Reich und die Linke (Teil 1)

Man kann die orgonomische soziopolitische Theorie im folgenden Schema zusammenfassen (dabei handelt es sich um eine, hier geringfügig modifizierte, orgonometrische Gleichung von Paul Mathews, die dieser wiederum auf Grundlage von Reichs Massenpsychologie des Faschismus ausgearbeitet hat):

Der rechteckige eingerahmte Teil entspricht dann der ausführlicheren Tabelle der soziopolitische Charakertypen in Elsworth F. Bakers Der Mensch in der Falle (S. 232).

Reichs Auseinandersetzung mit dem falschen Liberalen, den später Baker als „modernen Liberalen“ bzw. „Kollektivisten“ bezeichnen sollte, läßt sich sehr weit zurückverfolgen. So richtete sich Reich schon 1920 in seinem Tagebuch gegen die kollektivistische Haltung seines Freundes William S. Schlamm:

Aber in einem gebe ich ihm auch affektiv nicht recht: daß jeder Einzelne ein Teil eines Ganzen zu sein verpflichtet sei, um dem objektiven Geist zu dienen.

Vielmehr nehme er Stirners Standpunkt ein: „ich will nicht dienen, ich will den Geist in mir aufrichten“ (Leidenschaft der Jugend, Köln 1994, S. 139).

Schon aus den ersten rein privaten „politischen“ Aufzeichnungen Reichs kann man praktisch alle Elemente seines späteren Konzepts der „Arbeitsdemokratie“ auf der Grundlage selbstregulierter Individuen entnehmen: aus der Freiheit der Einzelnen entwickelt sich eine freie Gesellschaft. Ständig ist in Reichs damaligen privaten Aufzeichnungen von „Individualismus“ die Rede, während Leute wie Siegfried Bernfeld nur in Kollektiven leben könnten. Reich spricht vom „kommunistischen Geschwafel“ und stellt ihm die „egoistische Realität“ gegenüber. Er verweist dabei auf den „Gott“ Max Stirner, der 1844 mehr gesehen habe, als „wir 1921“. Reich fühlt sich abgestoßen von kommunistischen Sympathisanten und „Altruisten“, wie Alfred Adler, die nur kontaktlos „intellektuell revolutionär“ reden, ohne persönliche Konsequenzen zu ziehen. „Idealisten“, die für das ferne Rußland agitieren, das sie nichts angeht, während sie für das Elend in ihrer unmittelbaren Nähe blind sind und hilflos reagieren, wenn man sie auf es aufmerksam macht – sie planen aber die Weltregierung… (vgl. Leidenschaft der Jugend).

Willy Schlamm wandte sich Ende der 20er Jahre vom Kommunismus ab und entwickelte sich zum pessimistischen Konservativen, während sich zur selben Zeit Reich der kommunistischen Bewegung anschloß. In seinem Buch Wilhelm Reich in Wien (Wien 1988) beschreibt Karl Fallend den Elan und die Radikalität, die Reich dabei an den Tag legte. Bei einem politischen Engagement, das Reich nicht nur später mehr oder weniger zu vertuschen trachtete, um seinen Lebensweg gradliniger erscheinen zu lassen und diese Emotionelle Pest-Reaktion (auf seine eigene Entdeckung der Funktion des Oragsmus?) „einzuebnen“.

Reich war damals ganz dem sozialistischen Aufklärungsideal verpflichtet: Kläre die „Massen“ über ihre Lage auf und sie werden mechanisch, rationalistisch ihren Interessen gemäß handeln. Er mußte schmerzlich miterleben, daß man in der Tat die Menschen nicht erziehen kann. So sagte er rückblickend 1952 in einem Interview mit dem Psychoanalytiker Kurt Eissler:

Nun, ich kann Ihnen versichern, daß ich seinerzeit viele Fehler gemacht habe. Beispielsweise war es ein Fehler zu glauben, daß man mit den Leuten nur über die Neurose und dann über Glück zu sprechen braucht und daß sie dann fähig wären, zu verstehen und sich zu ändern. Ich wußte, daß die Leute krank waren, aber ich wollte Freiheit für sie. Aber die Fähigkeit zur Freiheit, die strukturelle, charakterologische Fähigkeit, war irgendwie nicht ganz da. Gerade hier, in der Frage der strukturellen Unfähigkeit, waren Freuds [konservative] Einwände gegen meine Arbeit korrekt.

Die Berechtigung konservativer Zurückhaltung zeigte sich Reich auch, als er bei seiner sexualpolitischen Arbeit mit der zügellosen Freiheitskrämerei des falschen Liberalismus konfrontiert wurde. So erinnert er sich 1946 in seiner Rede an den Kleinen Mann (S. 60):

Ein künftiger, derzeit noch verhinderter Führer, voll begeistert für die Diktatur des Proletariats, war auch für die Sexualökonomie begeistert. Er kam zu mir und sagte: „Sie sind wunderbar! Karl Marx hat den Menschen gesagt, wie sie ökonomisch frei sein können. Und Sie haben den Menschen gesagt, wie sie sexuell frei sein können. Sie haben gesagt: „Geht hin und vögelt nach Belieben.“

Genauso wie die Moralisiererei des reaktionären Konservativen in der totalen menschenverachtenden Amoralität des Nazismus endete, führt auch diese Zügellosigkeit des falschen Liberalismus in die kommunistische Prüderie. Reich wurde von den Roten Faschisten nur benutzt, um die Menschen in die Falle zu locken:

Ich belebe die Massen, kleiner Revolutionär, zeige ihnen die Misere ihres kleinen Lebens. Sie horchen meinen Worten, glühen vor Begeisterung und Hoffnung, rennen in deine Organisationen, weil sie glauben, mich dort zu finden. Du aber, was tust du? „Die Sexualität ist eine kleinbürgerliche Verirrung“, sagst du, „auf die ökonomischen Faktoren kommt es an.“ (ebd., S. 42)

Reich paßte einfach in keiner Hinsicht zum linken Spektrum und wurde nur zynisch ausgenutzt. Außerdem war seine Adaption des Marxismus so geartet, daß nichts von einer linken, kollektivistischen, gegen das Leben gerichteten Ideologie übrigblieb. So korrigierte Reich 1932 in seinem Buch zur „Geschichte der sexuellen Ökonomie“, Der Einbruch der Sexualmoral eine der fundamentalen Thesen, wenn nicht die fundamentale These, des Marxismus. Ging Engels noch kollektivistisch von der Produktion aus, davon, daß der Mensch durch die Produktion von Gütern und Menschen (Fortpflanzung) zum Menschen wird und beide Arten der Produktion die Gesellschaftsform bestimmen, betrachtete Reich individualistisch den Menschen vom Standpunkt der Konsumtion her: Nahrungstrieb (Konsum) und Sexualbedürfnis (Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral, S. 130). Dies ist schlicht das Gegenteil des Marxismus, unabhängig davon, daß sich Reich zu dieser Zeit noch als „Marxist“ betrachtete!

Reichs Schüler und Mitarbeiter Elsworth F. Baker schreibt in Der Mensch in der Falle (München 1980), daß sowohl der Konservatismus (Ordnung) als auch der Liberalismus (Freiheit)

in ihrer einfachsten Form (…) legitime Einstellungen zur Welt [sind], und wenn sie von gleich vielen Menschen vertreten werden, schaffen sie ein gutes Gleichgewicht im Fortschritt von Gesellschaft und Regierung. Übertreibungen und Verzerrungen der einen oder der anderen Einstellung bringen soziales und politisches Chaos mit sich.

Es hängt von den gesellschaftlichen Umständen ab, welche Seite von der Orgonomie in einer gegebenen Zeitperiode unterstützt wird. Beispielsweise hatte der „wissenschaftliche Sozialismus“ anfangs eine unmittelbare Relevanz für den Reichschen Ansatz „Sexualökonomie“.

In August Bebels 1883 erschienenem Buch Die Frau in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft finden sich sexualökonomische Stellen wie folgende:

(…) weil besonders für das Weib sich die meisten Hemmungen ergeben, seine heftigsten Naturtriebe in natürlicher Weise zu befriedigen. Dieser Widerspruch zwischen Naturbedürfnis und Gesellschaftszwang führt zur Unnatur, zu geheimen Lastern und Ausschweifungen (…).

So ist es nur natürlich, daß Reich sich dieser Marxistischen Tradition zuwandte, die von Anfang an sexualökonomische Elemente in sich trug.

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7 Antworten to “Reich und die Linke (Teil 1)”

  1. Robert (Berlin) Says:

    Eissler war sogar bei Reichs politischen Versammlungen in Wien dabei und kannte ihn von daher.

    Es ist interessant, wie der sozialpolitische Psychoanalytiker Fritz Wittels Freuds Lehre verstand. Das Motto seines Buches „Die sexuelle Not“ (Wien und Leipzig 1909) war: „Die Menschen müssen ihre Sexualität ausleben, sonst verkrüppeln sie“.

    http://www.freudfile.org/wittels.html

    • Peter Nasselstein Says:

      Bernd Nitzschke:

      Das hätte Freud nicht gefallen: diese Assoziation „Psychoanalyse – Libertinage“. Der Meister des Es hat ihr stets widersprochen. Im Dezember 1908 zum Beispiel, als in der Mittwochgesellschaft über das Buch Die sexuelle Not diskutiert wurde, dessen Verfasser Fritz Wittels zum Kreis um Freud, aber auch zu den Autoren der von Karl Kraus herausgegebenen Zeitschrift Die Fackel gehörte. Otto Rank protokollierte Freuds Standpunkt damals so: „Durch die Kur befreien wir die Sexualität, aber nicht damit sich nun der Mensch von ihr beherrschen lasse, sondern wir ermöglichen eine Unterdrückung, Verwerfung der Triebe von einer höheren Instanz aus. Die Fackel trete für das Ausleben ein.“ Freud grenzte sich damit von jedweder sexuellen Revolution ab, die damals nicht nur beschrieben, sondern in Ascona und in Schwabing vom selbsternannten Psychoanalytiker und Bohemien Otto Gross auch betrieben wurde.

      „Ein böses und nur durch Unkenntnis gerechtfertigtes Mißverständnis ist es, wenn man meint, die Psychoanalyse erwarte die Heilung neurotischer Beschwerden vom ‚freien Ausleben’ der Sexualität“, wiederholte Freud seinen Standpunkt in einem 1923 für das von Max Marcuse herausgegebene Handwörterbuch der Sexualwissenschaften verfaßten Beitrag noch einmal. Fritz Wittels hatte hingegen 1908 den Programmsatz formuliert: „Die Menschen müssen ihre Sexualität ausleben, sonst verkrüppeln sie.“ Der Protokollant der Mittwochgesellschaft faßte Freuds Reaktion darauf so zusammen: „Am unsympathischsten sei ihm das Motto des Buches gewesen.“

      http://www.werkblatt.at/nitzschke/text/psychomoderne.htm

      Freud war Reichs Antipode.

  2. Robert (Berlin) Says:

    Zur Ehrenrettung von Wittels möchte ich anmerken, dass dieses Motto im Jahre 1909 anders gemeint war als gut hundert Jahre später. Wir denken uns etwas bestimmtes als „ausleben“, aber vor hundert Jahren war damit womöglich etwas anderes gemeint, als was wir heutzutage darunter verstehen.

  3. Robert (Berlin) Says:

    Es ist interessant, die Diskussion über Wittels Buch in den Protokollen nachzulesen.
    So erhofft sich Wittels von der Libertinage eine bessere Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten und Freud hält das ‚Schreckgespenst der Libertinage‘ für übertrieben.
    Man merkt, dass damals ganz andere Zusammenhänge eine Rolle spielten als wir uns heute vorstellen können.

  4. Robert (Berlin) Says:

    „In August Bebels 1883 erschienenem Buch Die Frau in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft finden sich sexualökonomische Stellen wie folgende:
    (…) weil besonders für das Weib sich die meisten Hemmungen ergeben, seine heftigsten Naturtriebe in natürlicher Weise zu befriedigen. Dieser Widerspruch zwischen Naturbedürfnis und Gesellschaftszwang führt zur Unnatur, zu geheimen Lastern und Ausschweifungen (…).
    So ist es nur natürlich, daß Reich sich dieser Marxistischen Tradition zuwandte, die von Anfang an sexualökonomische Elemente in sich trug.“

    Der Text ist doppelt !!!

  5. Peter Nasselstein Says:

    Worum geht es im Marxismus? Darum, daß eine kleine Gruppe von „Intellektuellen“ in alle Ewigkeit Energie im Gehirn binden können, indem sie versuchen DAS KAPITAL zu verstehen. Etwa hier:

    But to be fair to Kliman – an assidious scholar of Marx’s Capital for many years – he is making some important points in his new book that may put him closer to our German friends of the Exit group and others, who make a case for the current epoch bringing forth ‘the real limits’ of capitalist productive relations, a position in contradistinction to virtually every other marxian school of thought currently operating. For example, Guglielmo Cardechi, another big hitter in that universe, sees the current crisis in terms of the life-cycle of capital.

    https://enemiesofutopia.wordpress.com/2012/02/12/a-few-more-notes-on-value-critique/

    Nach 150 Jahren sind sie sich nicht mal über die Basics einig! Irreal!

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