Parkinson und die Arbeitsdemokratie

In Äther, Gott und Teufel kritisiert Reich 1949 die übliche Vorstellung vom Gehirn als „Steuerzentrum“ des Organismus:

Der Mechanismus begreift das Prinzip der Organisation nicht. (…) Für ihn gibt es eine Rangordnung der Organe im Organismus. Das Gehirn als das „höchste“ Entwicklungsprodukt ist zusammen mit dem Nervenapparat des Rückenmarks der „Direktor“ des ganzen Organismus. Der Mechanismus nimmt ein Zentrum an, von dem alle Impulse ausgehen, die die Organe bewegen. Jeder Muskel hat, durch den betreffenden Nerv vermittelt, sein eigenes Zentrum im Gehirn oder im Zwischenhirn. Woher das Gehirn selbst seine Aufträge bekommt, bleibt ein Rätsel. (S. 123)

Reich zufolge funktioniert das menschliche Gehirn jedoch wie folgt:

Für den Funktionalismus gibt es kein „höheres“ Zentrum und kein „niederes“ Ausführungsorgan. Die Nervenzellen erzeugen nicht die Impulse, sondern vermitteln sie bloß. Der Organismus als Ganzes bildet ein natürliches Kooperativ gleichwertiger Organe verschiedener Funktion. Wenn die natürliche Arbeitsdemokratie biologisch begründet ist, so finden wir sie in der harmonischen Kooperation der Organe vorgebildet. (…) Die Funktion selbst steuert die Kooperation. (S. 124, Hervorhebungen hinzugefügt)

Dies läßt sich anhand der neusten Forschungsergebnisse über die Parkinsonkrankheit illustrieren, die das bisherige mechanistische Verständnis völlig auf den Kopf stellen.

Bislang glaubte man, daß der sogenannte Nucleus subthalamicus, eine erbsengroße Struktur in den Tiefen des Gehirns, wie eine Art „Störsender“ wirke, ständig fehlerhafte Signale an die Muskeln der Parkinsonpatienten sende und so zu einer versteiften Muskulatur und unkontrolliertem Muskelzittern führe. Der Neurologe Lars Timmermann und seine Forschungsgruppe von der Universitätsklinik Köln hat jedoch mit neuen Rechnungsverfahren, die sie aus der Volkswirtschaftslehre übernommen und auf neuronale Modelle übertragen haben, herausgefunden, daß es genau umgekehrt ist: die krankhafte Aktivität kommt aus den Muskeln selbst! Vom Muskel verlaufen „afferente“ Signale zum Nucleus subthalamicus hin. Er scheint „eine Art Relais zu sein, eine Art Umschaltstation, wo ganz viel Information von allen Seiten reinfließt, umgerechnet wird und dann als Output, an das weitere Gehirn weitergegeben wird“.

Sogar das Aussehen der Nervenzellen scheint diese These zu bestätigen, so Timmermann: „Die haben ganz viele Ausläufer, greifen von überallher Informationen und scheinen diese ganz gebündelt an einer Stelle weiterzugeben.“ Es scheint also tatsächlich so zu sein, daß der Nucleus subthalamicus im Gehirn die fehlerhaften Signalen aus den Muskeln aufnimmt und dadurch letztlich selbst zu krankhafter Aktivität angeregt wird. Dadurch entsteht eine Rückkopplungsschleife, die kaum unterbrochen werden kann.

Alles wie bei Reich, inklusive der Bezug auf die Arbeitsdemokratie (Volkswirtschaftslehre)!

Timmermanns Forschungen verweisen auf die Muskelpanzerung (versteifte Muskeln) als Ursprung der Parkinsonerkrankung.

Diese Sichtweise wird nun durch eine Untersuchung von Beate Ritz (University of Californnia) et al. gestützt, die eine starke Korrelation zwischen dem Risiko an Parkinson zu erkranken und der „muskelversteifenden“ DOR-Belastung („starke Luftverschmutzung“) fanden. Unabhängig vom Geschlecht ist das Risiko für Menschen in Großstädten (hier Kopenhagen) 21 Prozent höher als für Landbewohner, bei Kleinstädtern sind es 10 Prozent.

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