Sebastian Franck

Sebastian Franck (1499-1543) war zunächst katholischer Geistlicher, der unter dem Einfluß Luthers mit dem Katholizismus brach und ein protestantisches Pfarramt übernahm. Bald merkte er, daß seine Predigerei keine Früchte trug. Die Körner fielen auf unfruchtbaren Boden. So folgte er Jesu Mahnung und hörte auf, Perlen vor die Schweine zu werfen. In radikaler Nachfolge Christi gab er seine sichere geistige und materielle Existenzgrundlage auf, löste sich von seiner Kirche und schlug sich bis zu seinem frühen Tode als Seifensieder durch.

Franck wurde so in jeder Beziehung zum von allen verachteten Paria.

Das ist der einzige Weg zum Leben, das ist Christus, das ist aller Philosophen Philosophie, aller Christen Christentum, daß wir mit der Welt und vielen der Menschen nicht halten, den weiten, wohlgebahnten Weg nicht gehen, die gemeine Straße, wie auch Pythagoras lehrt, nicht laufen, sondern gesinnt seien wie wenige, es mit dem kleinen Haufen und Auswurf der Welt halten, deren Sterben ein Leben und deren Unfried Fried ist mit Christo in Gott.

Die Vertreter aller Glaubensfraktionen verfolgten ihn mit unbändigem Haß und selbst der Humanist Erasmus von Rotterdam betrieb z.B. Francks Ausweisung aus Straßburg. Buchstäblich „hat der Menschensohn nicht, wo er sein Haupt hinlege.“ In wirklich jeder Beziehung wurde Franck heimatlos. Sein Reich war nicht von dieser Welt:

Es sind in unseren Zeiten drei fürnehmliche Glauben aufgestanden, die großen Anhang haben, als Lutherisch, Zwinglisch, Täuferisch, der vierte ist schon auf der Bahn, daß man alle äußerlich Predigt, Zeremonie, Sakrament, Bann, Beruf als unnötig will aus dem Wege räumen und glatt ein unsichtbar geistlich Kirchen in Ewigkeit des Geistes und Glaubens versammelt unter allen Völkern und allein durchs ewig unsichtbare Wort von Gott ohn einig äußerlich Mittel regiert, will anrichten.

So betrieb Franck die „Reformation der Reformation“, genauso wie später Stirner die „Aufklärung der Aufklärung“ betreiben sollte. Luther hatte sich zwar vom „Papismus“ losgesagt, nun warf aber Franck den Lutheranern vor, bei ihnen sei die Bibel zum papierenen Papst“ geworden. Der rigiden Rechtgläubigkeit hielt Franck die Freiheit des Heiligen Geistes entgegen, wobei er wie ein neuer Joachim von Fiore klingt:

Sobald man das Christentum in Regeln und in ein vorgeschriebenes Gesetz und Ordnung will einfassen, so hört es auf, ein Christentum zu sein. Niemand will verstehen, daß die Christen dem Heiligen Geist überliefert sind und daß das Neue Testament kein Buch, Lehre und Gesetz ist, sondern der Heilige Geist. Wo nun der Geist Gotte ist, da muß Freiheit sein, Moses schweigen, alle Gesetze weichen und niemand so kühn sein, der dem Heiligen Geist Gesetz, Regel, Ordnung, Ziel und Maß vorschreib, die Seinen zu lehren, regieren und führen.

Demgemäß sah er in den freien Geistern des Christentums, den Ketzern, die einzigen wirklichen Christen.

Vor der Welt sind nie Gott, Christus, Gottesvolk, Christen etc. solche gewesen, die vor Gott dafür in der Wahrheit sind, sondern Antichristen, Teufel, Ketzer, Teufelsvolk.

Wie kein anderer dachte Franck hier jesuanisch: Die Letzten werden die Ersten sein. Die, die vom Menschen verworfen wurden, werden von Gott erhoben werden. Die Ketzer der Christenheit sind die Brüder und Schwestern Jesu, die Heiligen Gottes.

Die größte Frommheit oder Gerechtigkeit ist oft die höchste Unbilligkeit und wiederum ist die größte Ketzerei, Torheit und Sünde die größte Frommheit, Gottseligkeit, Weisheit und Gerechtigkeit.

Franck ging mit 1 Kor 3,19 davon aus, daß das, was in den Augen der Welt in Ordnung ist, Torheit bei Gott ist, und umgekehrt. Aus diesem antithetischen Verhältnis zog Franck eine zutiefst menschenfreundliche, im wahrsten Sinne des Wortes befreiende Konsequenz. Wie Jesus in der Bergpredigt stellt sich Franck auf die Seite der Armen, Unterdrückten und Schwachen. Gott ist nicht der ferne unerreichbare Herr, sondern das, worauf die Welt voll Verachtung hinabblickt.

Alle Dinge verhalten sich anders in der Wahrheit, als es von außen anzusehen ist nach dem Schein. Gott hält immerzu in allen Dingen Widerpart und verteilt das Widerspiel. Darum: wie die Welt ein Ding hält, nennet, glaubet, redet usw., so ergreife du das Widerspiel und das Gegenurteil, so hast du Gottes Wort, Weisheit und Willen ergriffen.

Gott ist zwar der „ganz andere“ Widerpart der Welt, aber Franck läßt ihn nicht à la Karl Barth zu einem kosmischen Hitler verkommen, dem sich kein irdischer Hitler entgegenstellen darf.

Genauso wie schon Eriugena gegen die Prädistinationslehre von Augustin aufgetreten war, verwarf nun Franck die noch verschärfte, selbstgerechte Prädistinationslehre der Reformatoren. Das gleiche galt für die Rechtfertigung durch bloßen Glauben. Ihm war ein sich in Worten und Predigerei erschöpfendes Christentum ein Greuel: „Vor uns waren Werkheilige (…) jetzt sind sie Wortheilige und Maulchristen.“ Das bloße Bekenntnis zu Christus galt ihm gar nichts. Er wollte „in Christus und nicht an Christus glauben“, denn Christus sei „in uns und nicht außer uns.“

Diese Loslösung von jeder Äußerlichkeit machte es Franck möglich, ein universelles Christentum zu vertreten. So konnte er auch die Heiden „Plato, Plotinos, Hermes und andere erlauchte Philosophen“ zum Reich Christi zählen. Nun konnte es sich auch auf andere Religionen erstrecken. Wichtig waren weder äußerliche Riten und Organisationen, noch das Wort der Bibel, sondern einzig das „innere Wort“ in jedem einzelnen Menschen. Nicht der geschichtliche Heiland des Christentums war wichtig, sondern einzig der „innere Christus“. Dieser innere Christus habe unabhängig von der Heilsgeschichte zu allen Zeiten gewirkt. So wird selbst die Bedeutung des Opfertodes Christi als rein äußere Vorstellung relativiert.

Wie bei den Amalrikanern verband sich bei Franck Christusmystik paulinischer Prägung mit einer pantheistischen Grundhaltung, die nicht nach dem äußeren „Gott“ schaut, sondern den inneren Gott in allen Dingen erspürt:

Der Vogel singt und fliegt eigentlich nicht, sondern er wird gesungen und in den Lüften dahergetragen. Gott ist es, der in ihm singt, lebt, webt und fliegt. Er ist aller Wesen Wesen, also daß aller Kreaturen seiner voll sind, sie tun und sind nichts anderes, als sie Gott heißt und will.

Alles Ding ist ein leeres Stroh und ein lautes Nichts, wenn man das Wesen Gottes nicht darin ergreift, besitzt und hat. Er ist des Eines, Weibes, Mannes, Kindes, Geldes Reichtum und aller Kreaturen Wesen, Seele, Kraft und Nachdruck.

Gott ist die Natur, deshalb alle Natur von Natur gut und aus Gott ist.

Dieser „amalrikanischen“ Weltheiligung entspricht bei Franck auch die „amalrikanische“ Heiligung des Selbst:

So sind wir also Gottes fähig, wir sind göttlicher Art, das Licht ist in der Laterne unseres Herzens angezündet und der Schatz liegt schon in den Äckern. Ja, wer nur in sich selbst einkehrte und diesen Schatz suchte, der würde ihn gar nicht jenseits des Meeres finden, noch im Himmel suchen dürfen. Sondern in uns ist das Wort, das Bild Gottes.

„Amalrikanisch“ ist auch, wie bei Franck „Mystik“ rationalistische Züge annimmt. Er übt Kritik an der wörtlichen Interpretation der Bibel. Er mißt die Aussagen der Bibel am Maß der Vernunft. Das gleiche macht er mit jedem Gesetz und jedem Gebot. Und zusammen mit den radikalen Täufern und den Brüdern und Schwestern des freien Geistes vertritt er die Meinung, daß der Christ eh keine Gesetze braucht. Aber nicht nur das angebliche „Wort Gottes“, sondern Gott selbst wird relativiert. Von einem „objektiven“ äußeren Herrn wird Gott zu einer rein subjektiven Gegebenheit:

Gott ist also den Verkehrten verkehrt, dem Stolzen stolz, dem Reichen reich, dem Wollenden willig, und in Summa; einem jeden, wie er ihn selbst findet und will.

Wie bei Dionysius Areopagita verflüchtigt sich Gott zu nichts, denn man kann nichts über ihn aussagen, außer was man in ihn hineintut. Franck „funktionalisiert“ dies darüber hinaus, denn „Gott außer unserer Seele ist nichts nütz.“ Hinzu kommt eine radikale Historisierung der christlichen Religion. Franck hält die christlichen Riten und selbst die Zehn Gebote für rein zeitbedingt. Sie stellen für ihn keine absoluten Werte dar. Ebenso sind auch „Gut“ und „Böse“ für Franck keine absoluten metaphysischen Größen, sondern relative Begriffe.

Dabei bleibt Franck aber Moralist und lehnt z.B. den Egoismus radikal ab. Ganz „christlich“ erniedrigt er sich selbst: „Das muß freilich auch ein Tor sein, der mich armen Fleischbatzen zum Götzen haben will.“ Trotzdem und angesichts seiner nihilistischen Züge und seiner nicht zu überbietenden Einsamkeit, erinnert er mich wie sonst kaum einer an Max Stirner. Zumal Franck sich dem Pöbel verweigerte und sich gegen die Masse und ihre Gebote, auf die Seite des Einzelnen und seiner Freiheit stellt.

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6 Antworten to “Sebastian Franck”

  1. Nitya Says:

    Ganz herzlichen Dank für diesen Beitrag! Ich muss zu meiner Schande gestehen, noch nichts von Sebastian Franck gehört zu haben. Ob du mir wohl ein Buch von ihm empfehlen kannst?

  2. Nitya Says:

    Danke

  3. Sebastian Franck (1499 – 1542). Niemand kennt Gott denn Gott | satyamnitya Says:

    […] habe ich bei Peter Nasselstein (Nachrichtenbrief)  einen sehr lesenswerten Beitrag über Sebastian Franck entdeckt und war schwer angetan von […]

  4. Hallo, Uni Freiburg: Sehr geehrtes Institut für Grenzgebiete der Psychologie, sehr geehrte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sehr geehrter Herr Prof. Bender… Dieses durchschimmernde Antlitz können viele sehen; viele davon werden es für eine ̶ Says:

    […] was die Menschen sich ausgedacht haben, zutreffen. (Zufallsfund, bei Predigerei = Seite über Sebastian Franck; da diese Gnadenerscheinung von hunderten, tausenden posititv gesehen werden kann, egal in welchem […]

  5. Andreas J. Kampe Says:

    Durch diese Gotteserscheinung, -Durchscheinung, die eine harte Tatsache ist, nicht nur eine verbale Angelegenheit,

    kam ich auf Ihre Seite, Herr Nasselstein. Sie hängt abstruserweise mit Hamburg zusammen, mit der St.Michaeliskirche. Ich nenne sie auch Sichtoffenbarung, und: Gottes neue Sichtbarkeit, seit 1976…
    Er stellt sich dem Wissen durch eine neuartige Sichtbarkeit, und läßt sich kennen…
    Anstatt nur Subjekt und Objektwelt vorzufinden, ergibt sich dadurch ein findbares, sichtbares höheres Subjekt, ein schweigend sichtbarer stiller Kommunikator, eine höhere Instanz, wie sie seit der Aufklärung bekämpft wird.

    Da viele hunderte, tausende diese Gottesdurchscheinung prinzipiell sehen können, jeden Tag, gibt es hoffentlich nicht solche Dogmen-Querelen wie bei Sebastian Franck. Seit 2007 schreibe ich, habe bei „Google Knol“ wohl viele Hits, doch leider noch wenig feedback.
    Auf meiner wp-Seite habe ich einen Link zu Ihnen, schöne Grüße nach Hamburg,

    Andreas J. Kampe, Sichtoffenbarung, Gottes neue Sichtbarkeit – seit 1976

    http://gottesneuesichtbarkeit.wordpress.com/2011/05/21/sehr-geehrtes-institut-fur-grenzgebiete-der-psychologie-sehr-geehrte-mitarbeiterinnen-und-mitarbeiter/

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