Von Freud zu Reich (Teil 8)

Die bisherigen Ausführungen vermitteln ein etwas schiefes Bild der Entwicklung der Orgonomie. Denn sie hob nicht mit theoretischen Überlegungen über Energie an, sondern mit der unvermittelten existentiellen Erfahrung der Körperströmungen und des orgastischen Erlebens des einzelnen Menschen Wilhelm Reich.

Reich schrieb dazu 1947 in einer Darstellung der Geschichte des Orgonomischen Funktionalismus:

Der embryonale Funktionalismus gab der Energie in der natürlichen Entwicklung den Vorzug, ohne in der Lage zu sein, diesen Vorrang zu beweisen. Und es gab zu der Zeit nichts, das erklären würde, wo ein junger Naturwissenschaftler diese Voreingenommenheit ausgebildet haben könnte. (…) Aus heutiger Sicht scheint es so, daß diese Priorität einfach auf den Empfindungen von Bewegung in meinem eigenen Organismus beruhte. Es war nichts weiter als ein Vorurteil, das sich später als richtig herausstellte. (Orgonomic Functionalism, Vol. 1, S. 4; Hervorhebungen hinzugefügt)

In einer 1952 verfaßten Autobiographie stellt es Reich so dar, daß seine Lebensarbeit praktisch 1916 begann, als er im Alter von 19 Jahren, nachdem er bereits über sechs Jahre hinweg sexuell aktiv gewesen war, zum ersten Mal beim Geschlechtsakt das erfuhr, was er später „orgastische Potenz“ nennen sollte; das totale Verschmelzen mit einem anderen Organismus.

In dieser ersten wichtigen Erfahrung des süßen Strömens des lebendigen Lebens, wurzeln die meisten von WRs Hauptleistungen. (ebd., S. 88)

Die gesamte Orgonomie ist sozusagen die Verarbeitung dieser Urerfahrung des k.u.k.-Leutnants hinter der italienischen Front.

Man kann die Ursprünge der Orgonomie also nicht einfach mit dem „eigenartigen Kult des Energiebegriffs, der um 1890 herrschte und den Nährboden für allerlei energetische Spekulationen bildete“ (Russelman) gleichsetzen. Gemeint ist die Epoche der „Energetik“ von Wilhelm Ostwald und des „Monismus“ von Ernst Haeckel (der mit seinem „biogenetischen Grundgesetz“ entscheidenden Einfluß auf die Psychoanalyse und damit auf die Orgonomie nahm, wie in Biologische Entwicklung aus Sicht der Orgonomie gezeigt wurde).

Russelman führt Freuds Libidobegriff auf diesen „Kult“ zurück und von dort weiter auf den Beginn des Zeitalters der Dampfmaschinen und der sich aus dieser Technik entwickelnden Thermodynamik. So begegneten sich Reichs persönliches Erleben einer vollständigen Entladung überschüssiger Energie durch das genitale Ventil und eine wissenschaftliche Tradition, die in Freuds Libidotheorie kulminierte. Diese Verbindung bildete dann den Ursprung des Reichschen „Dampfkesselmodells“ der menschlichen Sexualität: die Energie, die die Neurose speist (EN), ist die Differenz aus der angesammelten (EA) und der entladenen Energie (EE).

Bis zum heutigen Tag kann sich die Orgonomie in dieser Hinsicht ohne jede Einschränkung auf den Energiebegriff der Physik berufen. Man nehme z.B. folgenden Satz aus dem dtv-Lexikon für Physik, in dem die Orgasmustheorie schon auf einer rein physikalisch-mechanischen Ebene vorgegeben ist:

Enthält ein physikalisches System Energie, so kann es Arbeit leisten und dabei Energie aus dem eigenen Energievorrat nach außen abgeben.

Beim Energiesystem Mensch entlädt sich die Energie ebenfalls, entweder indem es Arbeitet leistet oder durch die ganzkörperliche Plasmazuckung auf dem Höhepunkt der genitalen Umarmung.

Trotzdem hat man immer wieder Reichs Gebrauch des Begriffes „Energie“ angegriffen, da Reich diese von der Physik streng bestimmte Größe „biologistisch“ mißbraucht hätte. Man vergleiche dies mit der Darstellung des Physikers Nigel Calder in seinem Buch über Einsteins Universum (Frankfurt 1980):

Der Begriff Energie in der Physik unterscheidet sich nicht sehr von der allgemeinen Bedeutung im Alltagsleben. Eine „energische“ Person arbeitet und spielt mit Vehemenz und steckt auch ihre Umgebung damit an. Nationen durchleben „Energie-Krisen“ (…). Für den Physiker bedeutet Energie die Möglichkeit, Veränderungen in der Welt hervorzurufen: Dinge sich bewegen zu lassen (…) die Sonne strahlen zu lassen (…) Pflanzen wachsen zu lassen (…) Atome in statistisch willkürliche Bewegung zu versetzen (Wärmeenergie).

Nicht anders verstand Reich die Energie im allgemeinen und die Orgonenergie im besonderen.

Aber zurück zu Wilhelm Reichs Sexualleben: Wenn die Wissenschaftler ehrlich sind, muß wohl jeder einzelne zugeben, daß ihn als Heranwachsenden die „letzten Fragen“ zum Studium der Wissenschaften bewogen haben und daß der Kern dieser „letzten Fragen“ sein Sexualleben war. Doch nur Sexualwissenschaftler wie Havelock Ellis (1859-1939) haben dies offen zugegeben, der durch die Beunruhigung durch nächtliche Samenergüsse mit 17 den Entschluß faßte, die Sexualität zu erforschen. Er kam zur Erforschung der perversen Sexualität.

Genauso sieht es im Verborgenen mit den Motiven und den daraus folgenden „perversen“ Forschungsergebnissen fast aller Wissenschaftler aus. Dies ist der tiefste Kern von Reichs Aussage, daß „die Orgonphysik von vollkommen neuen Beobachtungen und neuen theoretischen Annahmen ausgeht“ (Äther, Gott und Teufel, S. 150). Es war Reichs vollkommen anderes Erleben, daß ihn dazu führte, das Orgon zu entdecken. Fast zwangsläufig mußten ihn die anderen deshalb für verrückt halten: von ihrem gepanzerten Bezugsrahmen aus gesehen, war Reich tatsächlich ver-rückt.

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7 Antworten to “Von Freud zu Reich (Teil 8)”

  1. O. Says:

    Die Orgontherapie muss sich auf den Energiebegriff besinnen und sich nicht über die Abgrenzung zur Psychoanalyse definieren. In Bezug auf die Sexualfunktion wird sie ökonomisch, quantitativ betrachtet nach mechanistischen, physikalischen Energiebegriffen. Der qualitative, subjektive Faktor und ihre funktionelle Bedeutung fehlt und kann nicht nur auf das individuelle, orgastische Erleben beschränkt sein.

  2. Renate Says:

    Darum werden Frauen wahrscheinlich überall mehr oder weniger ausgeschlossen, denn die bringen immer wieder „Beunruhigung“ in die Männergemeinschaften hinein.

    • Renate Says:

      Ich begreife nicht, warum die Männer das nicht auf die Reihe kriegen, die Frauen machen doch auch keinen solchen Zirkus um sexuelle Dinge oder ihre Tage, Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett, etc aber die Männer sind schon wegen nächtlicher Samenergüsse beunruhigt!! Dazu müssen sie dann den ganzen Tamtam in der Gesellschaft machen? Es ist unglaublich eigentlich.

  3. edmalek Says:

    If we understand that man’s sexual life influences his work, then what about Reich’s mentor Freud? We know from his biographies that he was sexually frustrated in his engagement years to Martha B. (and most likely during his youth) which probably influenced his peculiar belief in excessive masturbation causing neurasthenia. Since we do not have the convenience of reading a truly personal diary of his-we can legitimately infer that masturbation was his primary outlet when he was not with Martha during those four difficult years of yearning for her. This is not to say that he had free sexual relations with her when they met at her parent’s house, etc, but I believe from reading his own words about his early life, he at least engaged in pre-genital sex with her. It is also possible he visited brothels. To compare with Reich’s sexuality, Freud had to force, rush, and hide his strong sexual drive, which we know impedes sexual surrender and streaming sensations. And thus, his sexual upbringing is spelled out in his theories.

    It would be difficult to believe that someone who persistently sought neurosis in either actual or fantasized sexual trauma, or from a disturbance in one of the sexual stages, did not feel the importance of sexuality viscerally. But we also do not get a feeling of complete peace and cleanliness with sexuality as with Reich, and one might guess this can be attributed to genital streaming in Reich (who engulfed its importance), but not in Freud. With Freud we still have shame, and the acceptance of some displeasure and sublimation–all things he experienced in his younger years.

    In his later years, Freud moved away from the libido, towards ego-psychology (i.e. in the head), with sexual satisfaction losing its previous importance. Again, „Theory imitates Life,” as he admitted to his early colleague Fleiss that he had lost his sexual desire by his mid-30’s. Whether this was by choice or not, we do know that his hero was Michelangelo’s „Moses,” who he interpreted as having great control over his emotions. This is how Freud chose to live as he became better known and the target of the emotional plague.

  4. claus Says:

    Ich erwähnte mal, dass ich beim Blick auf Freuds alphabetisch geordnete Bibliothek in seinem Londoner Haus keinen Reich fand: Erst auf einem von meiner Schwester geschossenen Foto entdeckte ich nun „Charakteranalyse“.

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