Die Beschneidung der Lust

Nicht nur in der Orgonomie, sondern auch in der Türkei hat das Wort „Panzer“ (zırh) einen biophysischen Gehalt: so nennt man umgangssprachlich die Vorhaut der Jungen (sünnet derisi), die zwischen dem 2. und 15. Lebensjahr, allerspätestens aber beim Militärdienst entfernt wird. Beschneidung ist in der Türkei Pflicht, egal welcher Religion man angehört. Man spricht davon, daß die Kinder „entpanzert“ werden! Früher wurde auf die frische Wunde Salz gestreut.

Interessant, daß das Wort „Panzer“ auch eine gegenteilige Bedeutung haben kann wie bei Reich, für den „Entpanzerung“ gleichbedeutend mit der Befreiung von allen verinnerlichten irrationalen Forderungen der Gesellschaft war. Dem hingegen werden die türkischen Jungen mit der Entfernung ihres „Panzers“ ihrer „Eigenheit“ beraubt, sie werden domestiziert und staatstauglich gemacht. Bei der Beschneidung tragen die Jungen eine symbolische Offiziersuniform.

Bedeutsam ist dabei sicherlich nicht nur der Schmerz (der sich heutzutage durch örtliche Betäubung in Grenzen hält), sondern daß dieser intime, ohnehin bereits emotional traumatische, Vorgang öffentlich zelebriert wird, mitten auf dem Dorfplatz: damit du zu uns gehören kannst, müssen wir dich erst kastrieren und dich so deiner Lust berauben. Eine Woche lang nach der Beschneidung tragen die Jungen einen Rock, da eine Hose zu sehr scheuern würde. Die ultimative Kastration!

In Der Mann Moses und die monotheistische Religion (Studienausgabe Bd. IX, S. 567) sieht Freud hinter der „Heiligung“ des Volkes durch die von Moses durchgeführte Beschneidung einen symbolischen Ersatz für die Kastration, die der „Urvater“ über seine Söhne verhängt hatte.

Wer dies Symbol [der Beschneidung] annahm, zeigte damit, daß er bereit war, sich dem Willen des Vaters zu unterwerfen, auch wenn er ihm das schmerzlichste Opfer auferlegte.

Es ist eine perverse Art seinen „Panzer“ fahren zu lassen und sich masochistisch „hinzugeben“. Wobei der Masochist, wie Reich in der Charakteranalyse ausführt, wirklich alles tut, um seinen Penis zu schützen. Der Masochist bringt lauter kleine Opfer, läßt sich etwa „gerne“ auf den Po schlagen, um das ultimative Opfer, die Kastration, zu verhindern. Ganz so ist es allgemein mit der Panzerung: wir nehmen „gerne“ all die kleinen neurotischen Schmerzen auf uns, weil wir vor dem ultimativen Schmerz, der alles hinwegfegenden Energieschwemme, die uns ohne Panzerung durchfluten würde, fliehen (Orgasmusangst).

Reich hat sich schon 1932 mit dem Sündenfall aus sexualökonomischer Sicht beschäftigt:

Freud faßt die religiöse Idee vom Sündenfall, von der Jesus die Menschheit befreien wollte, als den Ausdruck einer urgeschichtlichen Mordtat [am Urvater] auf. Der biblische Mythus von Adam und Eva sowie die ganze katholische Ideologie der Erbsünde enthüllen sich dagegen im wesentlichen als Mythus eines sexuellen Vergehens, als Vorstellung einer Versündigung gegen ein sexuelles Verbot. (Einbruch der sexuellen Zwangsmoral, S. 122)

Und tatsächlich sieht die Bibel die menschliche Entfremdungsgeschichte von Gott als eine Abfolge von sexuellen Vergehen:

  • Ham, der die Scham seines Vaters sieht (Gen 9,21ff);
  • die Männer von Sodom und Gomorra (Gen 19);
  • Ruben, der mit der Nebenfrau seines Vaters schläft (Gen 35,21f);
  • Juda, der mit seiner Schwiegertochter schläft (Gen 38) und
  • Josef, der von Potifars Frau sexuell bedrängt wird (Gen 39).

Nichts erzürnt Jahwe so sehr wie verbotener Sex. Was in der einen biblischen Tradition die Vertreibung aus dem Paradies ist, ist in der anderen die Sintflut. Hier sieht sich Gott zum Eingreifen genötigt, weil die „Gottessöhne“ mit den „Menschentöchtern“ schliefen (Gen 6,1f). Nach einer alten Legende habe das Laster, daß die Frau beim Liebesakt auf dem Manne liegt, zur Sintflut geführt (Hans Biedermann: Die Großen Mütter, München 1989, S. 212).

Aber auch der Sündenfall selbst ist eng mit dem „verkehrten Koitus“ verbunden. Nach einer kabbalistischen Legende war die erste Frau von Adam nicht etwa Eva, sondern Lilith (in Jes 34,14 taucht sie als weiblicher Sturmdämon auf), die aber verstoßen wurde, nachdem sie zu Adam gesagt hatte:

Weshalb soll ich unten liegen? Ich bin ebenso viel wert wie du. Wir beide sind aus der gleichen Erde geschaffen! (z.n. Biedermann, S. 117)

Im Mittelalter betrachtete man den „verkehrten Koitus“ als Todsünde, denn er „verhindert die Aufnahme und die Bewahrung des Samens im Gefäß der Frau“ (Biedermann, S. 216).

Nach der Sintflut ging es nicht mehr um Lust, sondern einzig und allein um den verzweifelten Versuch, den Fortbestand des Lebens durch Fruchtbarkeit zu sichern. Man opferte die Lust, um die Götter zu beschwichtigen. – Im kurzen Erzählfragment Ex 4,24-26, wo Gott über Moses herfällt, um ihn zu töten, ist es dessen Frau Zippora, die daraufhin einen scharfen Stein nimmt, damit die Vorhaut am Glied ihres Sohnes abschneidet und mit dieser die Beine ihres Mannes berührt, um so Jahwe dazu zu bringen, von Mose abzulassen. Dabei sagt sie zu Mose wegen der erfolgten Beschneidung: „Du bist mein Blutbräutigam.“

Der Sacherklärung der Einheitsübersetzung zufolge scheint diese dunkle, konfuse Überlieferung „auf einen urtümlichen Zusammenhang zwischen Beschneidungsakt und Hochzeit hinzuweisen“. Ein Fruchtbarkeitsritus?

In Neuguinea und Australien gibt es Volksstämme, bei denen die Unterseite des Penis aufgeschlitzt wird, „um darauf eine Schein-Vulva darzustellen, oder es wird auf andere Weise Blut abgezapft, wie um eine Menstruation zu simulieren“ (Biedermann, S. 161f). Und was die noch viel grausamere („grausigere“ wäre wohl in diesem Fall das bessere Wort) Beschneidung der Frau betrifft (die in der Bibel nicht erwähnt wird), wird sie sich sicherlich aus einer kultischen Defloration entwickelt haben, die den Weg für die Fruchtbarkeit freimachen sollte. Wollte man mit der Entfernung der Vorhaut ähnliches erzielen?

Nach den Rabbinen soll die Beschneidung die Erschaffung des Menschen vollenden. Es drängt sich der Eindruck auf, als hätte man, im wahrsten Sinne des Wortes, die Lust beschnitten, um dadurch die Fruchtbarkeit zu steigern. Noch in der Spätantike wurde die Sexualität verteufelt, weil man glaubte, sie sei verantwortlich für die Austrocknung des Leibes. War der Kampf gegen die sexuelle Lust ein verzweifelter Versuch, durch gesteigerte Fruchtbarkeit und Vermeidung „sinnloser Entladung“ gegen die vordringende Wüste anzukämpfen? Man kämpfte gegen den Tod an (Jahwe versucht Moses zu töten), indem man die sexuelle Lust opfert und stattdessen, durch ein buchstäbliches Aufreißen der „Fruchtwege“, neues Leben in die Welt setzt, wobei unterschwellig auch der Mann gebären will, um dem Tod etwas entgegenhalten zu können.

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3 Antworten to “Die Beschneidung der Lust”

  1. Robert (Berlin) Says:

    Treffender wäre der Ausdruck „Kinderschändung“, denn die Reduzierung des Penis-Schutzes und die vollkommen unsinnige Begründung verbergen nur schlecht den Sadismus und die Gehirnwäsche der Angelegenheit.
    Auch fällt die Trennung der Geschlechter auf, die nicht mal gemeinsam Tanzen dürfen.
    Wikipedia schreibt: „Der Ursprung des Brauchs der Beschneidung ist weitgehend ungeklärt. Vermutlich haben patriarchale Stammesgesellschaften die Beschneidung beider Geschlechter eingeführt. Älteste Überlieferungen des Rituals deuten auf Volksgruppen, die in ariden, wüstenähnlichen Regionen lebten.“
    Also wieder Saharasia!

  2. David Says:

    wir nehmen „gerne“ all die kleinen neurotischen Schmerzen auf uns, weil wir vor dem ultimativen Schmerz, der alles hinwegfegenden Energieschwemme, die uns ohne Panzerung durchfluten würde, fliehen (Orgasmusangst).

    Ist es nicht so, dass beim Orgasmus eine kurzzeitige Bewusstlosigkeit auftreten kann, aber auch bei extrem schmerzhaften Ereignissen eine kurzzeitige Bewusstlosigkeit auftreten kann, wie etwa bei Operationen im Mittelalter, als die Vollnarkose noch nicht entdeckt war?

  3. David Says:

    Anmerkung zu Mittelalter und Vollnarkose:

    Selbstverständlich war die Vollnarkose im Früh- und Hochmittelalter bekannt; man ließ narkotisierende Pflanzensäfte aus Nachtschattengewächsen aus einem so genannten Schlafschwamm in die Nase laufen. Das Todesrisiko war allerdings ein wenig höher als heute.

    Im Zeitalter der Hexenjagd, welches mit der „Kleinen Eiszeit“ zusammenfiel, wurde dann dieses Wissen aus der europäischen Bevölkerung ausgetrieben.

    Saharasia!

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