Buch über „das verborgene Matriarchat im Alten Testament“ zitiert dazu Gerda Weiler den Alttestamentler Johannes Hempel wie folgt:

Die Frage, wer ha’almah in Jesaja 7,14 oder die Gebärende in Micha 5,2 sei, ist nur durch den Hinweis darauf zu beantworten, daß die Mutter des „Erretters“ der Sache nach von verschiedenen religiösen Standorten aus in mannigfachen Gestalten gesehen werden kann, etwa in der Königin oder Oberpriesterin, mit welcher der Herrscher den Hieros Gamos vollzieht. (Ich verwerfe im Lande die Kriege, München 1984, S. 353)

Jesus, der „Sohn Davids“ (Mt 9,27).

Es ist bezeichnend, daß jener Teil der Bibel, der ausschließlich von dieser Heiligen Hochzeit handelt, nämlich Das Hohelied, von den Rabbinen als der heiligste Teil der Bibel betrachtet wurde und der Katholizismus es als „Lied der Lieder“ bezeichnet. Zur Frage, warum dies teilweise grobsexuelle Liebesgedicht kanonisiert wurde, schreibt Michael Grant in seinem Buch über Das Heilige Land:

Die Kanonisierung wurde mit Theorien begründet, die eine Allegorie der Beziehung zwischen Jahwe (Bräutigam) und Israel (Braut) behaupteten. Dieser Vergleich war bereits den Propheten her vertraut (Jer 2,2; Deuterojesaja 54,4ff; Tritoj. 62,4ff), die ihrerseits selbst von nah-östlichen Vorgängern beeinflußt waren, so z.B. von der ägyptischen Liebeslyrik (einschließlich solcher Zeugnisse, die sich möglicherweise auf den Kult der Göttin Hathor beziehen), und von Texten, die die sumerischen Riten einer heiligen Hochzeit beschreiben (bei der der König die Rolle des Fruchtbarkeitsgottes Tammuz übernimmt). Kanaanäische Dokumente und Gedichte beschreiben ähnliche Riten einer heiligen Hochzeit des Mondgottes Jerah und seiner Gemahlin Nikkal; sie erzählen die Legende des Königs Krt, des Sohnes von El [dem kanaanäischen Hauptgott], in der die Schönheit seiner Braut Hri verherrlicht wird. (Bergisch Gladbach 1988, S. 405)

Diese matriarchalen Versatzstücke erstrecken sich kontinuierlich über die Jahrtausende bis hinein ins Neue Testament und darüber hinaus. Hierzu schreibt Gerda Weiler:

Das allegorisch-mystische Verständnis des Hoheliedes ertastet – da und dort – einen Teilaspekt des umfassenden matriarchalen Weltbildes: Wenn es etwa die Braut mit Maria, den Geliebten mit Christus vergleicht und damit die uralte Kultvorstellung von der Liebe der himmlischen Mutter zu ihrem Sohn wieder aufgreift. (Weiler, S. 271f)

Den in die Unterwelt hinabgestiegenen Gott zu befreien, ist die kultische Aufgabe der Himmelskönigin.

In die Dramatik von Christi Tod und Höllenfahrt und vor dem Jubel über seine Auferstehung fügt Johann Sebastian Bach seine Matthäuspassion die Textstelle aus dem Hohelied ein: „Wohin ist dein Freund gegangen, du Schönste unter den Frauen?“ [Hld 6,1] Mit einfühlsamer Intuition, mit einem unbewußt sensiblen Gespür für das Urmysterium der Menschheit ist diese Textstelle aus dem Hohelied aus dem Gewirr mutwillig erzeugter Zusammenhanglosigkeit von einem genialen Menschen wieder genau an den Ort im Ablauf des Geschehens gerückt worden, wo sie in der matriarchalen Liturgie ihren Platz gehabt hat. (ebd., S. 281)

Die Kontinuität matriarchalen Denkens bis ins Neue Testament hinein sieht man besonders schön, wenn man die Geschichte von Sara und ihrem Sohn Isaak mit der von Maria und ihrem Sohn Jesus vergleicht. Sara wird genau wie Maria durch Gott schwanger (Gen 18,9-15). Daß es sich dabei um eine Heilige Hochzeit handelt, ist allein schon aus der merkwürdigen Geschichte mit Saras „Lachen“ ersichtlich. Um die Parallele zwischen der göttlichen Begattung Saras und der Marias zu verwischen, wird an die Seite Marias Elisabeth gesetzt, der genauso wie Sara trotz ihres hohen Alters ein Kind (Johannes der Täufer) verheißen wird, denn „für Gott ist nichts unmöglich“ (Lk 1,36f).

Saras Sohn Isaak wächst mit Ismael auf, dem Sohn von Abraham und dessen Magd Hagar. Dieser Sohn wird auf Betreiben Saras verstoßen, um Isaak als alleinigen Träger von Gottes Segen Platz zu machen (Gen 21,9ff). Auch hier haben wir eine Parallele im Neuen Testament, nämlich den Heilsbringer Jesus hier und den Verderbenbringer (Aufrührer) Jesus Barabbas („Sohn des Vaters“ und damit identisch mit Jesus Christus?) dort.

Beide Erzählfragmente scheinen eine spätmatriarchale Dichotomie widerzuspiegeln, und zwar die zwischen den beiden Zwillingssöhnen der Göttin: dem „Glückssohn“, der Leben und Erlösung bringt, und dem „Todessohn“ (in Gen 35,18 wird er „Schmerzenssohn“ genannt), der Tod und Vernichtung bringt.

An diesem Beispiel läßt sich, Gerda Weiler zufolge, die Entwicklung vom Matriarchat zum Patriarchat zeigen.

In den ältesten Kulten ist die Himmelkönigin nur von dem einen Sohn begleitet. Er ist ihr Geschöpf und ihr Geliebter, er vertritt beides: den Lebens- und den Todesaspekt der Schöpfung. Im ugaritischen Kult hat Baal, der Geliebte der Anat, in seinem Bruder Mot das „Böse“ abgespalten.

Ebenso ist auch im späteren Israel dem Lichtsohn der Schattensohn beigestellt.

Kain und Abel, Jakob und Esau, Isaak und Ismael oder die Zwillingssöhne der Tamar repräsentieren eine Welt, die schon als gut und böse geschaffen ist. Aus der doppelgesichtigen Schöpfung ist die gespaltene Schöpfung geworden.

Es ist nicht mehr der Held, der mutig die Unterwelt durchschreitet, sondern er kämpft gegen seinen „bösen“ Widersacher (Ich verwerfe im Lande die Kriege, München 1984, S. 355).

In ihrem Sohn Jesus siegt Maria über Tod und Teufel, sie zertritt der Schlange den Kopf (vgl. das „Protoevangelium“ Gen 3,15), genau wie in der kanaanitischen Religion Anat über den Todesgott Mot obsiegte, indem sie Baal wieder aus der Totenwelt befreite. Nicht Barabbas, sondern Jesus wird leben. Es kommt zur erneuten Heiligen Hochzeit. Zu Pfingsten wird der Heilige Geist wieder ausgeschüttet (Apg 2,1-13) und versetzt die Gemeinde in „Verzückung“, so wie er einst über Maria kam. Später wird denn auch folgerichtig Maria mit der Gemeinde gleichgesetzt.

Die Bibel strotzt nur so von verborgenen Hinweisen auf die Heilige Hochzeit. Weiler (S. 142) zufolge sind solche Hinweise in den Wundergeschichten gegeben, wo unfruchtbare, uralte oder jungfräuliche Frauen durch Gottes Macht plötzlich schwanger werden; oder die Kultpriesterin der Heiligen Hochzeit wird uns als „Hure“ präsentiert. Selbst in der Kleidung des israelitischen Obersten Priesters verbirgt sich eine Anspielung auf die Heilige Hochzeit, er soll nämlich am Saum seines Gewandes Granatäpfel tragen (Ex 28,33f). Granatäpfel gelten aber im matriarchalen Kult als Liebesäpfel, die in der Heiligen Hochzeit überreicht werden (Weiler, S. 156). Auch im Salomonischen Tempel taucht der Granatapfel als Zierrat auf (1 Kön 7,42).

Was die Beziehung zwischen den Priestern Jahwes zur Heiligen Hochzeit anbetrifft sei z.B. an 1 Sam 2,22 erinnert, wonach die Söhne des Priesters Eli, ebenfalls Priester, „mit den Frauen schliefen, die am Eingang des heiligen Zeltes Dienst verrichteten.“ An dieser Stelle scheint moralisierend verzerrt eine alte Tradition durch, wonach auch der Jahwekult (bzw. seine Vorformen) noch zur Wende des 1. Jahrtausends ein Fruchtbarkeitskult war – ein spätmatriarchaler bei dem noch Frauen ihren Dienst am Heiligtum verrichteten, wenn auch nur als Tempelprostituierte.

Ein Kapitel vorher berichtet uns das 1. Buch Samuel von der kinderlosen Hanna. Um ihr Schicksal zu ändern, ging sie zu dem schon erwähnten „Eingang des Heiligtums“, wo sie auf den Priester Eli traf. Als der von ihrem Gebet zum Herrn um einen Sohn erfuhr, sagte er zu ihr: „Geh in Frieden, der Gott Israels wird deine Bitte erfüllen.“ Daraufhin bekam sie einen Sohn und weihte ihn dem Herrn. Ein Wettergott (1 Sam 2,10), der die Toten wieder lebendig macht (1 Sam 2,6) – was auf einen Fruchtbarkeitskult schließen läßt. Der Bibel zufolge ist der gottgeweihte Sohn Hannas der Richter Samuel. Gerda Weiler nimmt jedoch an, daß es sich in Wirklichkeit wohl um den Sakralkönig Saul gehandelt haben muß. Ein König himmlischer Herkunft, wie später Jesus Christus und alle anderen orientalischen Potentaten.

Auch in der Simson-Erzählung des Buches der Richter (13) findet sich eine solche Geschichte, über die himmlische Herkunft (real: die Zeugung des Thronfolgers in der Heiligen Hochzeit) einer Erlösergestalt. Auch Simsons Mutter war zunächst kinderlos. Da erschien ihr ein Engel und verkündete, daß sie einen gottgeweihten Sohn bekommen solle. Aus dem Zusammenhang geht eindeutig hervor, daß Simson von einem „Gott-Mann“ gezeugt wurde – und zwar von Jahwe persönlich, wie später Jesus Christus. Entsprechend ist auch Simson der dem Tod geweihte Menschensohn. Er wird besiegt, als er sich einer Frau sexuell hingibt, was man sowohl antisexuell patriarchal (die gemeingefährliche Frau, die den Mann schwächt) als auch „matriarchal“ sexualmystisch (nachdem der Heros seine Schuldigkeit getan hat, wird er von der Göttin in die Unterwelt verbannt) deuten kann.

Bereits bei Abraham taucht Gott höchstpersönlich auf, um den Erlöser zu zeugen (Gen 18). Daß hier eine Heilige Hochzeit vorliegen muß, zeigt sich auch insbesondere daran, daß sich die betreffende Episode beim Eichenheiligtum in Mamre (Gen 13,18) ereignet. Unter derartigen Bäumen wurde die Heilige Hochzeit vollzogen.

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Eine Antwort to “Heilige Hochzeit und Unbefleckte Empfängnis”

  1. Manuel Says:

    Im Thomas-Evangelium (Vers 105) sagt Jesus:
    „Es sprach Jesus so: Wer Vater und Mutter kennt, wird (der) Hurensohn gerufen?“
    Das könnte Bezug zu seiner Herkunft haben…

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