Sophia und Christus

In der hebräischen Bibel findet sich noch ein einigermaßen ungebrochenes Verhältnis zur Sexualität, so spricht z.B. Sara ganz ausdrücklich von der „Liebeslust“ mit ihrem Gatten (Gen 18,12). Jungfräulichkeit ist dem alten Hebräer ziemlich gleichgültig.

Das Auftauchen von weiblichen Äußerungsformen Gottes im nachbiblischen Judentum bedeutet alles andere, als daß hier etwa im weitesten Sinne „matriarchale“ lebenspositive Elemente in die patriarchale Religion eindrangen. Genausowenig wie man von Jesu „Vater unser“ auf gegenteilige Tendenzen schließen darf – ganz im Gegenteil! Andrew Greely hat in seinem Buch Maria – Über die weibliche Dimension Gottes (Köln 1979) darauf hingewiesen, daß die Römer im Gegensatz zum Judentum wohl zu weiblichen Gottheiten beteten, aber im täglichen Leben die Frauen in der hebräischen Gesellschaft weit mehr Rechte und mehr Einfluß besaßen, als die Frauen Roms.

Bereits in der hebräischen Bibel zeichnet sich eine geradezu perverse männliche Paranoia ab. Das fängt mit Eva an, die den armen Adam verführt und endet damit, daß Lot von seinen eigenen Töchtern vergewaltigt wird (Gen 19,30-38). Wirklich frauenfeindlich wird es aber erst im Buch Jesus Sirach. Bei Sirach wird die Frau als etwas zutiefst bedrohliches dargestellt, eine richtige Horrorgestalt. Eine schamlose Hure, die in ihrer unersättlichen Gier nur danach aus ist, den züchtigen jüdischen Mann zu verderben.

So wie ein durstiger Wanderer jedes Wasser trinkt, das er findet, wird sie sich vor jedem Pflock niedersetzen und für jeden Pfeil den Köcher öffnen. (Sir 26,12)

Noch heute werden in den Synagogen zum Schutz der frommen Männer die gemeingefährlichen Frauen hinter Gitter gesperrt. Herbert Haag und Katharina Elliger schreiben in ihrem Buch über „die Diskriminierung der Sexualität – ein Verrat an der Bibel“, daß noch um 400 v.Chr. die öffentliche Gesetzesvorlesung keine Trennung zwischen Männer und Frauen erkennen läßt (Neh 8). Am Ende des 1. Jahrhunderts sei die frauenfeindliche Tendenz jedoch schon fest fixiert (Stört nicht die Liebe, Olten und Freiburg 1986, S. 56).

Es ist auffallend, daß je rigider eine Religion wird, geistige Frauengestalten immer mehr in den Vordergrund treten. Himmlische Jungfrauen, an denen sich der männliche Mystiker guttun kann, während er die realen Frauen in seiner Umgebung á la Sirach in den Dreck zieht. Im späten Judentum war es Sophia, im spätmittelalterlichen Katholizismus Maria.

Über den letzteren Kult hat Reich in seiner Massenpsychologie des Faschismus folgendes zu sagen:

Der Marienkult wird zur Durchsetzung der Keuschheit mit großem Erfolg herangezogen. Wir müssen (…) nach dem psychologischen Mechanismus fragen, der diesen Absichten die Erfolge sichert. Es ist (…) ein Problem der dieser Beeinflussung unterworfenen Massen von Jugendlichen. Es geht dabei hauptsächlich um die Niederringung der genitalen Triebkräfte. Mobilisiert der Jesuskult die passivhomosexuellen Kräfte gegen die Genitalität, so der Marienkult wieder sexuelle Kräfte, diesmal aus der heterosexuellen Sphäre selbst. (…) Die Mutter Gottes übernimmt (…) im Gefühlsleben des christlichen Jugendlichen die Rolle seiner eigenen Mutter, und er wendet ihr die ganze Liebe zu, die er seinerzeit für seine Mutter hatte, die ganze starke Liebe seiner ersten genitalen Wünsche. Das Inzestverbot aber spaltete nun seine Genitalität in Orgasmussehnsucht und asexuelle Zärtlichkeit. Die Orgasmussehnsucht muß verdrängt werden und ihre Energie verschärft die zärtliche Strebung, gestaltet sie zu einer schwer lösbaren Bindung an das mystische Erlebnis. Sie geht mit heftiger Abwehr nicht nur des Inzestwunsches, sondern jeder natürlichen genitalen Beziehung zu einer Frau einher. Die ganze lebendige Kraft und große Liebe, die der gesunde junge Mann im orgastischen Erleben mit der Geliebten aufbringt, stützt beim mystischen Mann, nach der Verdrängung der genitalen Sinnlichkeit, den mystischen Marienkult. Aus diesen Quellen bezieht die Mystik Kräfte, die nicht zu unterschätzen sind, weil es unbefriedigte Kräfte sind. Sie machen die jahrtausendealte Macht der Mystik über die Menschen (…) verständlich.

Im Vergleich mit dem katholischen Marienkult ist es kein Zufall, daß der rein „männliche“ Protestantismus, der sich von Maria befreite, zumindest am Anfang sexualbejahender war. Reich wies 1927 auf den wohltuenden Einfluß hin, den die Aufhebung des Prinzips der Askese auf den Protestantismus ausgeübt habe: „er unterschied sich zumindest im Beginne vom Katholizismus durch seine Güte und Toleranz“ (Die Funktion des Orgasmus, S. 163). Es ist aber ebenfalls kein Zufall, daß mit dem Nachlassen dieses lebenspositiven Schwungs sich bald eine Sophien-Mystik entwickelte, die dem Marienkult nicht unähnlich war.

Als Preis für seine himmlischen Wonnen mußte Johann Georg Gichtel (1638-1710), ein Vertreter dieser protestantischen Sophien-Mystik, auf die irdische Eva verzichten. Dem Kirchenhistoriker Walter Nigg zufolge ist Gichtel dieser Verzicht auf die Ehe nicht leicht gefallen,

wenn ihm auch hierin ein stark entwickeltes Schamgefühl, das sich bis zur Blödigkeit steigerte, zu Hilfe gekommen ist. Es wurden ihm in seinem Leben mehrfach Heiratsanträge gemacht, merkwürdigerweise stets von außerordentlich begüterten Frauen, die sich mit ihm zu vermählen wünschten. Er war ein Mann, der gerade als geistige Persönlichkeit auf das weibliche Geschlecht eine sichtliche Anziehungskraft ausübte, und einmal scheint ihm auch ein Mädchen nicht ganz gleichgültig gewesen zu sein. Als es ihm seine Liebe gestand, wurde er beim Anhören der Mitteilung von einem Zähneklappern befallen und Fieber schüttelte ihn. Gichtel wußte sich nicht mehr zu helfen und flüchtete in seiner Not nach Hause, wo er in seinem Zimmer Sophia anflehte, ihm doch die Kraft zu verleihen, ihr nicht untreu zu werden. Ein anderes Mal sah er in einer Vision eine Hand, die seine Hand in die ihn beschäftigende Frauenhand legte, und eine helle Stimme sagte zu ihm: „Du mußt sie haben!“ Allein er durchschaute die Erscheinung als eine List des Teufels. Gichtels Benehmen deutet jedoch an, daß er gegenüber den weiblichen Reizen nicht unempfänglich war. Er wollte aber nicht wie Simson von einer Dalila überwältigt werden, weshalb er alle Einschmeichelungen standhaft von sich wies. dafür machte ihm viel später seine Haushälterin das Leben sauer, mit der er sich herumschlagen mußte und die zu entlassen er mit den Worten zurückwies: „Sollte ich mein Kreuz aus dem Haus jagen? Das sei ferne. Gott hat es mir gegeben; es ist mir heilsam, ich kenne meinen eigenen Feind in mir, welcher einen Gegensatz als diese ist, haben muß.“

So bleibt Sophia himmlisch und Eva eine eklige Horrorgestalt.

In Gichtels sophianischer Mystik finden wir die klarsten Belege für Reichs in der Massenpsychologie des Faschismus dargelegten These, daß sich hinter der religiösen Erregung, von der einfachsten Hingebung bis zur religiösen Ekstase, eine sexuelle Erregung verbirgt, Wohl versucht der religiöse Mensch durch Mystifizierung den sexuellen Charakter dieser Erregung zu negieren, aber das sexuelle Element bricht doch immer wieder hervor, wie neben Gichtel auch Jakob Böhme (1574-1624) und Gottfried Arnold (1666-1714) zeigen. So ist die religiöse Gefühlserregung gleichzeitig antisexuell und Sexualitätsersatz. Die Sehnsucht nach Gott entspricht der sexuellen Vorlusterregung, die nach orgastischer Auslösung ruft, welche man wiederum mit der Erlösung von der Sünde gleichsetzen kann. So wird die religiöse Ekstase zum Ersatz für das orgastische Erleben, auch wenn sie nicht zur Entspannung, sondern allenfalls zur neurasthenischen Ermattung führt, die man „Vergeistigung“ nennt. Wie Reich schreibt,

ist aus Behandlungen kranker Priester bekannt, daß am Höhepunkt religiös ekstatischer Zustände unwillkürliche Samenentleerung sehr häufig vorkommen. Die normale orgastische Befriedigung ist ersetzt durch einen allgemeinen körperlichen Erregungszustand, der das Genitale ausschließt und der gegen den Willen, wie zufällig, Teilentspannungen herbeiführt.

Für Gichtel sind Sophia und Christus in dem Sinne identisch, wie Christus identisch mit Gott war, aber doch ganz Mensch blieb. Die Beziehung zwischen den beiden Gestalten stellte sich Gichtel wie folgt vor: Als Adam wie ein Tier sich ein Weib zulegte, ist Sophia

von ihm gewichen und hat ihn fallen lassen, dadurch er dem Geist der Welt heimgefallen, und nun ein Tier aller Tiere ist worden, dem nun Jesus ist zur Hilfe gekommen. Also, so wir Jesum anziehen, so kriegen wir wieder unsere Jungfrau in ihm, die wir in Adam verloren, und empfangen zugleich die Kraft Jesu im inneren Menschen, den äußeren zu bändigen, und Gottes Willen zu tun.

Auch religionshistorisch läßt sich eine Verbindung zwischen Sophia und Christus ziehen. Sophia bildet nämlich sozusagen die konzeptionelle Brücke zwischen der Welt des Alten und des Neuen Testaments.

Für den tiefsinnigen Christen Alfons Rosenberg bedeutet christlicher Glaube „nicht ‘Glaube an etwas oder an jemanden’, sondern bis in die Tiefe Offensein für das Gegenüber (…) wie in einer Liebespartnerschaft. Glauben heißt, sich vereinigen“ (Jesus der Mensch, München 1987). Hier hat Rosenberg ungewollt den extrem sexuellen Charakter der Christusmystik des Evangeliums offengelegt, die nichts weiter als eine sexuelle Perversion ist. Dieses grobsexuelle Element ist darauf zurückzuführen, daß die Sophia in homosexueller Weise durch Christus ersetzt wurde.

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2 Antworten to “Sophia und Christus”

  1. David Says:

    Auch der Islam hat – in Fatima – eine solche Frauenfigur.

  2. Adept Says:

    Woytila hat die Marienmystik wieder aus der Versenkung geholt; derselbe Woytila hat als erster Papst auch den Koran geküßt.

    Die Versuche der Menschheit, diese klebrigen Bastarde loszukriegen, scheitern bislang kläglich.

    Dafür wird bekannt, daß der taz Gründer Liebhaber unreifer Mädchen war – wie übrigens auch Daniel Kohn-Bendit .

    Perversionen beginnen im Kopf und enden auch dort.

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