Von Freud zu Reich (Teil 4)

In seinem bereits in Biologische Entwicklung aus orgonomischer Sicht diskutierten Aufsatz „Der Energiebegriff in der Bioenergetik Alexander Lowens“ (Integrative Therapie 1/88) führt Gerald Russelman aus, daß der Begriff „psychische Energie“ Mitte des 19. Jahrhunderts entstand.

Gewöhnlich neigt man zu der Annahme, daß [dieser Begriff] durch Übertragung des Energiebegriffs aus der Physik in den psychischen Bereich entstanden sei; daher müsse es als ein physische Modell angesehen werden. Obwohl diese Ansicht nicht ganz unrichtig ist, muß sie historisch gesehen doch nuanciert werden. Der Begriff Energie hatte nämlich von alters her nicht nur eine physische, sondern auch eine psychische Bedeutung. Beide Bedeutungen unterschieden sich nicht deutlich voneinander. Um etwa 1850 bekam der physische Energiebegriff eine viel schärfer umrissene Definition, als das Gesetz der Erhaltung der Energie bekannt worden war. Hierdurch entwickelte sich ein langwieriger Prozeß, in dem Schritt für Schritt die physische und die psychische Bedeutung des Energiebegriffs voneinander getrennt wurden. Auch nach dieser Trennung blieb die psychische Energie begrifflich unklar definiert.

Russelman arbeitet dann weiter heraus, daß der Begriff „psychische Energie“ vier Bedeutungen hatte:

  1. Die physisch-chemische Energie, die für die psychische Arbeit vonnöten ist.
  2. Energie, die in der Psyche vorhanden ist und nach dem Gesetz von der Erhaltung der Energie zur Physis übergehen kann, wie auch umgekehrt.
  3. Im „psychophysischen Parallelismus“ glaubte man nicht mehr an einen solchen Übergang, sondern an zwei getrennte, wenn auch aufeinander einwirkende, Bereiche, in denen je das Energieerhaltungsgesetz gilt.
  4. Der Energiebegriff wurde nur als Metapher benutzt.

Russelman behauptet, nur die erste Definition sei heute noch haltbar, während die zweite und dritte auf der „Nervenenergie“ beruhten und deshalb mit ihr zusammen widerlegt seien. Die vierte Definition sei, wenn sie heute noch benutzt wird, nur ein definitorischer, in der Wissenschaft unerlaubter, Trick, um Freuds Libidotheorie zu retten. Dieser Einwand wurde, wie bereits erläutert, von Wurmser im Detail zurückgewiesen, doch uns kann dies Problem eh egal sein, denn in der Orgonomie

geht es nicht um metaphorische oder analoge Zusammenhänge, (…) sondern um greifbare, sichtbare und lenkbare Prozesse des Lebendigen. (Charakteranalyse, KiWi, S. 519)

Zu Russelmans Einwänden gegen die zweite und dritte Definition ist zu sagen, daß Reich sowohl die psycho-physische Einheit, als auch die Gegensätzlichkeit durch die Einführung eines „dritten Faktors“ unterhalb von Soma und Psyche überwunden hat. Darüber hinaus hat Reich nie die Übermittelung von Nervenimpulsen mit der Strömung von Energie durch den Körper gleichgesetzt. Vielmehr kann, Reich zufolge,

die Übermittlung der Bio-Energie (…) nicht an die Nervenbahnen allein gebunden sein, sondern sie folgt sämtlichen Membranen und Flüssigkeiten des Organismus. (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 284)

Bei diesen Formulierungen wurde Reich entscheidend durch den Direktor der Berliner Charité, Friedrich Kraus beeinflußt. Russelman sagt nun über Kraus, dieser habe unter „vegetativer Strömung“ „die osmotische Bewegung von Körperflüssigkeiten“ verstanden. Reich hätte diesen Begriff übernommen, „gab ihm aber eine eigene Bedeutung“, nämlich, so Russelman, als bio-elektrische Energie.

Das ist eine eindeutige Verdrehung durch Russelman, die er vorbringt, um seine Theorie von der Unhaltbarkeit der Reichschen Energieauffassung nicht von Kraus stören zu lassen. In Wirklichkeit fügt sich die Reichsche Auffassung nahtlos in die Theorie von Kraus ein, der geschrieben hatte:

Im Biosystem der Person sehe ich ein Erregungssystem, eine relaisartige Auslösevorrichtung, einen auf Ladung und Entladung eingerichteten Apparat.

So wies Kraus die Richtung, in der das Orgon zu entdecken war:

Wie die ganze Entwicklung der Orgonomie so deutlich gezeigt hat, gab es nur einen Zugang zur physikalischen Untersuchung des Äthers, die orgonotische Strömung im Menschen oder, anders ausgedrückt, den „Ätherfluß“‘ in der membranösen Struktur des Menschen. (Äther, Gott und Teufel, S. 170)

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