Dr. Crist über ICD-10: F91

Mit „ICD-10: F91“ kodieren Psychiater „Störungen des Sozialverhaltens in Kindheit und Jugend“.

Störungen des Sozialverhaltens sind durch ein sich wiederholendes und anhaltendes Muster dissozialen, aggressiven und aufsässigen Verhaltens charakterisiert. Dieses Verhalten übersteigt mit seinen gröberen Verletzungen die altersentsprechenden sozialen Erwartungen. Es ist also schwerwiegender als gewöhnlicher kindischer Unfug oder jugendliche Aufmüpfigkeit. Das anhaltende Verhaltensmuster muß mindestens sechs Monate oder länger bestanden haben.

In seiner Arbeit „Impulsivity and Its Bioenegetic Relationship to ADHD“ (Journal of Orgonomy Fall/Winter 1995) erklärt der medizinische Orgonom Peter A. Crist derartiges triebhaftes, unkontrolliertes Verhalten von Kindern und Jugendlichen bioenergetisch wie folgt:

Normalerweise schränkt die Panzerung die orgonotische Strömung ein, so daß gleicherweise die somatische Erregung als auch die psychische Wahrnehmung reduziert sind. Bei Individuen, in denen die Impulskontrolle gestört ist, fließt die Energie zwar verhältnismäßig frei, jedoch verhindert die teilweise Panzerung einen einheitlichen emotionalen Ausdruck und es kommt zur Umwandlung von Wahrnehmung in Erregung. Solche Leute reagieren auf unangenehme Reize, indem sie „ausrasten“, ohne sich dessen bewußt zu werden, was sie da eigentlich tun. „Gut zureden“ hilft deshalb gar nichts.

Der Psychiater Thomas Crowley (University of Colorado at Boulder) und Kollegen haben mit Hilfe bildgebender Verfahren Untersuchungen am Gehirn von Jugendlichen mit der Diagnose conduct disorder durchgeführt. Die Ergebnisse bestätigen die orgonomische Theorie.

Die Betroffenen mit ihrem Hang zum Drogenmißbrauch, kriminellem Verhalten und auch selbstzerstörerischem Verhalten seien nicht einfach nur „böse“, sondern würden unter einer Fehlfunktion im Gehirn leiden.

Die Wissenschaftler untersuchten 20 heranwachsende Jungen, die in fortwährendem Konflikt mit dem Gesetz standen. Davon hatten 19 die Diagnose conduct disorder, die in der internationalen Nomenklatur dem Diagnoseschlüssel ICD-10: F91 entspricht. Alle nahmen Drogen, waren aber vor der Studie mindestens fünf Wochen drogenabstinent geblieben. Sie wurden mit 20 normalen Jugendlichen verglichen.

Die 40 Probanden wurden gebeten ein Computerspiel zu spielen, in dem man immer wieder zwischen einem vorsichtigen und einem risikoreichen Verhalten wählen konnte. Interessanterweise gab es bei der Durchführung des Spiels keine signifikanten Unterschiede zwischen den beiden Gruppen, um so mehr unterschieden sich aber die gemessenen Hirnaktivitäten.

Normalerweise registriert ein Hirnbereich namens Anteriores cingulum den Wechsel von Belohnung und Bestrafung und gibt dann diese Information an einen anderen Hirnbereich weiter, den dorsolateralen präfrontalen Cortex, der die Wahl, die man zwischen möglichen Verhaltensweisen trifft, reguliert.

Während einer Entscheidungsphase hatten, wie die Forscher feststellten, die antisozialen Jungen eine signifikant geringere Hirnaktivität in diesen beiden Regionen und auch in anderen Hirnarealen, in denen Entscheidungen getroffen werden, als normale Jungen. Auf der anderen Seite gab es keine Teile des Gehirns, in denen die antisozialen Jungen eine gesteigerte Aktivierung zeigten.

Wie von anderen vorausgesagt wurde, die nicht in der Studie involviert waren, litten die antisozialen Jungen, nach Angabe der Forscher, unter Dysphorie, einem traurig-ängstlichen Dauerzustand. Sie zeigten auch „Unempfindlichkeit für Belohnungen“. Während des Spiels reagierten ihre Gehirne weniger auf Gewinne als die der Vergleichsgruppe. Darüber hinaus fand man bei ihnen „Überempfindlichkeit für Bestrafung“ mit einer größeren Reaktion des Gehirns auf Verluste als in der Vergleichsgruppe.

Wir haben es buchstäblich mit übellaunigen, gedankenlosen Automaten zu tun. Was die Wissenschaftler auf ihren Bildschirmen beobachten, sind direkte Auswirkungen einer spezifischen Panzerung (insbesondere Augenpanzerung) auf den Metabolismus bestimmter Hirnregionen. Unsere gesamte Kultur wird immer schnellebiger, rücksichtsloser, kälter, oberflächlicher und impulsiver. In einem sich selbstverstärkenden Mechanismus bilden unsere Kinder eine entsprechende Charakterstruktur aus, formen ihrerseits entsprechend die Kultur, usw.

Wir sind Zeugen einer mißglückten Biologischen Revolution, an deren Anfang der Versuch stand, sich von einer Panzerung zu befreien, die die orgonotische Strömung allgemein drosselte. Gegenwärtig sehen wir in der Zuwendung zum „kontemplativen Leben“ (die Transformation von Erregung in Wahrnehmung) eine Gegenbewegung zu diesem gescheiterten Befreiungsversuch. Schon in Kindergärten gibt es Meditationskurse. So stolpert der Mensch von einem Ende der Falle zum anderen und wieder zurück – anstatt sie zu verlassen.

Zur dieser „Gegenbewegung“ siehe meinen Aufsatz Die Massenpsychologie des Buddhismus.

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12 Antworten to “Dr. Crist über ICD-10: F91”

  1. Robert (Berlin) Says:

    Schon in Kindergärten gibt es Meditationskurse.

    Yoga für die Kleinen – Kind, entspann dich!

    Schon die Jüngsten üben Entspannung im Lotussitz, singen Mantras auf Gurmukhi: In Deutschland ist Yoga für Kinder Trend. Doch wie sinnvoll ist das meditative Reck-dich-streck-dich für die Kleinsten? Experten warnen, dass unsachgemäße Unterweisung ernste Gefahren birgt.

    http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,719456,00.html

  2. Klaus Says:

    „Zuwendung zum „kontemplativen Leben“ (die Transformation von Erregung in Wahrnehmung) eine Gegenbewegung zu diesem gescheiterten Befreiungsversuch. Schon in Kindergärten gibt es Meditationskurse. So stolpert der Mensch von einem Ende der Falle zum anderen und wieder zurück – anstatt sie zu verlassen“

    Dieses Yoga- und Meditationstheater scheint mir einem Wunsch zu entsprechen, alles zu kontrollieren, und leider wird es immer wieder mit ‚Körperarbeit‘ und dadurch mit ‚Orgon‘ in Verbindung gebracht. Dass derartige Techniken das Orgon im Körper beeinflussen, liegt auch nach meiner experimentellen Erfahrung nahe. Ob das wünschenswert ist, ist eine ganz andere Frage, die in der Eso-Szene nicht gestellt wird. Ich bekam einmal ein paar Sitzungen Akupunktur bei einer koreanischen Ärztin. Sie meinte, die Benutzung eines ORAC sei sicher damit vereinbar. Vereinbar in welcher Hinsicht? Sie ging offenbar davon aus, dass Mittel, die nicht ‚orgonotisch‘ i. w. S. wirken, nicht damit vereinbar sind. Ich würde eher umgekehrt sagen: Mittel, die sich des ‚Orgons‘ im Körper bedienen oder es stärken (oder ähnlich), können einander entgegengesetzte Wirkungen haben. Tja, von einer Theorie des ärztlichen Handelns sind wir weit entfernt.

  3. Manuel Says:

    „Wir haben es buchstäblich mit übellaunigen, gedankenlosen Automaten zu tun.“
    Laut Reich haben wir es mit verletzten, verängstigten MENSCHEN zu tun, für sich selbst und andere durch PANZERUNG entstellt.

    • Peter Nasselstein Says:

      Reich:

      Ich hatte wieder das Empfinden: „sinnlose Maschinen“, sonst nichts. Stupid, blöde, ohne Sinn und Vernunft, ein Automatismus (…) Maschinelle Menschen! Der Gedanke kam ganz klar und unwiderleglich. Er hat mich seither nicht mehr verlassen. Er war der Keim aller späteren Untersuchungen über den menschen im Staat. (…) Nur Maschinen! (Menschen im Staat, S. 39)

      Reich beschrieb hier die „Menschen“, die den Ersten und Zweiten Weltkrieg, den Gulag und den Holocaust veranstaltet haben. Ich frage mich, ob die betroffenen Generationen nicht lebendiger waren als die heutigen Zombies.

      • Jean Says:

        Vielleicht kennt ja jemand die Fortsetzung der Terminator- Filme, die vor drei Jahren im Fernsehen lief? Eine Mutter mit ihrem Sohn, die von Maschinen verfolgt werden. Ich bin zufällig darauf gestoßen und es hat mich sehr bewegt, weil die Roboter- Metapher die latente deprimierende Lebensfeindlichkeit für mich so spürbar gemacht hat. Ein Teenager, dessen Lebendigkeit die Herrschaft der Maschinen bedroht. Natürlich eine Ersatzbefriedigung, wenn man einem solchen Helden beim Kämpfen zusieht, aber irgendwie auch eine Inspiration…

  4. O. Says:

    „Störungen des Sozialverhaltens in Kindheit und Jugend“ – es gibt so manche diagnotsische Neuerungen im ICD 10/DSM IV-TR, die mir wie Störungen vor kommen.
    Soll die Störung des Sozialverhaltens eine Krankheit sein? So wie das Rauchen oder die „Computersucht“ … und wie sieht die Behandlung aus?
    Zur Ätiologie wäre zunächst mal zu sagen, dass Elternhaus, Schule und Jugendamt glänzend versagt haben, und natürlich tun Peergruppen und Drogendealer ihr übriges Störungen des Sozialverhalten soweit sich entwicklent zu lassen, dass es besonderer therapeutischer Konzepte und Behandlungen bedarf – in geschützten und semi-geschlossenen Einrichtungen.
    Wenn eben kein Geld für geeignete sozialpädagogische Maßnahmen mehr da ist – bzw. hier wie jedes Jahr immer mehr gespart und reduziert wird dann müssen die Kinder und Jugendlichen eben in die Psychiatrie und therapeutische behandelt werden, um dann mehrere Jahre in Wohngruppen therapeutisch begleitet zu werden. (Wenn dafür das Geld denn ausgegeben wird.)
    Der Rest, der dieses Previleg nicht bekommt, nimmt auf der Straße die Drogen und darf sich schon über die 5 € Hartz 4 Zuschuss freuen, wenn er erwachsen ist 😉
    Ich denke manche Diagnosen gehen am Problem vorbei – sie stellen eher die neuen Herausforderungen dar, die ärtzlich behandelt werden sollen. Ich finde, dass wir auch in der Orgonomie eher pädagogisch oder sozialkritisch denken müssen, im Sinne der Neurosenprophylaxe, bevor wir voyeuristische Gehirnforschung betreiben oder zur Rate ziehen.
    Natürlich gibt es Unterschiede zwischen „normalen“ und „Drogen nehmenden“ (agressiven oder depressiven) Jugendlichen in der Gehirnaktivität und in der Auswahl des Verhaltens … und dies mit experimentellen Methoden nachzuweisen ist auch eine nette Beschäftigung für Psychologen – sie dient aber wenig den Betroffenen.

    Bei der Neurosenprohylaxe stecken wir im Sumpf der realpolitischen Misere, die sich nicht verändern will.

    Das Zitat aus Menschen im Staat ist in der Ausgabe vom Nexus-Verlag nicht auf Seite 39 zu finden, das wäre das Ende des Kapitel 2 … – ich würde gerne den Kontext noch einmal nachlesen.

  5. claus Says:

    „Normalerweise schränkt die Panzerung die orgonotische Strömung ein, so daß gleicherweise die somatische Erregung als auch die psychische Wahrnehmung reduziert sind. Bei Individuen, in denen die Impulskontrolle gestört ist, fließt die Energie zwar verhältnismäßig frei, jedoch verhindert die teilweise Panzerung einen einheitlichen emotionalen Ausdruck und es kommt zur Umwandlung von Wahrnehmung in Erregung. Solche Leute reagieren auf unangenehme Reize, indem sie ‚ausrasten‘, ohne sich dessen bewußt zu werden, was sie da eigentlich tun. ‚Gut zureden‘ hilft deshalb gar nichts.“

    Damit setzt man wohl voraus, dass Erregung und Wahrnehmung ‚funktionell identisch‘ sind. Damit ist zumindest u.a. gemeint, dass Erregung und Wahrnehmung von derselben Energie genährt werden. Auf diese Weise soll begründet werden, dass Energie, die nicht die Wahrnehmung speist, die Erregung speist. Grundlegend ist also wieder, dass Physisches einerseits und Erleben andererseits zwei verschiedene Sachen sind, die einen gemeinsamen ‚ökonomischen‘ (energetischen) Ursprung haben. Würde man nicht eher annehmen, dass Physiologisches einerseits und Erleben andererseits identisch sind und Erleben eine bestimmte Art des Zugangs zu einem Stück physiologischer Wirklichkeit ist (eines Zugangs, den nur der hat, der das betr. Stück selbst ist 🙂 )?
    Dazu passt wiederum die Vorstellung, dass Energie, die vom einen ‚abgezwackt‘ wird, in das andere hineinfließt, schlecht.

    • Peter Nasselstein Says:

      Erregung gehört zum bioenergetischen Zentrum, Wahrnehmung ist eine Funktion der Membranen (siehe https://nachrichtenbrief.wordpress.com/2015/10/11/schwarze-orgontherapie/). Entsprechend ist das Physische die Teilfunktion (Leber, Leberenzyme, Milz, Mittelhandknochen, Gelenkknorpel, etc), während das Psychische die einheitliche Gesamtfunktion ist (das Empfinden, das Gefühl, die Wahrnehmung, die Emotion, der Affekt, etc.). Beim Schizophrenen kommt es zu einer Trennung dieser beiden Bereiche, was mit einem Zerfall des Organismus einhergeht: verfrühtes Altern (Schrumpfungsbiopathie) und das Gefühl, daß Körperteile nicht zu einem gehören (Verfolgungswahn). Beim Neurotiker kommt es zu einem Herabdimmen sowohl der Erregung als auch der Wahrnehmung (das Gefühl der Unlebendigkeit), In der antiautoritären Gesellschaft, in der die Muskelpanzerung zusammenbricht und die Augenpanzerung entsprechend stärker wird, kommt es zu einer einseitigen muskulären Entladung (Impulsivität, ADHS), während die einheitliche Wahrnehmung auf der Strecke bleibt, All dies kann man unmittelbar in der Orgontherapie am eigenen Organismus erfahren und aus der Anatomie der Orgnismen ersehen: Wahrnehmungsorgane und Wahrnehmungsorganellen finden sich ausschließlich am Rande in den Membranen, zusammen mit der zentralen Erregung machen sie das Phänomen “Leben” aus.

      • claus Says:

        OK, so wird ‚psychische Wahrnehmung‘ selbst als physiologischer Prozess (das schließt Energetisches ein) begriffen.

      • Peter Nasselstein Says:

        Hier wären wir wieder bei Reichs Auseinandersetzung mit der Geschichte des Materialismus: es gibt keinen denkbaren Schritt, der aus materiellen, „physiologischen“ Elementen („Atomen“) Psychisches hervorzaubern könnte. Die einzige Möglichkeit ist die „Fernwirkung“: das Funktionieren als Einheit – Bewußtsein hat keine Teile.

        • claus Says:

          Unklar. Es hat eher mit Perspektive zu tun und mit der Privatheit des Erlebens. I.U.z. Eigenschaften ist Erleben („Bewusstsein“) privat. Ich würde dafür wirklich eher Leute wie Nagel, Chalmers, J. Levine als Reich (der nicht für alles DEN genialen Ansatz hatte) heranziehen.

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