Das ewige Testament (Teil 1)

Reich hat in seinem Buch Christusmord das Neue Testament mit der „allegorisch-typologischen Methode“ verarbeitet. In neutestamentarischen Bildern hat er seine persönlichen Erfahrungen und die Grundlehren der Orgonomie beschrieben. So dient z.B. das Geschehen in Getsemani dazu, sein Verhältnis zu seinen Schülern zu illustrieren. Die Auferstehung Jesu wird zur Hoffnung auf die Kinder der Zukunft, in denen immer wieder von neuem ungepanzertes Leben auf der Erde erscheint.

Diese Vorgehensweise haben schon die Autoren des Neuen Testaments benutzt. Ständig wird das Leben Jesu als allegorische Wiederholung alttestamentarischen Geschehens dargestellt. Man vergleiche z.B. seine „Bergpredigt“ mit der Verkündigung der Zehn Gebote auf dem Berg Sinai. Wenn aber das Alte Testament der Schlüssel für das Neue Testament ist, warum sollte dann nicht weiter auch das Neue Testament auf ein zukünftiges „Ewiges Testament“ verweisen?

Genau diesen geschichts-mystischen Gedanken hat der kalabrische Zisterzienser-Abt Joachim (ca. 1130-1202), Gründer des Klosters von Fiore und Stifter des Florenserordens, in die abendländische Christenheit getragen. Er wurde dadurch ungewollt zum Anstifter aller späteren revolutionären Bewegungen. Man kann z.B. sagen, daß die marxistische Utopie letztlich auf der christlichen Trinitätslehre beruht.

Joachim formte nämlich das Dogma von der Dreifaltigkeit Gottes in eine Lehre von den drei Zeitaltern um. Nicht einmal die späteren Reformatoren wagten es, die Trinitätslehre, die doch so gut wie gar nicht in der Bibel verankert ist, auf diese Weise anzutasten. Denn immerhin bedeutete dies eine radikale Historisierung der Gestalt Christi. Gleichzeitig wurde auch die Bedeutung der Heiligen Schrift relativiert. Verglichen damit war Luther geradezu erzreaktionär!

Die Tragweite von Joachims Denken ist auch daraus ersichtlich, daß es ihm gelang, zwei divergierende Grundtendenzen im Christentum unlösbar miteinander zu verbinden: den weltabgewandten Spiritualismus einerseits und den Chiliasmus andererseits, der Hoffnung auf das irdische Tausendjährige Reich. Ein Ausdruck, der beides vereinigt, wäre vielleicht „Johanneisches Zeitalter“. Joachim selbst sah sich als Elija (bzw. Johannes der Täufer) dieses Dritten Zeitalters. Die geschichtliche Abfolge stellte er sich dabei wie folgt vor:

  1. das Zeitalter des Vaters, die Zeit der Knechtschaft unter dem alttestamentarischen Gesetz; nach 42 Generationen (siehe Mt 1,17) der Herrschaft der Patriarchen kam
  2. das Zeitalter des Sohnes, die Zeit der Kindschaft unter der Gnade der neutestamentarischen Sakramente; nach 42 Generationen (à 30 Jahre) der Herrschaft des Klerus sollte 1260
  3. das Zeitalter des Heiligen Geistes anbrechen, der Zeit der unmittelbaren Weisung, in der die ganze Wahrheit offenbar und alles Stückwerk vorbei sein werde (1 Kor 13,10). Dieses Zeitalter sollte eines der vom Heiligen Geist beherrschten Kirche der Mönche sein. Die Welt ein einziges großes Kloster voller Brüder und Schwestern.

Das Dritte Zeitalter sei durch Erkenntnis, Brüderlichkeit und Freundschaft, Liebe und Freiheit gekennzeichnet, womit schon die Akkorde angestimmt waren, die die spätere so heterogene joachitische Bewegung bestimmen sollten, bis zur Aufklärung und ihrer „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“. Daß in Joachims Spiritualismus auf paradoxe Weise sich im wahrsten Sinne des Wortes auch „aufklärerische“ Momente verbargen, sieht man z.B. an seinem Wort:

Wenn es dann soweit ist, daß das Reich der Liebe errichtet werden kann, werden die Rätsel und Zeichen, in denen bisher zu uns gesprochen wurde, in die volle Einsicht der Dinge zu kehren.

Die ungemein revolutionäre Potenz, die sich in Joachims Denken verbarg, kann man vielleicht am ehesten an ihren Auswirkungen auf die beschaulichen Franziskaner und verwandte Gruppen ermessen. Im folgenden schöpfe ich dazu hauptsächlich aus dem Anhang (Franziskanerspiritualen und Guglielma, Segarelli, Dolcino) von Henry Charles Leas 1887 erschienenen Buch über Die Inquisition (Nördlingen 1985).

Als um 1200 die Kirche zunehmend durch Ketzer in Bedrängnis geriet, die ein weit heiligeres leben führten als der verweltlichte Klerus, kam der Bettelmönch Franz von Assisi (1182-1226) wie gerufen. Die neue franziskanische Armut und Demut ließ sich vortrefflich als Feigenblatt benutzen, solange das Gebot der Armut nicht allzu provokant gepredigt wurde und sich gegen die Kirche selbst richtete. Nach dem Tode von Franziskus mußte es deshalb zwangsläufig zum Bruch kommen zwischen den „Konventualen“, die sich auf das Gehorsamsideal des Franziskus beriefen, und den „Spiritualen“, die dem das franziskanische Armutsideal entgegenhielten. Sie betrachteten die Ordensregel des Franziskus, die eine absolute Armut abforderte, als göttliche Offenbarung. Demnach konnte die Regel das gleiche Ansehen beanspruchen wie das Evangelium selbst!

Als nun die Kirchenfürsten die Härte der franziskanischen Regel mildern wollten, war dies in den Augen der Spiritualen ein Sakrileg gegen den Heiligen Geist. Andererseits konnten dem die Konventualen entgegenhalten, ihre Franziskus treu bleibenden Brüder würden sich gegen das von Jesus selbst eingesetzte Amt Petri vergehen, wenn sie den Gehorsam verweigerten. Es kam so weit, daß sich beide Gruppen gegenseitig verketzerten und die Spiritualen durch ihre konventualen Oberen schwerstens bedrängt wurden. So verwandelte sich die größte Hoffnung der Christenheit, die franziskanische Bewegung, in ihren größten Alptraum. Schließlich wurden die Spiritualen förmlich ausgerottet.

Um 1240 kamen die radikalen Franziskaner mit joachitischen Ideen in Berührung, die ein neues mönchisches Zeitalter verhießen. Angestachelt von diesem revolutionären Geist schrieben sie unter dem Namen Joachims bald Werke, in denen sie die sie so sehr bedrängende Kirche aufs schärfste angriffen. Rom sei die große Hure Babylon und der Papst der Antichrist. Bald werde das neue Geistzeitalter anbrechen. Dann würden der Klerus und die gesamte Hierarchie, und gleichzeitig natürlich auch alle Sakramente, verschwinden. Später gingen manche so weit schon die Gültigkeit der gegenwärtigen Ordination zu bestreiten. Die Kirche habe deshalb faktisch aufgehört zu existieren und sie selbst, die Franziskanerspiritualen, würden nun die einzig wahre Kirche darstellen.

Die Sekte der „Fratizellen“ gründete sogar eine richtiggehende Gegenkirche. 1297 wurde Bruder Matthias von Bodici „in der Peterskirche in Rom von fünf Spiritualen und dreizehn Frauen zum Papst gewählt.“ Der Inquisition des echten Papstes, Bonifaz VIII. entkamen sie nach Sizilien, wo ihnen der König, Friedrich III. von Aragon, Asyl gewährte. Unter Leitung des Heiligen Geistes wollte diese Kirche (noch 1313 wird ein „Papst“ Cölestin erwähnt) das neue Zeitalter herbeiführen. Sie hatte einen eigenen schlichten Kultus, eigene Reliquien, Märtyrer und Heilige – die von der Inquisition zu Tode gemarterten Spiritualen, deren einziges Verbrechen war ein christliches Leben führen zu wollen.

Man darf sich die Spiritualenbewegung jedoch nicht als festgefügte Sekte vorstellen, vielmehr hatte sie sich in viele Gruppen zergliedert, zu denen sich auch Laien gesellten. In Südfrankreich spielten die Franziskanerspiritualen bald eine ähnliche Rolle wie die kurz zuvor ausgerotteten Katharer. In anderen Gegenden scheint es Überschneidungspunkte mit, im Vergleich zu den Katharern so anders gearteten, „amalrikanischen“ Gruppen gegeben zu haben. Zumal ja schon bei Franziskus ganz deutlich pantheistische Anklänge zu finden waren.

1254 faßte Bruder Gerhard von Borgo San Donnino die Werke Joachims zusammen und erklärte sie zum „Ewigen Evangelium“ (Offb 14,6). Das Evangelium aeternum sollte die Bibel ablösen. Es stellte das von Jeremias 31,31-34 versprochene neue Gesetz dar und die Verbreitung dieses obersten und ewigen Gesetzes oblige nun den Franziskanerspiritualen. Manche gingen dabei so weit, Franziskus zum Christus der neuen Zeit zu erklären. Hatte doch Franziskus, genau wie Jesus, auf seinen Wanderungen das Gottesreich verkündigt. Demnächst würde Franziskus leibhaftig wiederauferstehen.

Neben den Franziskanern traten bald irreguläre Bettelmönchorden in Erscheinung, wie z.B. die „Apostolischen Brüder“. 1260 (Joachims „Jahr Null“) war in Norditalien Gerhard Segarelli aufgetreten. Er versuchte wie Jesus und die Postel zu leben und fand dabei bald zahlreiche Anhänger, die wie er selbst aus dem einfachen, ungebildeten Volk stammten. So verkündigte Segarelli auch gar keine tiefgründigen Glaubenslehren.

Das Gewand der Gruppe zu tragen, in vollständiger Armut zu leben, jeder Arbeit sich zu enthalten und nur auf die täglich sich erneuernde Barmherzigkeit seiner Mitmenschen sich zu verlassen, nicht an den kommenden Tag zu denken, ohne Heimat umherzuwandern, das Volk zur Buße aufzufordern und selbst die strengste Keuschheit zu beobachten: das war, soweit wir wissen, der Hauptinhalt seiner Lehren, und das blieb bis zuletzt die äußere Regel der Apostel. (Charles Lea: Die Inquisition, Nördlingen 1985).

Obwohl er keine revolutionären Lehren aufgestellt hatte, wurde Segarelli 1300 von der Inquisition verbrannt und ein Mann ganz anderen Formats trat an seine Stelle. Mittlerweile waren die Apostel derartig harten Verfolgungen ausgesetzt gewesen, daß sich unter der Leitung von Bruder Dolcino eine kompromißlose Kirchenfeindlichkeit durchsetzte. Die Verheißung Joachims sei mit dem Auftreten von Segarelli 1260 erfüllt worden und nun seien mit seiner Ermordung die Tage des Gerichts über die satanische Kirche und die gesamte blutsaugerische Feudalordnung angebrochen.

1303 kam es unter der Leitung Dolcinos in den italienischen Alpen zum offenen Aufruhr mit Plünderungen und Kirchenschändungen. Das nahm derartig bedrohliche Ausmaße an, daß es zwischen 1305 und 1307 zu vier regelrechten Kreuzzügen gegen die Dolcinisten kam. Nach unbeschreiblich blutigen Kämpfen, bei denen die Dolcinisten einen übermenschlichen Fanatismus an den Tag legten, wurden sie schließlich aufgerieben und ihre Anführer festgesetzt. Vor den Kerkern wurden zahlreiche Wachen aufgestellt, um einen Fluchtversuch zu verhüten, „was darauf schließen läßt, daß man sich bewußt war welche tiefen Sympathien für diese Rebellen gegen Staat und Kirche im Volke vorhanden waren.“

Dolcinos „heißgeliebte Schwester in Christo“, Margarete von Trient, mit der er eine ähnliche Beziehung hatte wie Franziskus zu Klara Scifi, wurde vor seinen Augen langsam lebendig verbrannt. Aus Treue zu Dolcino hatte sie es abgelehnt abzuschwören und einen der vielen Edelleuten zu heiraten, die der wunderschönen Frau die Hand boten. Nachdem Margarete unter unsäglichen Qualen verreckt war, wurde ihr „Geliebter in Christo“ den ganzen Tag über auf einem Karren durch die Stadt gezogen und dabei langsam mit rotglühenden Zangen in Stücke gerissen. Aber selbst jetzt zeigte dieser Teufel seine abgrundtiefe Bosheit und Verstocktheit, denn er ließ sich nichts anmerken und verzog keine Miene, so daß er den guten Christen den ganzen Spaß verdarb. Erst als man ihm die Nase abriß, bemerkte man zu aller Genugtuung ein leichtes Zittern in seinen Schultern.

Kurz bevor auch die Bewegung der Franziskanerspiritualen ausgemerzt wurde, tauchte die Prophetin Naprous Boneta auf. Jahrelang hatte sie in Südfrankreich den Spiritualen geholfen und Unterschlupf gewährt. Daraufhin wurden ihr 1320 Visionen zu Teil, bei denen sie in den Himmel versetzt wurde und dort mit Christus zusammentraf. Am Gründonnerstag 1321 eröffnete er ihr schließlich: „Die heilige Jungfrau gebar den Sohn Gottes, du sollst den Heiligen Geist gebären.“ Sie verkündigte nun das neue Geistzeitalter. Es wäre jetzt wirklich endgültig angebrochen. Die Kirche erklärte sie für aufgelöst und alle Sakramente, bis auf das der Ehe, für aufgehoben. 1325 wurden sie verbrannt.

Unabhängig von den Franziskanern war schon 1260 (Joachims „Jahr Null“) eine ganz ähnliche Frau in Mailand aufgetreten, Guglielma. Die sehr fromme Frau scharte bald eine Gruppe devoter Anhänger um sich, denen sie vom christlichen Leben predigte. Wie einst Jesus verband sie dies mit spektakulären Wunderheilungen. Kein Wunder, daß ihre Jünger schließlich 1276 zu der Überzeugung gelangten, bei ihr handle es sich um eine Inkarnation Gottes. Genauso wie Jesus die männliche Verkörperung der zweiten Person Gottes war, sei nun Guglielma die weibliche Verkörperung der dritten Person, deshalb sei sie wie Jesus wahrer Gott und wahrer Mensch. Die fromme Guglielma wies solche Behauptungen weit von sich.

Guglielma starb 1281. Ihr Vermögen hatte sie den Zisterziensern vermacht, die dafür nach ihrem Tode einen Heiligenwallfahrtsort für sie einrichteten, wo sich die Guglielmiten zusammenfanden. Eine kleine Gruppe von ihnen hielt aber daran fest, daß es sich bei Guglielma nicht nur um eine Heilige handelte, sondern um die Inkarnation der dritten Person des dreifaltigen Gottes. Als sie 1300 die Auferstehung der Guglielma und damit den Anbruch des Dritten Reiches erwarteten, gerieten sie in die Fänge der Inquisition.

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Eine Antwort to “Das ewige Testament (Teil 1)”

  1. Robert (Berlin) Says:

    Man kann z.B. sagen, daß die marxistische Utopie letztlich auf der christlichen Trinitätslehre beruht
    Marx hatte jüdische Vorfahren, so dass ebenso dort die Grundlagen zu finden sind. Die Erlösung als Paradies haben die abrahamitischen Religionen gemeinsam, es ist nichts spezifisch christliches. Die klassenlose Gesellschaft ist aber etwas anderes als Gottes Himmelreich, da sie durch Menschen verwirklicht wird.

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