Die toten Schlüpfer: über die neue Sex-Pille für Frauen

Mit „Libidomangel“ bei Frauen, bzw. im Fachchinesischen eine „Störung mit verminderter sexueller Appetenz“, Hypoactive Sexual Desire Disorder, HSDD, hat das Weib nun endlich auch „Erektionsprobleme“. Aber, gemach, in England ist ein Buch erschienen, in dem das „HSDD“ als bloße Marktstrategie der Pharmaindustrie entlarvt wird. Nachdem sie Milliarden mit Viagra und anderen Produkten mit Männern gemacht hatten, deren Leben so leer ist, daß sie es mit nichts anderem als Sex füllen können, sollte nun das emotionale Leiden der Frauen ökonomisch fruchtbar gemacht werden.

Ein Artikel im British Medical Journal dieser Woche macht öffentlich, daß Pharmaunternehmen nicht nur die Forschungen über ein neues Leiden finanzierten, das als Weibliche Erregungsstörung bezeichnet wird, sondern bei dessen Konstruktion Pate gestanden haben, um weltweit Märkte für neue Medikamente zu schaffen.

Bei der Recherche für sein neues Buch Sex, Lies and Pharmaceuticals hat Ray Moynihan, Journalist und Dozent an der University of Newcastle in Australien, entdeckt, daß Angestellte der Pharmaindustrie mit bezahlten Hauptmeinungsmachern zusammengearbeitet haben, um gemeinsam das neue Krankheitsbild zu konstruieren. Sie haben Umfragen durchgeführt, um es als weitverbreitet erscheinen zu lassen. Und sie halfen bei der Gestaltung von Diagnoseschlüsseln, um Frauen davon zu überzeugen, daß ihre sexuellen Probleme es rechtfertigen, mit einem medizinischen Etikett versehen und entsprechend behandelt zu werden.

Er glaubt, daß „die Vermarktung von Pharmaprodukten auf eine bestechende und beängstigende Art und Weise mit der medizinischen Wissenschaft verknüpft ist“ und er stellt in den Raum, ob wir eine ganz neue Herangehensweise benötigen, um Krankheiten zu definieren.

Er zitiert die Angestellte eines Unternehmens, daß ihre Firma daran interessiert gewesen wäre „die Konstruktion von Krankheiten voranzutreiben“ und er legt offen, wie die Unternehmen Erhebungen finanzieren, die sexuelle Probleme als weitverbreitet darstellen, und Werkzeuge entwickeln, um Frauen für die Hypoactive Sexual Desire Disorder zu evaluieren.

Moynihan zufolge waren viele der Forscher, die sich an diesen Aktivitäten beteiligten, Angestellte der Pharmaunternehmen oder sie hatten zumindest finanzielle Verbindungen zur Industrie. Währenddessen stellten wissenschaftliche Untersuchungen, die ohne Finanzierung durch die Industrie durchgeführt wurden, infrage, ob es überhaupt eine weitverbreitete Störung mit verminderter sexueller Appetenz gibt.

Er fügt hinzu, daß die Industrie eine führende Rolle dabei einnimmt, sowohl die Fachwelt als auch die Öffentlichkeit über diesen umstrittenen Zustand zu „unterrichten“.

Beispielsweise wurde in einem von Pfizer finanzierten Lehrgang behauptet, daß bis zu 63% der Frauen eine sexuelle Störung hätten und daß Testosteron und Sildenafil (Viagra) in Kombination mit Verhaltenstherapie möglicherweise helfen könnten. Er verweist insbesondere darauf, daß die „Aufklärungsarbeit“ des deutschen Pharmaunternehmens Boehringer Ingelheim „auf Hochtouren lief“, als sich der für 2010 geplante Zeitpunkt näherte, an dem sie ihr Mittel Flibanserin gegen die sexuelle Appetenzstörung auf den Markt werfen wollten.

Im Juni wurde Flibanserin von Beratern der US Food and Drug Administration (FDA) zurückgewiesen und Pfizers Sildenafil wurde gleichfalls zurückgezogen, nachdem Untersuchungen gezeigt hatten, daß praktisch kein Unterschied zu Placebos vorliegt. Doch obwohl die Mittel bisher gescheitert sind, warnt Moynihan, daß „das wissenschaftliche Gebäude über den Nachweis des Zustandes bestehen bleibt … und der Eindruck vermittelt wird, es gäbe einen massiven ‚unbefriedigten Behandlungsbedarf‘“.

Und mit mehr Mitteln in Planung „zeigt die Pharmaindustrie keine Anzeichen“, so Moynihan, „ihre Pläne ad acta zu legen, den unbefriedigten Bedarf aufzufangen, zu dessen Existenz sie selbst beigetragen hat“.

Er legt nahe, daß es „vielleicht an der Zeit sei die Art und Weise zu überdenken, mit der das medizinische Establishment allgemein verbreitete Krankheitszustände definiert und Vorschläge gibt, wie sie zu behandeln sind“.

Und er schließt: „Vielleicht ist es Zeit für die Entwicklung neuer Gremien, die dafür zuständig sind behandelbare Erkrankungen zu definieren. Sie sollten sich aus Leuten zusammensetzen, die keine finanziellen Verbindungen zu jenen haben, die ein Eigeninteresse am Resultat dieser Überlegungen haben, und die viel repräsentativer für die breite Öffentlichkeit sind … und mit dem langsamen Prozeß beginnen, die miteinander verwobenen Bereiche Marketing und medizinische Wissenschaft voneinander zu trennen.“

So wird heute „Wissenschaft“ betrieben. Das war zu Reichs Zeiten nicht anders. Er hat versucht derartige Machenschaften der Pharmaindustrie in seinen Gerichtsakten zu dokumentieren.

In einem Begleitkommentar schreibt Dr. Sandy Goldbeck-Wood, die sich auf psychosexuelle Medizin spezialisiert hat: „Angesichts einer weinenden Frau, deren Libido verschwunden ist und die Angst davor hat ihren Partner zu verlieren, können Doktoren unter einem starken Druck stehen eine sofort wirksame, effektive Lösung anzubieten.“

Sie schreibt, daß Moynihans Recherchen sowohl den Interessenkonflikt als auch den relativen Mangel überzeugender Belege für pharmakologische Lösungen der Sexualprobleme von Frauen verdeutlicht. Jedoch stellt sie seinen Einwand infrage, „die weibliche Sexualstörung sei ein bloßes Konstrukt einer Krankheit, die von pathologisierenden Ärzten unter dem Einfluß der Pharmaindustrie geschaffen wurde. Dies werde weder die Kliniker überzeugen können, die Frauen mit Sexualstörungen sehen, noch deren Patientinnen.“

Frauen, schreibt sie, die damit gerungen haben, die psychologischen und kulturellen Hemmnisse zu überwinden, um nach Hilfe für ihre Sexualprobleme zu suchen, werden den Einwand nicht goutieren, man solle sie doch einfach „in Ruhe lassen“.

Sie glaubt, hier liege eine grobe Vereinfachung vor und geht davon aus, daß weitere Untersuchungen notwendig sind, die die Komplexität des Sexuallebens widerspiegeln. „Es ist an der Zeit in mehr Forschung zu investieren für die am meisten realistische, einfühlsame und auf Evidenz basierende Behandlung, statt sich auf biologische Behandlungen zu beschränken, die auf dürftiger Evidenz basieren.“

Das Kuriose ist, daß aus orgonomischer Sicht, die weitgehend der von Goldbeck-Wood entspricht, die Pharmaindustrie natürlich nicht ganz falsch liegt. Es ist ähnlich wie bei der allgemeinen neurotischen und „psychosomatischen“ Malaise der Bevölkerung, von der die Pharmaindustrie lebt. Die „Diagnose“ der Knechte der Pharmakonzerne ist so falsch nicht, aber aus der orgastischen Impotenz Profit schlagen und jeden zur Strecke bringen, der etwas Grundsätzliches gegen dieses profitable Massenleiden (d.h. die Panzerung der Massen) unternehmen will…

Die Auseinandersetzung zwischen Moynihan und der Pharmaindustrie zeigt auch, daß beide Seiten gleichermaßen in der Falle der mechanistischen Lebensauffassung gefangen sind: die eine Seite legt uns a la Freud nahe, uns ins allgemeine Unglück zu fügen, während die andere Seite uns künstliche Paradiese verspricht. Beide machen es sich auf ihre jeweilige Weise in der Falle gemütlich.

Sie mögen sich als unversöhnliche Gegensätze betrachten, doch tatsächlich ergänzen sie einander:

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3 Antworten to “Die toten Schlüpfer: über die neue Sex-Pille für Frauen”

  1. Robert (Berlin) Says:

    Es gibt inzwischen mehrere überzeugende Untersuchungen, dass die Anti-Baby-Pille die weibliche Libido schwächt.
    So schlägt Big-Pharma zwei Fliegen mit einer Klappe. Einmal hemmen sie die weibliche Libido und dann bieten sie weitere Präparate dagegen.
    Was für ein glänzendes Geschäft!

    http://www.focus.de/gesundheit/news/anti-baby-pille_aid_94945.html

  2. O. Says:

    Nun dann erwarten wir wohl auch bald das Störungsbild der „Sex besessenen Frau“ – die Hyperactive Sexual Desire Disorder, das HSDD-plus.
    Medikamentös dürfte das wohl kein Problem sein. 😉

  3. David Says:

    https://en.wikipedia.org/wiki/Flibanserin

    Zitat:

    Flibanserin was originally developed as an antidepressant, before being repurposed for the treatment of HSDD.

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