Die okkulten Grundlagen des Nationalsozialismus: SS-Anthroposophen

In einem Interview von 1986 über den Hitler-Ludendorff-Putsch von 1923 sagte der Jugendaktivist des Putsches und spätere SS-Sturmbannführer Gustav Adolf Lenk (Jahrgang 1903) auf Bayern 3 (6. Nov. 1993), daß es drei Vorbilder gegeben hätte, denen er Zeit seines Lebens gefolgt wäre: „Hitler, Rudolf Steiner und General Ludendorff“. 1922 hatte Lenk den „Jugendbund der NSDAP“ gegründet und nachdem die NSDAP verboten wurde, gründete er 1924 die „Großdeutsche Jugendbewegung“ – aus der dann die Hitler-Jugend wurde.

Ein anderer SS-Anthroposoph war der Chef der Abteilung III des Reichssicherheits-Hauptamtes, der SS-Obersturmführer Otto Ohlendorf, der aktiv seine anthroposophischen Gesinnungsgenossen im Dritten Reich unterstützte. Jahrgang 1907 trat er 1925 als eines der ersten Mitglieder in die neugegründete NSDAP ein, 1926 kam er zur SS und 1936 zum SD, wo er für „Volkstum“ und den Inlandsnachrichtendienst verantwortlich war und in dieser Eigenschaft den Holocaust plante. Zwischen Juni 1941 und Juli 1942 war er Leiter der „SS-Einsatzgruppe D“, die in Rußland mehr als 91 000 Juden ermordete.

Himmler nannte den Anthroposophen und puritanischen Vertreter der NS-Orthodoxie verächtlich „Gralsritter des Nationalsozialismus“. Am Ende des NS-Regimes versuchte Ohlendorf als SD-Inlands-Chef, und damit als einer der mächtigsten Männer des Reiches, dieses durch anthroposophische „Dreigliederung“ zu retten, wobei die NSDAP zu einem von aller Machtpolitik befreiten „Tempel der Weisheit“ werden sollte. Bis zu seiner Exekution 1951 als Kriegsverbrecher blieb er glühender Nationalsozialist und Anthroposoph.

In den Erinnerungen einer französischen Korrespondentin im Deutschland der 30er Jahre entdeckte ich folgenden Fall: 1935 durfte Jules Sauerwein vom Paris-Soir als erster ausländischer Journalist ein KZ besichtigen. Als Sauerwein nach Berlin zurückkehrte, fiel der Jounalistin an Sauerwein auf, daß er so begeistert war, wie sie ihn nie zuvor erlebt hatte. Sauerwein war beim Besuch des KZs Sonnenburg von einem jungen SS-Mann aus dem Justizministerium begleitet worden. Der SS-Offizier hatte sich auf der gemeinsamen Reise als glühender Anhänger Steiners erwiesen, was sich gut traf, denn Sauerwein hatte die Bücher Steiners ins Französische übersetzt. Der anthroposophische SS-Mann „Alexander“ erklärte seinem anthroposophischen Glaubensbruder und Duzfreund „Jules“ das KZ wie folgt:

Das ist eine unserer schönsten Einrichtungen. Das sind keine Straflager, sondern Besserungsanstalten. Wir halten unsere Häftlinge nicht für Kriminelle, sondern für Verirrte.

(Offenbar eine Art von Waldorf-Schule!) Dementsprechend enthusiastisch war auch der Bericht des Anthroposophen Sauerwein im Paris-Soir (Stephane Roussel: Die Hügel von Berlin, Hamburg 1986, S. 189-91).

Der Lebensreformer Rudolf Heß las die Schriften Steiners mit großem Interesse, aß nur, was auf anthroposophischen Bauernhöfen angebaut wurde und sogar Hitler selbst bezog seine vegetarische Nahrung ausschließlich von einem anthroposophischen Bauernhof. Sein Stellvertreter nahm die Waldorf-Schulen und die anthroposophische „Christengemeinschaft“ unter seinen persönlichen Schutz, während Walther Darré, der NS-Reichsbauernführer und Landwirtschaftsminister, das gleiche für die anthroposophisch-biodynamische Landwirtschaft tat.

1941 ordnete Himmler eine wissenschaftliche Studie in Auschwitz an, um ein für allemal festzustellen, ob anthroposophische (die Himmler vorzog) oder industrielle Anbaumethoden bessere Resultate erbringen würden. In einem Briefwechsel über seinen Befehl den biodynamischen Anbau in Auschwitz zu untersuchen, erwähnt Himmler einen ungenannten SS-Offizier, der ein agitierender Anthroposoph in Auschwitz sei (Helmut Heiber: Reichsführer! – Briefe an und von Himmler, Stuttgart 1968, S. 89f).

1944 war Thies Christophersen „SS-Sonderführer für Pflanzenzucht“ im Auschwitzer Zweig-KZ Raisko, mit anthroposophischem Anbau. Nach dem Krieg leitete er ein neo-nationalsozialistisches Netzwerk. 1973 veröffentlichte er das Buch Die Auschwitzlüge mit einer Auflage von insgesamt 100 000. Er veröffentlichte die neonazistische Zeitschrift Die Bauernschaft, wo er u.a. den anthroposophischen Anbau propagierte.

Der Anthroposoph Franz Lippert, Leiter des Heilpflanzenanbaus bei der anthroposophischen Aktiengesellschaft „Weleda“, die anthroposophische Medizin herstellt, wurde ins KZ Dachau abkommandiert, um dort den medizinischen Kräutergarten der SS zu leiten. Auch wurden in Dachau Gefangene unterkühlt bis der Tod eintrat, um die Weleda-Frostschutzcreme zu testen. Ausgeführt wurden diese Versuche von dem KZ-Arzt, Anthroposophen und SS-Hauptsturmführer Dr. Sigmund Rascher.

Raschers wuchs in einer prominenten anthroposophischen Familie auf mit engen Verbindungen zu Steiner persönlich. Ich verweise den geneigten Leser auf den Aufsatz Vom Muttersöhnchen zum Massenmörder – Überlegungen zu einer fatalen Biographie von Hubert Rehm.

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9 Antworten to “Die okkulten Grundlagen des Nationalsozialismus: SS-Anthroposophen”

  1. Robert (Berlin) Says:

    Meines Wissens sind die Anthroposophen auch bestens organisiert und haben eine sehr gute Unterstützung und Propaganda in der Presse. Kritische Werke wie „Schwarzbuch Anthroposophie“ werden schnell als Schmierenwerke verunglimpft und als unglaubwürdig hingestellt.
    Ein ehemaliger Freund von mir war Steiner Anhänger und glaubte an Elfen, Kobolde und Waldgeister. Außerdem sollen die Dinosaurier zur selben Zeit wie die Menschen gelebt haben.
    Positiv sind die Krankenhäuser der Steinerianer zu erwähnen.

  2. David Says:

    Außerdem sollen die Dinosaurier zur selben Zeit wie die Menschen gelebt haben.

    Was ja auch die amerikanischen Kreationisten glauben. De facto wurden die Dinos am Ende der Kreidezeit durch ein Impaktereignis ausgelöscht.

    Rein theoretisch ist es natürlich möglich, dass noch bis ans Ende des Jungtertiärs welche überlebten, aber nur so wenige, dass zufällig keine Fossilien erhalten sind.

    Die ersten Menschen haben lange vor „Lucy“ gelebt. In Toumai im Tschad wurde ein Schädel gefunden, der sieben Millionen Jahre alt ist. Man weiß, wenn auch das Gehirn kleiner als bei Menschenaffen ist, dieses Wesen flache Füße hatte, also nicht gut klettern konnte, aber aufrecht ging; von der organismischen Funktionsweise her war er – oder sie – aber auf jeden Fall ein Hominide.

    Von daher könnten dann auch die – sowohl in China wie in Europa – vorhandenen Drachensagen kommen.

  3. David Says:

    Das ist eine unserer schönsten Einrichtungen. Das sind keine Straflager, sondern Besserungsanstalten. Wir halten unsere Häftlinge nicht für Kriminelle, sondern für Verirrte.

    Dies entspricht genau dem, was die Volksrepublik China über ihre „Umerziehungslager“ sagt.

  4. Peter Says:

    Naja, also – alle übrigen Nazis neben den paar, die Du aufgezählt hast, hatten ja auch eine Geschichte, sprich, kamen irgendwo her – oder glaubst Du, die sind vom Himmel gefallen? Will sagen: das waren SPDler, Katholiken, Buddhisten und was man halt als Mensch so sein kann, bevor sie Nazis wurden. Deshalb verstehe ich nicht ganz, was das aussagen soll, dass auch ein paar Anthroposophen Nazis wurden … ? Wozu diese sicher ganz richtige Feststellung?

    Der Okkultismus der Nazis ist allerdings in der Tat leider viel zu oft ignoriert worden und ist es wert, beleuchtet zu werden. Da spielen allerdings ganz andere Vorstellungen als anthroposophische eine viel größere Rolle, zum Beispiel christliche, wie etwa in der merkwürdigen Variante des Sündenfalls in der Interpretation des Thule-Ordens usw. Nur würde ich jetzt aufgrund der Tatsache, dass die Nazis sich christliche Vorstellungen angeeignet haben, keine Rückschlüsse auf das Christentum ziehen …

    • Peter Nasselstein Says:

      Neben Steiner begannen auch Leute wie Rudolf Hess und Heinrich Himmler, der später mit seiner Philosophie des finalen Rassenkrieges Politik machte, ihre religiöse Karriere bei den Theosophen. Sowohl Ariosophie als auch Anthroposophie wurden von praktizierenden Theosophen entwickelt, deswegen sind die Lehren zwangsläufig in vielen Punkten identisch. Die Ariosophen wurden nach dem Umsturz in Deutschland ausgerottet, die Anthroposophen dagegen fanden in der linksprogressiven Esoterikszene Zuflucht.
      Dort verteidigt man die Rassenlehre bis heute, indem man sie mystifiziert, ihre eigentlich recht eindeutigen Inhalte zu beliebig ausdeutbaren Symbolen verklärt. (…) Nur wenn die Presse kommt und Fragen stellt, dann ist das plötzlich alles ein riesiges Mißverständnis, weil Steiner ja eigentlich alles gaaaaanz anders meinte.

      http://www.politik.de/forum/medien/143985-sind.html

      Mein Beitrag soll nur ein Schlaglicht auf diese Verbindungen werfen. Es geht um eine irrationale („mystische“) Denkweise, die u.a. von der Anthroposophie weitergetragen wurde und heute vielleicht mehr Gehirne durchseucht als zu Beginn des 20 Jahrhunderts. Man betrete nur einen Esoterikbuchladen oder einen beliebigen Chatroom im Internet.

  5. steinerimbrett Says:

    Vielen Dank für die detaillierten Ausführungen zu den teils verheerend-vernichtenden Auswirkungen menschlicher Teilhabe an anthroposophischer Geistesverwirrtheit.

    In Hinblick auf das diesjährige Steiner-Jubeljahr habe ich einige äußerst wissenswerte Hintergründe, insbesondere zu der ab Februar stattfindenden Großausstellung im Kunstmuseum Stuttgart, Titel: „Kosmos Steiner“ auf http://www.steinerimbrett.wordpress.com recherchiert, zusammengetragen und in bis dato zwei Artikeln aufgeschrieben.

  6. Peter Says:

    @Nasselstein „Mein Beitrag soll nur ein Schlaglicht auf diese Verbindungen werfen. Es geht um eine irrationale („mystische“) Denkweise, die u.a. von der Anthroposophie weitergetragen wurde…“

    Jene Verbindungen hast Du allerdings gar nicht herausgearbeitet. Du hast in Deinem Beitrag lediglich die hinlänglich bekannte Tatsache, dass gewisse Personen sich nicht nur vom Nazi-Gedankengut, sondern auch von der Anthroposophie angesprochen fühlten, benannt. Ob es eine inhaltliche Verbindung zwischen beiden Gedankengebäuden gibt, wäre dann ja erst die Frage. Dass es eine Verbindung gibt, weil es Personen gab, die beides gut fanden, ist ein recht naiver Gedanke. Das ist eben so schlau, wie wenn Du annehmen würdest, es gäbe tatsächlich eine Verbindung zwischen König Arthus und den Nazis, nur weil Himmler das glaubte. Also, ob es eine Gemeinsamkeit zwischen Anthroposophie und Nazi-Gedankengut gibt, das wäre ja zu zeigen. Indem Du nun aber behauptest, Du habest durch Deinen Beitrag schon „ein Schlaglicht auf diese Verbindungen“ geworfen, kriegt das ganze einen unangenehmen Geschmack: als wolltest Du alle Wissenschaftlichkeit über Bord werfen und die vermeintliche Verbindung durch die Nennung jener Personen bloß suggerieren.

    Ich gehe davon aus, dass es auch heute rechtsgesinnte Menschen gibt, die sich auf Steiner berufen. Aber ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es auch Menschen gibt, die eine radikal-antirassistische Lebenshaltung pflegen und sogar aktiv den Rassismus bekämpfen, und sich dabei ebenfalls auf Steiner berufen. Letztere sind bei weitem in der Mehrzahl. Man müsste also dann, nachdem man die von Dir suggerierte inhaltliche Verbindung geprüft und entweder bestätigt oder widerlegt hat, als zweites klar zwischen Rudolf Steiner und den verschiedenen Gruppierungen unterscheiden, die sich auf ihn berufen. Alles andere ist schlicht dilettantisch, und wenn die Anthroposophen tatsächlich so gefährlich sind, wie Du suggerierst, fahrlässig. Dein Text ist daher im besten Fall ein Bekenntnis Deines Gefühlszustandes, denn weder über die Nazis noch über die Anthroposophen gewinnt man eine neue Erkenntnis. Ich berufe mich auf Nietzsche, weil ich seine radikal pro-sinnliche und anti-theologische Haltung schätze. Willst Du mir einen Vorwurf daraus machen, dass man Nietzsche auch rechts auslegen kann, und dass die Nazis das auch gemacht haben? Das wäre lächerlich, und doch ist das der einzige „logische“ Faden Deines Beitrages.

  7. Hubert Rehm Says:

    Ihre Bemerkungen über den Anthroposophen Sigmund Rascher sind zum großen Teil unrichtig. So gibt es keine Belege dafür, daß Rascher seinen Opfern keine Henkersmahlzeit gegönnt habe. Von einer Henkersmahlzeit ist in den mir bekannten Rascherdokumenten (Bayerisches Landesarchiv, Bundesarchiv etc.) überhaupt nicht die Rede.
    Rascher ist nicht wegen Unterschlagung erschossen worden, sondern vermutlich wegen des Verdachts auf Spionage.
    Die Gaskammern hat nicht Rascher erfunden. Dies muß vielmehr dem Auschwitzer Hauptsturmführer Fritzsch zu Last gelegt werden.
    Falls Sie das Thema und Raschers Beziehungen zu den Anthroposophen wirklich interessiert den lesen Sie „Der Untergang des Hauses Rascher“.

    mit freundlichem Gruß
    Hubert Rehm

  8. Tzindaro Says:

    And of course, there is Trevor Constable, who tried to combine the theories of Reich and Steiner. His mystical interpetations of orgonomy „in the light of Anthroposophy“ have confused a whole generation of people who were intially attracted to orgonomy, but got side-tracked into Anthroposophy by Constable. His book on the subject is still widely available in occult circles.

    So it is no surprise to find out that Constable also happens to be a Holocause Revisionist. His years of attempting to market his cloudbusting services to fascistic dictatorships is only one more part of the same picture. As Reich pointed out, mysticism and fascism go together.

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