Der Rote Faden: Reich und die „Nazis“

Die diversen „Ehrenrettungen“ Reichs als „Antifaschist“ gehen mir unglaublich auf den Geist. Es gehört zu den Versuchen der Linken, Reich irgendwie nutzbar zu machen. Genauso wie die KPÖ/KPD Reich ihn für sich nutzen wollte. Und zweitens: manche Leute können einfach nicht genug kriegen von Hitler und Konsorten. Es bringt Bewegung in die erstarrten Glieder. An sich ist dieses ständige Aufgeilen am Hitlerismus nichts weiter als eine sexuelle Perversion. Was dahinter steckt, nämlich der verzweifelte Versuch die Falle der „Zivilisation“ zu verlassen, zeigt folgendes „Schema der kulturpolitischen Entwicklung“ nach Reich (Die sexuelle Revolution):

Das Konzept, das hinter diesem Schema steht, kann man sich gut anhand von Kurt Hiller (1885-1972) vergegenwärtigen. Hiller, Jude, schwul und „Schopenhauerscher Sozialist“, war dem Institut für Sexualwissenschaft von Magnus Hirschfeld eng verbunden. Wie so viele Homosexuelle hatte er quasi „Stirnerianische“ Anwandlungen. Beispielsweise lautete der ursprüngliche Titel seiner juristische Dissertation Das Recht über sich selbst. Es ging darum, daß das Strafrecht die Selbstbestimmung des Menschen stärker berücksichtigen müsse. Er begeisterte sich für die russische Revolution (ab 1927 warb der SPD-Anhänger sogar für die KPD) und für Mussolini.

Mussolini, man sehe sich ihn an, ist kein Kaffer, kein Mucker, kein Sauertopf, wie die Prominenten der linksbürgerlichen und bürgerlich-sozialistischen Parteien Frankreichs und Deutschlands und anderer Länder des Kontinents es in der Mehrzahl der Fälle sind; er hat Kultur. (…) Wenn ich mich genau prüfe, ist mir Mussolini, dessen Politik ich weder als Deutscher noch als Pazifist noch als Sozialist ihrem Inhalt nach billigen kann, als formaler Typus des Staatsmannes deshalb so sympathisch, weil er das Gegenteil eines Verdrängers ist. Ein weltfroh-eleganter Energiekerl, Sportskerl, Mordskerl, Renaissancekerl, intellektuell, doch mit gemäßigt-reaktionären Inhalten, ist mir lieber, ich leugne es nicht, als ein gemäßigt-linker Leichenbitter, der im Endeffekt auch nichts hervorbringt, was den Mächten der Beharrung irgend Abbruch tut.

In seinem Beitrag „Linke Leute von rechts“ über Nationalrevolutionäre wie Karl Otto Paetel und Otto Strasser fragte Hiller 1932:

„Links“, „rechts“ – diese Unterscheidung wird täglich dümmer. Wer kommt noch mit ihr aus? […] Wer taugt mehr, ein kommunistischer Nichtdenker oder ein nationalistischer Selbstdenker?

An Otto Strasser erinnert sich Reich in Die Massenpsychologie des Faschismus:

In manchen deutschen Versammlungen pflegten um 1930 kluge, ehrlich gesinnte, wenn auch nationalistisch und metaphysisch denkende Revolutionäre wie etwa Otto Strasser den Marxisten entgegenzuhalten: „(…) Euer Grundfehler ist, daß ihr die Seele und den Geist leugnet oder verlacht und ihn, der alles bewegt, nicht begreift.“ (Fischer TB, S. 28)

Dieses Argument konnte man, Reich zufolge, nur dadurch entkräften, indem man den sexuellen Charakter dieses „Grundbewegers“ offenlegte (vgl. ebd. S. 139). Siehe dazu das obige „Schema“!

Karl Otto Paetel (1906-1975) war einer der führenden Köpfe der nationalbolschewistischen Bewegung mit Kontakten zu Ernst Jünger, dem linken Flügel der SA, den Strasser-Brüdern, Ernst Niekisch, etc. 1930 hatte Paetel die „Gruppe Sozialrevolutionärer Nationalisten“ (GSRN) gegründet. 1933-34 wurde er verschiedene Male verhaftet und flüchtete 1935 zunächst nach Prag, dann nach Kopenhagen, wo er vom 31. Juli bis 7. Okt. 1935 blieb:

Drei Monate verbrachte ich, ohne mich bei der Polizei zu melden, in Kopenhagen. Ich habe von dort nicht nur Tivoli und die vielen Radfahrer in Erinnerung, sondern auch eine Zeit äußerster Armseligkeit. Ich wohnte im Büro von Wilhelm Reich – ohne ihn selber je kennenzulernen –, wo mich ein Bekannter aus Berlin, der das Büro von „Sexpol“ verwaltete, untergebracht hatte. Auf einer Matratze auf dem Fußboden las ich damals zum ersten Mal Hamsun. (…) Ich hatte ursprünglich die Absicht gehabt, Kopenhagen nur als Durchgangsort zu benutzen, um nach Schweden zu gelangen, wo ich Freunde hatte. Aber mein „Wirt“, der mich inzwischen als Haussklaven fürs Reinemachen benutzte, damit ich die kärgliche Leberpastete abverdiente, wußte meine Abreise immer wieder hinauszuzögern. Nach vielem Hin und Her gelang es mir einen dänischen Anhänger der Sexuallehre von Reich, einen Psychiater, aufzutreiben, der sich bereit erklärte mich ohne Papiere nach Schweden einzuschleusen. (Karl O. Paetel: Reise ohne Uhrzeit. Autobiographie, Worms 1982, S. 213)

Es gab zu dieser Zeit wie selbstverständlich Kontakte zum linken Flügel des nationalsozialistischen Lagers.

Bruno Kreisky, von 1970 bis 1983 Bundeskanzler von Österreich, wurde einmal gefragt, wie er als Jude und Widerstandskämpfer denn mit all den alten Nazis in seinem Kabinett zusammenarbeiten könne. Seine Antwort, sinngemäß: Wir haben doch schon in den gleichen Gefängniszellen gesessen! Er sprach von der Zeit unter dem klerikal-faschistischen Dollfuß-Regime 1934 bis 1938 als Sozialisten und Nationalsozialisten dem gleichen Verfolgungsdruck ausgesetzt waren und größtenteils den gleichen „Idealen“ huldigten, insbesondere die Vereinigung mit Deutschland.

Es hat etwas Tragikomisches an sich, wenn Nachgeborene Männern wie Kreisky (oder gar Reich) Lektionen über „Antifaschismus“ erteilen wollen. Beispielsweise verstieg sich Helmut Dahmer zu der Aussage, Reich habe „die ‚subjektiv-revolutionäre‘ Verfassung der Nazi-Gefolgsleute (die Trotzki als ‚menschlichen Staub‘ apostrophierte) und die plebejisch-antikapitalistischen Elemente der faschistischen Propaganda und Politik überpointiert“ (Helmut Dahmer: Libido und Gesellschaft, Frankfurt a.M. 1973, S. 407). Dazu zitiert er Menschen im Staat:

Dabei leistet der Faschismus, ohne es zu wollen, der Weiterentwicklung unschätzbare Dienste weit über sein Ende hinaus. Er zerstörte demokratische Illusionen, weckte die vegetative Lebenssehnsucht, entband die Jugend, vernichtete die Ausbeuter der sexuellen Misere. (Stroemfeld/Nexus, S. 181)

Dahmer hätte auch auf eine Rezension von Karl Motesiczky einer dämonisierenden Hitler-Biographie verweisen können. Motesiczky:

Überflüssig zu sagen, daß eine solche Betrachtungsweise natürlich jeden Weg verbaut, die positiven, fortschrittlichen Momente im Nationalsozialismus zu sehen, die für große Teile der Jugend gerade im Kampf gegen die christliche Moral gegeben sind.

Ein Teil dieses „Positiven“ und „Fortschrittlichen“ erschließt sich uns, wenn wir die Arbeit des jüdischen Rechtsanwalts und Rechtsphilosophen Otto Mainzer (1903-1995) betrachten. Sein „erotisches Manifest“ Die sexuelle Zwangswirtschaft (Feldafing 1981) hatte Mainzer 1937 Reich zur Veröffentlichung unterbreitet. Es kam aus rein technischen Gründen nicht zur Veröffentlichung des Manuskripts, das ursprünglich den Titel Die Eroberung des Geschlechts trug.

Mainzers Ideen kamen nicht von Reich, hatten aber teilweise ihre Grundlage in dessen Vorarbeiten. Mainzer sieht sich selbst als verwandten Geist, nur grundsätzlicher auf Selbstbefreiung gerichtet und, im Unterschied zum Spezialisten Reich, philosophisch ausgreifender. Reich wird nur ein einziges Mal erwähnt bei der Auseinandersetzung mit dem Masochismus, aber große Teile des Werks sind mit Reich verknüpft.

Mainzer vertritt die Utopie einer „eugenischen Ordnung“ der Gesellschaft. Es gäbe nur eine einzige „soziale Frage“: der Entschluß zur Zeugung und sein Hintergrund. Über dem Gebot „Du sollst nicht töten!“ stehe „Du sollst nicht unbefugt das Leben geben!“ Mainzer zufolge sollten sich nur die fortpflanzen, die aus eigener Kraft einen Partner finden. Keine Machtstellung, kein Geld, kein Ehevertrag, etc. sollten hier eingreifen. Bei Befolgung würden nur die intelligenten und körperlich wohlgeratenen ihr Erbgut weitergeben. Ausschließlich die erotische Anziehung solle die Zukunft der Menschheit bestimmen, schreibt Mainzer. Reich war begeistert von Mainzers Arbeit. Reich selbst stimmte teilweise mit den deutschen Gesetzen zur Eugenik überein. Als Sozialist müsse man die Tendenz unterstützen, daß die Wissenschaft die Fortpflanzung bestimmt.

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12 Antworten to “Der Rote Faden: Reich und die „Nazis“”

  1. Robert (Berlin) Says:

    Deswegen auch der irrsinnige Hass auf Sarrazin, der sich Gedanken über Genetik und Intelligenz gemacht hat. Für die linken „Antifaschisten“ soll es soviel Inzucht und künstliche Auslese Richtung Verblödung geben wie nur möglich.

  2. O. Says:

    … Dann wäre die freie und selbstbestimmte Partnerwahl der „Wissenschaft“ geopfert und die Liebe hätte (auch wieder) keine Chance, so wie der Gutsherr, der bestimmt, welcher Knecht welche Magd ehelichen dürfe oder der Vater, der den Schwiegersohn für die Tochter aussucht, was wir ja in der muslimischen Welt noch so als Brauch haben. … „Schöne neue Welt“ – da war es doch ähnlich. Retortenkinder (ohne energetischen Zeugungskontakt), ausgesucht nach deren Erbmaterial.

  3. O. Says:

    Was soll die Genetik hervorbringen?
    Resistente und somatisch gesunde „Körper“? – Oder das Konstrukt, von dem wir glauben, jemand sei intelligent?
    Demnach wäre Intelligenz vererbbar??? Darüber ließe sich trefflich philosophieren und, weiß Gott, streiten.

    Mit der Intelligenz verhält es sich so, dass das gemessene IQ-Kontrukt (meist sprach- und kulturgebunden, sowie altersgebunden) eine Varianz um den Mittelwert 100 für die meisten Menschen misst (so ist der Test angelegt). Wer zwei Standardabweichungen drunter oder drüber liegt, bekommt einen auffallenden Wert, der klinisch interessant werden könnte, da er aus dem Rahmen fällt. Nun mag man sich freuen, wenn ein Kind einen höheren IQ nach HAWIK hat als 130, doch was sagt diese Intelligenz für die soziale Realität aus?
    Das Kind ist „überbegabt“ (hochbegabt) und wird Probleme bekommen, die nur mit Soziapädagogik auszugleichen wären. Die wenigsten finden eine Nische, in der sie mit ihren einseitgien Fähigkeiten etwas anfangen können. Die meisten werden scheitern. Die Hochbegabung wird zur „quasi-geistigen Behinderung“, wie für jemanden der unter 70 IQ-Punkten liegt. Was nützt also das Geschwafel von der Intelligenz? Jeder normal Begabte hat die Möglichkeit sich besser zu entwickeln und dies hängt von sozialen und finanziellen Mitteln ab.
    Hätte Hr. Sarrazin einen Bachelor in Psychologie und hätte die Vorlesung in Differenzielle Psychologie besucht, müssten die Leser nicht solch Laienwissen sich anhören, behaupte ich mal. Ebenso wird es sich mit seinen Genetikkenntnissen verhalten. Aber als Politiker reicht es ja meist nur fürs Jurastudium und dies behaupte ich mit Nichtwissen, wie es Juristen zu tun pflegen.

  4. O. Says:

    Wer sich zum Thema Intelligenz noch mal „intelligent“ machen will, dem sei diese Seite empfohlen:

    http://www.stangl-taller.at/TESTEXPERIMENT/testintelligenzwasistdas.html

    Über Genetik steht da auch so manch amüsantes.

  5. Robert (Berlin) Says:

    Ich habe mich schon als Jugendlicher mit der Kritik der IQ-Messung beschäftigt. Das Problem ist, die Literatur ist leider ideologische Pseudo-Wissenschaft. Während im Physischen jederman akzeptiert, dass es unterschiede gibt, soll es im geistigen nicht gelten. Klar ist es schwieriger, Intelligenz statt Renngeschwindigkeit zu messen, ohne Frage. Doch es funktioniert, sogar weltweit.. Man kann Japaner mit Afrikaner vergleichen usw. Die Unterschiede von Völkern, Rassen und Individuen anzuerkennen, heißt nicht automatisch, sie in schlecht oder gut einzuteilen.

    • Peter Nasselstein Says:

      Leute, die die „Gleichheit aller Menschen“ propagieren, vermeinen mehr Humanität zu verbreiten. In Wirklichkeit verbreiten sie Terror. Man denke nur an all die armen durchschnittlich, vielleicht sogar unterdurchschnittlich intelligenten Kinder, die von ehrgeizigen Eltern durchs Gymnasium gepeitscht werden. Früher hatte jedes Unterschichtkind normale Rechtschreib- und Rechenkenntnisse. Heute, wo wirklich alle Kinder mit hochwissenschaftlichen Methoden unterrichtet werden, bleiben die weniger intelligenten Kinder auf der Strecke und lernen gar nichts. Beispielsweise macht aus abstrakt mathematischer Sicht es wirklich Sinn mit der Mengentheorie anzufangen (weil die Menge fundamentaler ist als die Zahl) – mit der aber leider kein Mensch etwas anfangen kann, der nicht Mathematik studieren will.

      Diese Gleichmache sind zutiefst inhuman. Es geht eh nur darum, daß SIE (die Gleichmacher) sich gut fühlen. „Ich bin kein Rassist!“

  6. Zur Islam-Konferenz « Nachrichtenbrief Says:

    […] Ich verweise in diesem Zusammenhang auch auf Otto Mainzers „orgonomische“ Eugenik. Siehe dazu Der Rote Faden: Reich und die „Nazis“. […]

  7. Zuchtprogramme im Menschentierzoo | Nachrichtenbrief Says:

    […] Zu Reichs Zeiten, d.h. in der autoritären Gesellschaft von vor 80 Jahren, war Wissen um Empfängnis und mögliche Empfängnisverhütung in weiten Kreisen der Bevölkerung nur marginal vorhanden. Und selbst wenn: Empfängnisverhütungsmittel waren teuer und schwer zu beschaffen. Für junge Menschen sogar so gut wie unerschwinglich und unerreichbar. Teilweise wurde ihr Vertrieb, wenn nicht sogar die bloße Werbung für sie, als „Anstiftung zur Unmoral“ hart bestraft. Ein erfülltes Sexualleben war so gut wie ausgeschlossen und reihenweise kamen Kinder auf die Welt, die nur mit Haß und Verachtung behandelt wurden, – weil sie aus einem Akt hervorgegangen waren, der von diesen Gefühlen bestimmt gewesen war. Am Horizont zeichnete sich eine eugenische Katastrophe ab. Siehe dazu die Überlegungen des Sozialisten Otto Mainzer. […]

  8. claus Says:

    “ […] manche Leute können einfach nicht genug kriegen von Hitler und Konsorten. Es bringt Bewegung in die erstarrten Glieder.“
    Er ist das einzige, was alle Hauptschüler von deutscher Geschichte kennen. Und viele (alte Linke) behaupten immer noch, man laufe Gefahr, den NS nicht ausreichend zu behandeln. Was ja stimmt: Es fehlt Kontext – also Geschichte vor dem NS.

  9. claus Says:

    Sehe gerade: „Neuheidentum“ auf dem mittleren Strang. Nee, das ist ähnlich wie Schuler, Wolfskehl, … eher schon etwas, das den NS auf einem Seitenstrang vorbereitet. Es ist einfach zu ästhetisch, träumerisch, versponnen. Man denke auch an Georges Maximin-Kult, der sicher sehr verwandt damit ist, und auch an den theosophischen Runenforscher, dessen Name mir nicht einfällt, …

  10. Peter Nasselstein Says:

    Akif Pirincci und das faschistische Merkel-Regime: http://www.pi-news.net/2015/11/p489523/

  11. Peter Nasselstein Says:

    Ja, die hege Bunte Republik ist eine Wiedergängerin des Dritten Reiches! Helldeutschland ist ein Terrorstaat, der quasi offiziell Mordaufrufe ausgibt!

    http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/helldeutsche_wirklichkeit_hass_hetze_brand

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