Marketing und Arbeitsdemokratie

Es ist wirklich erstaunlich mit anzusehen, wie Großkonzerne das Geld ihrer Aktionäre ins Klo spülen. Nichts anderes sind nämlich die großangelegten Imagekampagnen, die nicht Werbung für ein bestimmtes Produkt machen, sondern den Konsumenten sozusagen „allgemein“ beeinflussen sollen. Diese Kampagnen erinnern fatal an die Banner des Realsozialismus: „We can do it!“

Das Gute daran ist, daß wirklich niemand davon beeinflußt wird bzw. diese Kampagnen geradezu kontraproduktiv wirken. Man wird wie ein Kind behandelt und verhält sich entsprechend: trotzig.

Beispielsweise stelle man sich im Kino im Vorprogramm einen kleinen Werbefilm für die Orgonomie vor: blauer Himmel, glückliche Menschen, spielende Kinder und darüber die sonore Stimme eines Schauspielers, der irgendwelche Allgemeinplätze darüber verkündet, daß Glück möglich ist. Eine solche Werbekampagne wäre ein vollkommenes Desaster, da sich kein Mensch so einen Scheiß bieten läßt. „Was ist denn das wieder für ein Sektenkram?“

Effektiv ist nur Werbung für festumrissene Produkte und Dienstleistungen (d.h. für konkrete Arbeit!), die sich an eine klar definierte Zielgruppe über die entsprechenden Fachmedien richtet. Beispielsweise benötigt die Orgonomie dringend angehende Psychiater, die sich für eine Alternative zur rein medikamentösen Therapie interessieren. Solche Leute findet man nicht, wenn man „allgemein die Orgonomie verbreitet“. Ganz im Gegenteil: man stößt sie ab. (Übrigens: ich frage mich oft, ob das Betreiben dieses Blogs im besten Interesse der deutschen Orgonomie ist…)

1999 hat Sergio Zyman sein Buch The End of Marketing As We Know It (deutsch: Das Ende der Marketing-Mythen) veröffentlicht, das ein für allemal mit diesem Unsinn, dem Vermarkten von „Image“, aufräumen wollte.

Zyman war für das Marketing von Coca Cola verantwortlich gewesen, als es zu einer der größten Fehlentscheidungen in der Geschichte des Kapitalismus kam. Obwohl bei Blindtests immer wieder herauskam, daß Pepsi Cola eine Idee besser schmeckt, tranken die Leute Coca Cola, weil es Kult war, ein fester Bestandteil der Kultur. Der Namenszug, die Flaschenform, einfach alles. Bis einige Genies im Management in den 80er Jahren auf die Idee verfielen, daß sich die Marke „neu erfinden müsse“: „New Coke“ war geboren – und die Kunden wechselten massenhaft zu Pepsi. Zyman startete großangelegte, unglaublich kostspielige Imagekampagnen, um „New Coke“ an den Mann zu bringen, ohne jeden Erfolg.

Er lernte daraus, daß man schlicht auf den Konsumenten und dessen Wünsche hören muß, wenn man Geld machen will, statt seine Ressourcen damit zu verschwenden, das Gefühlsleben der Konsumenten an die Bedürfnisse der Produzenten anzupassen. Der Sozialismus ist bei der Kreation des „Neuen Menschen“ gescheitert und dem Kapitalismus wird es auch nicht gelingen.

In der Besprechung der deutschen Ausgabe von Zymans Buch heißt es zusammenfassend:

Wenn Sie eine Strategie entwickeln und Aktivitäten planen, gibt es nur eine Stimme auf die Sie hören müssen: die Stimme des potenziellen Kunden. Nur er zählt. Dabei ist es schwierig, herauszubekommen, was der Kunde wirklich will und was er nicht will, aber Sie müssen es immer wieder versuchen. Hören Sie auf jede Information, die er ihnen gibt.

In einer Besprechung der amerikanischen Ausgabe heißt es, daß man in der heutigen „Konsumenten-Demokratie“, in der der Kunde so viele Wahlmöglichkeiten hat, sich auf die Wünsche des Kunden einstellen muß und nur ganz gezielt etwas an den Mann bringen kann.

Auch wenn es viele „kritische Menschen” gerne anders darstellen: die Bevölkerung ist nicht beliebig manipulierbar und entsprechende Versuche werden dank der Massenkommunikationsmittel und insbesondere dem Internet ohnehin immer aussichtsloser.

Bei Imagekampagnen bekommt man schon richtig Mitleid mit den Volldeppen in Nadelstreifen, die sich künstlerisch hochanspruchsvolle Filmchen haben aufschwatzen lassen und tatsächlich glauben, mit diesem sündhaft teuren Firlefanz irgendjemanden auch nur im allergeringsten in ihrem Sinne beeinflussen zu können.

Man denke nur an all die „innovativen Produkte“, die in den letzten Jahren am Kunden vorbei teilweise mit einem gigantomanischen Werbeaufwand auf den Markt geworfen wurden. Nicht die Produzenten bestimmen, sondern die Konsumenten. Die Produzenten müssen sich anpassen und ihr Marketing entsprechend ausrichten. Das ist ein Wesenszug der Arbeitsdemokratie.

Zum Schluß eine vollkommen sinnfreie Imagekampagne (eine bloße Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für die Werbebranche) – immerhin illustriert der ansonsten sehr gut gelungene Film den ersten der zwei grundlegenden Aspekte der Arbeitsdemokratie:

Da alle Arbeitsprozesse voneinander abhängen und miteinander organisch verflochten sind; da ferner die Konsumption die Produktion bestimmt, ist eine natürlich gewachsene und organisch funktionierende Organisation in der gesellschaftlichen Basis gegeben. (Massenpsychologie des Faschismus)

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4 Antworten to “Marketing und Arbeitsdemokratie”

  1. Manuel Says:

    Herrliches Filmchen 🙂
    Aber zur Sache: auch ich stelle ein Produkt her und verkaufe es. Meine Erfahrung ist, dass ich weder eine abstrakte Image-Kampagne brauche noch mich dem Kunden hektisch anbiedern muss. Ich mache mein Produkt so, wie ich es selber gerne hätte, wenn ich mein Kunde wäre. Ich mache alles so, dass ich vollkommen hinter meinem Produkt stehen kann. An dem Produkt ist alles „Sein“ und nichts „Schein“. Das bringt langfristig den besten Erfolg. Sich dem Kundengeschmack anbiedern bringt kurzfristigen Erfolg, aber weil der Kunde spürt, dass das Produkt keine „Identität“ hat, wendet er sich irgendwann enttäuscht ab. Allgemeine Imagekampagnen sind für die Katz (wenn es in der Werbeagentur eine gibt) 😉

  2. David Says:

    Er lernte daraus, daß man schlicht auf den Konsumenten und dessen Wünsche hören muß, wenn man Geld machen will, statt seine Ressourcen damit zu verschwenden, das Gefühlsleben der Konsumenten an die Bedürfnisse der Produzenten anzupassen …

    Auch wenn es viele „kritische Menschen” gerne anders darstellen: die Bevölkerung ist nicht beliebig manipulierbar und entsprechende Versuche werden dank der Massenkommunikationsmittel und insbesondere dem Internet ohnehin immer aussichtsloser.

    Siehe auch: Weinberg, Tamar: Social Media Marketing : Strategien für Twitter, Facebook & Co. – Köln [u.a.] : O’Reilly, 2010
    ISBN: 978-3-89721-969-4

    Dem Buch zufolge ist es in diesen Bereichen erst recht aus mit der bisherigen Werbe- neudeutsch: Marketing-Strategie, den Kunden die Werbung reinzustopfen und dann auf den Erfolg zu warten.

    Man muss in den sozialen Netzwerken mit den Kunden diskutieren, muss Fehler eingestehen, Fragen beantworten. Diskutiert man nicht, so diskutieren die Leute trotzdem und es geht einem entsprechend viel durch die Lappen.

    Ist der Kunde ein mehr oder weniger kleines Entwicklungsland, evtl. auch mit einer korrupten Regierung, dann kann man ihm noch am ehesten sagen: Hört auf, eure Nahrungsmittel selbst zu produzieren! Das ist viel zu teuer und ineffektiv. Kauft lieber unseren amerikanischen Weizen.

    Das nennt man glaube ich angebotsorientierte Politik oder auch Reaganomics. Jetzt nach den – für die Entwicklungsländer – unerwarteten massiven Preiserhöhungen haben die den Schlamassel.

  3. falter Says:

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