Kleines Lexikon der Arbeitsdemokratie

Natürlich hat ein „Lexikon“ in einem Blog keinen Platz. Dieses vorgebliche „Lexikon der Arbeitsdemokratie“ dient einzig dazu, möglichst komprimiert in die Gedankenwelt der Arbeitsdemokratie einzuführen.

Anarchismus: Reich war stets ein Gegner des Anarchismus, da dieser die strukturelle Freiheitsunfähigkeit der Massen nicht sieht und nicht erkennt, daß die hierarchische Ordnung der Gesellschaft nicht nur willkürlich ist, sondern durchaus einen rationalen Kern in den Notwendigkeiten des Arbeitsprozesses hat.

antiautoritär: Die traditionelle autoritäre Gesellschaft war repressiv, insbesondere was den Sexus angeht. Die antiautoritäre Gegenbewegung ruft Triebhaftigkeit und einen alles erstickenden Intellektualismus hervor mit einer vollständigen Trennung vom biologischen Kern.

Arbeit, lebensnotwendige: „Unter ‚lebensnotwendiger Arbeit‘ müssen wir jede rubrizieren, die zur Aufrechterhaltung der menschlichen Lebens und der gesellschaftlichen Maschinerie unerläßlich ist. Jede Arbeit also, deren Ausfall den lebendigen Prozeß schädigen und hemmen würde, ist lebensnotwendig“ (Massenpsychologie des Faschismus).

Arbeiterbewegung: Ursprünglich ein genuin arbeitsdemokratischer Protest gegen die Degradierung des Menschen zum Anhängsel der Maschine. Reich hat die Entartung zur Staatsgläubigkeit beschrieben, die den Menschen noch weiter zu einem Maschinenwesen erniedrigt.

Arbeitsenergie: Neben der Libido ist die Arbeitsenergie die zweite wichtige Äußerungsform der organismischen Orgonenergie. Während die Sexualenergie zur Bildung von Freundschaften, sexuellen Partnerschaften und Familiengemeinschaften führt, ist die Arbeitsenergie für die Bildung arbeitsdemokratischer Zusammenschlüsse von losen Arbeitsgemeinschaften bis hin zu Wirtschaftsunternehmen verantwortlich.

Arbeitskraft: Die biologische Energie als Produktivkraft. Neben der Sexualität ist Arbeit eine der beiden grundlegenden Lebensfunktionen. „Je befriedigender das Geschlechtsleben ist, desto voller und freudiger ist auch die Arbeitsleistung“ (Massenpsychologie des Faschismus).

Arbeitsstörungen: Es besteht eine Entsprechung zu Störungen der sexuellen Befriedigungsfähigkeit. Ursachen können äußerlich (z.B. durch Mobbing) oder innerlich (neurotisch) sein. Genauso wie im Sexualleben wird der Gesunde (in einer freiheitlichen Gesellschaft) sein Leben so verändern, daß er Erfüllung in der Arbeit findet.

Arbeitsteilung: Die Spezialisierung ist nicht etwa Ursache von „Entfremdung“ sondern Wesen der Arbeitsdemokratie.

Ausbeutung: Unter Ausnutzung eines Machtgefälles wird die Sexual- und Arbeitsenergie der Schwachen ausgebeutet. Diese Ausplünderung ist nicht mit dem normalen Gewinnstreben zu verwechseln. Auf dem Verwischen dieses Unterschiedes beruht die Ideologie des Sozialismus.

Autorität: Autorität in einem Fachbereich besitzt jeder, der in diesem Fachbereich schöpferisch tätig ist.

Biologischer Rechenfehler: Die biologische Kapazität des Menschen für eine verantwortliche Selbstregulierung wird bei sozialen Veränderungen nicht beachtet, was den ständigen Wechsel zwischen Zeiten vermeintlichen Fortschritts und Zeiten des Rückschritts hervorruft.

biosozial: Arbeit und Sexualität entstammen der gleichen biologischen Energie.

Bio-Soziologie: Soziologie jenseits aller nationalen und klassenmäßigen Unterschiede.

Demokratie, formale: Der Unterschied zwischen formaler und Arbeitsdemokratie liegt darin, daß in der ersteren die Quantität (von Stimmen) die Entscheidung bestimmt, in der letzteren jedoch ausschließlich die Qualität (Fachwissen). Um Quantität zu messen, benötigt man keine Kontaktfähigkeit, sehr wohl jedoch um Qualität zu messen. Solange die Menschen kontaktlos bleiben, werden wir von der Diktatur der kontaktlosen Mehrheit bestimmt werden.

Diktator: Er sagt im Gegensatz zum Social Guide (gesellschaftlicher Wegweiser) was zu tun ist, wie es zu tun ist und wo die Ziele liegen. Und er verfolgt jeden, der diesen „höheren Eingebungen“ nicht folgt. Dabei bildet er sich nur ein tatsächlich zu führen, während er in Wirklichkeit von den mystischen Erwartungen der Massen geführt wird.

Elend: Elend hat nichts mit materieller Not per se zu tun, sondern beruht darauf, was den Kleinkindern und Jugendlichen angetan wird.

Entkolonialisierung: Der Rückzug des Westens aus den Kolonien im Namen der „Humanität“ und die verheerenden Folgen für Abermillionen Menschen ist ein sehr gutes Beispiel dafür, was für Auswirkungen kontaktlose hehre Prinzipien haben, die die konkrete Freiheitsfähigkeit der Menschen nicht berücksichtigen.

Fachbewußtsein: „Bewußtsein heißt Rückwendung gegen den eigenen Ursprung.“ (Menschen im Staat) Fachbewußtsein bedeutet, daß man sich seiner Stellung im Arbeitsprozeß und allgemein im Lebensprozeß bewußt wird: aus ihm ist man hervorgegangen, von ihm ist man abhängig und ein integraler Bestandteil von ihm.

Gewaltenteilung: In seinen ersten Ausführungen zur Arbeitsdemokratie schwebten Reich sozusagen „Räte“ vor, die jedoch nicht wie einst die russischen Sowjets Orts- und Betriebseinheiten vertreten, sondern bestimmte Arbeitsinteressen und so das wirkliche Arbeitsleben besser widerspiegeln. Diese Arbeitsräte bestünden im Prinzip schon heute in Gestalt der Fachorganisationen. Reich denkt auch an die Konsumgenossenschaften, denen man nur Produktionsgenossenschaften gegenüberstellen müßte. Die Führung der Gesellschaft durch den „zentralen Arbeitsrat“ soll als einzige Funktion die innehaben, alle Arbeitszweige miteinander zu verbinden, ohne irgendwie über sie bestimmen zu dürfen. Realistischer wäre zum Beispiel die Forderung nach einer vierten, einer „konzeptiven“ Gewalt: einer Kammer, einem Senat, der aus Wissenschaftlern gebildet wird und wo einzig und allein Fachkenntnisse zählen.

Justiz: Die Justiz ist verpflichtet, die Gesetze den konkreten Umständen entsprechend anzuwenden und dabei das betreffende Gesetz selbst zu hinterfragen: Ist es noch zeitgemäß? Weshalb wurde es eingeführt und von wem?

Kritik: „Die Politiker kritisieren; sie sollten aufhören zu kritisieren. Marx und Hegel haben auch zu viel kritisiert. Die Marxistischen Bewegungen wurden statisch. Lenin war zu sehr Politiker in seinen Schriften. Ich glaube, die Politiker sind erledigt, alle.“ (Reich zu Myron Sharaf, Journal of Orgonomy, 1970)

die Massen: Die Massen verkörpern den Status quo, den ihre vorgeblichen „Führer“ nur exekutieren. Millionen sterben, Ländergrenzen verändern sich dramatisch – aber im Grunde ändert sich nichts.

Nichtarbeit: Reich hat streng zwischen Arbeit und Nichtarbeit, „die den Lebensprozeß schädigt“, unterschieden.

Not, materielle: Im Gegensatz zu Marx steht für Reich fest, „daß das ökonomische Elend Ergebnis statt Ursache der politischen Pest ist.“ (Brief an Neill vom 8. Juli 1953)

Politikanten: Reich unterscheidet zwischen sachlich ausgerichteten Politikern, wie Roosevelt, und den Politikanten, die deren Arbeit hintertreiben.

Social Guide: Im Gegensatz zum Diktator läßt der „Soziale Wegweiser“ die Menschen ihre Ziele und Mittel selbst wählen und wird ihnen helfen, wenn er darum gebeten wird, sich aber ansonsten aus ihren Angelegenheiten heraushalten. Niemals wird er Leuten sagen, was sie zu tun und zu lassen haben.

Soziologie: Das Soziale ist dadurch gekennzeichnet, daß verschiedene Individuen sich entweder zu rationalen arbeitsdemokratischen oder in einer „emotionalen Verschwörung“ zu irrationalen Zielen zusammenfinden. In beiden Fällen bilden sich soziale „Organismen“, die eine Eigendynamik unabhängig von den Individuen gewinnen.

Soziopolitik („gesellschaftlich engagierte Politik“): Statt einfach zu regieren, wird aufgrund ideologischer Vorgaben in das Sozialgefüge der Gesellschaft eingegriffen (Aktivismus). Aktive Gesellschaftspolitik ist ein Ausdruck der Emotionellen Pest.

Staat: „Es ist (…) die politische Zerklüftung der Gesellschaft, die die Staatsidee, und es ist umgekehrt wieder die Staatsidee, die die soziale Zerklüftung erzeugt. Es ist ein circulus vitiosus, aus dem man nur herausspringen kann, wenn man sowohl der Zerklüftung wie der Staatsidee auf den Grund geht und beide auf einen gemeinsamen Nenner zurückführt. Dieser dritte Nenner ist (…) die irrationale Charakterstruktur der Menschenmassen.“ Massenpsychologie des Faschismus Geht man nämlich vom gepanzerten Organismus aus, ist es nur ein kleiner Schritt „zur staatlichen Auffassung der menschlichen Gesellschaft oder umgekehrt, von der Idee des absoluten Staates zur mechanistischen Auffassung des Organismus.“ So Reich in Äther, Gott und Teufel, wo er die Arbeitsdemokratie mit dem (ungepanzerten) Organismus gleichsetzt.

Streiks: Bei Streiks vermißt Reich den Willen zur Selbstbestimmung.

Verantwortlichkeit: Es ist irrelevant, ob Stalin, Hitler, Castro oder Khomeini eine schlimme Kindheit hatten, also letztendlich auch nur „Opfer“ waren. Das einzige was zählt, ist das Schicksal zukünftiger Generationen von Kindern.

Wahlverhalten: Es kommt auf die historische Situation an. In Zeiten des gesellschaftlichen Zerfalls wendet man sich der Rechten zu, in Zeiten der reaktionären Erstarrung der Linken.

Zwischenhandel: Der unproduktive Zwischenhandel müßte beseitigt werden und durch einfache Administration, die zwischen Konsumenten und Produzenten vermittelt, ersetzt werden. Zu Reichs Zeiten war das eine ziemlich haltlose Utopie, doch mit dem Internet wird sie zunehmend zur Wirklichkeit.

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26 Antworten to “Kleines Lexikon der Arbeitsdemokratie”

  1. Klaus Says:

    „Die Justiz ist verpflichtet, die Gesetze den konkreten Umständen entsprechend anzuwenden und dabei das betreffende Gesetz selbst zu hinterfragen: Ist es noch zeitgemäß? Weshalb wurde es eingeführt und von wem?“
    Da bekomme ich Angst. Wer kontrolliert dann die Rechtsprechung und ihre ‚hinterfragende‘ Anwendung?

    • Peter Nasselstein Says:

      Gute Frage und eine berechtigte Emotion, die Klaus zum Ausdruck genracht hat! Wer kontrolliert dann die Rechtsprechung und ihre ‘hinterfragende’ Anwendung?

      Reichs Argumentation zur Zeit seiner gerichtlichen Auseinandersetzung war recht problematisch, da die gesamte Amerikanische Revolution darauf beruht, daß die Menschen nicht mehr von wetterwendischen Menschen, sondern von eindeutigen Gesetzen regiert werden wollten. Eine der großen Debatten Amerikas ist das Konzept der „living constitution“, was nichts anderes heißt, als daß man sich die Richter nicht mehr an den Wortlaut des Gesetzes halten, sondern an die imaginierte „Intention“, die hinter dem Gesetz steht und wie Richter dies im Laufe der Jahrzehnte gedeutet haben. So wird der Willkür Tür und Tor geöffnet in einem Ausmaß, daß Amerikaner, die die Verfassung ernst nehmen, an sich zur Waffe greifen müßten, um die Regierung zu stürzen! Auch der Prozeß gegen Reich war strenggenommen verfassungswidrig. Die FDA an sich ist verfassungswidrig.

      Es ist wirklich zum Mäusemelken: Reich hatte einen solch guten Fall, den ein vernünftiger Anwalt für ihn hätte gewinnen können, doch Reich wollte nicht mittels „rechtlicher Formalitäten“ gewinnen.

  2. Robert (Berlin) Says:

    Da bekomme ich Angst. Wer kontrolliert dann die Rechtsprechung und ihre ‘hinterfragende’ Anwendung?

    Das ist aber gang und gäbe. Die Richter verurteilen dem Zeitgeist entsprechend, sind demgemäß „unabhängig“ von höheren Instanzen. In der Praxis schreibt das Justizministerium vor, wo der Schwerpunkt liegt und auch mit Fortbildungen wird den Richtern klargemacht, wie zu verurteilen ist.
    So ist es heute nicht mehr zeitgemäß, brutalen ’südländischen‘ Mehrfachtätern harte Urteile auszusprechen, weil dann die ‚Intergration‘ gefährdet wird.
    Was Reich damals dachte, ist heute selbstverständlich.

    • Peter Nasselstein Says:

      Einen sehr interessanten Vortrag über die Grundlagen unseres freiheitlich-demokratischen Rechtssystems insbesondere in der Verteidigung gegen den Islam (wie vorher gegen den National- und Realsozialismus) hat vor kurzem Prof. Karl Albrecht Schachtschneider gehalten. Ich für meinen Teil bin ganz begeistert und schwer beeindruckt. Ein wirkliches Muß!

    • David Says:

      So ist es heute nicht mehr zeitgemäß, brutalen ‘südländischen’ Mehrfachtätern harte Urteile auszusprechen, weil dann die ‘Intergration’ gefährdet wird.

      Weiß nicht – in Frankreich ist das nicht so. Es heißt beispielsweise hinsichtlich der dort häufigen „honor killings“, dt. „Ehrenmord“, die Richter hätten „gelernt“ und würden neuerdings hart urteilen.

  3. Klaus Says:

    Der Vortrag wird ja auf einer Seite „Politically Incorrect“ gezeigt. Klingt erst mal interessant. Dann heißt es dort „Die Zeit für eine rechte bürgerliche Partei ist also reif, Herr Wilders, die Zeichen stehen gut“. Also Leute, die sich nur wieder wie die politisch korrekten Linksliberalen in ihrem Denken ganz im Spektrum rechts-links bewegen. Ich will raus aus diesem Spektrum der Politikantenideologien, und in diese Richtung denkt meines Wissens zurzeit keine Organisation.

    • Peter Nasselstein Says:

      Genau das ist ja Schachtschneiders Ansatzs: der „Parteienstaat“ als Verfallsform der Demokratie, Abgeordnete haben nur ihrem Gewissen, nicht aber ihrer Ideologie zu folgen. Das Gewissen orientiert sich einzig und allein am Gemeinwohl.

  4. Klaus Says:

    In Deutschland begann jegliche Verfassungsdemokratie allerdings schon als ‚Parteienstaat‘ – in Weimar war das ja von Anfang einer der gängigen Kritikpunkte (und Hindenburg galt als Mann, der über den Parteien stand), was anknüpfte an Wilhelms „Ich kenne keine Parteien, ich kenne nur Deutsche“ (oder so ähnlich). Im Grunde hatte der Parteienstaat schon seine Wurzeln in den Gruppen der Frankfurter Nationalversammlung 1848. Ideen einer Demokratie ohne Parteienfraktionen waren durchweg mit Ideen ‚direkter‘ Demokratie verbunden. Bei der Frage, wie Demokratie ohne Parteien zu machen ist, steckt der Teufel natürlich im Detail. Und das möchte ich sicher mit Gewaltenteilung und Rechtsstaatlichkeit verbunden wissen, wobei mir eine Annäherung an größtmögliche Wörtlichkeit der gesetzlichen Vorgaben nicht verzichtbar erscheint.

    • Peter Nasselstein Says:

      Die Parteien wirken an der Bildung des politischen Willens des Volkes mit. Ihre Gründung ist frei. Ihre innere Ordnung muß demokratischen Grundsätzen entsprechen. Sie müssen über die Herkunft und Verwendung ihrer Mittel sowie über ihr Vermögen öffentlich Rechenschaft geben. (Grundgesetz Art. 21 Abs. 1)

      In der Demokratie geht es darum, dem Willen des Souveräns durchzusetzen, d.h. des Volkes. Ähnlich wie zuvor der König nur dann König war, wenn er vernunftgemäß handelte (Verrückte, Fanatiker und Tyrannen mußten beseitigt werden), ist „das Volk“ nicht eine Ansammlung von 80 Millionen Leuten, die alle möglichen und unmöglichen Ideen und Vorlieben vertreten: „das Volk“ sind jene Menschen, die im Interesse der Nation handeln. Insbesondere was die Zeitachse betrifft: Bewahrung des Erbes der Altvordern und Vorbereitung einer glücklichen Zukunft für die Kinder und Kindeskinder. Parteien sollen dabei helfen. Leider sind sie zu Vereinen verkommen, die die Unvernunft begünstigen, was man daran sieht, daß das deutsche Erbe verspielt und die deutsche Zukunft hintertrieben wird.

      Es gibt nicht nur ein Widerstandrecht, es gibt eine Widerstandspflicht, wenn unsere Demokratie systematisch zerstört wird.

  5. Klaus Says:

    „‚das Volk‘ sind jene Menschen, die im Interesse der Nation handeln.“ Damit kann ich nicht viel anfangen. Volk ist tatsächlich nur eine ‚Ansammlung‘, zu der auch Leute gehören, die sich nicht sonderlich vorteilhaft benehmen. Nation ist eher eine Art Konstrukt, das mit Sprache und Kultur zu tun hat. Es sind staatliche Organe, die im Interesse des Glücks möglichst vieler handeln sollen, ohne Minderheiten, die sich ans Recht halten, von den Grundrechten auszuschließen.

    • Peter Nasselstein Says:

      Man kann im Rahmen einer formalen Demokratie nur dann „arbeitsdemokratisch“ handeln, wenn man das Interesse der gesamten Nation im Auge hat. Deshalb sind ja auch Parteien an sich von Übel: sie zerteilen den einheitlichen Willen des Volkes. Gerade das Absehen von den eigenen persönlichen Vorurteilen und beispielsweise religiösen Prägungen garantiert den Schutz von Minderheiten.

  6. Klaus Says:

    Sicher ist ein „Absehen von den eigenen persönlichen Vorurteilen“ erforderlich, um eine Gemeinschaft zu erhalten. Dafür braucht man aber kein Konstrukt Nation oder Volk, es sei denn, im bloßen Sinne einer Menschenmenge.

  7. David Says:

    Reich:

    Zwischenhandel: Der unproduktive Zwischenhandel müßte beseitigt werden und durch einfache Administration, die zwischen Konsumenten und Produzenten vermittelt, ersetzt werden. Zu Reichs Zeiten war das eine ziemlich haltlose Utopie, doch mit dem Internet wird sie zunehmend zur Wirklichkeit.

    Ich habe mich damit beschäftigt und über Fernleihe bestellt – Reich, Wilhelm, Die natürliche Organisation der Arbeit, Zurich, Freny, 1980 bzw. 1941, Kopenhagen, Sexpol-Verlag.

    Zitat S. 99:

    … wird das Grundprinzip der Arbeitsdemokratie allein siegreich sein können: Die Armen, die Obdachlosen, die Bettler werden selbst dafür verantwortlich sein, geschützt durch die gesellschaftliche Produktion, daß ihr Elend verschwindet. Sie werden Hilfe und Verbesserung ihrer sozialen und materiellen Position nur von sich selbst und von keinem Bürokraten mehr zu erwarten haben. (Hervorhebung von mir).

    Zitat Ende.

    Dies erinnert sehr an das für europäische Verhältnisse ziemlich grausame, 1996 unter Clinton verabschiedete Geset PRWORA

    http://de.wikipedia.org/wiki/PRWORA

    wonach die Zahlung der „Stütze“ nach drei Jahren bedingungslos aufhört, ganz egal, wie viele hundert erfolglose Bewerbungen der-/diejenige geschrieben hat und wie sehr er/sie sich vergeblich bemüht hat, und wie schlecht es ihm/ihr nach drei Jahren „Stütze“-Bezug geht.

    Im Gegensatz zum amerikanischen Gesetz erzeugt das deutsche HartzIV Gesetz ein Ausgeliefert-Sein gegenüber der Bürokratie, und wie ich glaube, sogar eine erlernte Hilflosigkeit.

    Im Abschnitt „Krankheit: Handel“

    schreibt Reich:

    „Handel“ ist eine Pest, zu allem fähig. Prinzipielle Unehrlichkeit gehört zur Ausübung dieses Berufs wie handwerkliche Geschicklichkeit zum Diebstahl. Konsumenten gute Gebrauchsgegenstände zu vermitteln ist von lebensentscheidender Bedeutung. Doch Konsumenten zum Kauf zu verführen, um Geschäfte zu machen, ist Betrug.

    Zitat Ende (Hervorhebung von mir).

    Schauen wir uns die Welt heute an. Der Marketing- und Werbe-Aufand, der heutzutage üblich ist, ist ein Vielfaches wie zu Reichs Lebzeiten.

    Überdies wird allein durch das Angebot, etwa das Vorhandensein von Discount-Märkten – egal wie schlecht dort die Leute – und die oft ausländischen Zulieferfirmen – behandelt werden und wie schlecht etwa die Fleischqualität ist – infolge schlechter Tierhaltung und übermäßig weiter Schlachtvieh-Transporte – bewirkt dass die Lebensweise der Menschen so ist, wie es von etwa drei bis fünf großen Konzernen geplant ist.

    Das hatte ich in:

    https://nachrichtenbrief.wordpress.com/2012/11/07/lebenshilfe-im-nachrichtenbrief-teil-3/#comment-9220

    auch schon gesagt.

    Im Zusammenhang mit den übermächtigen Firmen und Kartellen muss man auch auf die .“Geplante Obsoleszenz“.eingehen. Zu Reichs Lebzeiten gab es bereits das Glühbirnen-KLartell, gerichtet auf die Produktion dass die Glühbirnen nicht länger als 1000 Stunden lang funktionieren.

    Heutzutage ist die Geplante Obsoleszenz für die Firmen so selbstverständlich, dass sie sich gar nicht erst explizit untereinander absprechen. Die Geplante Obsoleszenz ist ins Gerede gekommen aus ökologischen Gründen, aber was es m.E. eigentlich ist: .es ist Betrug!!.

    • Sebastian Says:

      Reich hat im Gegensatz zu zB Konia den Unterschied zwischen Gebrauchs- und Tauschwert erkannt. Er wusste, dass wir in einer Warenwirtschaft leben, in dem es primär um den Tauschwert und nur sekundär um den Gebrauchswert (=Nutzen =Bedürfnisbefriedigung) geht. Es geht in einer Warenwirtschaft darum, Waren zu kaufen und verkaufen, um Kreditverträge zu erfüllen. Das Zitat über Handel drückt diese Ahnung klar aus. Der Händler will Waren verkaufen und dazu ist ihm jeder Kniff und Trick recht. Dem Verkäufer von Waren (es ist gleichgültig, ob Händler oder Produzent die Waren verkauft) kann nichts lieber sein als gepanzerte Konsumenten, die jede Menge Sekundärschicht-Bedürfnisse haben und Ersatzkontakt brauchen, um sich von der Monotonie des gepanzerten Lebens abzulenken. Darum kommt das Wort „Tausch“ auch von „täuschen“. In gesunden (zB matristischen) Gesellschaften handelt und tauscht man nicht – jedenfalls nicht im Sinne vom ökonomischen Tausch der Wirtschaftswissenschaften (=Täuschung). Man gibt und nimmt (=Reziprozität).

      Konia übersieht den ganzen Ersatzschrott nicht, der in einer Warenwirtschaft gehandelt wird. Er erklärt sich das aber über eine gestörte Arbeitsfunktion des Produzenten, weil er glaubt das Bedürfnisbefriedigung primär in einem „freien Marktsystem“ ist, in dem Güter getauscht und nicht Waren gehandelt werden. Kreditvertragerfüllung ist bei ihm eine Erscheinung, die ganz nebensächlich erscheint, obwohl jede – jede! – Produktion von Waren vorfinanziert werden muss und das der Dreh- und Angelpunkt von Ökonomie ist.

      Angenommen man würde die Arbeitsfunktion von heute auf morgen in jedem Arbeiter herstellen können und auch die Konsumenten würden plötzlich gesund werden, weil die Reinkarnation von Reich als Jesus II. auf der Welt umherwandelt. Dann würde das zu einem gewaltigen Produktionsausfall und einer Depression schlimmer als in den 30er Jahren führen. Ganze Industrien würden zahlungsunfähig werden und es würde eine wirtschaftliche Abwärtsspirale zur Folge haben, die sämtliche Bereiche, auch die, die zB lebensnotwendige Arbeit leisten, mit in den Strudel zieht. Rein aus systemischen Gründen. Die Verhinderung so einer Abwärtsspirale ist der Grund für den wilden politischen Aktionismus dieser Tage. Ein auf Kredit basierendes System ist auf exponentielles Wachstum von Schulden angewiesen. Wenn Haushalte und Unternehmen überschuldet sind, muss notwendigerweise der Staat einspringen, wenn das System „weiterlaufen“ soll.

      Money, then, is credit and nothing but credit.

      http://www.ces.org.za/docs/what%20is%20money.htm

      • Peter Nasselstein Says:

        Ähhh: „Money, then, is credit and nothing but credit.“ – genau DAS ist Konias (bzw. Harmans) Aussage. (Etwas verkompliziert mit der Golddeckung.)

      • Sebastian Says:

        Es ist eigentlich fast alles richtig, was die beiden schreiben. Nur ist ihr Gegenstand nicht Ökonomie, sondern die materielle, reziproke Reproduktion. Ein Überbleibsel davon ist zB das Weihnachtsfest, was vor der Tür steht. Sie verwechseln die Güterleihe mit einem Kredit und ein Gut mit Geld. Kredit und Geld sind nicht dinglich (materiell), es sind verbriefte Rechte und Pflichten bzw. Ansprüche (immateriell), die auf Eigentumsoperationen beruhen. Dazu ist Schrift und ein Rechtssystem notwendig, mithin eine Zentralgewalt, die das Recht durchsetzt, + der ganze andere gepanzerte Kladderadatsch, den es seit 6000 Jahren gibt.

        A first class credit is the most valuable kind of property. Having no corporeal existence, it has no weight and takes no room.

        […]

        The words „credit“ and „debt“ express a legal relationship between two parties, and they express the same legal relationship seen from two opposite sides [schuldrechtlicher Vertrag].

        […]

        Credit and debt have nothing and never have had anything to do with gold and silver.

      • Sebastian Says:

        Achso, was mir diesbezüglich noch einfällt: Im Endeffekt argumentieren Konia und Harman ähnlich wie Marxisten. Krisen sind bei beiden Ausdruck von Produktionsproblemen. Erstere begründen das mit subjektiven Faktoren, letztere mit objektiven (systemischen). Beide haben – ich fühle mich dabei ein wenig unwohl das zu sagen – keine Ahnung, was Kredit und Geld ist. Bei den Marxisten weiß ich das aus eigener Erfahrung, weil ich bei ihnen in den Seminaren saß. Harman schreibt, dass seine Definition von Ökonomie aus 35 Jahren Praxiserfahrung hervorgegangen ist. Es ist eine einzelwirtschaftliche Betrachtung, die gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge nicht erkennt. Aus seiner Praxiserfahrung weiß er zB, dass sobald die Arbeitsfunktion hergestellt ist, die Leute weniger Probleme haben ihre Schulden zurückzuzahlen. Er weiß nicht, dass wenn alle gesund wären und sich keiner mehr neuverschulden wollen würde, viele zahlungsunfähig werden würden, was eine Kettenreaktion zur Folge haben würde. Vollkommen egal, wie gesund sie sind!

        Ich argumentiere mechanistisch, wenn ich behaupte, dass Krisen durch die Struktur des Systems bestimmt werden. Ich argumentiere aber dahingehend funktionell, wenn ich behaupte, dass die Struktur des Systems wie auch der Umgang mit Krisen von subjektiven Faktoren bestimmt wird. Beim Umgang mit Krisen (Wirtschaftspolitik) kann man zwei typische Reaktionsweisen erkennen, die man vermutlich mit den soziopolitischen Charakteren und orgonometrisch erklären kann, denn die Beziehung zwischen den beiden ist manchmal gegenseitig attraktiv und manchmal oppositionell. Da ich mich aber gegen die soziopolitische Charakterologie noch ein wenig sträube, schiebe ich das mal auf. 🙂

        • Peter Nasselstein Says:

          Er weiß nicht, dass wenn alle gesund wären und sich keiner mehr neuverschulden wollen würde, viele zahlungsunfähig werden würden, was eine Kettenreaktion zur Folge haben würde. Vollkommen egal, wie gesund sie sind!

          Warum sollte ein Gesunder nicht in ein Schuldverhältnis eingehen?

        • Sebastian Says:

          Wenn ichs mir recht überlege, hängt Ökonomie im Kern von einem entscheidenden subjektiven Faktor ab: Dem Verschuldungswillen. Jetzt habe ich keine Lust mehr nachzudenken. Schönes Wochenende!

  8. David Says:

    Betreffend Arbeitsdemokratie:

    … normalerweise sind wir als Konsumenten gewohnt, in den Supermarkt zu gehen – vor allem in die der Werbung zufolge besonders billigen Discounter – und als Produzenten, beispielsweise als mittelamerikanische Kleinbauern oder nord-griechische Olivenöl- oder Waschmittel-Produzenten, zum Zwischenhändler zu gehen, uns die Preise diktieren zu lassen und somit uns ausbeuten zu lassen.

    Selbstverständlich ist das nicht gut.

    In Griechenland sind insbesondere infolge der jetzigen Krise die Handelsspannen, also Unterschied zwischen dem Preis, den ein Erzeuger erhält, und dem Preis, den der Verbraucher bezahlt, ganz gewaltig angestiegen. – Somit sind die Handelsketten dort in erheblichem Maße Profiteure der Krise.

    Was auch in Griechenland geschieht: Während die Verbraucherpreise immer höher werden, werden die Löhne und Gehälter immer niedriger.

    Dieser Fernsehreportage zufolge:

    http://youtu.be/t5IW2M5Lm14

    wird jetzt durch einen griechisch-stämmigen, in Köln lebenden Informatiker der Direktverkauf verschiedener Produkte organisiert, und zwar mithilfe des Internet.

    Da muss man aber erst mal auf die Idee kommen!

    Jedenfalls finde ich das großartig.

    • David Says:

      Ergänzend hierzu: bei einem der betroffenen produzierenden Betriebe ist die Aktion bereits beschäftigungswirksam geworden:

      dieser Produzent kommt wegen der erhöhten Nachfrage mit der Produktion durch Beschäftigung von ausschließlich Familienangehörigen nicht mehr nach und hat deshalb erstmals ein paar Arbeitskräfte eingestellt.

  9. Peter Nasselstein Says:

    Wer sich jetzt mit aller Schadenfreude auf den Steuersünder Hofreiter stürzt, übersieht das wirklich Bedenkliche an diesem Fall. Dass deutsche Spitzenpolitiker einerseits realitätsfern genug sein können, um schon an der Anmeldung eines Zweitwohnsitzes zu scheitern, aber andererseits ohne die geringsten Selbstzweifel der Meinung sind, gigantische Projekte wie die Energiewende organisieren zu können. Da geht es um Summen im Billionen-Bereich, Hofreiter ist aber schon an 2475 Euro und der Organisation seines Alltags gescheitert. Trotzdem wird ihn das nicht zum Nachdenken bringen, das ist das Unheimliche an solchen Politikern.

    http://boess.welt.de/2014/05/11/waere-es-doch-einfach-nur-steuerhinterziehung/

  10. Tzindaro Says:

    As late as 1939, while in Norway, Reich corresponded with Trotsky and addressed him as „Dear Comrad“, so it would seem that he still, at that time, considered himself a socialist of some kind.

    Later, in 1948, Reich wrote in a friendly way to an Anarchist group in Holland and told them of his Anarchist period as a student and wished them well. His only disagreement with them, he said, was that in the introduction to a translation of one of his books, they had refered to him as „Jewish“, a label wich he rejected, and explained in detail why he was not Jewish, despite the common misinterpetation of that term.

    Reich never rejected socialism. His objection to the Soviet regime was that the Soviets had not been true to their own stated principals. The interpetation by the far-right Ellsworth Baker and his disciples that his anti-Soviet writings meant Reich had endorsed the social and economic policies of the Right was unwarranted.

    The modern Anarchist movement embodies EXACTLY what Reich called „Work Democracy“. Most modern Anarchists are very familiar with Reich and think highly of him. Their idea of small, non-hierarchial communities, sharing work and the results of that work, are the real-life result of Reich’s thinking.

    And the Anarchist movement is well aware of the character issues that block accomplishments and lead to disaster. They know all too well that people raised in the traditional society are emotionally crippled and need help to create a truely socialist community. Much of the writings in the Anarchist movement are on the very same theme that Reich wrote of, the need for deep therapy to allow people to see what is really in their own best intersts.

    And most of them are not into abstract intellectualism. They are concerned with practical realities in the real, everyday world. That is why they take strong stands on social issues, including the resurgence of Fascism in Europe and America, the scape-goating of immigants, the unjustified wars of agression by Fascist America and it’s NATO puppets, and the danger to world peace possed by Israeli intransigence.

    Instead of trying so hard to reinvent the wheel, perhaps what needs to be done is take a good look at the already existing small-scale work democracies, the Anarchist communes, that can be found all over Germany and America today. These are the seedbeds of the future society that Reich wanted.

    • Peter Nasselstein Says:

      Zum Abreihern! Genau deshalb hasse ich diese Leute abgrundtief!

    • Peter Nasselstein Says:

      Hier werden uns die Hofnarren des Großkapitals als „Arbeitsdemokraten“ angedient. Jene, die für die „multikulturelle“ Gesellschaft und die Tribalisierung der Gesellschaft kämpfen. Antiautoritarismus. Man muß solche Leute persönlich kennen: sie sind durchweg persönlichkeitsgestört. Würg.

      Was Amerika betrifft bete ich für den Erfolg von Donald Trump. Den einzigen, den man ernstnehmen kann.

    • Peter Nasselstein Says:

      In dieser aktuellen Rede von Trump ist mehr Arbeitsdemokratie in allem, was Obama und Hillary jemals in ihrem Leben gesagt haben!

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