Kapitalismus und die Funktion des Orgasmus (Teil 1)

Im Abschnitt „Problem der ‚freiwilligen Arbeitsdisziplin’“ in Massenpsychologie des Faschismus setzt sich Reich eingehend mit der Wechselbeziehung von Arbeit und Sexualität auseinander:

Wir nennen die Beziehung eines Menschen zu seiner Arbeit, wenn sie ihm Freude macht, „libidinös“; die Beziehung zur Arbeit ist, da Arbeit und Sexualität (im engsten und weitesten Sinne) aufs engste miteinander verflochten sind, gleichzeitig eine Frage der Sexualökonomie der Menschenmassen; von der Art, wie die Menschenmassen ihre biologische Energie anwenden und befriedigen, hängt die Hygiene des Arbeitsprozesses ab. Arbeit und Sexualität entstammen der gleichen biologischen Energie. (Fischer TB, S. 263)

Weiter schreibt Reich:

Je befriedigender das Geschlechtsleben ist, desto voller und freudiger ist auch die Arbeitsleistung, wenn alle äußeren Bedingungen erfüllt sind. Die befriedigte Sexualenergie setzt sich spontan in Arbeitsinteresse und Drang nach Betätigung um. (S. 264)

Dies schließe, so Reich, jeden Kommandoton aus – aber, wie hinzuzufügen ist, eben auch jeden „Sozialismus“.

Die zwangsmoralisch bestimmte Struktur leistet die soziale Arbeit ohne innere Beteiligung unter dem Gebote eines ich-fremden Soll. Die sexualökonomisch gelenkte Struktur leistet die Arbeit im Einklang mit den sexuellen Interessen aus dem großen Reservoir der Lebensenergie heraus. (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 139)

Dabei pendelt „die biologische Energie zwischen Arbeit und Liebesbetätigung hin und her. (…) Das Interesse ist jeweils eindeutig und konzentriert (…)“ (Funktion des Orgasmus, S. 140). Wird die biologische Pulsation in einem dieser beiden Bereiche gestört, hat das auch Auswirkungen auf den jeweils anderen Bereich. „Je befriedigender das Geschlechtsleben ist, desto voller und freudiger ist auch die Arbeitsleistung“ (Massenpsychologie des Faschismus, S. 264).

Reich:

Die Gesetze der biologischen Energie, des Orgons, umfassen die Grundmechanismen der Arbeit sowohl wie der Sexualität und somit die emotionellen Kräfte innerhalb, außerhalb und zwischen den Menschen. (Menschen im Staat, Stroemfeld, S. 82)

Vor mehr als 30 Jahren hat ein gewisser Curtis Barnes (ein selbstständiger Handwerker) im Journal of Orgonomy eine grundlegende Arbeit über „funktionelle Ökonomie“ veröffentlicht. Es ist Barnes‘ Verdienst im Anschluß an Reichs Orgasmus-Forschung die bioenergetische Grundlage des Wirtschaftsgeschehens entsprechend der sexuellen Formel „Spannung-Ladung-Entladung-Entspannung“ offengelegt zu haben:

Arbeit entstammt bioenergetischer Spannung, die der Organismus als Gefühle von Sehnsucht, Verlangen oder Unbehagen erfährt; physische Arbeitstätigkeit folgt und schließlich ist Kontakt mit dem Arbeitsprodukt hergestellt, was ein Nachlassen der Spannung erzeugt, das als lustvolle Befriedigung empfunden wird.

Die individuelle Ökonomie der Arbeitsenergie verläuft also ähnlich wie die individuelle Sexualökonomie. Dergestalt macht, so Barnes,

das Erkennen der vitalen bioenergetischen Prozesse im Kern der Arbeitsfunktion eine direkte Anwendung orgonomischer Prinzipien bei der Untersuchung der Arbeit möglich. Gleichzeitig ermöglicht es ein besseres Verstehen des Platzes, den die Arbeit in der Gesellschaft einnimmt, in Bezug darauf, ob die Arbeiter/Arbeitsprodukt-Beziehung selbstgesteuert ist oder nicht.

Die Frage ist nun, wie man diese allgemeingehaltene Theorie in eine praktische Wirtschaftspolitik umsetzen kann. Und zwar im Sinne von Barnes‘ Aussage, daß das arbeitsdemokratische Netzwerk

ein funktionelles Ergebnis von lebendigen Menschen ist, die Arbeit und Austausch nutzen, um Freude und Lust in ihr Leben zu bringen. Die Frage ist nicht, wie man diesen Prozeß verändern oder kontrollieren kann, sondern wie man ihn verstehen und dadurch sich entfalten lassen und beschützen kann.

In einer freien Wirtschaft bestimmt die Konsumption von ganz allein die Produktion. Der Nachfrager beeinflußt, so Barnes,

durch die Äußerung seiner Vorlieben und seiner Wahl von Arbeitsprodukten und seinem Austausch (…) die Art und Weise in der Materialien, Zeit, Aufwand und Fähigkeit angewandt werden. Die Gesellschaft wird eine Sache der Zusammenarbeit und wechselseitigem, wohltuendem Kontakt. (…) Die Marktfunktion erlaubt die Überlagerung von Arbeitsfunktionen in einer Art, die tiefe Wahrheiten über die Natur, bioenergetisches Funktionieren und subjektive emotionelle Äußerungen widergibt.

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6 Antworten to “Kapitalismus und die Funktion des Orgasmus (Teil 1)”

  1. Robert (Berlin) Says:

    Leider sind diese Äußerungen zu schwammig, als das man in der Praxis damit etwas anfangen könnte. Die Realität sieht ja auch ganz anders aus – am Glücklichsten sind die Menschen an einem sicheren Arbeitsplatz mit angenehmen Vorgesetzen und einer Arbeit, die halbwegs Interesse hervorruft. Ein selbstständiger Handwerksmeister steht heutzutage im härtesten Konkurrenzkampf und muss de facto jedes Angebot annehmen, falls es sich noch rechnet.
    Selbstständige Ärzte und irgendwelche Akademiker können keine Aussagen über die Werktätigen machen. Im Allgemeinen sorgt ihr Standesdünkel für eine Verachtung abhängig Arbeitender.
    Ein befriedigendes Geschlechtsleben kann als Kompensation für traurige Arbeitsverhältnisse sorgen. Ob man sich dann besser zur Wehr setzen kann, müsste festgestellt werden.
    „[…] wenn alle äußeren Bedingungen erfüllt sind“ ist der Schlüsselsatz, erst die Voraussetzung für Reichs Feststellungen.

  2. Manuel Says:

    Ich finde nach wie vor, daß der Begriff „Kapitalismus“ NICHT das trifft, was Reich mit seinem Begriff von „Arbeitsdemokratie“ beschreibt!
    Reich war eindeutig gegen eine reine Kapitalbewirtschaftung. Der Kapitalismus ist sozusagen die „Vergeistigung“ (oder „Verkopfung“) der ursprünglichen Marktwirtschaft – also eine Art „Wirtschafts-Yoga“, bei dem Energie aus den Genitalien (spontane natürliche Marktwirtschaft als freier Austausch von Waren und Dienstleistungen mithilfe von Geld) in den Kopf ( Geld als eigenständiges Objekt der Wirtschaft, Spekulation auf Währungs/Kursschwankungen, Handel mit Versprechen auf Dinge, die gar nicht existieren und absehbar auch gar nicht existieren werden, Endlos-Verschuldungsketten – also Kredite auf Kredite geben, die wiederum auf Krediten gründen usw.).
    Marx hat -wie so oft- recht gehabt: der Kapitalismus eliminiert sich selbst aufgrund seiner inneren Widersprüche – das ist genau das, was wir zur Zeit als Banken-/Wirtschafts/-Arbeitsmarktkrise erleben. Was Marx nicht voraussah: Das der Sozialismus dem Kapitalismus auch darin einen großen Schritt voraus sein würde…

  3. Robert (Berlin) Says:

    #Manuel
    Das hast du sehr gut beschrieben.
    Wenn Reich Kapitalismus gemeint hätte, hätte er es auch gesagt; aber er schuf den Begriff Arbeitsdemokratie, weil er sich von der zutiefst kranken Wirtschaft der Kapitalisten nichts versprach.
    Diese verkopften Kapitalisten haben eine Parallelwirtschaft erschaffen, die auf nichts anderem als Spekulationen beruht, ohne reale Werte (Kasinokapitalismus). Die Nationen mit ihren realen Werten sind nun die Schuldiger dieser globalen Kriminellen, die sich eine Vollkaskoversicherung geschaffen haben. Bei Gewinnen zahlen sie keine Steuern, bei Verlusten haftet das arbeitende Volk.

  4. Manuel Says:

    #Robert
    „Bei Gewinnen zahlen sie keine Steuern, bei Verlusten haftet das arbeitende Volk.“
    Korrekt. Und zwar, weil unsere Real-Wirtschaft und unsere Arbeitsplätze angeblich vom Gedeihen dieser surrealen Finanzwirtschaft abhängig sein sollen – das reden uns Wirtschafts-Lobbyisten und deren Marionetten, die Politiker, ja ständig ein. Seit wann geht es dem Wirt gut, wenn der Parasit gedeiht?

  5. Wie ist es zur gegenwärtigen Wirtschaftskrise gekommen? « Nachrichtenbrief Says:

    […] sehr nahe. Ich habe den Zusammenhang zwischen Arbeit, Konsum und der Reichschen Orgasmustheorie an anderer Stelle ausführlich […]

  6. Sozialdarwinismus (Teil 1) | Nachrichtenbrief Says:

    […] Kapitalismus und die Funktion des Orgasmus habe ich den Tausch im Wirtschaftsleben mit dem liebenden „Austausch“ in der Sexualität […]

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