Die Mär vom „natürlichen Gleichgewicht“

Reichs Lebenswerk wurde in jeder Hinsicht kritisiert, nicht zuletzt von „Reichianern“. Soweit ich es überblicken kann, wurde aber, man möchte sagen charakteristischerweise, der eine alles entscheidende und vielleicht auch einzig relevante Kritikpunkt ausgelassen: Reich hat sein gesamtes Lebenswerk auf der Vorstellung vom „natürlichen Gleichgewicht“ aufgebaut. Von der Orgasmustheorie anwärts durchzieht diese Vorstellung alles.

Außerhalb der Orgonomie prägt sie nicht nur ökologische Vorstellungen, sondern beispielsweise auch diverse „alternativ-ökonomische“ Gesellschaftsentwürfe, in denen es keine ökonomischen Zyklen mehr gibt: Friede, Freude, Eierkuchen. Oder man denke an die Sache mit dem zu verhindernden „Klimawandel“, der auf der absurden Vorstellung eines „stabilen Weltklimas“ beruht. Der gesamte Klimaunsinn erweist sich immer mehr als wissenschaftlich nicht haltbarer Unsinn, als mittelalterlicher Aberglaube. Man nehme etwas die NASA-Studie, die jetzt „Wissenschaftler“ vor ein Räsel stellt. Nicht zuletzt entspricht das „natürliche Gleichgewicht“ dem angeblich „Neuen Denken“ und der vermeintlichen „Esoterik“. Man denke nur an die „östlichen Weisheiten“ von der „ewigen Harmonie“.

All das mag en vogue sein, ist aber wissenschaftlich unhaltbar. Es ist das Denken von Vorgestern! Es ist das Denken von Mechanisten, für die das Universum eine imgrunde perfekt ablaufende Maschine ist, und es ist das Denken von Mystikern, für die es eine ebenso perfekte „Alleinheit“ ist. Das dem nicht so ist, läßt sich ganz einfach vergegenwärtigen, indem man eine Hasenpopulation und eine Fuchspopulation nimmt. Früher glaubte man wie selbstverständlich, daß sich über kurz oder lang ein „natürliches Gleichgewicht“ zwischen diesen beiden Populationen ausbilden werde. Ein Idyll, wie es typischerweise am Schreibtisch ausgebrütet wird. Tatsächlich, d.h. wenn man die Sache im einzelnen beobachtet, ist es jedoch so, daß bei einem großen „Hasenangebot“ die Population der Füchse überproportional anwächst, bis es zu einer Hungerkatastrophe bei den Füchsen kommt, weil sie die Hasen so gut wie ausgerottet haben. Die Fuchspopulation bricht zusammen, dafür wächst nun die Hasenpopulation ungebremst an. Und so immer weiter in einen ewigen Hin- und Her, das in der Realität nicht mal gleichmäßig verläuft.

So ist es überall in der Natur inklusive der Welt des Menschentiers: sei dies beim Klima der unregelmäßige Wechsel zwischen lebenspositiven Warm- und lebensnegativen Kaltperioden oder beim ewigen Wechselspiel von Angebot bei zu wenig Nachfrage und Nachfrage bei zu wenig Angebot. Die Homöostase in unserem Körper mag auf den ersten Blick eine Ausnahme bilden, d.h. ein wirkliches „natürliches Gleichgewicht“ darstellen, aber das ist eine Illusion. Ein absolut gleichmäßig schlagendes Herz kündigt einen Herzinfarkt an. Genauso pathologisch wäre es, wenn alle Parameter im Körper ständig exakt gleich blieben. Das perfekte „natürliche Gleichgewicht“ kündigt die Katastrophe an! Es ist, als wenn die Parameter ständig etwas schwanken müßten, um katastrophale große Schwankungen schon am Anfang auffangen zu können. Das ist alles andere als ein „natürliches Gleichgewicht“, sondern ein ständiges Ringen. Man denke an den Überlebenskampf des Immunsystems gegen interne Verfallerscheinungen und von außen kommende Krankheitserreger. Wobei es für den Organismus kaum eine größere Katastrophe geben kann, als das Wegfallen jeder Herausforderung für das Immunsystem. Es sei an das Überhandnehmen von Allergien und Asthma in den industrialisierten Ländern erinnert. Eine Folge der überbordenden Hygiene, die noch zu ganz anderen Katastrophen führen wird.

Kaum anders sieht es auch bei der „psychischen Gesundheit“ aus. Die Vorstellung eines „ausgeglichenen Seelenlebens“ sorgt zwar für Milliardenprofite für die Pharmaindustrie und hält ganze Berufszweige aufrecht (sogenannte „Psychotherapeuten“), aber sie ist ein pseudowissenschaftlicher Aberglaube gegen jede Evidenz. Man zeige mir auch nur einen einzigen „ausgeglichenen“ Menschen!

Reich war einer der Hauptvertreter dieser überholten Denkweise. Und praktisch alle „Reichianer“ folgen ihm eben deshalb. Man lese doch die ganze pseudokritische Bekennerliteratur durch: Seelen-, Sozial- und Ökokitsch der übelsten Sorte! Teilweise glaubt man sich unvermittelt in einem der zahllosen „Psychokulte“ wiederzufinden.

Können wir Reich demnach getrost abhaken? Der Mann ist seit bald 60 Jahren tot! Es geht hier um WISSENSCHAFT. Man schafft ja auch nicht „die Biologie“ ab, weil sich zentrale Vorstellungen der Biologie als vollständig irrig erwiesen haben! Sie hat sich weiterentwickelt und man kann heute beispielsweise im Umweltschutz besser abschätzen, wie Tierpopulationen am effektivsten erhalten werden, d.h. wie man einen finalen Zusammenbruch verhindern kann. In den Wirtschaftswissenschaften sieht man langsam ein, wie kontraproduktiv etwa Keynesianische Bemühungen sind Konjunkturschwankungen einzudämmen: wer kleine Schwankungen verhindert, erzeugt „Blasen“, die auf katastrophale Weise schließlich platzen. Es gibt keine Kindererziehung „nach den Grundsätzen der Selbststeuerung“, bzw. wird diese auch immer wieder ins Desaster führen. Vielmehr gilt es die angeborenen Schwächen des Kindes zu erkennen und entsprechend in jedem Einzelfall zu verhindern, daß es zu einer neurotischen Entwicklung kommt. „Die“ orgonomische Erzehung kann es nicht geben.

Dieser drei letzten Punkte zeigen, wohin sich die Orgonomie wird weiterentwickeln müssen: Es geht nicht darum, einem mythischen, geradezu mystischen, „natürlichen Gleichgewicht“ nachzustreben, sondern darum Bedingungen zu schaffen, in denen die natürliche Schwankungsbreite nicht nach oben oder unten überschritten wird und alles kollabiert; dazu gehört aber eben auch Schwankungen zuzulassen.

Siehe auch meine Ausführungen in Warum ich kein Christ bin.

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6 Antworten to “Die Mär vom „natürlichen Gleichgewicht“”

  1. Klaus Says:

    Der Artikel weist in eine Richtung, wie Metaphern überwunden werden können, an deren Stelle eine klarere Ausformulierung des ‚Kerns’ einer Orgontheorie treten müsste. „Gleichgewicht“, „fließen“, … gehören zu diesen Metaphern.
    „Es ist, als wenn die Parameter ständig etwas schwanken müßten, um katastrophale große Schwankungen schon am Anfang auffangen zu können […]“ – das „es ist, als wenn“ deutet natürlich an, dass man sich wieder in einer vagen Metaphorik bewegt. Das ist übergangsweise nicht zu vermeiden. Aber an Reichianischen Metaphern krampfhaft festzuhalten, mündet in der Tat in „pseudokritische Bekennerliteratur […]: Seelen-, Sozial- und Ökokitsch der übelsten Sorte“. Dergleichen verschafft ihren Vertretern natürlich ein tolles Sicherheitsgefühl.

  2. Peters Kritik an der Orgonomie | Nachrichtenbrief Says:

    […] Zum Thema Kritik an Reich und der Orgonomie siehe auch Die Mär vom „natürlichen Gleichgewicht“. […]

  3. Markus Says:

    Reich hat die Natur funktionell verstanden, Nasselstein sieht sie mechanisch.
    Es besteht nie ein natürliches Gleichgewicht korrekt, denn es ist dynamisch!
    Ich praktiziere natürliche Landwirtschaft, die auch als Permakultur bezeichnet wird.
    Hier sieht man ganz klar wie Reich mit seiner „natürlichen Selbstregulierung“ den Nagel auf den Kopf getroffen hat.

    Es funktioniert ganz natürlich und perfekt, wenn man die natürlichen Abläufe nicht einschränkt.

    Ja Herr Nasselstein „natürliche Selbstregulierung“ und nicht „natürliches Gleichgewicht“!!!

    Ich möchte nur Rainer Berling zitieren, da dieses Wortgefüge die natürliche Selbstregulierung ganz genau beschreibt.

    quote:
    Nützling – Schädling, was ist das?

    Die Bezeichnung Nützling oder Schädling entsteht durch die Sichtweise des Menschen, der alle Lebewesen, die auf und von „seinen“ Pflanzen leben, als Schädlinge ansieht, während alle, die ihm dabei helfen, diese wieder zu verjagen, Nützlinge sein müssen.
    Die Natur dagegen kennt keine Nützlinge oder Schädlinge, bei ihr regiert seit jeher die Gesetzmässigkeit des Überlebens und des Fressens und Gefressenwerdens.
    Dies geschieht im Rahmen der gegenseitigen Abhängigkeit innerhalb des ökologischen Gefüges.
    Es liegt also keinesfalls im Interesse eines Nützlings, dem Menschen zu helfen, indem er Schädlinge frisst; dies tut er ausschliesslich zu seiner Selbsterhaltung.
    In einem System grosser Vielfalt ist der Nützling einmal Sieger und ein anderes Mal Besiegter.
    Der Mensch kann mit seinem Verstand diese Zusammenhänge durch Beobachtung erkennen und für sich im Sinne des Pflanzenschutzes nützen, wenn er die grösseren Zusammenhänge in der Natur entdeckt und nach diesen Gesetzmässigkeiten handelt.

    Atenvielfalt

    Eine grosse Vielzahl verschiedener Tier- und Pflanzenarten verhindert die übermässige Vermehrung und Ausbreitung einzelner Arten. Die Konkurrenz innerhalb dieser Artenvielfalt reguliert viele Probleme mit Schadorganismen in unserer Kulturlandschaft selbstständig.
    Die Artenvielfalt ist durch eine Reihe einfacher Massnahmen zu fördern, zu stützen oder aufzubauen. Als Beispiele seien nur erwähnt: das Belassen von Grasrainen zwischen den Feldern, das Pflanzen von Wind- und Vogelschutzhecken in der Landschaft, das Erhalten von Naturbiotopen, z.B. Heiden, Trockenrasen und Feuchtbiotopen. Auch der Garten bietet hier vielgestaltige Möglichkeiten, durch Wildwuchs, Reisig- oder Steinhaufen usw. Unterschlupf und Reservate für Nützlinge und deren Bäute zu schaffen.
    Die Verbreitung einzelner Individuen in einem intakten Ökosystem wird durch eine Vielzahl natürlicher Gegenspieler reguliert. Es erfolgt dabei ein ständiger Ausgleich zwischen Räuber und Bäute, der niemals ruht, sondern dynamisch um einen Mittelwert schwankt. Man spricht dabei von einem dynamischen Gleichgewicht. Werden in diese Betrachtungen auch die anderen Umweltfaktoren (belebt wie unbelebt) miteinbezogen, so spricht man von einem ökologischen Gleichgewicht. Dabei kommt jeder Art eine so zentrale Bedeutung zu, dass ohne diese das ganze System ins Schwanken geraten würde.
    In verarmten Ökosystemen, z.B. in Monokulturen, ist man auf künstliche Steuerungs- und Stabilisierungsmassnahmen angewiesen. In Feldern mit vielen, oft wechselnden Kulturen dagegen wird man die gewünschte Artenvielfalt erhalten.

    zitat ende.

  4. ARTIFICERS OF FRAUD („Betrüger“) von Peter Jones | Nachrichtenbrief Says:

    […] habe dieses Problem bereits an anderer Stelle angeschnitten. Es ist doch gut, sich ab und an die „dialektisch-materialistischen“ Ursprünge […]

  5. claus Says:

    Ungleichheit, Unberechenbarkeit, Nichtwissen, … akzeptieren fällt schwer. Typisch dafür: der Glaube von Pädagogen an Korrigierbarkeit mit Mitteln, die in lächerlicher Weise auf Einsehen (durch Sprache) setzen und in Frieden münden sollen. (Insofern, bzgl. eines Antipazifismus, lag Toller ein bisschen richtig mit „Nie wieder Frieden“; hätte er es nicht klassenkämpferisch gemeint.)

  6. claus Says:

    „die NASA-Studie, die jetzt ‚Wissenschaftler‘ vor ein Räsel stellt“:

    http://www.poltec-magazin.de/nasa-studie-die-antarktis-ist-nicht-der-grund-fuer-den-anstieg-des-meeresspiegels/

    Eine Studie der US-Raumfahrtbehörde NASA zeigt, dass die Eisfläche und -masse am Südpol nicht zurückgeht, sondern aufgrund des in den letzten 10 000 Jahren angesammelten Schnees wächst. Dies berichteten die Forscher im Fachblatt „Journal of Glaciology“.
    Bisher galt es als unstrittig, dass das Abschmelzen der Gletscher des antarktischen Eisschildes zum Anstieg des Meeresspiegels beiträgt. Das Team um Jay Zwally vom Nasa Goddard Space Flight Center in Greenbelt widerspricht dem nun. Es sei zwar richtig, dass die Gletscher schneller schmelzen als in den vergangenen Jahrzehnten, aber der Schneefall der letzten 10.000 Jahren hat zu einem Wachstum des Eispanzers geführt.
    Allein zwischen 1992 und 2001 sind 112 Milliarden Tonnen Eis hinzukommen. Zwischen 2003 und 2008 sind nochmals 92 Milliarden Tonnen Eis angewachsen. Die Studie widerspricht somit dem internationalen Klimareport von 2013, dass die Antarktis den Meeresspiegel um 0,27 Millimeter pro Jahr steigen lässt. Ganz im Gegenteil
    „Die guten Nachrichten sind, dass die Antarktis nicht schuld ist am steigenden Meeresspiegel. Stattdessen reduziert sie ihn um 0,23 Millimeter pro Jahr“, so Jay Zwally.
    Wie sich der südpolare Eisschild wandelt, lässt sich mit verschiedenen Mitteln herausfinden. Die NASA analysierte die Veränderungen mithilfe von Satelliten.
    Entwarnung geben die Forscher aber nicht. Noch wachse der Eispanzer, aber „die von uns gesammelten Daten widerlegen nicht, dass die Antarktis eine immer größere Menge an Eis um die Antarktische Halbinsel und die Küste des Westteiles des Kontinents verliert.“
    Zudem warnt das Team davor, dass in 20 bis 30 Jahren die Antarktis anfangen könnte, Eis zu verlieren und somit auch zum Anstieg der Meeresspiegel beitragen.
    Trotz des positiven Ergebnisses mahnt Zwally, dass ihr Ergebnis nicht heißen soll, dass wir den Kernpunkt, nämlich die Klimaerwärmung, vergessen haben“.

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