Freud, Reich und der Wiederholungszwang (Teil 2)

Für den mechanistischen Materialisten Freud ist die tote, also „mechanische“ Materie der Ursprung und die gegenwärtige Grundlage von allem Leben. Daraus, d.h. aus dem „konservativen Drang zur Rückkehr zum Urzustand“ leitet Freud logisch den Todestrieb her, der so genuiner Ausdruck der mechanistischen Wissenschaft ist. Demgegenüber sympathisiert Reich zunächst mit vitalistischen Konzepten, um dann zu seinem orgonomischen Funktionalismus vorzudringen, wo in Gestalt der Lebensenergie und im zentralen Begriff der „Funktion“ das Leben das Ursprüngliche ist, aus dem erst sekundär alles Mechanische sich ableitet. Dies zeigt einmal mehr, daß die Orgontheorie untrennbar mit der Orgasmustheorie verbunden ist.

Bei Freud bedeutet „Sexualsieg“ (des Lust-Ichs) Perversion, während Gesundheit gleichbedeutend sei mit einem geglückten „Ichsieg“ (des Real-Ichs). Allein schon dies (Freud: Sexualsieg = Perversion und Gesundheit = gepanzerte Eingepaßtheit) zeigt, daß Freud und Reich unvereinbare Gegenpole sind.

Wird das normale Sexualleben behindert, kommen Perversionen zum Vorschein. Die Psychoanalyse ist an diesen Perversionen interessiert (ihr Ursprung, ihre Verknüpfungen, ihr Aufbau, etc.), während für Reich all dies uninteressant war. Ihm ging es nicht um diesen Sumpf, sondern um seine Austrocknung durch Wiederherstellung (bzw. die Verbesserung) des normalen Sexuallebens.

Reich hat nie bestritten, daß es so etwas wie Freudsche perverse Triebe, Geburtstraumata und einen Adlerschen Willen zur Macht gibt. Es ist nur so, daß durch die Orgasmusfunktion diesen seelischen Gegebenheiten die Energie entzogen wird. So hat die Orgasmustheorie einen grundsätzlich anderen Charakter als andere monokausale Theorien. Der Reichsche Gesundheitsbegriff beinhaltet nicht, daß einer keine perversen Triebe hat, sondern daß diesen Trieben die Energie entzogen wird. Etwas, das zu wenig unterstrichen wird: beispielsweise ist der Rassismus möglicherweise biologisch vorgegeben, was aber für die Orgonomie relativ uninteressant ist, denn er wird erst durch den neurotischen Energiestau aufgrund orgastischer Impotenz aktualisiert. Wenn man einen harmlos tropfenden Wasserhahn mit dem Daumen zudrückt, spritzt es nach einiger Zeit gefährlich nach allen Seiten. Bei orgastischer Potenz ist die Frage der „natürlichen Anlagen“ im Endeffekt gleichgültig. (Dies wirft ein Licht auf den orgonomischen Begriff der „Natürlichkeit“, der nicht so naiv ist, wie man Reich vorwirft. Es geht nicht um Natur versus Unnatur, sondern letztendlich um ORgon versus DOR.)

Was Reich auf einer metatheoretischen Ebene von Freud trennte, war, daß Freud immer von einer grundlegenden unaufhebbaren Dichotomie ausging, die von vornherein jede Aussöhnung und damit jedes Gesundheitskonzept unmöglich machte. Von Anfang an spürt man, daß Reich Schwierigkeiten mit Freuds dualistischer Triebauffassung hatte, die streng zwischen Sexualenergie und einer Energie der Ich-Triebe (Selbsterhaltungstriebe) unterschied. Offensichtlich neigte Reich eher der monistischen Triebauffassung Jungs zu, doch stößt ihn hier die philosophische Spekulation und die Entsexualisierung ab. Dinge, die Freud überwunden hatte. Reichs eigene Lösung war die über Freud hinausweisende Unterscheidung von die Spannung erhöhender Prägenitalität und Befriedigung und Entspannung verschaffender Genitalität: die Funktion des Orgasmus beherrscht, oder besser regelt, die Gesamtheit der Triebe, z.B. auch die Aggression.

Wenn Freud auf den Orgasmus zu sprechen kommt, dann bezeichnenderweise in Jenseits des Lustprinzips bei der Begründung seiner Todestriebtheorie, d.h. der angeblich triebhaften Rückkehr des Organischen in das ursprünglich Anorganische. Der Orgasmus, bzw. der „kleine Tod“, fungiert dabei als Beispiel:

Als sein stärkstes Motiv an die Existenz des Todestriebes zu glauben, gibt Freud „das Streben nach Herabsetzung, Konstanterhaltung, Aufhebung der inneren Reizspannung“ an, das „Nirvanaprinzip“ (Studienausgabe Bd. III, Frankfurt 1975, S. 264). Freud spricht von

dem allgemeinsten Streben alles Lebenden, zur Ruhe der anorganischen Welt zurückzukehren. Wir haben alle erfahren, daß die größte uns erreichbare Lust, die des Sexualaktes, mit dem momentanen Erlöschen einer hochgesteigerten Erregung verbunden ist. (ebd., S. 270)

Drei Jahre später in Das Ich und das Es spricht Freud von der „Ähnlichkeit des Zustandes nach der vollen Sexualbefriedigung mit dem Sterben“ und erwähnt

bei niederen Tieren das Zusammenfallen des Todes mit dem Zeugungsakt. Diese Wesen sterben an der Fortpflanzung, insoferne nach der Ausschaltung des Eros durch die Befriedigung der Todestrieb freie Hand bekommt, seine Absichten durchzusetzen. (ebd., S. 113f)

Demgegenüber war für Reich der Orgasmus Ausdruck des produktiven, ausgreifenden Lebensprozesses an sich. Reich betrachtete das Triebhafte als Ausdruck der Lustsensation, nach Wiederholung zu verlangen. Der „Wiederholungszwang“ setze sich im Bereiche des Lustprinzips besonders machtvoll durch („Zur Triebenergetik“, Frühe Schriften I , siehe auch den betreffenden Hinweis in seinem Aufsatz „Über die Quellen der neurotischen Angst“ Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, XII(3), 1926, S. 423). Der „Wiederholungszwang“ bedeutete für Reich also das genaue Gegenteil als für Freud.

Reich steht hier nicht allein. In einem Fernsehbeitrag über Albert Camus sagte der Bonner Hirnforscher Detlev Linke 2005, man könne die Sisyphos-Geschichte auch psychoanalytisch lesen. Es werde versucht, den Höhepunkt zu erklimmen, bei dessen Erreichen man Entspannung findet. Linke:

Kein Wunder, daß Camus den Sisyphos als einen glücklichen Menschen beschreibt.

Linke kann nur an Reichs Die Funktion des Orgasmus gedacht haben.

Hier zeigt sich kraß der Unterschied zwischen orgastischer Impotenz (für die der Orgasmus nur Leere und Todesmüdigkeit bedeutet) und orgastischer Potenz.

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4 Antworten to “Freud, Reich und der Wiederholungszwang (Teil 2)”

  1. Robert (Berlin) Says:

    Wird das normale Sexualleben behindert, kommen Perversionen zum Vorschein. Die Psychoanalyse ist an diesen Perversionen interessiert (ihr Ursprung, ihre Verknüpfungen, ihr Aufbau, etc.), während für Reich all dies uninteressant war.

    Der große Unterschied zwischen der Psychoanalyse und der Sexualökonomie besteht darin, dass die erstere weder weiß, was gesundes Sexualleben und sexuelle (biologische) Normalität ist, noch wie man Perversionen objektiv definiert. Freuds Idee der Abweichung von der Fortpflanzung dürfte nicht ganz ausreichen.
    Desweiteren ist der Zweck des Orgasmus der Psychoanalyse auch fremd und sonderbar und es schießen die Spekulationen ins Kraut, wie von der reinen Entladung der Samenflüssigkeit bis zur Vermischung der Partialtriebe.

  2. O. Says:

    Ist dies der richtige Ort therapeutisch komplexe Fragen in der Theorie in einem Medium wie das Internet (im Blogg) zu diskutieren?
    Soll hier gezeigt werden, dass Reich ein anderes oder gar besseres Verständnis habe als Freud? Die Frage nach dem Zweck drängt sich mir auf, wenn ich diese Zeilen lese.
    Auf der anderen Seite – und dies wird man mir wieder als „gemein“ auslegen, obwohl es beschreibend gemeint ist – ist in Bakers Buch die Darstellung gleichfalls rudimentär. In wenigen Sätzen werden wichtigste Zusammenhänge zudem in vereinfachter Sprache dargestellt Dies macht die Inhalte eingängig, bietet aber keinen Anhaltspunkt zur tiefen Reflexion, da eben alles schon klar und vermeintlich „richtig“ dargestellt sei. (Raphael hat diesen Mythos in seiner Antwort entsprechend aufgedeckt.)

    Kommen wir zum Inhalt der Aussage:

    „Reich betrachtete das Triebhafte als Ausdruck der Lustsensation, nach Wiederholung zu verlangen. Der „Wiederholungszwang“ setze sich im Bereiche des Lustprinzips besonders machtvoll durch („Zur Triebenergetik“, Frühe Schriften I , siehe auch den betreffenden Hinweis in seinem Aufsatz „Über die Quellen der neurotischen Angst“ Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, XII(3), 1926, S. 423). Der „Wiederholungszwang“ bedeutete für Reich also das genaue Gegenteil als für Freud.“ (PN, s.o.)

    Reichs „Wiederholungszwang“ (ich habe nicht geprüft, ob er dies so benannt hat) bedeutet etwas anderes als der von Freud. Hat Reich hier einen Begriff oder ein Konzept von Freud umgedeutet? Oder will er es als neuere Erkenntnis ersetzen? Soll dies zeigen, dass die Orgontherapie (die zu der Zeit noch nicht existierte, daher müssen wir von Sexualökonomie sprechen) psychische Prozesse und Phänomene anders deute oder bearbeite?

    Oder klärt Reich hier etwas über den psychischen Prozess auf? (Hinweis auf „… Quellen der neurotischen Angst“)

    Viele Fragen, die in zwei Sätzen nicht beantwortet werden (können).

    Also beginne man bei der Definition von Freud (die zu finden schon schwierig genug sein wird) zum „Wiederholungszwang“: Gemeint ist die „Übertragung“ in Therapie und Alltag, die diesem unterliegt. Was mit Übertragung gemeint ist, setze ich voraus.

    Benutzt Reich dieses Wort nun in gleichem Zusammenhang? (Bei Baker muss man sich das auch immer fragen, wenn er psychoanalytische Begriffe beleiht.)

    Wie oben dargestellt (Zur Triebenergetik) bezieht Reich den „Wiederholungszwang“ auf das „Lustprinzip“ (Terminus von Freud, die Bedeutung dessen setze ich ebenso voraus). Lustprinzip und Übertragung sind nicht identische Prozesse. Damit hätte Reich das Thema – streng genommen – verfehlt. [Und ich habe nicht überprüft, ob dem so ist.]

    Welchen Sinn macht der „Wiederholungszwang von Reich“ für die Sexualökomomie? Er ist begrifflich durch lockere Assoziation – psychoanalytisch gesprochen – entstanden; orgonomisch gesprochen, wäre er durch analogisieren entstanden und mit dem CFP in begründet worden.

    Reich bewegt sich demnach schon in den frühen Schriften jenseits der Psychoanalyse. Er kreiiert eine eigene Sichtweise des Widerholungszwanges im neuen Kontext als der Sexualenergie zugehörig, die wiederkehrend als Trieb drängen muss. (Freuds Dampfkessel Analogie). Für die Übertragung und ihre Entstehung bringt das keine Erhellung. – Inhaltlich ist dies also nicht sinnstiftend, zumindest ist dieser hier noch nicht erkannt.

    Bleibt die Frage nach der persönlichen Übertragung von Reich zu Freud. Ist der Sinn einer solchen Auseinandersetzung mit Freud als Vaterfigur für Reich eine ödipale Abgrenzung? Unterliegt Reich nicht dem Wiederholungszwang seines Charakter-Musters? Solche Interpretationen helfen nicht inhaltlich einer theoretischen Auseinandersetzung und würde die Frage aufwerfen, was das Motiv für die Enstehung der „Sexualökonomie“ war und aller folgenden Theorien bis hin zur „Orgontheorie“? – Ist dies ein neurotischer Wiederholungszwang? Und damit dieser in der Sexualökomie/ Orgonomie nicht auffallen werde, wurde er schon früh uminterpretiert.

    Dies mag jetzt schon als „Psychologisieren“ anmuten, ist jedoch noch zu verankern in der Praxis des Charakteranalysierens.

    Abschließend noch ein inhaltlicher Hinweis zum Wiederholungszwang bei Reich (1933) gegeben: Die Entdeckung und Definition des Charakters bei Reich (und anderen) birgt das Thema des Wiederholungszwanges in sich, sie kann (danach und) heute nicht mehr nach dem Lustprinzip folgend mit einem wiederkehrenden Aufbau von Sexualenergie verwechselt werden.

    • Peter Nasselstein Says:

      Wiederholungszwang ist nicht gleich Übertragung, sondern, so Freud in JENSEITS DES LUSTPRINZIPS: „Angesichts [von] Beobachtungen aus dem Verhalten in der Übertragung […] werden wir den Mut zur Annahme finden, daß es im Seelenleben wirklich einen Wiederholungszwang gibt, der sich über das Lustprinzip hinaussetzt. Wir werden auch jetzt geneigt sein […] den Antrieb zum Spiel des Kindes auf diesen Zwang zu beziehen.“ Wer wird nicht wahnsinnig, wenn er beobachten muß, wie Kinder immer und immer wieder monoton das gleiche tun?! Karl Blüher und, ich glaube, Erik Erikson interpretierten dieses Verhalten schlicht als Funktionslust.

      • O. Says:

        Danke für das passende Zitat.
        Den Spieltrieb zum Zwang zu erklären, sehe ich als Fehlleistung von Freud an. – Den Rest lese ich lieber in Ruhe mal nach, um nicht nur vorläufige Einfälle zu produzieren.

        Den letzten Absatz im letzten Kommentar hier kann man streichen oder korrigieren:
        „Abschließend sei noch ein inhaltlicher Hinweis zum Wiederholungszwang bei Reich (1933) gegeben: Die Entdeckung und Definition des Charakters bei Reich (und anderen) birgt das Thema des Wiederholungszwanges in sich, dieser kann (nach 1933 und) heute nicht mehr – nach dem Lustprinzip folgend – mit einem wiederkehrenden Aufbau von Sexualenergie gedeutet werden.“

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