Von Freud zu Reich (Teil 5)

In den vorangegangenen Teilen ging es darum, inwieweit Freuds energetische Sichtweise Reich beeinflußt hat. Ich möchte hier zwei, wie ich finde, bemerkenswerte Stellen aus der Traumdeutung anführen, die Freud auch in anderer Hinsicht als Wegbereiter Reichs erweisen. Es geht dabei um Reichs Auseinandersetzung mit Kant (vermittelt durch seine Lektüre von F.A. Langes Die Geschichte des Materialismus) und um seinen Funktionalismus.

Freud schrieb in deutlicher Anlehnung an Kants Erkenntniskritik:

Das Unbewußte ist das eigentlich reale Psychische, uns nach seiner inneren Natur so unbekannt wie das Reale der Außenwelt, und uns durch die Daten des Bewußtseins ebenso unvollständig gegeben wie die Außenwelt durch die Angaben unserer Sinnesorgane. (Traumdeutung, Fischer TB, 1961, S. 497)

Für Reich hingegen wurde das Unbewußte in der Panzerung unmittelbar greifbar.

Freud betonte immer, daß man es in der Analyse nur mit „Abkömmlingen des Unbewußten“ zu tun hätte, daß sich das Unbewußte wie ein „Ding an sich“ verhalte, das heißt, nicht wirklich faßbar wäre. Diese Behauptung war richtig, doch nicht absolut. Wir müssen hinzufügen, daß mit der damals ausgeübten Methode das Unbewußte nur in seinen Abkömmlingen zu erschließen und nicht in seiner eigentlichen Gestalt zu fassen war. Heute gelingt es uns, mit dem direkten Angriff auf die Bindung der vegetativen Energie, das Unbewußte nicht in seinen Abkömmlingen, sondern in seiner Wirklichkeit zu erfassen. (Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 238)

Dieser Zugriff auf das „Ding an sich“ gelingt in der charakteranalytischen Vegetotherapie durch systematische Entflechtung des Gewebes aus Trieb und Triebabwehr.

Diese Sichtweise ist bei Freud bereits vorgezeichnet:

Indem wir der Analyse des Traumes folgen, bekommen wir ein Stück weit Einsicht in die Zusammensetzung dieses allerwunderbarsten und allergeheimnisvollsten Instruments [das Unbewußte], freilich nur ein kleines Stück weit, aber es ist damit der Anfang gemacht, um von anderen – pathologisch zu heißenden – Bildungen her weiter in die Zerlegung desselben vorzudringen. Denn die Krankheit – wenigstens die mit Recht funktionell genannte – hat nicht die Zertrümmerung dieses Apparats, die Herstellung neuer Spaltungen in seinem Innern zur Voraussetzung; sie ist dynamisch aufzuklären durch Stärkung und Schwächung der Komponenten des Kräftespiels, von dem so viel Wirkungen während der normalen Funktion verdeckt sind. (Traumdeutung, S. 494, Hervorhebung im Original)

Reich machte diese Kräfte in der charakteranalytischen Vegetotherapie greifbar und entdeckte im Anschluß daran über die bioelektrischen und die Bion-Experimente schließlich die Orgonenergie, das „Ding an sich“ auch in der äußeren Natur (vgl. Äther, Gott und Teufel).

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2 Antworten to “Von Freud zu Reich (Teil 5)”

  1. O. Says:

    Bei Freud geht es um das Verstehen von Inhalten, bei Reich um das Verstehen des Verdrängungsprozesses.

    Verstehen hat an sich noch keinen therapeutischen Wert für den Patienten.

    Reich entwickelt eine Methode zum Verstehen der verdrängten Emotionen und Inhalte. Die karthathische Methode wird neu entdeckt. (Breuer & Freud 1895) – Erfolge bleiben auch hier zufällig.

  2. edmalek Says:

    Just to point out (the obvious?) that early on, Freud was a functional thinker:

    *was not satisfied with a purely somatic reason for neurosis.
    *believed in the sexual (energy) etiology of neurosis.
    *intuitively used „laying of the hands“ on his patients‘ foreheads.
    *used catharsis (energy release) in treatment after disappointing results with hypnosis, electrotherapy, and water treatment (the modes of his time).
    *had the capacity to discern the emotional language vs. what the patient was saying (i.e., repression and the blockage of energy), leading to further insights.
    *even though he was isolated and going against official psychiatry, did not dismiss his observations (contact) but kept searching deeper.
    *basically did not accept the cultural beliefs of his time, but looked for another source.
    *was not afraid to ask, „why is this patient blocked and what are the causes?”, all leading to the discovery of the defensive maneuvers.

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