Die drei Lügen der Orgonomie (Teil 1): Die Bukumatula-Lüge

Die drei Lügen der Orgonomie lassen sich an drei Kernaussagen der Reichschen Sexualökonomie, wie Reich sie Anfang der 1930er Jahre entwickelte, festmachen: 1. daß Kinder und Jugendliche mit Gleichaltrigen ein Sexualleben haben wollen wie die Erwachsenen; 2. daß Kultur und Bildung nebensächlich sind und 3. der Staat für Bedingungen sorgen muß, in denen die Menschen ihren natürlichen Bedürfnissen gemäß leben können.

Eine von Reichs Fehleinschätzungen betrifft die jugendliche Sexualität. Sie geht auf Bronislaw Malinowski zurück, der für die Trobriander den Beginn des Geschlechtsverkehrs viel zu früh angesetzt hatte. „Reichianische“ Kinderfreunde a la Cohn-Bendit hat das stets fasziniert. (Hier ein Artikel über diese gottverfluchten Drecksäue.)

Dem Mediziner und Humanethologen Wulf Schiefenhövel zufolge, der wie Malinowski jahrelang zwischen den Trobriandern gelebt hat, ist Malinowski

einer typisch europäischen Fehleinschätzung erlegen. Die Mädchen, die er für elf oder zwölf hielt, waren in Wirklichkeit 16 oder 18 Jahre alt. Brustentwicklung und Menstruation beginnen bei den Trobrianderinnen heute ab 15 Jahren. Falsch ist ebenso die Aussage, sie hätten zügellosen Südsee-Sex gelebt. Wir wissen, daß Mädchen unter 16 und Jungen unter 18 Jahren nur sehr selten miteinander schlafen. (Geo, November 1993, S. 49)

Eine Studie des britischen Psychologen Jay Belsky von der Birkbeck University in London hat gezeigt, daß der immer frühere Beginn der Pubertät (10 Prozent der amerikanischen Mädchen entwickeln mittlerweile schon mit 7 Jahren Brüste!) mit der frühkindlichen Entwicklung zusammenhängt.

Belsky und Kollegen werteten die Daten von 373 Frauen aus einer großen Studie über die frühkindliche Entwicklung aus. Man hatte die Entwicklung von Mädchen zwischen ihrer Geburt und ihrem 15. Lebensjahr verfolgt.

Mit 15 Monaten wurde die Mutter-Kind-Bindung untersucht, indem man die beiden in einem psychologischen Labor voneinander trennte und nach einiger Zeit wieder zusammenführte. Babys, die bei der Rückkehr der Mutter lächelten, Laute von sich gaben oder auf andere Weise ihrer Freude kundtaten, hatten offensichtlich eine gute Mutterbindung. Anders war das bei den Mädchen, die ihrer zurückkehrenden Mutter auswichen oder die von der Mutter nicht wieder beruhigt werden konnten.

Ab 9 ½ Jahren wurde jährlich die körperliche Entwicklung der Mädchen untersucht. Es stellte sich heraus, daß jene Kinder, bei denen im Säuglingsalter eine schlechtere Mutter-Kind-Bindung vorlag, ungefähr 2 bis 4 Monate früher in die Pubertät eintraten. Die Pubertät wurde auch schneller durchlaufen und die Menstruation setzte früher ein als bei jenen Kindern, die aus einer guten Mutter-Kind-Bindung hervorgegangen waren. (Natürlich sind auch andere Faktoren zu berücksichtigen, insbesondere Umweltgifte und Ernährung.)

Früher Sex ist nicht etwa Zeichen dafür, daß paradiesische, sozusagen „Trobriandische“, Zustände anbrechen, sondern ganz im Gegenteil dafür, daß die Gesellschaft immer pathologischer („Saharasischer“) wird.

Ich kann mich an eine Sendung von vor einigen Jahren über Alexander Neills berühmte Summerhill-Schule erinnern. Der übliche Journaille-Müll. Kinder werden gezeigt, wie sie aufeinander schießen: „Ein Kinderparadies mit Plastikpistolen!“ Eine 12jährige erklärt bei einer Versammlung, was Oral-Sex ist. Unter anderem wurde ein deutschsprechender Lehrer interviewt und dieser Mensch muß ausgerechnet ein Osho-Anhänger sein. Interessant war seine Aussage, daß freie Kinder erst ab 17 oder 18 Interesse am Geschlechtsverkehr bekommen. Unfreie Kinder hätten schon mit 12 oder 13 Sex aus Prostest.

Neill hielt übrigens rein gar nichts von den 68er Kinderfickern, die sich so gerne auf ihn beriefen.

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13 Antworten to “Die drei Lügen der Orgonomie (Teil 1): Die Bukumatula-Lüge”

  1. Robert (Berlin) Says:

    Es stellte sich heraus, daß jene Kinder, bei denen im Säuglingsalter eine schlechtere Mutter-Kind-Bindung vorlag, ungefähr 2 bis 4 Monate früher in die Pubertät eintraten. Die Pubertät wurde auch schneller durchlaufen und die Menstruation setzte früher ein als bei jenen Kindern, die aus einer guten Mutter-Kind-Bindung hervorgegangen waren.

    Das lässt sich soziobiologisch gut erklären, da diese Kinder schneller Geschlechtsreif sein müssen, um einen Partner zu finden, der sie ernährt. In der Herkunftsfamilie sind die Überlebenschancen geringer.

    Auch Jean und Paul Ritter (‚Freie Kindererziehung‘) zeigen, dass ihre Kinder erst spät Sex haben, obwohl sie schon als Kleinkinder onanieren dürfen.
    Kinder aus freien Kinderläden übernachten aber untereinander, also wird es Doktorspiele schon geben. (Was eine andere Frage als regulärer Geschlechtsverkehr ist).
    Aus persönlicher Anschauung schlussfolgere ich, daß Geschlechtsverkehr mit 13 oft eine Protesthaltung gegen sexuelle Unterdrückung ist, ebenso die extreme Sexualisierung der muslischen Jugend in ihrer Sprache eine Reaktion darauf.

  2. Klaus Says:

    Ja, dass es sich um eine Art Sex aus Protest handelt, kann ich mir gut vorstellen. So wirkt es auch. Was Summerhill betrifft: Die Rolle der in der Versammlung beschlossenen Regeln wird immer wieder betont. Und Neill hebt zudem hervor, dass sich die ursprünlichen Regeln aus Erfahrung meist wieder durchsetzten. Wie viel Verklärung bei Summerhill im Spiel ist, wäre nur mit eigenen Augen zu klären. Sicher werden auch kleinere Gruppen, von denen deutsche Regelschulen nur träumen können, ihren Beitrag leisten.

  3. Robert (Berlin) Says:

    Die Illusion von der Südsee-Idylle

    Friedfertige Menschen, sexuelle Freizügigkeit, keine Kriege, nicht einmal Morde: 1928 veröffentlichte die junge Anthropologin Margaret Mead ihren berühmten Bericht über das pazifische Inselreich Samoa. Er gilt bis heute als Musterbeispiel für die Vermischung von Wissenschaft und Wunschdenken.

    http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,715169,00.html

  4. Peter Nasselstein Says:

    Rudolf aus Berlin hat mich auf folgenden Artikel hingewiesen:

    http://www.welt.de/gesundheit/article9500622/Wenn-Maedchen-in-ueppigen-Frauenkoerpern-stecken.html

  5. Robert (Berlin) Says:

    Zum Artikel Rudolfs:
    Zur puberalen Akzeleration fällt mir noch eine Meldung ein, die ich nicht mehr im Weltnetz vorfinden konnte. In einem mexikanischen Dorf gibt es eine Hühnerzuchtanstalt, wo die Hühner mit Hormonen zum schnelleren Wachsstum gepeppelt werden. Die Bewohner des Dorfes essen diese Hühner, die mit Östrogenen substituiert werden, hauptsächlich. Ihre Kinder werden schon sehr viel früher reif, teilweise haben Sechsjährige schon Brustansätze.

    Die Hormone in den Plastiken sollen als Weichmacher wirken. Ihr Nebeneffekt ist, dass unsere Spermien immer kaputter werden und die Männer zeugungsunfähiger. Hier wird aus Profitgründen wie immer mit dem Leben anderer gespielt.

  6. Robert (Berlin) Says:

    Zum Thema Ethnologie:
    Warum hat eigentlich WR nie zu US-Zeiten sein Buch „Einbruch der sex. Zwangsmoral“ veröffentlicht?
    Die Gründe wüßte ich gern.

    • Peter Nasselstein Says:

      Immerhin hat er sich die Mühe gemacht 1951 das Buch einer grundlegenden Revision zu unterziehen und ein neuer Vorwort zu schreiben. Er hattedann nach dem ORANUR-Experiment und der sich zuspitzenden Auseinandersetzung mit der FDA keine Ressourcen mehr für eine Veröffentlichung frei, zumal das Buch nicht zu seinen Hauptwerken gehört.

  7. David Says:

    Auch die Kommunebewohner neigten zum zwanghaften Protokollschreiben, deshalb sind die Vorgänge dort verlässlich überliefert. Am 4. April 1968 beschreibt Eberhard Schultz, wie er mit der kleinen Grischa im Bett liegt und sie ihn zu streicheln beginnt, erst Gesicht, Bauch und auch Po, schließlich den Penis des Mannes, bis er „ganz erregt“ ist und sein „Pimmel steif wird“. Das Mädchen zieht sich die Strumpfhose herunter und fordert Schultz auf, „ma reinstecken“, worauf er antwortet, sein Penis sei dafür „wohl zu groß“. Dann streichelt er das Kind an der Vagina.

    Das habe ich auch mal gelesen. Hat Eberhard Schultz wirklich wahrheitsgemäß protokolliert? Wenn ja, dann liegt hier im engeren Sinn kein Kindesmissbrauch vor, weil es ja vom Kind ausing. Trotzdem ist derartiger Kontakt zwischen Erwachsenem und Kind nicht natürlich, und er könnte für das Kind seelisch negative Folgen haben.

    Wenn das Kind sowas vom Erwachsenen will und das Kind bereits die Sprache beherrscht, kann man ihm sagen, dass das nicht gut ist, wenn Erwachsener und Kind miteinander diese Spiele spielen, aber Kinder untereinander ist ok oder so ähnlich.

    Beim sexuellen Missbrauch des Kindes durch den Erwachsenen, also wenn die Sache vom Erwachsenen ausgeht, ist eines der möglichen Täter-Profile der Erwachsene, welcher relativ intellektuell – liberal ist und denkt, dass er das Kind in die Welt der Erwachsenen „einführt“ – und somit ihm etwas gutes tut – er weiß also gar nicht, dass er tatsächlich das Kind missbraucht.

    Hier müssen Menschen mit entsprechenden Berufen gut vorbereitet werden. Also beispielsweise das Kind auffordern, mich manuell zu befriedigen, ist sicher sexueller Missbrauch. Es ermutigen zum Onanieren, das tun laut DeMeo auch die meisten matriarchalen Kulturen (z.B. Nordamerikanische Indianer). Kinder ermutigen, miteinander „Papa und Mama“ zu spielen? Auch noch ok?

    Ersteres – Auffordern des Kindes zur Hand-Stimulierung des eigenen Geschlechtsteils – wird geschildert in dem Roman (Tatsachenroman?) von

    Paki. S. Wright: The All Soul’s Waiting Room, 1stbooks, 2002, ISBN: 0-7596-5617-7

    Opfer: Johnnine Hapgood, Täter: Daniel Pahlser. Es handelt sich vermutlich um wirklich existierende Personen, woraus folgt: Auch wer unmittelbar von Reich oder in Reichs Umfeld die Therapieausbildung erhalten hat, ist vor solch schweren Fehlhandlungen nicht gefeit.

    Die Folgerung: nur wer ein besonders langes Studium absolviert hat, nämlich außer dem Medizinstudium noch die Facharztausbildung, dürfe mit der orgnomischen Lehr-Therapie beginnen, ist jedoch falsch: Sich immer mehr Theorie in den Kopf hinein zu stopfen, dürfte, sofern bei dem jenigen Kontaktlosigkeit ist, diese eher noch steigern!

    Dies gilt, wie ich meine, für das deutsche Hochschul- und Universitäts-System und auch die Arzt-Ausbildung dort. Das amerikanische soll ja angeblich anders sein …

  8. David Says:

    Ersteres – Auffordern des Kindes zur Hand-Stimulierung des eigenen

    gemeint ist das des Täters – das ist Missbrauch!

  9. David Says:

    Bukumatula-Lüge? Gelogen haben vielleicht schon damals die Leute, mit denen Malinowski zusammen war. Vielleicht dachten sie, der verrückte Weiße mag solche Geschichten und dann erzählen wir ihm das, und dan tun wir ihm einen Gefallen …

  10. Klaus Says:

    Ein Sozial- und Dipl.-Pädagoge berichtete mir heute, dass ihm bei der Arbeit in Heimen passierte, dass er 14-Jährigen bei Sex-Handlungen im Heim begegnete, die – wie er es schilderte – deutlich an Pornoszenen erinnern. Das sei alltäglich Wie soll man es nun werten, wenn es sich um mehr oder weniger geistig ‚Behinderte‘ handelt und man – wie er sagte – Verhütung nicht einmal vorschreiben kann?
    Ich bin mir ziemlich sicher, dass eine ’sexuelle Revolution‘ im Sinne der 68er mehr als vollzogen ist, ohne dass die Folgen hinreichend bedacht worden wären. Dabei ist der Hinweis auf das Kriterium der orgastischen Potenz im Sinne der Orgontherapie wahrscheinlich praktisch nicht hilfreich, jedenfalls dann nicht, wenn die Betreuten (etwa in Heimen) in hohem Maße zu verantwortungsvollem Handeln nicht in der Lage sind. Ein altes Problem.

  11. O. Says:

    „1. daß Kinder und Jugendliche mit Gleichaltrigen ein Sexualleben haben wollen wie die Erwachsenen;“ (s.o.)
    Dies habe ich bei Reich nicht gelesen. Es scheint mir eine Fehlinterpretation von Reich zu sein, ähnlich wie die, dass „freie Sexualität“ bedeute, alle müssten mit allen ins Bett oder die Quantität der Sex-Eroberungen würde die „orgastische Potenz“ belegen.

    Kinder haben eine eigene mit dem Erwachsenen nicht vergleichbare Sexualität. Diese gilt vor den Augen und dem (perversen) Interesse der Erwachsenen zu schützen.

    Reich Ansichten und biographischen Ergüsse über seine Sexualentwicklung sind für mich absolut peinlich und von triebhafter Zwanghaftigkeit, also kein Vorbote „orgastischer Potenz“. Und auch später glänzt Reich nicht in seinen für mich klar neurotischen Affären mit Liebesfähigkeit, es hat mehr den Anschein als könne er seine Potenz nicht steuern. Er mag klar denkend in der Theorie gewesen sein, die eigenen Biographien lassen diese Klarheit für mich vermissen.

    Natürlich kann man mir eine verklemmte Erziehung nachsagen mit eigenen Ängsten bezüglich „freier WG-Berliner Kindlichkeit“, die so reif wie junge Erwachsene sich unter Erwachsenen bewegen, aber das war therapierbar.

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