Der orgonomische Bibelforscher (Teil 5): Jesu Funktionalismus

Vergleicht man das Neue mit dem Alten Testament, fällt auf, daß sich erst Jesus in Gleichnissen ausdrückt; „nichts sagte er ihnen, ohne Gleichnisse zu gebrauchen“ (Mt 13,34). Der berühmte Neutestamentler Joachim Jeremias bestätigt uns denn auch:

Jesus Gleichnisse sind (…) etwas völlig Neues. Aus der Zeit vor Jesus ist uns in der gesamten rabbinischen Literatur kein einziges Gleichnis überliefert. (Die Gleichnisse Jesu, Gütersloh 1980)

Im Gegensatz zu seinem Propagandisten Paulus zwingt Jesus niemandem Lehrsätze auf. Vielmehr ist die Lehrweise Jesu geradezu „arbeitsdemokratisch“ und „funktionell“ zu nennen. Indem der Zuhörer nicht an den Einzelheiten kleben bleibt, sondern das Ganze des Gleichnisses erfaßt, kann er sich den Sinngehalt des Gleichnisses selbstständig veranschaulichen, ohne daß Jesus ihm etwas aufzwingt.

Daß die Art der Vermittlung mit dem Inhalt der Botschaft Jesu übereinstimmt, ist an folgendem Gleichnis aus dem Markusevangelium (4,26-29) ersichtlich:

Mit der neuen Welt Gottes ist es wie mit der Saat und dem Bauern: Hat der Bauer gesät, so geht er nach Hause, legt sich nachts schlafen, steht morgens wieder auf – und das viele Tage lang. Inzwischen geht die Saat auf und wächst; wie, das versteht der Bauer selbst nicht. Ganz von selbst läßt der Boden die Pflanzen wachsen und Frucht bringen. Zuerst kommen die Halme, dann bilden sich Ähren, und schließlich füllen sie sich mit Körnern. Sobald das Korn reif ist, fängt der Bauer an zu mähen; dann ist Erntezeit.

Seit Paulus haben die Theologen immer wieder versucht diesen autonomen Erkenntnisprozeß „zwischen Aussaat und Ernte“ zu hintertreiben. Es mag stimmen, daß sich die Kirche immer schärfstens dagegen verwahrt hat, einzelne Aussagen Jesu aus dem Zusammenhang herauszulösen. Nur „das Wort“ in seiner Gesamtheit gilt. Leider hat die Kirche dabei umgekehrt für sich selbst nie erkennen wollen, daß damit auch ihrer Dogmatik der Boden entzogen ist. Sie kümmerte sich um den Splitter im Auge von Leuten, die wie ich Jesu Worte aus dem Zusammenhang rissen, bemerkte aber nicht den Balken in ihrem eigenen Auge. Man kann „das Wort“ Jesu nicht zum Dogma erstarren lassen, wie es die Kirche tat, ohne es zu töten. Zuerst nagelten sie den Sohn Gottes ans Kreuz, dann den Geist Gottes!

Ich sage euch: jede Sünde und jede Gotteslästerung kann den Menschen vergeben werden; aber wer den Geist Gottes beleidigt, der wird keine Vergebung finden. Wer den Menschensohn beschimpft, kann Vergebung finden. Wer aber den Heiligen Geist beleidigt, wird niemals Vergebung finden, weder in dieser Welt noch in der kommenden. (Mt 12,31f)

In seinem Fragment Jesus der Mensch (München 1986) spricht Alfons Rosenberg davon, daß die Theologen die Spannung im Worte Jesu nicht hätten ertragen können und daß sie deshalb nach Eindeutigkeit gesucht hätten, wodurch die Botschaft Jesu einseitig und falsch interpretiert worden sei. Das führte zur Erstarrung des Evangeliums. Die Frohe Botschaft hat sich so in ihr Gegenteil verkehrt. Sie wurde zu einem neuen Gesetz, das zum Tode führte – nicht nur im übertragenen Sinne. Genau wie Reich spricht Rosenberg davon, man könne Jesus erst dann verstehen, wenn man das „Sitzen“ aufgäbe und in das dynamische Leben eintaucht, wie man es in den Gleichnissen Jesu findet.

Jesus war (…) ein Wanderer durch die Landschaften und Völker, durch ihre Geistesgeschichte. Will man darum Jesus verstehen, darf man sich nicht in einen gesicherten Winkel zurückziehen und ihn wie auf einer Guckkastenbühne betrachten. Will man erfahren, was er uns weisen wollte, muß man den festen Standort aufgeben und mit ihm wandern – denn seine Weisheit ist keine ersessene, sondern eine erwanderte. Erst wenn wir bereit sind, mit ihm zu wandern, werden wir seines Wesens inne. Und ist nicht in seinem Wesen auch die Botschaft enthalten? Schon viele haben sich beklagt, daß Jesus so widersprüchlich sei, daß er die letzten Geheimnisse verhülle und vordergründig in sprichwortartigen Sentenzen spreche. Wie diese Wiedersprüche vereinen? Indem man mit ihm wandert und so erfährt, was er selber erfahren hat. Nur wo Widerspruch und Gegensatz ist, wirkt Wahrheit. Der „widersprüchliche“ Jesus ist uns heute näher als der theologisch harmonisierte.

Bei Jesus fehlt jede einengende, dogmatische Eindeutigkeit. Man vergleiche nur die folgenden Punkte miteinander:

  • Einerseits sagt Jesus vom Gesetz Mose solle kein i-Punkt geändert werden (Mt 5,17f), um dann in der Bergpredigt (Mt 5-7) das ganze Gesetz umzustoßen.
  • Jesu radikale Aussagen gegen den Ehebruch (Mt 5,27-30) stehen seiner Verteidigung der Ehebrecherin entgegen (Joh 8,3-11).
  • Einerseits soll man seine Mitmenschen lieben, so wie man sich selbst liebt (Mt 22,39), andererseits wird gesagt, man müsse sich und seine Wünsche aufgeben (Mt 16,24).
  • Desgleichen widerspricht Mt 22,39 Jesu Zurückweisung seiner Mutter und Geschwister (Mt 12,46-50) und der Aufforderung an seine Jünger, ihre Familien in Stich zu lassen (Mt 4,18-22).
  • Mt 4,18-22 widerspricht wiederum dem Wort, daß die Eheleute eine Einheit bilden, die man nicht auseinanderreißen darf (Mt 19,6).
  • „Ich bin gekommen, um die Söhne mit ihren Vätern zu entzweien, die Töchter mit ihren Müttern (…). Die nächsten Verwandten werden zu Feinden werden. Wer seinen Vater mehr liebt als mich, verdient es nicht, mein Jünger zu sein“ (Mt 10,35-37) gegen Jesu Bekräftigung des Gebotes unter Androhung des Todesstrafe seinen Vater und seine Mutter zu ehren (Mt 15,4-7).
  • „Freuen dürfen sich alle, die keine Gewalt anwenden, denn Gott wird ihnen die Erde zum Besitz geben“ (Mt 5,5) gegen „Glaubt nicht, daß ich gekommen bin, Frieden in die Welt zu bringen. Nein, ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern Streit“ (Mt 10,34).
  • „Wer nicht gegen uns ist, der ist für uns!“ (Mk 9,40) gegen „Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich (…)“ (Mt 12,30).

Wie Jeremias in seiner Neutestamentlichen Theologie (Erster Teil: Die Verkündigung Jesu, Gütersloh 1971) feststellt, ist Jesu Rede durch und durch vom „antithetischen Parallelismus“ geprägt. Wenn Jesus den antithetischen Parallelismus benutzt, liegt der Akzent immer auf der zweiten Aussage, was ein persönliches Merkmal der Rede Jesu gewesen zu sein scheint. Im Alten Testament und im Talmud liegt der Akzent meist auf der ersten Aussage. Und während hier der antithetische Parallelismus nur ganz selten auftaucht, macht er bei Jesus das innerste Wesen seines Wortes aus:

Jede Lästerung kann vergeben werden, aber nicht die wider den Heiligen Geist. Wenn man anderen verzeiht, wird auch Gott einem vergeben. Wenn man aber den anderen nicht verzeiht, wird einem auch Gott nicht vergeben. Man kümmert sich um den Splitter im Auge des Bruders, aber bemerkt nicht den Balken im eigenen Auge. Man soll sich nicht vor denen fürchten, die nur den Körper, aber nicht die Seele töten können. Gott ist zu fürchten, der Leib und Seele ins ewige Verderben schicken kann. Ein guter Mensch bringt Gutes hervor, weil er im Innersten gut ist. Ein schlechter Mensch kann nur böses hervorbringen, weil er von Grund auf böse ist. Von einem gesunden Baum kann man Früchte erwarten. Ist er aber krank, kann man nur schlechte Früchte von ihm erwarten. Weh den Pharisäern! Ihre Becher und Schüsseln halten sie äußerlich rein, aber was sie daraus essen und trinken, haben sie zusammengestohlen. Sie schüren schwere Lasten zusammen und laden sie den Menschen auf die Schultern, aber sie selbst machen keinen Finger krumm, um sie zu tragen. Nichts was der Mensch von außen in sich aufnimmt, kann ihn unrein machen; nur das, was aus ihm selbst kommt, macht ihn unrein! Die wohlhabenden Leute haben lediglich von ihrem Überfluß etwas abgegeben. Aber eine arme Witwe opfert tatsächlich alles, was sie zum Leben hatte. Die Vorbereitungen zum Fest sind getroffen, aber die geladenen Gäste waren es nicht wert. Viele sind berufen, aber nur wenige von ihnen sind Erwählte. Wenn der Herr die zukünftige Schreckenszeit nicht abgekürzt hätte, würde kein Mensch gerettet werden; aber er hat sie denen zuliebe abgekürzt, die er erwählt hat. Von zwei Frauen, die zusammen Korn mahlen, wird die eine angenommen, die andere bleibt zurück. Die Gedankenlosen nahmen nur ihre Lampe mit, während die Klugen auch noch Öl zum Nachfüllen mitnehmen. Wer sich vor den Menschen zum Menschensohn bekennt, zu dem wird sich auch der Menschensohn bekennen. Wer aber den Menschensohn nicht kennen will, den wird auch der Menschensohn nicht kennen. Wenn man von jemanden aufgenommen wird, soll man in dessen Haus bleiben, bis man weiterzieht. Wenn man aber in einen Ort kommt, wo man nicht aufgenommen wird, soll man weiterziehen. Die Füchse haben ihren Bau und die Vögel ihr Nest; aber der Menschensohn hat keinen Platz, wo er sich hinlegen und ausruhen kann. Gott ist dafür zu preisen, daß er den Unwissenden zeigt, was er den Klugen und Gelehrten verborgen hat. Den Eingeweihten läßt Gott erkennen, wie er jetzt seine Herrschaft aufrichtet, aber die Außenstehenden erfahren davon nur in Gleichnissen. Wer die Worte des Menschensohns hört und befolgt, baut sein Haus auf felsigen Grund. Wer dagegen Jesu Worte nicht hört, baut sein Haus auf Sand. Der eine Teil der Körner fällt auf schlechte Erde, doch nicht wenige fallen auf gute Erde. Das Senfkorn hat den kleinsten Samen; aber er wird größer als alle anderen Gartenpflanzen. Himmel und Erde werden vergehen, aber nicht die Worte Jesu.

Welche Rolle der antithetische Parallelismus im Wort Jesu spielt, zeigt sich besonders schön beim Anfang seiner „Feldpredigt“ im Lukasevangelium (6,20-26):

20 Jesus blickte auf seine Jünger und sagte; „Freut euch, Ihr Armen!
Ihr werdet mit Gott in der neuen Welt leben.
21 Freut euch, die ihr jetzt Hunger habt!
Gott wird euch satt machen.
Freut euch, die ihr jetzt weint!
Bald werdet ihr lachen.
22 Ihr dürft euch freuen, wenn euch die Leute hassen, wenn sie euch aus ihrer Gemeinschaft ausstoßen, euch beschimpfen und verleumden, weil ihr euch zum Menschensohn bekennt!
23 Ja, freut euch und springt vor Freude, wenn das geschieht, denn Gott wird euch reich belohnen. Mit den Propheten haben es die Vorfahren dieser Leute auch so gemacht.
24 Aber weh euch, ihr Reichen!
Ihr habt nichts mehr zu erwarten!
25 Weh euch, die ihr jetzt satt seid!
Ihr werdet hungern.
Weh euch, die ihr jetzt lacht!
Ihr werdet weinen und klagen!
26 Weh euch, wenn euch alle Leute loben, denn genauso haben es ihre Vorfahren mit den falschen Propheten gemacht.“

Hier findet sich der antithetische Parallelismus wie folgt:

20-23 // 24-26
20b // 24
21a // 25a
21b // 25b
22f // 26

Die Größe des katholischen Denkens wird evident, wenn man den einflußreichen katholischen Theologen und Philosophen Romano Guardini (1885-1968) betrachtet. Als „Gegensatz“ bezeichnet Guardini jenes Verhältnis, „in dem jeweils zwei Momente einander ausschließen, und doch wieder verbunden sind, ja (…) einander geradezu voraussetzen.“ Als Beispiel für derartige Gegensatzpaare führt Guardini folgendes an (Der Gegensatz, Mainz 1955, S. 99):

Derartige Gegensatzpaare bilden für Guardini das lebendige Ganze. Wobei sich das lebendige Ganze aber nicht aus den beiden Momenten zusammensetzen läßt.

Die Elemente der Antithese können für Guardini nicht ineinander „umschlagen“, weil eben ihre Gegensätzlichkeit das Lebendige konstituiert. Aus diesem Grunde war Guardini Antihegelianer. Das erinnert natürlich an die antihegelianische Philosophie Kierkegaards. Angesichts der „paradoxen“ Struktur der christlichen Offenbarung sollte für Kierkegaard These und Antithese bestehen bleiben. Als Christ wollte sich Kierkegaard nicht mit Hegels Lehre von der Synthese zufriedengeben, sondern sich, wie Jesus lehrte, der radikalen, „existentiellen“ Entscheidung stellen.

Der Neutestamentler Joachim Jeremias führt folgende Stellen bei Jesus an, wo zwei Extreme so scharf gegenübergestellt werden, daß kein Raum für Zwischengrößen bleibt. Es wird die „existentielle“ Entscheidung gefordert:

  • Wer viel hat, dem wird noch mehr gegeben werden, aber wer wenig hat, dem wird auch noch das wenige genommen, das er hat. (Mk 4,25)
  • Viele, die jetzt vorn sind, werden am Schluß stehen und viele, die jetzt die Letzten sind, werden schließlich die ersten sein. (Mk 10,31)
  • Niemand kann zwei Herren zugleich dienen. Er wird den einen vernachlässigen und den anderen bevorzugen. Er wird dem einen treu sein und den anderen hintergehen. Ihr könnt nicht beiden zugleich dienen: Gott und dem Geld. (Mt 6,24)
  • Wenn dich jemand zu einem Hochzeitsmahl einlädt, dann setz dich nicht gleich auf den besten Platz. Es könnte ja sein, daß eine noch vornehmere Person eingeladen ist. Der Gastgeber, der euch beide geladen hat, müßte dann kommen und dich bitten, den Ehrenplatz abzutreten. Dann müßtest du beschämt auf dem untersten Platz sitzen. Setz dich lieber auf den letzten Platz, wenn du eingeladen bist. Dann wird der Gastgeber kommen und zu dir sagen: „Lieber Freund, komm, setz dich auf einen besseren Platz!“ So wirst du vor allen geehrt, die mit dir eingeladen sind. (Lk 14,8-10)

An diesen Existentialismus des Kierkegaardschen „Entwder-Oder“ knüpfte nach dem Ersten Weltkrieg die protestantische „Dialektische Theologie“ von Karl Barth an. Für Barth ist eine Versöhnung zwischen These und Antithese nicht möglich, denn die Wahrheit Gottes ist nur in der unversöhnten These und Antithese aussagbar. Nur im Niemandsland zwischen ihnen ist Barth zufolge Platz für die Wirklichkeit Gottes. Weshalb in jeder eindeutigen Aussage Gott verschwinden muß. Seine Wirklichkeit läßt sich nie mit nur einem Wort aussprechen, sondern ausschließlich mit Satz und Gegensatz umschreiben:

Man darf nicht von der Gottesebenbildlichkeit sprechen, ohne in aller Deutlichkeit die Gefallenheit des sündigen Menschen hervorzuheben. Man darf nicht von der Freiheit des Christenmenschen sprechen, ohne gleichzeitig deutlich hervorzuheben, daß der Mensch Gottes Knecht ist. Man darf nicht von der Unsterblichkeit de Menschen sprechen, ohne deutlich zu machen, daß der Mensch als Lohn seiner Sünde dem Tod verfallen ist.

Der Mensch kann grundsätzlich nur im ungelösten Widerspruch über den geoffenbarten Gott sprechen, denn dieser Gott ist der, dem Sünder unerkennbare, „ganz Andere“. Für Barth sind Schöpfer und Geschöpf absolut getrennt. Einzig und allein Jesus Christus stand in der sonst unzugänglichen „lebendigen Wahrheit in der Mitte“. Der sündige Mensch, also jeder Mensch, steht dem hingegen Gott im ewigen Widerspruch gegenüber. Barth behauptet also die radikale Seinsunähnlichkeit von Gott und Welt.

Diese Position der Dialektischen Theologie lehnte Guardini als „protestantischen Extremismus“ radikal ab. Guardini hielt ihr die katholische Lehre von der „Analogie“ entgegen. Damit ist die unvollkommene Ähnlichkeit von Gott und Kreatur gemeint, die einen von der Welt her aufsteigenden Weg zu Gott ermöglicht.

Barths Dialektische Theologie, die nicht mehr nur vom Menschen, sondern von „Gott“ reden will, hat einen zutiefst menschenfeindlichen Grundzug. Sie stellt nichts weiter als eine weitere totalitäre Ideologie des 20. Jahrhunderts dar, die den Menschen zum „sündigen Menschenmaterial im göttlichen Heilsplan“ macht.

Man kann Jesu Lehre im Judentum nicht verorten, denn sie ist eine einzige Doppelzüngigkeit. Was sogar ganz explizit mit der Spaltung von exoterisch und esoterisch in Mk 4,10-12.33f gesagt wird. Einerseits offenbart Jesus einen gnostischen Gott, der sich nicht aus der Kette jüdischer Überlieferung herleitet, sondern der direkt dem Sohn das verkündet, was er den alttestamentlichen Propheten und Königen vorenthielt (Lk 10,21-24) und der Jesus in der Bergpredigt sagen läßt: „Ich aber sage euch!“ Andererseits tritt Jesus in der Bergpredigt (Mt 5-7), in der er den neuen Gott verkündet, ausdrücklich in alttestamentlicher Moses-Tradition auf. Gleichzeitig stellt er sich jedoch außerhalb der mit Moses begonnenen prophetischen Tradition, da er als König auftritt, also etwas verkörpert, wogegen das ganze Alte Testament wettert.

Es geht sogar noch weiter. In Joh 10,34 zitiert Jesus ausdrücklich Ps 82,6: „Ihr seid Götter, meine Söhne seid ihr, Söhne des Höchsten!“ Als Messias ist Jesus ganz und gar irdischer König, doch als „Menschensohn“ ist er ein übernatürliches Wesen, ein von Gott gesandter Engel (Dan 7,13). Jesus redet ständig von seiner besonderen Beziehung zu Gott, gleichzeitig verkörpert Jesu Lebenspraxis ganz binnenweltlich die Beziehung zwischen Menschen ohne Umweg über Gott. (Dies gibt es schon im Alten Testament: „Wer einem der ärmsten hilft, hilft mir – Gott.“ Spr 19,17) Die Gleichnisse mit den Samen kann man transzendental gnostisch auffassen (göttlicher Funke in der Materie), während das Bild an sich ganz binnenweltlich ist und auf alte matriarchale Ackerbaurituale verweist:

Das Weizenkorn muß in die Erde fallen und sterben, sonst bleibt es ein einzelnes Korn. Aber wenn es stirbt, bringt es viel Frucht. (Joh 12,24)

Jesus war kein Zelot, sondern predigte mit Jeremia die Unterwerfung unter die fremde Macht und wird deshalb von der jüdischen Menge bedroht wie Jeremia 26,24. Jesus war Zelot, was sich eindeutig an kriegerischen Äußerungen ersehen läßt und z.B. durch einen „indirekten Beweis“ wie Mk 5,1-20, wo im Heiligen Land plötzlich Schweine auftauchen! Wie kommen Schweine ins koschere Israel? Die „Schweine“ waren natürlich die Römer und hinter dem Einfahren der Dämonen in ihre Körper und ihrem grausigen Tod verbirgt sich nichts weiter als eine Guerilla-Attacke der Zeloten.

Jesus war kein Pharisäer, denn er wendet sich gegen die Überbürdung es Lebens mit immer neuen Ausformulierungen des Gesetzes durch die Pharisäer, die das ganze Volk durch diese Ausuferung des Gesetzes priesterlich heiligen wollten. Jesu Anklage gegen das Ungültigmachen von Gottes Gebot durch immer neue Gesetzesauslegungen in Mk 7,13 ist eindeutig antipharisäisch, genauso wie Mt 23,2ff, wo das Verhalten der Pharisäer drastisch abgelehnt wird. Das macht ihn zweifelsfrei zum Sadduzäer, wenn er sich gegen die pharisäische Rabulistik wendet und auf dem ursprünglichen Wort und Sinngehalt der Bibel besteht.

Andererseits war Jesus aber das Gegenteil eines Sadduzäers, deren Starrheit er anklagte und denen er rundweg absprach, daß „Gott ihr Besitz ist“, wie es nach Ez 44,28 der Fall sein soll. Die Vorwürfe ein Trinker und Säufer gewesen zu sein, schließt auch aus, daß er ein Mitglied der Essener war, einer radikalen asketischen Abspaltung der Sadduzäer. Und selbst bei der Etikette „Apokalyptiker“ sollte man angesichts der offenbar langfristigen Pläne für eine Organisation, die Jesus hegte, vorsichtig sein (z.B. hat der richtige Apokalyptiker Johannes der Täufer keine eigene Kirche hinterlassen).

Für alle Einordnungen von Jesus gibt es unwiderlegbare Argumente, die jeweils schon ganze Bibliotheken gefüllt haben. Gleichzeitig fehlt bei Jesus aber auch alle verwaschene Beliebigkeit und über die Jahrtausende scheint eine unverwechselbare alles eintönende Persönlichkeit bis zu uns durch. Hans Küng hat Jesus mit Mozart verglichen (die Fastgleichsetzung von Jesus und Mozart ist bei Theologen, z.B. Karl Barth, sehr beliebt – die göttliche Vollkommenheit bei einem Menschen), in dem alle Elemente der damaligen Musik vertreten gewesen wären und ihre abschließende Erfüllung fanden, der ihnen jedoch gleichzeitig ein unverwechselbares persönliches Gepräge gegeben habe. Man braucht nur zwei Takte hören und weiß sofort, daß es Mozart ist, ähnlich geht es einem mit Jesus. Keiner redet wie er.

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Eine Antwort to “Der orgonomische Bibelforscher (Teil 5): Jesu Funktionalismus”

  1. OBSZÖN GESCHÖPF | TheMetalZine Says:

    […] Jesu Funktionalismus (Teil 2) […]

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