Todestrieb und DOR-Energie

In seiner „sexualökonomischen Widerlegung des Todestriebes und des Wiederholungszwanges“ geht Reich 1932 davon aus, daß der Organismus ursprünglich nur die eine Strebung kennt, die im inneren generierten Spannungen zu erledigen. Dies kann er nur in der Außenwelt, womit der Urgegensatz Ich und Außenwelt gegeben ist. Psychischer Widerschein dieses Urgegensatzes ist der Gegensatz von Sexualerregung und Angst. Mit der Ausbildung eines Bewegungsapparates tritt neben die „narzißtische Flucht“ ins Innere, die „muskuläre Flucht“. Gleichzeitig entwickelt sich die Fähigkeit, die angsterzeugende Gefahrenquelle in der Außenwelt zu zerstören. Da aber die Außenwelt nicht nur libidinöse, sondern auch destruktive Strebungen versagt, kann sich auch der „Destruktionstrieb“, ähnlich wie der Sexualtrieb bei der „narzißtischen Flucht“, nach innen kehren. Auf diese Weise versucht Reich nachzuweisen, daß der Masochismus restlos auf den Urgegensatz von Ich und Außenwelt zurückgeführt werden kann, statt z.B. auf den Gegensatz von „Eros und Todestrieb“. Reich leugnet nicht, daß es im Protoplasma „Verschlackungs“-Vorgänge gibt, mit denen manche Analytiker den Todestrieb fundieren wollen, er bestreitet nur, daß es sich dabei um einen Trieb handelt, sondern vielmehr um sein Gegenteil, um Hemmung. Damit nahm Reich die eigene spätere „DOR-Konzeption“ des Freudschen Todestriebes vorweg.

Reichs Grunddiktum war stets, daß jeder irgendwo recht hat. Beispielsweise war er derjenige, der am konsequentesten bei der Ablehnung der Freudschen Todestriebtheorie war. Trotzdem konnte er selbst in dem Artikel, der den endgültigen Bruch markierte, in dieser zentralen Frage einräumen, daß das mit diesem „Trieb“ und der mit ihm eng verbundenen neuen Angsttheorie Freuds zwar nicht weit her sei, Freud aber trotzdem etwas Wichtiges offengelegt hatte: den Tod, die Natur des Todes.

Reich referiert in „Der masochistische Charakter“:

Die Vertreter der Todestriebtheorie versuchten immer wieder, ihre Annahmen durch Berufung auf physiologische Abbauvorgänge zu stützen. Doch nirgends findet sich eine brauchbare Anschauung. Eine neue Arbeit, die für die Realität des Todestriebes Stellung nimmt, verdient deshalb Beachtung, weil sie in klinischer Weise an die Frage herantritt und auf den ersten Blick bestechende physiologische Argumente vorbringt. Therese Benedek stützt sich auf Forschungen von Ehrenberg. Dieser Biologe fand, daß schon beim umstrukturierten Einzeller ein in sich gegensätzlicher Vorgang festzustellen ist. Gewisse Vorgänge im Protoplasma bedingen nicht nur die Assimilation der Nahrungsaufnahme, sondern führen gleichzeitig zur Ausfällung bis dahin in Lösung befindlicher Stoffe. Die erste Strukturbildung der Zelle ist irreversibel, indem flüssige, gelöste Stoffe in festen, ungelösten Zustand übergehen. Was assimiliert ist im Leben begriffen; was durch Assimilation entsteht, ist eine Veränderung in der Zelle, eine höhere Strukturierung, die von einem bestimmten Punkt an, wenn sie nämlich überwiegt, kein Leben mehr ist, sondern Tod. Das leuchtet ein, besonders wenn wir an die Verkalkung der Gewebe im hohen Alter denken. Aber gerade dieses Argument widerlegt die Annahme einer Tendenz zum Tode. Was fest, unbeweglich geworden ist, was als Schlacke der Lebensprozesse zurückbleibt, behindert das Leben und seine kardinale Funktion, den Wechsel von Spannung und Entspannung, den Grundrhythmus des Stoffwechsels sowohl im Gebiete des Nahrungs- wie des Sexualbedürfnisses. Diese Störung des Lebensprozesses ist das gerade Gegenteil von dem, was wir als Grundeigenschaft des Triebes kennenlernen. Gerade das Starrwerden schließt den Spannungs-Entspannungs-Rhythmus immer mehr aus. Wir müßten unseren Triebbegriff ändern, wenn wir in diesen Vorgängen die Grundlage eines Triebes sehen wollten.

Wenn ferner Angst Ausdruck „freigewordenen Todestriebes“ wäre, so bliebe unverständlich, wie „feste Strukturen“ frei werden können. Benedek sagt selbst, daß wir die Struktur, das Festgefrorene erst dann als etwas dem Leben Feindseliges erkennen, wenn es überwiegt und die Lebensprozesse hemmt.

Wenn die strukturbildenden Prozesse gleichbedeutend sind mit dem Todestrieb, wenn ferner nach der Annahme Benedeks die Angst der inneren Wahrnehmung dieses überwiegenden Erstarrens, das heißt Sterbens entspricht, dürfte es im Kindes- und Jugendalter keine Angst und im hohen Alter nur mehr Angst geben. Das gerade Gegenteil ist der Fall: Die Funktion der Angst tritt lebhaft hervor gerade in Blütezeiten der Sexualität (unter der Bedingung der Hemmung ihrer Funktion). Nach dieser Annahme müßten wir Todesangst auch beim befriedigten Menschen finden, da er ja dem gleichen biologischen Abbauprozeß unterworfen ist wie der unbefriedigte. (Charakteranalyse, KiWi, S. 285f)

Angesichts der Nachwirkungen des ORANUR-Experiments mußte Reich 1956 konstatieren, daß „ physikalische Funktionen in der Tiefe der Natur auf eine rationale Wahrheit in Freuds seltsamer Hypothese eines ‚Todestriebes‘ hinzuweisen scheinen“ („Re-emergence of Freud’s ‚Death Instinct‘ as ‚DOR‘ Energy“, Orgonomic Medicine, Vol. 2, No. 1).

Reich beschreibt dann ausführlich die Funktionen des giftig gewordenen Orgons, DOR:

Zusammenfassend hat die orgonomische Forschung an den Wurzeln der Existenz eine Energie gefunden, die je nach Umständen entweder als lebensspendende, lebensfördernde und wiederbelebende Kraft funktioniert oder, in Ermangelung solcher Bedingungen, sich in einen Killer des Lebens umwandelt. Es wird sogar zum Zerstörer nichtlebender Materie, wie sich beim Zerfall von Fels, Granit, usw. in Wüstensand während des Oranur-Experiments, 1951-1954 gezeigt hat.

todestriebORDOR

Freud hatte in seinem Organismus die Wirkungsweise dieser Kraft schwach als stille Zerstörung des Lebens gespürt, den „Todestrieb“ im Gegensatz zum „Lebenstrieb“. Es spielt hier keine Rolle, daß Freud einen starren Dualismus postulierte ohne eine gemeinsame Quelle von Leben und Tod in den unergründlichen Tiefen aller Existenz. Noch spielt es eine Rolle, daß er in seiner Resignation dem Todestrieb mehr Macht verlieh als dem Lebenstrieb. Es spielt keine Rolle, daß Freud hier eine echte physische Kraft, die frei von jeder Art von Psychologie ist, als „Trieb“ hinstellte; oder, daß es ein Grundfehler ist lebloser, massefreier Energie einen Trieb zuzuschreiben; oder daß alle späteren Funktionen des Lebens und noch später des psychischen Funktionierens grundsätzlich funktionell vorgeformt sind in solch orgonotischen Gesetzen wie dem orgonomischen Potential von niedrig zu hoch, in der Fähigkeit der Lebensenergie organische Stoffe und Flüssigkeiten aus massefreier Energie zu erzeugen und damit ihre eigenen „Träger“ zu schaffen; Pulsation, Expansion, Kontraktion, Konvulsion, Reizbarkeit sind solche Grundfunktionen der kosmischen Energie, die später als „Leben“ innerhalb von Membranen und organischen Flüssigkeiten auftreten. Kein Denken oder Intelligenz, aber sicherlich funktionelle Rationalität muß der Lebensenergie zugeschrieben werden. Freuds irrationales Unbewußtes ist nur die vorübergehende Folge der unterdrückten primären Funktionen der kosmischen Energie. Die sekundären, perversen Triebe einer gepanzerten Menschheit zeugen davon in diesem 20. Jahrhundert des Massenmords. (ebd.)

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Eine Antwort to “Todestrieb und DOR-Energie”

  1. Sex, wozu? | Nachrichtenbrief Says:

    […] Die Funktion des Orgasmus dargelegt, daß der „Destruktionstrieb“ (Freuds „Todestrieb“ – in weitestem Sinne Reichs DOR) in einem reziproken Verhältnis zur Sexualbefriedigung steht: der Orgasmus entzieht ihm die […]

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