Der orgonomische Bibelforscher (Teil 3): Jesus und Christus

Von allen Büchern Reichs hat mir Christusmord stets am wenigsten zugesagt und am meisten Kopfzerbrechen bereitet. Einfach weil er da eine Gestalt als letztgültige Verkörperung der Orgonomie hingestellt hat, die mir bis zu dieser Lektüre stets widerlich war. Jahrelang habe ich dann als „Reichianer“ versucht, in Jesus das zu sehen, was Reich in ihm sah, aber irgendwann ist dieser krampfhafte Versuch kollabiert und mein alter Widerwillen ist durchgebrochen.

Nun, Ambivalenz bleibt bestehen, allein schon weil Reich nun mal den Begriff „Christus“ als Symbol in die Orgonomie eingeführt hat – und er wird ewig drin bleiben, genauso wie in der Physik nach einem Anfangsfehler der Strom in alle Ewigkeit idiotischerweise vom Minus- zum Pluspol fließen wird.

Das Problem wäre nicht so groß, wenn Reich tatsächlich nur ganz subjektiv von „seinem“ Jesus (bzw. Christus) gesprochen hätte und ihn als rein literarische, fiktive Gestalt behandelt hätte, aber tatsächlich ist es (trotz mancher Aussagen Reichs, die in diese Richtung gehen) so, daß er durchaus von der historischen Figur Jesus sprechen wollte. Reich erwähnt zwar, daß es egal sei, ob Jesus wirklich gelebt hat oder nicht: die Geschichte wäre auch dann „wahr“. Leider ist das aber nicht so einfach, denn an vielen Stellen, z.B. wenn er Ernest Renan zitiert, wird deutlich, daß Reich die eine und einzige „historischen Wahrheit“ über Jesus entschlüsseln wollte.

In Der verdrängte Christus wollte ich zeigen, daß Reich vielleicht im großen und ganzen ins Schwarze getroffen hat – Christus also eine „bioenergetische“ Gestalt war, daß man aber trotzdem Jesus negativ sehen kann. Mein Aufsatz stellt einen Befreiungsschlag dar. Es soll wieder alles in Fluß geraten. Mythen, wie sie Reich mit seinem Buch ungewollt in die Orgonomie getragen hat, können gefährlich sein. Ich denke da z.B. an:

Von anderen Neo-Reichianern ausgebildete christliche Reichianer, passenderweise mit Reproduktionen eines arischen Jesus an ihren Bürowänden oder von Jesus, der am Kreuz blutet, tauchen hier und da auf. (James DeMeo: Pulse of the Planet, No. 4, S. 124)

Aber zurück zur Frage nach dem historischen Jesus: Wenn wir heute die vier Evangelien betrachten, sagen wir uns, daß dies offenbar keine Biographien sind. Aber genau das sind sie: antike Biographien. Vergleicht man nämlich die zeitgenössischen Biographien der römischen Kaiser und Geistesgrößen (die unzweifelhaft als Biographien gemeint waren) fällt auf, daß die Evangelien im damaligen Verständnis vollkommen normale Biographien sind. Sie sind genauso aufgebaut wie Kaiser-Biographien, die gleichen Proportionen (ein die Person charakterisierendes Ereignis ist für unser heutiges Empfinden grotesk überproportional aufgebläht, während das restliche Leben kurz abgehandelt wird mit großen Lücken), die gleichen legendären und „theologischen“ Ausschmückungen, etc. pp.

Übrigens hat Hans Conrad Zander, eine meiner Hauptquellen für Der verdrängte Christus, den gleichen Gegenargumenten gegenübergestanden: Wie er denn angesichts der Quellenlage eine solche imgrunde naive Interpretation geben könne, denn genaues wisse man nun mal nicht. Worauf er antwortete, daß dies typisches, nörgelndes Schriftgelehrtentum sei! In der wirklichen Welt sehe es so aus, daß wir über kaum einen antiken Menschen mehr wissen als über Jesus und das sogar noch aus vier unterschiedlichen Quellen! (Übrigens: Wenn die Schriftrollen vom Toten Meer doch von Jesus oder zumindest von seiner Zeit reden sollten, was eine Frage der Chronologie ist, würden die Gegenargumente ganz verpuffen – und übrigens Zander mehr recht behalten als Reich, was die Einschätzung von Jesus betrifft.)

Der Philosoph Hermann Schmitz führt in seinem die gesamte abendländische Kulturgeschichte Revue passierendem Buch Adolf Hitler in der Geschichte (Bonn: Bouvier Verlag, 1999, S. 40) aus, daß der Jesus der synoptischen Evangelien durchaus negative Aspekte hat. Man nehme nur einmal das Gebet, das Teil eines sadomasochistischen Machtspiels zwischen Gott und Mensch ist:

Dabei handelt es sich um göttliche Machtwirkungen, denen der Mensch unterworfen ist: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Körper töten, die Seele aber nicht töten können; fürchtet vielmehr den, der die Seele und den Körper in der Hölle verderben kann.“ (Mt 10,28) Andererseits garantiert diese Frömmigkeit dem Menschen die Chance indirekter Machtausübung durch Zugang zum Machthaber Gott im Immediatvortrag des Gebetes mit von Christus äußerst weitherzig verheißener Aussicht auf Wunscherfüllung. (Mt 7,7-11; 18,19; 21,22; Mk 11,24; Lk 11,8f; 18,1-8; Joh 14,13; 15,7; 16,23) Besonders bedeutsam als Anreiz zur Machtausübung sind die Stellen bei Lukas (ebd.), wo Jesus dem Frommen zu keineswegs bescheidenem, sondern aggressivem Beten Mut macht: Er soll Gott in den Ohren liegen und mit unverschämten Drängen lästig werden, dann wird er Erfolg haben, z.B. für die strafende Vergeltung an Widersachern, die ihm übel mitgespielt haben. Tauler empfiehlt diese Methode (Johannes Tauler: Predigten), die wohl auch deshalb bei Gott gut ankommt, weil dieser den Menschen zum Beten provoziert, indem er ihn in Not bringt (ebd.) oder von ihm Unmögliches verlangt. (Augustinus, De gratia et libero arbitrio 32 (XVI)) Calvin geht so weit, die durch unverschämte Zudringlichkeit erlangte Gebetserfüllung als ein Danaergeschenk des erzürnten Gottes an den Beter zu verdächtigen. (Ioannes Calvinus, Institutiones Religioni Christianae, Auflage von 1559) Ein berühmtes Beispiel so hemdsärmeligen Umgangs mit Gott im Gebet ist die von Luther auf robuste Weise erreichte Rettung Melanchthons von einer schweren Krankheit, in die dieser aus Scham über seinen die Bigamie des Landgrafen von Hessen begünstigenden Rat gefallen war. (Julius Köstlin: Martin Luther. Sein Leben und seine Schriften, Berlin 1903) Nach Luthers früher Meinung ist das Gebet als Gewalt des mit reißender Strömung zu Gott erhobenen Geistes allmächtig; es tut dem Himmelreich Gewalt an und reißt es an sich. (Martin Luther: Vorlesung über den Römerbrief 1515/16)

Jesus bindet den Menschen ins „Heilsgeschehen“ so ein, daß er (Jesus) wahrhaftig als Vorläufer Hitlers betrachtet werden kann:

Zur Bündelung des affektiven Betroffenseins – statt der Zerstreuung in Sorgen und Mühen – mahnt der synoptische (in den synoptischen Evangelien sich darstellende) Jesus mit dem Ausruf: „Eines ist not!“ (Lukas 10,41) Dieser Brennpunkt alles Interesse ist ihm die Herausforderung durch das nach seiner Meinung nah bevorstehende Weltgericht, das vor dem Thron des Richters, auf dem er selbst als der Menschensohn sitzen wird, die zusammengetrommelten Völker heulen und zittern lassen wird; dazu gehört seine schneidend scharfe Aufforderung zur Parteinahme für ihn mit vorweggenommenen vernichtendem Urteil über alle, die sich dafür nicht aufgeschlossen zeigen. Das ist die Quelle der Gerichts- und Höllenangst, die das Selbstverständnis der abendländischen Christen viele Jahrhunderte lang geprägt hat. Auf die Spitze getrieben wird die Bedrohung durch Jesu Ankündigung, daß nur Wenige von den Vielen, die er einberuft, Aussicht auf eine gnädige Entscheidung haben. (Matthäus 22,14) Diese alarmierende, von Augustinus eifrig aufgegriffene und von Thomas von Aquin bestätigte These durchzieht die katholische Lehre, bis sich ihr 1762 ein Jesuit (Gravina) widersetzt, und stellt noch im 17. Jahrhundert die Prediger vor die schwierige Frage, ob sie so etwas Schreckliches den Leuten sagen sollen. Über jedem gläubigen Christen der Westkirche schwebt demnach das Damoklesschwert der nicht nur möglichen, sondern – außer in Sonderfällen – statistisch wahrscheinlichen Auslieferung an ewiges Elend und fürchterliche Dauerqual. (ebd. S. 43f)

Freud behauptete, unsere „Kultur“ sei auf der Unterdrückung der sexuellen Triebe aufgebaut und entsprechend die Rebellion der Heroen der Kultur eben gegen diese Kultur von vornherein angelegt sei. Er führt aus, daß derjenige, der, dank einer „unbeugsamen Konstitution“, seine Triebe nicht unterdrücken könne, entweder als Verbrecher ende oder, wenn er eine entsprechende soziale Position einnimmt oder hervorragende Fähigkeiten besitzt, sich als „großer Mann“, als „Held“ durchsetzen werde (Freud, S.: „Die ‚kulturelle’ Sexualmoral und die moderne Nervosität“, In: Studienausgabe, Bd. 9, Frankfurt 1974, S. 18).

Eine sinnvollere Unterscheidung wäre die zwischen pestilentem Charakter (Verbrecher, Gewaltmensch, Tyrann) und genitalem Charakter (Kulturheros), wie sie von Reich herausgearbeitet wurde (Charakteranalyse).

Napoleon war für Reich beispielsweise alles andere als ein „Kulturheros“, sondern einfach ein Schwerstverbrecher, der nur von Idioten verehrt werden könne. („Napoleon, that stupid ass!“ [American Odyssey, S. 179].) Ein, oder vielmehr der, wirkliche Held war für Reich Christus. Sein Erscheinen war ein Durchbruch von Genitalität, das ausgesprochen sexualfeindliche Christentum entsprechend eine mißglückte biologische Revolution. Die innere Logik dieser Ausführungen legt jedoch nahe, in Christus ebenso sehr den „pestilenten Verbrecher“, von dem Freud spricht, zu sehen: Cäsar, Napoleon und Hitler.

Leider hat Reich diesen Aspekt in seinem Buch über Christus, Christusmord, ausgeblendet und ein einseitiges, geschöntes Christus-Bild gezeichnet. (Ähnliches machte vor ihm Freud mit Moses, wie wir in Teil 1 gesehen haben.)

Mit dem bereits in Teil 1 zitierten Buch Adolf Hitler in der Geschichte (Bonn: Bouvier Verlag, 1999) von Hermann Schmitz kann man sagen, daß der Jesus, mit dem sich Reich identifiziert, nicht der Paulinische des Lukas-Evangeliums und der anderen synoptischen Evangelien ist, sondern der des Johannes-Evangeliums. Darauf deutet auch hin, daß Reich stets von „Christus“ statt „Jesus“ spricht.

(…) Jesus (…) versteht sich als Vorkämpfer in einem Krieg, der mit räuberischer Gewalt beiderseits zwischen dem Himmels- und Teufelsreich geführt wird: Er deutet seine Teufelsaustreibungen als Raubüberfälle auf den mächtigen Oberteufel, den er heimsucht, fesselt und ausraubt. (Mt 12,28f; L 11,21f) (…) Diese alarmierende Lage treibt ihn zu strenger Polarisierung und totaler Mobilmachung: Er ist gekommen (…), um das Schwert zu bringen, in Gestalt der Entzweiung unter den Hausgenossen: der Empörung des Sohnes gegen den Vater, der Tochter gegen die Mutter, der Schwiegertochter gegen die Schwiegermutter. (Mt 10,34-36; L 12,51-53) Neutralität gibt es nicht: Wer nicht für mich ist, der ist wider mich. (Mt 12,30; L 11,23) Alle gewachsenen Lebensbezüge werden zerrissen: Wer als Jünger zu Jesus kommt, muß Vater, Mutter, Weib, Kinder, Brüder, Schwestern und sogar sein eigenes Leben hassen (L 14,26); gefordert wird der Haß rücksichtslos entschlossener Fanatiker. Zwar gibt es auch eine zahme Moral Jesu, z.B. in der Bergpredigt, und von der Liebe zu den Nächsten, ja gar zu den Widersachern ist die Rede, aber das ist nur eine provisorische Moral, die bald – sogar in unmittelbar bevorstehender Zukunft – durch einen vernichtenden Schlag gegen die Widersacher Jesu beim bevorstehenden Endgericht abgelöst werden wird. Ebenso grausig wie großartig malt der synoptische Jesus das Gericht aus, das er demnächst als imposanter Weltenrichter namens „der Menschensohn“ (…) über die (…) Völker der Erde halten wird, seine auserwählten Lieblinge in ein seit Anbeginn der Welt für sie vorbereitetes Freudenreich aufnehmend, die übrigen Menschen aber ins ewige Feuer werfend. (Mt 24,29-34; 25,31-46) Zwar gibt er einen moralischen Urteilsgrund an – Hilfe oder Hartherzigkeit gegen Hilfsbedürftige von Seiten der Begünstigung bzw. der Verurteilten (Mt 25,35-45) –, aber dabei bleibt es nicht: Zu den Verdammten werden auch die provisorisch geliebten Widersacher gehören, nicht wegen Hartherzigkeit gegen Hilfsbedürftige, sondern weil sie auf die Kraftakte oder Machterweise Jesu nicht mit der gehörigen Umbesinnung reagiert oder die von ihm ausgesandten Jünger nicht wohlwollend aufgenommen haben; den betreffenden Orten soll es am Tage des Gerichtes schlimmer ergehen als Sodom und Gomorrha, sie (speziell Kapernaum) kommen (samt Bewohnern natürlich) in die Hölle. (Mt 10,12-15: 11,20-24; L 10,5-16) Die Liebe zum Widersacher rechnet also beim synoptischen Jesus wie bei Paulus (Römer 12,19; 1. Thessaloniker 2,16) auf den aufgesparten Zorn beim folgenden Gericht. Bis dahin dauert es nicht mehr lange: Das lebende Geschlecht wird keine Zeit haben, vorher auszusterben (Mt 24,34); seinem Bekenntnis, Gottes Sohn zu sein, läßt der verhaftete Jesus im Verhör vor dem hohen Priester die feierliche Ankündigung folgen, daß es jetzt los geht (Mt 26,64). Dann werden, seiner Voraussage nach, die Übeltäter von ausschwärmenden Engeln gegriffen und wie Unkraut ins Feuer geworfen werden, von wo ihr Heulen und Zähneklappern zu hören sein wird (Mt 13,40-42, 49f.). Dadurch werden intim zusammengehörige Menschen auseinandergerissen: Von je zwei, die im selben Bett schlafen, die zusammen auf dem Feld oder in der Mühle arbeiten, wird der Eine zum Heil, der Andere zur Verdammnis entführt werden (L 17,34-36; Mt 24,40f.). Wieder setzt sich beim synoptischen Jesus das Wüten gegen gewachsene Bindungen durch.

Hinter der zahmen Moral, der Liebe zum Nächsten und zum Widersacher, steht beim synoptischen Jesus ein maßloser Machtanspruch und haßerfüllter Vernichtungswille. Den Kapitalisten, der in dem Gleichnis L 19,11-27 Gott bedeutet, läßt er ausrufen: „Die Widersacher, die nicht wollen, daß ich über sie herrsche, führt hierher und schlachtet sie vor meinen Augen.“ (L 19,27) So hätte der Assyrerkönig sprechen können. Die rücksichtslose Willkür dieses Gottes, den Jesus seinen oder euren Vater nennt, bei der Ausübung seiner Herrschermacht feiert das Gleichnis von der Hochzeit mit sonderbar zusammengewürfelter Gästeschar, dessen beide Versionen (Mt 22,2-14; L 14,16-23) je einen verhängnisvollen Stachel in das Fleisch des Christentums getrieben haben: die Matthaeus-Version das Prädistinations- und Reprobationsmotiv der wenigen Auserwählten, die Lukas-Version die Gewaltanwendung bei Bekehrung der Heiden und Ketzer, das von Augustin gegen die Donatisten ausgespielte und in die Kirchenmoral eingeführte „coge intrare“. In diesem Gleichnis entlädt sich abermals, wie in Jesu Flüchen auf die ihn und seine Jünger nicht willig und ergeben aufnehmenden Städte, sein Haß gegen solche Verweigerer: Die Geladenen, die sich nach der Matthaeus-Version an den ladenden Boten vergehen, statt zur Hochzeit zu kommen, werden daraufhin nicht nur selbst getötet, sondern auch ihre Stadt – wie jene Städte, denen es schlimmer als Sodom und Gomorrha gehen soll – wird angezündet; in der Lukas-Version begnügt sich der Veranstalter mit Zorn und Ausschluß der Geladenen, die sich ohne Gewalttat mit Angabe von Gründen entschuldigt hatten, vom künftigen Heil der Auserwählten. Die Herrenrolle bleibt zudem nicht dem göttlichen Despoten und seinem Agenten, dem Menschensohn Jesus als Menschheitsrichter, vorbehalten, sondern etwas von ihr geht auf den nächsten Rang über und verträgt sich da sehr gut mit der Bescheidenheit des Dienens im gleichen Rang: In allen drei synoptischen Evangelien kommt die Geschichte von den Jüngern vor, die von Jesus zur wechselseitigen Dienstbarkeit aufgerufen und so zurechtgewiesen werden, als sie sich um einen Vorrang vor den Genossen beim künftigen Regiment im Himmelreich bemühen (L 22,24-30; Mt 20,20-28; Marcus 10,35-45), aber die Lukas-Version fügt noch einen Trost hinzu: Die eifersüchtig um den Rang streitenden Jünger werden wie verkleinerte Menschensöhne im Himmelreich auf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten.

Dem Machtanspruch des synoptischen Jesus kommt sein enormes Machtbewußtsein gleich, das sich auf seine magischen Kraftakt stützt, die sogenannten Wunder, wobei ihm zum Erstaunen der Zeitgenossen das Meer und die Winde gehorchen (Mt 8,26f), aber auch ein unschuldiger Feigenbaum mit über ihn verhängtem Verdorren dafür zahlen muß, daß seine Früchte noch nicht reif sind, als der hungrige Jesus sie essen will. (Mt 21,18-20; Marcus 11,12-14) Diesen Vorfall nimmt Jesus zum Anlaß, seinen Adepten die Allmacht des Glaubens, der Berge versetzen könne, einzuschärfen. (Mt 21,21 und 17,20, Marcus 9,23, ähnlich L 17,6) Dabei handelt es sich nicht um religiösen Glauben, sondern um absolute, von keinem Zweifel angefochtene Selbstsicherheit im Vertrauen auf die eigene Macht, bei Jesus freilich kraft einer von Gott ausgestellten Vollmacht, deren Ursprung er, zur Rede gestellt, aber nicht zugibt (Mt 21,23-27; L 20,1-8; Marcus 11,27-33). Eine phänomenologisch begreifliche Quelle dieser Zauberkraft, wenigsten bei Heilungen, deutet die Geschichte von der Heilung einer an Blutfluß leidenden Frau (L 8,43-49; Marcus 5,30) (…).

Der Machtanspruch des synoptischen Jesus entlädt sich nicht nur in isolierten Akten, sondern hat eine ansteigende, häufende Tendenz, die in dem Gleichnis deutlich wird, das Gott als Kapitalisten darstellt (Mt 25,14-30; L 19,11-27). (…) den ängstlichen, nun verarmten Knecht läßt er in die Finsternis werfen, wo Heulen und Zähneklappern sind (Mt 25,30), d.h. in die Hölle. (Mt 13,40 und 22,13) Lukas, statt dieses Schicksal des armen Kerls zu schildern, läßt den Herrn in den schon erwähnten verallgemeinerten Vernichtungsbefehl nach Art eines Assyrerkönigs ausbrechen (19,27). (S. 115-117)

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2 Antworten to “Der orgonomische Bibelforscher (Teil 3): Jesus und Christus”

  1. Robert (Berlin) Says:

    Es gibt jedoch weitere Quellen, nämlich jüdische. Wie Hyam Maccoby
    nachweist, war Jesus ein typischer jüdischer Rebell seiner Zeit, der dann später von Paulus prorömisch umgedeutet wurde.
    – Jesus und der jüdische Freiheitskampf, Ahriman-Verlag, Freiburg 1996
    – Der Mythenschmied. Paulus und die Erfindung des Christentums, Ahriman-Verlag, Freiburg 2007

    Reich hat sich in seiner Einsamkeit mit Jesus identifiziert, was aber auch wieder eine Leugnung seiner Herkunft ist, weil sein Vater nun kein Heiliger war.
    Mit Reichs Interpretation wird der ‚genitale Charakter‘ selbst in Frage gestellt, weil solch eine schwammige Figur wie Jesus sich als Projektionsfläche perfekt eignet und man den klinischen Bereich verlässt.
    Übrigens besteht das Problem der historische Figur ebenso bei dem Religionsgründer Mohammed.

  2. Renate Says:

    Reich sah in ihm viell jmd der herausgefunden hatte, wie man mit der Orgonenergie „arbeitet“, wenn mans mal so sagen kann.

    Auf die Idee dass die Evangelien KEINE Biographien seien, kam ich nicht, was sollen sie denn sonst sein?

    Ansonsten wieder Hut ab vor deinem Wissen, auch deinem Literaturwissen.

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