Wladimir Putin und Lew Gumiljow

Lew Gumiljow (1912-1992), ein sowjetischer Historiker, Ethnologe und Anthropologe prägt seit der Endzeit der Sowjetunion den antiwestlichen, „eurasischen“ Diskurs sowohl der rechtsradikalen Kreise in Rußland als auch bei den russischen Randvölkern, den von Gumiljow glorifizierten „Steppenvölkern“. Das ganze bezeichnet man als „Neo-Eurasianismus“. Gumiljow ist sozusagen der „Karl Haushofer“ eines neuen Nationalsozialismus.

In den 1950er Jahren begann Gumiljow sich mit der Geschichte der Kazaren und anderer Steppenvölker im mittelasiatischen Teil der Sowjetunion zu beschäftigen. Für ihn stellen die Russen im Verbund mit den Steppenvölkern eine „Großethnie“ dar, die sich immer wieder gegen den Hauptfeind, die Großethnie „katholisches Europa“, zur Wehr setzen mußte. Die Steppenvölker hätten dabei der gemeinsamen Mission wiederholt neue Kampfkraft beigesteuert, nachdem die Russen jeweils der Trägheit verfallen waren.

Die in einzelnen Erscheinungen vielleicht bedauerliche, in ihrer Gesamtheit jedoch fruchttragende Migration aus den südlichen Steppengebieten sei von Trockenperioden und der Wüstenausbreitung bestimmt gewesen, die wiederum auf die Sonnenaktivität und andere kosmische Einflüsse zurückgingen. Die „kosmischen Strahlen“ hätten diesen Völkern gleichzeitig auch „passionarnost“ verliehen; die Passion, Energie, Vitalität, den inneren Impetus, um andere Völker zu übermannen. Diese Strahlen seien vielleicht sogar für Mutationen und das Auftreten neuer „Rassen“ verantwortlich.

Im Rückgriff auf u.a. Wladimir Wernadski sind für Gumiljow Menschen „Funktionen“ der Biosphäre. Die Ethnien seien nicht nur eine Ansammlung von Individuen, sondern Teil umfassender „biogeochemischer“ Prozesse. Sie wären dem Zweiten Thermodynamischen Gesetz unterworden, der zum Energieausgleich und Stillstand führt, gäbe es nicht Phänomene gleicher Stärke, die dem entgegenwirkten. Die lebendige Materie besäße anti-entropische Eigenschaften. Diese Energie sei genauso real wie jene, die von den Physikern studiert wird.

Sie bringt die Organismen dazu sich zu entfalten und zu vermehren. Dazu zählten auch die Menschen und Völker. Ausgelöst durch die bereits erwähnten „kosmischen Strahlungen“, die bestimmte Abschnitte der Erdoberfläche unabhängig von geographischen Barrieren träfen, würde es zu „passionierten“ Eruptionen und Exzessen bei den Völkern kommen, mit deren Hilfe sie die akkumulierte Energie wieder entladen. Dies erkläre warum mächtige Eroberer schnell wieder in Vergessenheit geraten. Ihr „Erschlaffen“ ist nur allzu natürlich.

Die entsprechenden energetischen Prozesse führen gesetzmäßig nacheinander zum Aufstieg einer Ethnie, ihrer Entwicklung, dem imperialen Höhepunkt, gefolgt von Trägheit, Rückzug und Erinnerung an die glorreichen Zeiten. Beim Aufwallen der nationalen Passion und ihrer „orgasmischen“ Entladung komme es zu den großen Eroberungen. So sah Gumiljow beispielsweise das derzeitige Verhältnis zwischen dem trägen Europa und dem von nationaler Passion getriebenen Arabien.

James DeMeo verweist in seinem Buch Saharasia zwar auf Gumiljows Forschungen über die Auswirkungen von Dürreperioden in Zentralasien auf die Wanderungsbewegungen der Steppenvölker, erwähnt jedoch weder die quasi „orgonomischen“ Anteile von dessen Theorie noch, daß Gumiljow sozusagen eine „faschistische Variante der Saharasia-Theorie“ vertritt. Geradezu zwangsläufig muß dieser „Anti-DeMeo“ im Antisemitismus münden: Für ihn stehen die Juden außerhalb der beschriebenen energetischen Prozesse. Sie seien ein merkantiler Fremdkörper, der in keiner organischen Beziehung zu seiner Umwelt steht.

Um das richtig einordnen zu können, verweise ich auf meine Ausführungen in Der Blaue Faschismus, wo gezeigt wird, daß der Nationalsozialismus auf ähnlichen quasi „orgonomischen“ Theorien beruht.

Gut möglich, daß der Westen (Gumiljows „europäisch-katholische Großethnie“) wie zuvor im Zweiten Weltkrieg erneut ein dem Wahnsinn anheimgefallenes Volk zur Räson bringen muß…

Die Weltgeschichte ist imgrunde nur eins: die Ausbreitung der Emotionellen Pest aus dem eurasischen Kernland und die Abwehrschlacht der „merkantilen Seemächte“ (insbesondere England und seine Kolonien) dagegen. Gumiljow ist der Prophet der Emotionellen Pest.

Sein Werkzeug ist der Faschist Putin, der von einer absurd hohen Prozentzahl von Islamkritikern und Pegida-Sympathisanten. „Präsident Putin hebt oft die Bedeutung des Islam für Rußland hervor. Rußland sei ein multinationales und multireligiöses Land, und Europa könne, was das Zusammenleben angehe, von Rußland lernen. Bei einer Rede hat er sogar Experten zitiert, die meinten, die russische Orthodoxie sei dichter am Islam als am Katholizismus.“

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7 Antworten to “Wladimir Putin und Lew Gumiljow”

  1. Peter Nasselstein Says:

    Apropos Geopolitik: ein faszinierender Artikel von Gunnar Heinsohn

    http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/europa_20_neuzuschnitt_der_alten_welt/

    Über mein über alles geliebtes Hamburg:

    Eine postnationale Grenzziehung für Europa 2.0, die den gerne als „reich“ apostrophierten Deutschen noch abwegig vorkommen mag, diskutiert man im Norden des Kontinents bereits seit 2009, als der Stockholmer Historiker Gunnar Wetterberg eine neue Föderation vorschlägt und dafür große Zustimmung findet. Die Skandinavier wurmt, dass sie für die G8 und selbst die G20 zu klein sind. Zudem begreifen auch sie, dass die EU, vor der allein Norwegen noch sicher ist, zur Verelendungsgemeinschaft wird, in der an den Pranger kommt, wer nicht immer neue Beihilfen ausspuckt.

    Ein neues Grenzregime soll diesen Zustand beenden. Dazu gehören würden Dänemark mit Grönland, Norwegen mit Färöer und Spitzbergen sowie Schweden, Finnland und womöglich Estland. Ausgestreckt bliebe die Hand auch nach Schleswig-Holstein und Hamburg, wo zwei der 30 dynamischsten deutschen Landkreise –neben der Hansestadt noch Stormarn – beheimatet sind. Auf 3,5 Millionen Quadratkilometern und mit 26 Millionen Einwohnern würde die achtgrößte Wirtschaftsmacht der Erde entstehen. Zu ihr würden vier Länder gehören, die nach einem internationalen Demokratieranking von 2010, das objektive Kriterien ermitteln will und sich nicht auf Befragungen verlässt (democracyranking.org), noch vor der Schweiz die Plätze eins bis vier belegen: Norwegen, Schweden, Finnland, Dänemark.

    Tschüß Deutschland!

  2. Peter Nasselstein Says:

    Hier wird Gumiljows bzw. „Gumilevs“ energetische Theorie auf das gegenwärtige Europa übertragen:

    http://www.pi-news.net/2011/11/ist-der-niedergang-europas-noch-zu-stoppen/

  3. Nikolai Levashov (Teil 1) « Nachrichtenbrief Says:

    […] Hare Krishna und nicht zuletzt autochthone Bewegungen breit, die Okkultismus, Antisemitismus und „Eurasiertum“ miteinander verbanden. Ganz ähnliches trug sich in China mit der faschistischen Sekte Falun Gong […]

  4. Die Saharasia-Theorie im Lichte der Arbeitsfunktion | Nachrichtenbrief Says:

    […] Saharasia hineinzuinterpretieren, wie ich es ansatzweise selbst auch getan habe, geht m.E. an der Sachlage vorbei. Selbst der Verweis auf den Nationalsozialismus ist nicht […]

  5. Tzindaro Says:

    The article, Orgone Fields And National Character, by Adam Margoshes, published in the 1960s in the orgonomic journal, Creative Process, edited by Charles Kelley, delt with some of the same factors from an orgonomic point of view.

  6. Peter Nasselstein Says:

    Hier der pi-news-Artikel zum Thema: http://www.pi-news.net/2015/09/moskau-putin-weiht-mit-erdogan-und-abbas-zweitgroesste-moschee-europas-ein/

    Hoffentlich wacht nun auch der letzte Putin-Fan auf!!!

  7. Denis Roller Says:

    Mein Gott, wie furchtbar! Eineinhalb Jahrtausende blinde Verwüstung und kein Ende in Sicht! Und Putin, die letzte Hoffnung gegen diesen Wahnsinn, kein Deut besser als alle anderen Slimer! Wo sind die „Menschen- Söhne“, die sich dem entgegen stellen?

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