Marx und die Orgonbiophysik (Teil 2)

Marx’ Arbeitsbegriff ist geradezu auf die Zerstörung der Biologie gerichtet. Für Hegel bedeutet Arbeit den Vollzug der Negation der Negation der Idee, d.h. die Konstituierung des nun nicht mehr nur subjektiven, sondern absoluten Geistes durch die Aufhebung seiner Negation: der objektiven Natur. Es entspringt einer primitiven Marxistischen Fehlinterpretation der Hegelschen Philosophie, wenn man dies ausschließlich als Arbeit der Gedanken faßt, sondern es ist durchaus auch materielle Arbeit gemeint, wenn auch „die Erfahrung, die das Bewußtsein hier macht, (…) die von der Geistigkeit aller Handarbeit“ ist (Hans-Georg Gadamer: Hegels Dialektik, Tübingen 1980).

Obwohl bei Hegel der Mensch durch seine Tätigkeit die Natur „negiert“, wird das immerhin durch Hegels Monismus abgeschwächt, demzufolge die Natur letztendlich „entäußerter Geist“ ist. Bei Marx, der Hegel angeblich vom Kopf auf die Füße gestellt hat, fehlt diese untergründige Einheit von Mensch und Natur vollständig. Was bleibt, ist der vollkommen entwurzelte Mensch als Zerstörer der Natur. So betrachtet wirkt der Marxismus wie der sado-masochistische Alptraum eines restlos entfremdeten Nihilisten.

Für Bernd Guggenberg (Weltflucht und Geschichtsgläubigkeit, Mainz 1974) unterscheiden sich die Dialektiken von Hegel und Marx darin, daß bei Hegel dem Willen zur Synthese die Lösung unmittelbar vorliegt, während bei Marx sich der antithetische Wille „erst ihre Möglichkeit und Bedingung erkämpfen (muß), indem er sich dem Universum des Bestehenden entgegengestellt.“ (Man denke in diesem Zusammenhang an Reichs „Funktionalismus“ – der so vollkommen anders als Marx‘ zerstörerische Dialektik geartet ist!) Selbst, bzw. gerade, das angeblich „humanistische“ Aufbegehren gegen den angeblich „unmenschlichen“ Kapitalismus gehört hierher, denn für Marx ist der ausbeuterische Kapitalismus „Natur“, nichts als Natur. Für ihn ist die (im Kapitalismus kulminierende) Natur der Feind, der revolutionär überwunden werden muß. Oder anders (und geistesgeschichtlich korrekt) formuliert: für Marx sind Arbeit und Zerstörung Synonyme. Marxismus ist Emotionelle Pest in Reinform.

Die Arbeit ist bei Marx nicht nur antibiologisch und zerstörerisch angelegt, sie wird auch abgewertet auf das Niveau reiner Maschinentätigkeit. Ausgerechnet diesen Aspekt nimmt Reich jedoch in Schutz, wenn er 1945 schreibt:

Ich hatte eine hohe Meinung von Karl Marx als einem Wirtschaftstheoretiker des 19. Jahrhunderts. Heute jedoch betrachte ich seine Theorie als weit überholt durch die Entdeckung der kosmischen Lebensenergie. Ich glaube, daß von der Marxschen Theorie nur der lebendige Charakter der menschlichen Produktivkraft bestehen bleiben wird. (Menschen im Staat, Stroemfeld 1995, S. 20).

Damit meint Reich die Marxsche Arbeits- und Mehrwerttheorie, wie er sie auf den Seiten 65 bis 69 in Menschen im Staat referiert:

    Arbeitswerttheorie:

  1. Der Wert einer Ware wird bestimmt durch die menschliche Arbeitskraft, die in ihr verausgabt wurde.
  2. Diese wird in durchschnittlicher gesellschaftlicher Arbeitszeit gemessen.
  3. Mehrwerttheorie:

  4. Tauschwert und Gebrauchswert sind bei allen toten Waren identisch, während der Gebrauchswert der lebendigen „Ware Arbeitskraft“ höher ist als ihr Tauschwert.
  5. Die in durchschnittlicher gesellschaftlicher Arbeitszeit gemessene Differenz fällt dem Kapitalisten zu, der dergestalt das Lebendige aussaugt.

Hegel hatte seine dialektische Methode entwickelt, um das starre, atomistische, mechanistische Denken zu überwinden und um die Welt als Komplex, als Ganzheit erfassen zu können. Und wie fängt der famose „Dialektiker“ Marx sein Kapital an? Mit folgendem Satz:

Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine „ungeheure Warensammlung“ (Marx 1859), die einzelne Ware als seine Elementarform. Unsere Untersuchung beginnt daher mit der Analyse der Ware.

Von hier aus versucht er dann baukastenartig sein System aufzubauen, was ihm natürlich nicht gelingen konnte. So ist sein Buch zwangsläufig ein unvollendetes Werk geblieben, das erst dann vollendet werden kann, wenn man die Gesellschaft so primitiv reorganisiert hat, daß sie in Marxschen Begriffen faßbar wird.

Es ist einer der Grundfehler der Mechanisten, gegen den Hegel angegangen ist, daß sie glauben, man könne einen Komplex verstehen, wenn man seine atomistische „Elementarform“ untersucht. Deshalb stand Marx in einer fundamental anderen Denktradition als Reich, nämlich in der der „Geometrisierung des Menschen“, vor der bereits LaMettrie zu Hochzeiten der sogenannten „Aufklärung“ gewarnt hatte (Ursula Pia Jauch: Jenseits der Maschine, München: Hanser, 1998). Diese Linie läßt sich bis zu Henri Bergson führen, dessen Philosophie maßgebenden Einfluß auf den jungen Reich hatte. Bergson wandte sich gegen die mechanistische „Vermessung“ des Menschen, gegen seine Einengung zur Maschine, gegen das, was man als „Entqualifizierung“ bezeichnen könnte. Für den Mechanisten zählt z.B. nur noch die Zeitspanne (Quantität), in der man eine Arbeit verrichtet und nicht mehr, wie man sie verrichtet (Qualität).

Wenn Reich also speziell auf den lebendigen Charakter der Arbeit abhebt, kann er sich nicht auf Marx‘ Arbeitswertlehre berufen, denn wie kann man sinnvoll von lebendiger menschentierlicher Arbeit sprechen, wenn man die Arbeit maschinenhaft auf die reine Quantität der verflossenen Zeit reduziert – wenn man nur von „abstrakter Arbeit“ spricht, wie es Marx mechanisierend und vermeintlich „verwissenschaftlichend“ explizit tut?! Dieses Kernstück der Marxistischen Ökonomie, die Mechanisierung, Quantifizierung, „Geometrisierung“ des Menschen, ist unvereinbar mit dem „Bergsonianismus“ Reichs!

Deshalb irrte sich Reich auch, als er schrieb:

Man wundert sich immer wieder über das sklavische Festhalten des Menschen an Schlagworte, wenn er etwas Neuem gegenübersteht. Zum Beispiel wird Wilhelm Reich als „Marxist“ bezeichnet, trotz seiner diversen veröffentlichten Stellungnahmen. (…) Wenn Wilhelm Reich ein „Marxist“ ist, ist er auch ein „Bergsonianer“. (N.N.: „The Position of Sex-Economy, A Clarification“,International Journal of Sex-economy and Orgone Research, Vol. 4, S. 213)

Das eine schließt das andere aus!

Wenn Reich in seinem Artikel über die Marxsche Arbeitswerttheorie Arbeit und Sexualität als oszillierende Funktionen nebeneinander stellt und beide auf die biologische Energie zurückführt (Menschen im Staat, S. 82), wird dies besonders deutlich. Man versuche nur den folgenden Satz von Marx auf die Sexualität zu übertragen:

Komplizierte Arbeit gilt nur als potenzierte, oder vielmehr multiplizierte einfache Arbeit, so daß ein kleines Quantum komplizierter Arbeit gleich einem größeren Quantum einfacher Arbeit.

Was ist das anderes als der lebenstötende mechanistische Ansatz von Sexualforschern wie etwa Masters und Johnson, wenn diese etwa den menschlichen Orgasmus zu erfassen versuchen?!

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4 Antworten to “Marx und die Orgonbiophysik (Teil 2)”

  1. Robert (Berlin) Says:

    Ist es nicht spannend, dass sich in früheren Jahrzehnten zehntausende junge Menschen in Deutschland mit Ökonomie und Volkswirtschaft beschäftigten, weil es Karl Marx getan hat. Normalerweise hätten sie sich niemals mit solchem abstrakten Zeugs rumgeschlagen! Aber Marx galt als Ikone und Alleswisser, der die letzten Rätsel der Geschichte entschlüsselt hat. Die Beschäftigung mit Marx und dem Auswendiglernen seiner Lehren hatte auch etwas mit neurotischer Selbsterhöhung zu tun, dem Wichtigtun vor anderen.
    Auch ich gehörte zu den Marx-Jüngern in den Siebzigern und erlebte, wie sich junge Menschen durch sterbenslangweilige Texte quälten, während sie besser etwas sinnvolleres getan hätten.

    • Peter Nasselstein Says:

      Inzwischen sind die ehemaligen Bürger der „DDR“ hinzugetreten, die immer irgendwie Marx ins Spiel bringen, wenn es eine Ungerechtigkeit in der Gesellschaft gibt – auch wenn beim allerbesten Willen keine Verbindung zu Marx’s „politökonomischen Analysen“ zu finden ist. Etwa heute ein Leserkommentar in der BILD zu „Versinkt auch Frankreich im Schulden-Strudel“:

      Als älterer „Ossi“ dachte ich spontan an Karl Marx! Wenn alle im Schuldenstrudel versinken und einen Rettungsschirm brauchen, stellt sich die Frage, wer den Rettungsschirm finanziert – wenn doch alle versunken sind.

      Und das von einem „DDR-Bürger“, dessen Staat schlicht bankrott gegangen ist! Aber wieviele der BILD-Leser werden sich sagen: „Ja, tatsächlich, an Marx muß was dran sein!“ Einfach nur AAAAAAAARRRRGGGGGGGGGGGGGHHHHHHHHHHHHHHHHHHH!

  2. Hegel und der Orgonomische Funktionalismus (Teil 3) « Nachrichtenbrief Says:

    […] Er hat die Rolle des Gemeinsamen Funktionsprinzips (CFP) erfaßt. Zunächst als Funktion („das einfache Sein“), aus dem die Differenz und damit „das Dasein“ hervorgeht. Und dann, sozusagen in der „spekulativen Schau“, hat er diese einheitliche Funktion als Prinzip erkannt, in dem die spätere Entwicklung bereits enthalten ist. Das ganze dachte er als eine Entwicklung im Dreischritt, weil er im abstrakten Denken gefangen war, wobei er jedoch ansatzweise die funktionelle Entwicklung „außerhalb der Ebenen“ erfaßt hat. Das bezeichnet man heute als „Hegelsche Dialektik“, die über den Umweg des Dialektischen Materialismus (Marx, Engels und Lenin) zu Reich gelangte. […]

  3. Nachtrag zu Orgonometrie (Teil 2): Kapitel 3.e.: Die Marxsche Arbeitswertlehre als Emotionelle Pest (Teil 1) | Nachrichtenbrief Says:

    […] Wie bereits ausgeführt geht die Arbeitswerttheorie davon aus, daß der Wert einer Ware durch die menschliche Arbeitskraft bestimmt wird, die in ihr verausgabt wurde. Die Arbeitskraft wird in durchschnittlicher gesellschaftlicher Arbeitszeit gemessen. „Wert“ ist demnach „geronnene“ menschliche Arbeitskraft, sozusagen zu Materie gewordene „Arbeitsenergie“, die sich verselbstständigt und sich schließlich in Gestalt der kapitalistischen Ausbeutung gegen ihren eigenen Ursprung wendet, den lebendigen Menschen. Es ist nur allzu offensichtsichtlich, warum Reich von diesem Gedankengebäude so fasziniert war! […]

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