Die Linke und der Mystizismus

Reich definierte Mystik als Glaube, daß der „Geist“, bzw. die „Seele“, unabhängig vom Körper existieren könne. Er führte diese „Weltanschauung“ auf die Panzerung des Organismus zurück. Der Panzer trennt den Menschen von der organismischen Orgonenergie, die dergestalt in ein „Jenseits“ versetzt (Mystizismus) oder ganz negiert wird (Mechanismus). Genauer betrachtet, stellt der Panzer eine unüberbrückbare Barriere dar zwischen der „körperlichen Welt“ (bioenergetische Erregung) und der „geistigen Welt“ (Wahrnehmung), die dergestalt, so das Empfinden des Mystikers, ein Eigenleben führt.

Normalerweise kommt dieses Weltgefühl in Religionen und Philosophien zum Ausdruck, die sich in einer ausgeklügelten Märchenwelt aus Engeln und Dämonen erschöpfen, die praktisch nichts mehr mit der Wirklichkeit zu tun hat; eine Parallelwelt, wie etwa im Volkskatholizismus, wo bioenergetische Erregungen auf verzerrte und „irreale“ Weise wahrgenommen werden, dabei jedoch die alltägliche Welt verhältnismäßig adäquat und realitätsgerecht gemeistert wird. In extremen Fällen kann es zu einer Art „Umkehr“ oder „Perspektivwechsel“ kommen: die „geistige Welt“ wird zur eigentlich realen Welt und die materielle Welt irreal. Es ist das kindische Weltempfinden, das von Hollywood mit seinen Superhelden a la „X-Men“ oder „Bruce allmächtig“ verbreitet wird. Offensichtlich hängt dies mit einer stärkeren Augenpanzerung zusammen, wie sie für die diversen religiösen Bewegungen des „New Age“ und für „östliche Weisheitsschulen“ typisch ist. „Gott“ (die verzerrte Wahrnehmung der kosmischen Orgonenergie) tritt zunehmend in den Hintergrund und der eigene „Geist“ (die von der Erregung abgespaltene Wahrnehmung) in den Vordergrund. Verzerrter Kontakt macht vollständiger Kontaktlosigkeit platz.

Nunmehr ist es die materielle Welt, die sich „dem Geist“ zu unterwerfen hat, der sich aus seiner „Gefangenschaft in der von ihm doch erschaffenen Materie“ wieder befreien soll. Das ist natürlich eine Travestie der von Reich in Die kosmische Überlagerung beschriebenen bioenergetischen Realität, daß die Materie durch Überlagerung aus der kosmischen Orgonenergie hervorgegangen ist und in Lebewesen diese Energie in einer materiellen Membran „gefangen“ ist. Entsprechend wirken diese extrem mystischen Doktrinen nicht nur teilweise geradezu rational (sie appellieren an unsere tiefsten bioenergetischen Empfindungen), sondern sie sind in einem gewissen Maße auch wirksam, d.h. mit ihrer Hilfe läßt sich teilweise die Orgonenergie tatsächlich „geistig“ beeinflussen. Auf diese Weise „fixen“ die diversen Kulte ihre Anhänger an, auch wenn sich später diese anfänglichen positiven Resultate nicht weiter vertiefen lassen und die Adepten selbst zunehmend „verflachen“. (Es ist wie beim Heroin, wo am Anfang der Rausch steht und am Ende Abhängigkeit, obwohl die „Highs“ immer flacher werden.) Man denke an Scientology, Geistheilung, Transzendentale Meditation, Neo-Satanismus und ähnlichen Unsinn, der anfangs manchmal recht überzeugend wirkt, aber nirgends hinführt.

Obwohl Linke wegen ihres mangelnden Kernkontakts gemeinhin einer eher „materialistischen“ Weltanschauung anhängen, ähnelt ihre Herangehensweise an gesellschaftliche Probleme auf verblüffende Weise dem Grundkonzept der extremen Mystiker: die Welt hat sich den „Postulaten“ der „Intellektuellen“ – den Postulaten des „Geistes“ zu unterwerfen (sozusagen: „Es werde Licht!“). Diese Leute glauben allen ernstes man könne die Wirtschaft mit einem „Plan“ regulieren. Das ist so, weil sie genauso wie die extremen Mystiker unter einer sehr starken Augenpanzerung leiden. (Beispielsweise wollen diese Spinner die Einwanderung von Fachkräften fördern, verlangen aber gleichzeitig die höhere Besteuerung „der Reichen“.)

Während die gemäßigte Linke, die traditionellen Sozialdemokraten, von einer „gerechten Gesellschaft“ träumen (Reich sprach von „sozialistischer Sehnsucht“), versucht die extreme Linke diesen Traum tatsächlich umzusetzen („demokratischer Sozialismus“, Kommunismus). Bei Licht betrachtet ist dieser Traum natürlich vollständiger Unsinn: je sozial durchlässiger eine Gesellschaft wird, desto schneller setzen sich die Fähigen gegen die Unfähigen durch – will man diese „Ungerechtigkeit“ korrigieren, ist das extrem ungerecht gegenüber den Fähigen. Am Anfang hat die extreme Linke beim Durchsetzen des dergestalt vollständig absurden sozialistischen Projekts teilweise tatsächlich Erfolge, weil „endlich mal etwas getan wird“, sie die Massen begeistern und mitreißen können (nicht zuletzt Reich selbst hat das Ende der 20er Jahre beeindruckt), – doch sehr schnell wird es zu einem Alptraum, eben weil „Gerechtigkeit“ ein natur- und wirklichkeitswidriges Unterfangen ist und nur mit extremer Brutalität künstlich durchgesetzt werden kann. (Ein echter Linker kriegt spätestens jetzt entweder einen Ohnmachtsanfall oder er entwickelt einen mörderischen Haß auf mich!)

Auch in dieser Hinsicht ähneln sich die extreme Mystik und die extreme Linke: am Ende sind sowohl mystische Kulte als auch kommunistische Staaten kaum mehr als Konzentrationslager voller halbtoter Zombies. Man denke etwa an Falun Gong und den Maoismus in China.

Hitler und Mao waren mit ihrem absurden Voluntarismus, der Haltung, daß der „Wille“ bzw. das „richtige Bewußtsein“ alle materiellen Widerstände hinwegfegen würden, zwei Hauptbeispiele einer mystischen Geisteshaltung, die mit bloßen Postulaten die „materielle Welt“ beeinflussen, ja beherrschen will. Der gemäßigten Rechten und gemäßigten Linken ist derartiger Triumphalismus fremd. Sie sitzen passiv da und träumen von einer „besseren Welt“ im Jenseits bzw. in der Zukunft. Gott oder „der Gang der Dinge“ werde sie bringen.

Der verborgene Mystizismus der Linken ist letztendlich darauf zurückzuführen, daß das mechanistische Weltbild seine Lücken und Ungereimtheiten nur mit mystischen Konzepten flicken kann. Beispielsweise dürfte es nach materialistischer Geschichtsauffassung gar kein „proletarisches Klassenbewußtsein“ geben. Lenin hat das offen eingestanden: das Klassenbewußtsein müsse von außen in das Proletariat hineingetragen werden – durch Hegelianer!

Dieser Planet ist ein Irrenhaus.

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6 Antworten to “Die Linke und der Mystizismus”

  1. Adept Says:

    Eine sehr schöne Analyse; man kann dieses Verhalten auf viele Bereiche ausdehnen, z.B. auch auf Strömungen innerhalb des Wissenschafts-betriebes. Philosophen z.B. leben in ihrer Welt der Axiome, die sie aufgestellt haben, die Wirklichkeit der Welt dient nur dazu, sie ständig in neuen und irrealen Metaphern zu beschreiben.
    Aristoteles ‚beweist‘ (seiner Ansicht nach), daß bei Bäumen und Pferden die Köpfe unten seien….

    Diese in allen gesellschaftlichen Gebieten zu beobachtende Lust, die Wirklichkeit einem grobgezimmerten, geistlosen Konstrukt zu unterwerfen, wird durch die sogenannte ‚Logik‘ den Menschen von Kindesbeinen an eingehämmert. Mit Hilfe der Logik werden sogenannte ‚wahre‘ Sätze von den ‚falschen‘ Sätzen unterschieden.

    Die Wirklichkeit kennt aber keine ‚wahren Sätze‘ oder ‚falsche Sätze‘,
    denn es gibt keine ‚wahre‘ oder ‚falsche‘ Wirklichkeit.
    Wenn man die Wirklichkeit als ‚ursprüngliche und lebendige Naturmacht‘ anerkennen würde, müßte man nicht ständig weitere geistige Abartigkeiten erfinden. Jeder Mensch wäre wie jede andere Kreatur per se und bedingungslos ein Teil des Kosmos.

    Die Korrektur dieses falschen gesellschaftlichen Prozesses wird die Menschheit einholen, diese Korrektur ist dann nicht zu definieren, jedenfalls aber Wirklichkeit.

  2. Klaus Says:

    „wird durch die sogenannte ‘Logik’ den Menschen von Kindesbeinen an eingehämmert. Mit Hilfe der Logik werden sogenannte ‘wahre’ Sätze von den ‘falschen’ Sätzen unterschieden.

    Die Wirklichkeit kennt aber keine ‘wahren Sätze’ oder ‘falsche Sätze’,
    denn es gibt keine ‘wahre’ oder ‘falsche’ Wirklichkeit.“
    Nee, kann es auch nicht, da allenfalls Äußerungen oder Sätze wahr bzw. falsch sind. Von wahrer oder falscher Wirklichkeit zu sprechen, scheint mir ein so gen. Kategorienfehler zu sein (Carnap nannte das „Sphärenvermengung“). Warum sollte es nun keine wahren oder falschen Sätze geben? Das ist ja nicht zu verwechseln damit, dass die Feststellung der Wahrheit bzw. des Falschseins eines Satzes sehr schwer sein kann und Gewissheit sowieso nicht zu erlangen ist.

  3. Klaus Says:

    Ach, und: es bedarf keiner Logik, um über Wahr- bzw. Falschsein eines Satzes zu urteilen. Oftmals genügt Beobachtung.

  4. Adept Says:

    @Klaus : „Oftmals genügt Beobachtung.“

    Ja, und trotzdem oder wegen der Wichtigkeit dieser Methode:
    Beobachtung ist das Schwierigste – denn nur ein vorurteilsfreier Beobachter kann die Wirklichkeit in sich aufnehmen, im Reich’schen Sinne ein ‚Ungepanzerter‘.
    Ein Heer von Wissenschaftlern hat die Fotos der Galaxien gesehen, aber keiner hat das Gesehene – quasi kindlich – als bare Münze genommen wie Reich.
    Diese Kraft des ursprünglichen und direkten Erfassens erfordert eine
    vieljährige Übung im vorurteilsfreien Beobachten und Beurteilen .

    Das Beurteilen ( = das ‚Ur – Teil‘ wird sinnrichtig erfaßt) ist das Problem.
    Die Imagination , die eigene Vorstellung , steht der Erkenntnis im Wege.

    Vielleicht steht der Begriff ‚ Du sollst Dir kein Bildnis machen‘ für genau dieses Problem .

  5. Peter Nasselstein Says:

    Dieses Land steht am Abgrund, das hat der heutige Tag erneut gezeigt. Ich schreibe das im Zentrum Münsters, am Prinzipalmarkt, dort wo der Karnevalsumzug immer seinen Höhepunkt hat: bestes Karnevalwetter – und alle laufen mit depressivem Gesicht rum, enttäuscht und verwirrt. Die revolutionäre Situation ist da!

    http://www.rolandtichy.de/daili-es-sentials/diplomatisches-wetter-oder-was-ist-die-ursache-fuer-die-absage-von-karnevalsumzuegen/

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