Von Freud zu Reich (Teil 7)

Freuds Psychoanalyse beruht auf einem extremen Determinismus. Wenn man mal von hirnorganischen Erkrankungen absieht, läßt sich für Freud jeder noch so kleine Versprecher in einer logischen (bzw. „psycho-logischen“) Kausalkette auf Verdrängtes zurückführen. Ja praktisch alles was man sagt. So haben beispielsweise Psychoanalytiker Reichs symbolische Rede von den Adlereiern, die er gelegt habe, aus denen aber nur „Hühner“ entschlüpft seien, auf Reichs angebliche „Analität“ und Identifikation mit der Mutter zurückgeführt! Noch als er selbst Psychoanalytiker war, hat er diese Art von „wilder Psychoanalyse“ bitter bekämpft, da sie aus Freuds Wissenschaft eine Karikatur mache. Immerhin trifft diese Karikatur den Wesenskern des Freudschen Systems: es ist eine Übertragung des mechanistischen Materialismus auf den Bereich der Psyche.

Heutzutage wird das Gehirn als eine Art konstruktivistische Sinnfindungsmaschine betrachtet, was ganz im Sinne Reichs ist:

In der modernen psychologischen Forschung hatte man mit der Vorstellung gebrochen, daß unsere Wahrnehmungen nur passive Erlebnisse wären, ohne eine Aktivität des Ichs. Man dachte nun richtiger, wenn man sagte, daß jede Wahrnehmung getragen sei von einer aktiven „Einstellung“ auf den betreffenden Reiz („Wahrnehmungsintention“ oder „-akt“) Dies war ein richtiger Schritt vorwärts. Denn nun konnte man sich erklären, daß die gleichen Reize, die eine Lustempfindung auszulösen pflegen, in anderen Fällen, bei anderer innerer Einstellung, nicht wahrgenommen werden. Für die Sexualwissenschaft bedeutet das: Sanftes Streicheln an einer sexuellen Zone löst bei dem einen eine Lustempfindung aus, doch beim anderen bleibt diese aus; er empfindet nur ein Tasten oder Reiben. Hier bereitete sich die Unterscheidung der orgastisch vollwertigen Lusterlebnisse von den reinen Tastempfindungen vor, also im Grunde der Unterschied von orgastischer Potenz und orgastischer Impotenz. Die Kenner meiner elektrobiologischen Arbeiten wissen, daß sich in der „aktiven Einstellung des Ichs in der Wahrnehmung“ die peripherwärts strömende elektrische Ladung des Organismus auswirkt. (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 47, Hervorhebungen im Original)

Unser Gehirn, unsere „Sinngebungsmaschine“ läuft automatisch ab. Und genauso ist es mit der „Verdrängung“: in der Therapie werden neue, bisher verdrängte vegetative Impulse frei, strömen auf das Gehirn ein und dieses ordnet diesen vegetativen Impulsen (mit suggestiver Unterstützung durch den Psychoanalytiker) dann irgendwelche Bewußtseinsbilder zu.

Reich hatte dies beim Übergang von der Psychoanalyse zur Vegetotherapie erkannt:

Es ist nicht so, daß eine Erinnerung unter Umständen einen Affekt nach sich zieht, sondern die Konzentration einer vegetativen Erregung und deren Durchbruch reproduziert die Erinnerung. (ebd., S. 238)

Sagte eine Patientin bei der Auflockerung des Oberschenkels plötzlich: „Jetzt erinnere ich mich, wie mich mein Stiefvater mit elf Jahren vergewaltigt hat!“, ging Reich nicht mit ihr „analytisch“ mit in die Vergangenheit zurück, sondern nahm den Ausdruck als aktuellen bioenergetischen Indikator. Zum Beispiel betrachtete er ihn als Ausdruck der bioenergetischen Angst vor vaginaler Hingabe, die sich mit irgendwelchen psychischen Bildern verbunden hat, um sprachlich artikuliert werden zu können. Diese Bilder können aus tatsächlichen Erinnerungen stammen. Es kann ja durchaus eine Vergewaltigung stattgefunden haben, aber vielleicht wollte der kontaktlose und brutale Stiefvater ja auch „nur“ seiner renitenten Tochter gewaltsam eine angemessene Kleidung aufzwingen! Ebenso könnten diese Bilder aus Filmen, Romanen oder aus Modethemen stammen, die in aller Munde sind, wie heutzutage der Kindesmißbrauch. Es läßt sich unmöglich genau sagen, deshalb macht der Begriff der „psychischen Verdrängung“ nur geringen Sinn und deshalb, wegen des Fehlens einer durchgehenden Ursache-Wirkungs-Reihe, ist auch die gesamte Psychoanalyse – gefährlicher Unsinn.

In der späteren Entwicklung von der charakteranalytischen Vegetotherapie hin zur Orgontherapie wurden (angebliche) Erinnerungen zunehmend nebensächlich und uninteressant. Entscheidend ist, daß Reichs therapeutischer Ansatz in vollständiger Übereinstimmung mit der allerneusten neuropsychiatrischen Forschung steht, während die Psychoanalyse wissenschaftlich kaum haltbar ist. Es gibt keine psychische Verdrängung, sondern nur vegetative Abpanzerung, die, wenn sie aus der „muskulären Verdrängung“ gelöst wird, das Hirn überflutet, das dann irgendein Zeugs produziert.

Dies soll durchaus nicht besagen, daß in der Orgontherapie alles nur auf Atmen und Muskelbearbeitung reduziert wird. Psychotherapie nimmt hier eine dezidiert „unpsychoanalytische“ Bedeutung an: der Patient muß die Perspektive für seine Lebenszusammenhänge zurückgewinnen und sie emotional und intellektuell verarbeiten. Gerade diese Arbeit wird aber durch die Psychoanalyse und ihre überholten Denkschablonen nur behindert. Beispielsweise wird in der Orgontherapie die „Übertragung“ als Ersatzkontakt entlarvt. Es geht um die Etablierung genuinen zwischenmenschlichen Kontakts, der durch Augenpanzerung unmöglich gemacht wurde. Ein Kontakt mit dem Patienten der jede Technik übersteigt. Dieser Kontakt, der bis hin zu regelrechtem telepathischen Gedankenlesen geht, führt dann dazu, daß man die richtige Frage stellt, empathisch mitfühlt, wo der Atem noch blockiert ist und am eigenen Körper spürt, welcher Muskel funktionell wichtig noch verspannt ist.

Wie im vorangegangenen Teil dargelegt, ist der Orgonomie die wirkliche Bedeutung sprachlicher Äußerungen zugänglich, während die Psychoanalyse im Dunkeln tappt.

Ein gewiefter „Körpertherapeut“ kann sicherlich die Orgonenergie von außen wie wild aktivieren und den Patienten so dramatisch verändern – aber die charakterliche Grundlage bleibt letztlich doch unangetastet. Aus diesem Grunde hat auch Elsworth F. Baker gesagt, daß Worte (die von innen her wirken) weit besser sind als „Körperarbeit“; daß „Muskeldrücken“ immer eine therapeutische Notlösung und geradezu ein therapeutisches Armutszeugnis ist, denn es wird nur dann angewendet, wenn man mit der Charakteranalyse nicht weiterkommt. Orgontherapie ist in erster Linie Charakteranalyse, in zweiter Linie Atemaktivierung (inkl. Hinweise auf Körperpartien, wo der Atem nicht hinkommt, aber ohne den Patienten zu berühren) und erst in dritter Linie das direkte Angehen der Muskelpanzerung.

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5 Antworten to “Von Freud zu Reich (Teil 7)”

  1. David Says:

    Entscheidend ist, daß Reichs therapeutischer Ansatz in vollständiger Übereinstimmung mit der allerneusten neuropsychiatrischen Forschung steht …

    Hierzu ist zu ergänzen, dass moderne Hirnforscher, wie etwa Hüther sagen, körperorientierte Psychotherapie sei – etwa nach sexuellem Missbrauch oder Trauma – besser als Verhaltenstherapie oder Psychoanalyse.

  2. Manuel Says:

    „Heutzutage wird das Gehirn als eine Art konstruktivistische Sinnfindungsmaschine betrachtet, was ganz im Sinne Reichs ist…“
    Aber Vorsicht! Bitte nicht mit dem postmodernen „De/Konstruktivismus“ verwechseln, der ganz sicher nicht im Sinne Reichs ist!

    • Peter Nasselstein Says:

      Nach der neueren Gehirnforschung bildet das Gehirn die Umwelt nicht einfach ab, sondern konstruiert sie gemäß seiner Struktur so, daß sie Sinn macht.

      Diese funktionelle Betrachtungsweise, d.h. die Überwindung der vollkommen absurden (da redundanten) mechano-mystischen Vorstellung, im Gehirn befinde sich eine Art „innerer Projektionsschirm“, der von einer Art „Geist“ betrachtet wird, kann man leider auch so interpretieren, daß daraus ein psychedelischer Alptraum wird, in dem das Gehirn ein vollkommenes Eigenleben gewinnt. Ein kurzer Verweis auf die Evolution zeigt, daß das Gegenteil der Fall ist: das Gehirn und die Funktion „Bewußtsein“ konnten sich nur entwickeln, wenn sie in Übereinstimmung mit der Umwelt blieben – also doch wie „Projektionsschirme“ funktionierten (ohne tatsächlich welche zu sein).

      Der Kerngehalt dieser Betrachtungsweise zielt ganz im Sinne Reichs sowieso auf die Emotionen, beziehungsweise die „innere Haltung“. Das hat ein Hirnforscher mal sehr schön an einem Beispiel verdeutlicht: Er stand an der kalifornischen Steilküste und betrachtete ganz alleine den grandiosen Sonnenuntergang. Urplötzlich war die herrliche Stimmung kaputt, weil hinter ihm irgendwelche rotzfrechen Kinder Blechdosen herumkickten. Erzürnt schaute er sich um – und sah einen süßen kleinen Hund, der mit seiner Schnauze eine leere Konservendose anstupste. Die Szenerie war wieder in sich stimmig und der Sonnenuntergang war so schön wie zuvor.

      Kurz: wir sind keine Roboter und unsere Gehirne sind keine Computer (oder gar kleine Lichtspieltheater!).

  3. O. Says:

    „In der späteren Entwicklung von der charakteranalytischen Vegetotherapie hin zur Orgontherapie wurden (angebliche) Erinnerungen zunehmend nebensächlich und uninteressant.“

    Doch was bedeutet dies?

    Wenn man sich zeitlebens von seinem (geistigen) „Vater“ (Freud) distanzieren muss, wie es Reich tat, entsteht der Eindruck, dass dies nicht gelungen ist. Auch im Theoretischen wird diese Zeremonie wiederholt. Die Psychoanalyse sei „nebensächlich und unintersessant“ geworden.

    Wenn dies so sei, warum eine charakteranalytische Vegetotherapie, die zur Orgontherapie wird und letztere ist nach Baker (s.o.) in erster Linie Charakteranalyse (also Reichs Psychoanalyse basierend auf Freud) und erst wenn diese versagt, werde die Körpertherapie als Hilfsmittel angewandt.

    Reich betont hier lediglich und bescheiden, dass anderen körperlichen Prozessen der Fokus gilt, um diese zu entdecken. Die Schlussfolgerung, alles Psychische sei „überflüssig“, ist absurd und konnte nur von (orgonomischen) Medizinern (Psychiatern) vertreten werden, die von ihrer Ausbildung her blind fürs psychische Erleben sind.

    ____________

    Die Inhalte, und dies sind Erinnerungen an Erlebtes, sind auch wenn sie „psychologisch“ erscheinen, wesentlich für die Psychotherapie, sie auszuschließen, bedeutet sinnlose Muskelquetscherei …
    Eine Positionsbestimmung für die Orgontherapie ist hier noch nicht gelungen, so wie es Reich auch nicht gelungen ist. Und hiermit steht und fällt Reichs therapeutische Ansatz gänzlich!

    Dies bedeutet nicht, dass Reich nicht gelesen und (weiter) entwicklelt werden sollte. Doch ein Vergleich mit der Psychoanalyse (und der VT) ist nicht nur hinderlich, sondern verneint die Psychologie bei Reich, ohne die es keine Therapie geben kann, so meine provozierende These.

  4. Orgonenergie und Abstraktion « Nachrichtenbrief Says:

    […] Der Maler destilliert das Wesentlichste aus der Natur heraus und gelangt so in einen tieferen Funktionsbereich, ohne diesen zu mechanisieren, ohne „Höheres“ in ihn hineinzutragen. (So kann man bestimmen, was Kunst und was Schund ist!) Siehe auch meine Beschreibung des Konstruktivismus in Von Freud zu Reich (Teil 7). […]

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