Die Kulturdebatte zwischen Freud und Reich heute

In seiner Ausgabe vom März 2006 berichtete das Deutsche Ärzteblatt über „75 Jahre Unbehagen in der Kultur“. Ein schockierender Text, da er zeigt, in welchem Ausmaß Freud über seinen Erzrivalen Reich triumphiert hat. Nach 75 Jahren ist es so, als hätte Reich nie gelebt.

Immerhin macht der Autor ungewollt deutlich, warum Freud gesiegt hat und siegen mußte:

Um das Leben zu ertragen, können wir Linderungsmittel nicht entbehren. Die Kulturentwicklung hält einige davon bereit – doch um den Preis der Nichtbefriedigung mächtiger Triebe. So tauscht der Kulturmensch für ein Stück Glücksmöglichkeit durch ungehemmte Triebbefriedigung ein Stück persönlicher Sicherheit ein.

Mit Freud aalen wir uns lieber in unserem neurotischen Sumpf – statt frei und „ungepanzert“ (verletzlich) zu sein. Oder wie Reich in seiner Rede an den kleinen Mann sagt: „Du bettelst um Glück, aber Sicherheit ist dir wichtiger.“

Entsprechend stellt der Kleine Mann ausgerechnet den Freudianismus als das Höchste an Mut, Illusionslosigkeit und Aufklärung hin. Hier ein beliebiges Beispiel:

Im „Büchermarkt“ des Deutschlandfunks besprach am 8. August 2005 Steffen Graefe das neue Werk des Kulturtheoretikers und Ethnopsychoanalytikers Hans-Jürgen Heinrichs Expeditionen ins innere Ausland (Freud. Morgenthaler. Lévi-Strauss. Kérenyi. Das Unbewußte im modernen Denken). Heinrichs ginge es um das „emanzipatorische Potential“, das heterodoxen Lebensformen innewohnt. Die bürgerliche Gesellschaft würde mit ihrer „tumben Normalität“ die Menschen einem „bürokratischen Selbstverstümmelungsprozeß“ ausliefern. Darauf Graefe:

Diese Kritik ist weder originell, noch neu: Schon Wilhelm Reich hatte ihr mit seinem Schlagwort vom Charakterpanzer einen illustren Ausdruck verliehen. Auch Heinrichs will innere Panzer beseitigen.

Heinrichs zufolge käme es darauf an, das „innere Ausland“ durch Verflüssigung der inneren Widerstände zu befreien. Und das heißt: alles ist erlaubt. Graefe wendet ein:

Hier schwimmt der Autor in einem universalisierten Toleranzprinzip, das in jeder noch so irritierenden und schockierenden Perversion nur ein an sich harmloses „Mittel zur Erhaltung ungerichteter Triebhaftigkeit“ zu erkennen glaubt. (…) Innerhalb einer immer entrückten Traumwelt ist selbst der Sadismus nur eine entzückende Spielart unter vielen anderen.

Heinrichs rettet sich mit Verweis auf Emmanuel Lévinas: ich gebe dem Anderen (dem „Ausland“ schlechthin) Vorrang vor mir selber. Graefe kehrt zu Freud zurück: in der

von den Ethnopsychologen idealisierten Natur-Gesellschaften gab es immer auch Tabus: (…) Das Heilige war nicht nur das Unendliche, sondern auch das endlich begrenzende, eben dasjenige, was die Romantiker des inneren Auslands nicht mögen: ein Über-Ich.

Diese „Debatte“ zwischen Heinrichs und Graefe zeigt plastisch das Dilemma der heutigen Gesellschaft und warum Reich den meisten Menschen so fremd bleibt: Triebhaftigkeit gegen Triebunterdrückung – so etwas wie „Genitalität“, „orgastische Potenz“ und „Selbststeuerung“ wird – undenkbar.

Bisher hat man versucht, Psychopathen vor allem von ihrem Mangel an Angst, was die Konsequenzen ihrer Taten betrifft, her zu verstehen. Neuere Forschungen zeigen jedoch, daß sie weit eher von dem Lustgewinn getrieben werden. Man nehme etwa Diebstahl: wenn der Psychopath eine fremde Geldbörse sieht, die er sich aneignen kann, ist subjektiv die Vorfreude und objektiv die Dopamin-Ausschüttung im Gehirn (die man mit bildgebenden Verfahren verfolgen kann) weitaus größer als bei normalen Menschen. Er kann sich gar nicht gegen den Griff zum fremden Portemonnaie wehren. Psychopathen sind zu sofortiger Gratifikation Getriebene, ähnlich Drogenabhängigen.

Sie sind genau das, was Reich bereits Anfang der 1920er Jahre untersucht hat: triebhafte Charaktere (Frühe Schriften I). Aus heutiger orgonomischer Sicht sind triebhafte Charaktere Menschen, die zwar gepanzert sind, bei denen jedoch die Panzerung desorganisiert und in ewiger Fluktuation ist. Aus diesem Grunde sind sie auch untherapierbar, da sich kein festumrissener Ansatzpunkt darbietet, um die Neurose auszuhebeln. Dieses „Schillernde“ macht ihre ganze Faszination aus, die sie für den „richtig“ gepanzerten Menschen so überaus anziehend macht. Bekanntlich bezeichnete Reich den destruktiven Charismatiker Hitler als den „Generalpsychopathen“.

Der triebhafte Charakter bestimmt heute erneut die Führungsetagen. Man denke nur einmal an Obama und seine Botschaft „Vordere dein Recht ein!“ und vor allem an die „zockenden“ Führungsspitzen der „Wall Street“ a la Madoff.

Ein typischer triebhafter Charakter ist „Rambo“: ein haltloser junger Mann wird unter einer dominierenden Vaterfigur zu einem extrem guten Soldaten, der weder Angst noch Empathie kennt, verfällt dann wieder nach der Armeezeit und wird zu einem haltlosen Landstreicher. Während sich Rambo einen künstlichen Muskelpanzer antrainiert, um seine triebhaften Impulse unter Kontrolle zu halten, unterwerfen sich mehr intellektuelle Typen Konzentrationsübungen, um ihren Geist zu disziplinieren.

Ständig ist der haltlose Psychopath auf der Suche nach einem äußeren Halt. Wobei es ziemlich gleichgültig ist, ob er sich okkulten oder faschistischen Bewegungen anschließt. Es ist kein Wunder, daß auch die „Wilhelm-Reich-Bewegung“ von diesen Charakteren bevölkert ist, zumal Reich selbst eindeutig triebhafte Züge zeigte. Das erklärt auch Reichs frühe Beschäftigung mit dem triebhaften Charakter.

Man darf sich im übrigen nicht durch Äußerlichkeiten verwirren lassen. Genauso wie „Rambo“ kann auch eine spindeldürre „Schwuchtel“ ein triebhafter Charakter sein. Er kann ebenso gut aus einer Finanzdynastie wie aus dem Lumpenproletariat stammen. Er kann Self-Made-Millionär sein, aber auch Hartz-IV-Empfänger. Libertärer „Kapitalist“ oder sektiererischer Maoist. Grunzendes Umweltschwein oder pikierlicher Veganer.

Der „triebhafte Charakter“ ist Resultat sowohl allzu brutaler als auch zu nachgiebiger Erziehung (Reich in der Besprechung von Furrer, A.: „Der ‘moralische Defekt’, das Schuld- und Strafproblem in psychoanalytischer Beleuchtung“, Imago XIII(1), 1927, S. 141-142).

Beides verhindert (in psychoanalytischer Sprache) die Ausbildung eines funktionierenden „vernünftigen“ Über-Ichs bzw. (in orgonomischer Sprache) die Formierung einer konsistenten Panzerung. Das Übr-Ich bzw. die Panzerung des triebhaften Charakters läßt anfangs eine Luststeigerung zu, mehr als bei normalen Menschen, jedoch schlägt dann das „isolierte Über-Ich“ um so härter zu, die „unbefriedigte“ Panzerung verkrampft um so stärker, die Frustration ist um so größer, entsprechend die Triebhaftigkeit. Man denke nur an die Karikatur einer „alkoholkranken Nymphomanin“ oder an Charlie Chaplins Darstellung des „Hysterikers“ Hitler.

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7 Antworten to “Die Kulturdebatte zwischen Freud und Reich heute”

  1. David Says:

    Er kann sich gar nicht gegen den Griff zum fremden Portemonnaie wehren. Psychopathen sind zu sofortiger Gratifikation Getriebene, ähnlich Drogenabhängigen.

    Daher ist auch – schulmedizinisch gesehen – der Übergang von „Störungen der Impulskontrolle“ zu den „Nicht stoffgebundene Suchterkrankungen“ ziemlich fließend.

    Ich selbst bin von solchen Dingen betroffen, insbesondere von einer Störung der Impulskontrolle im Sinne von Zwanghaftem Schuldenmachen bzw. Kaufsucht, und bin daher auf der Suche nach einer verhaltenstherapeutischen Behandlung. Eine Behandlung auf Grundlage der Orgonomie ist daher bei mir jetzt nicht angezeigt, langfristig jedoch schon.

  2. Robert (Berlin) Says:

    Manche behaupten, dass der Triebhafte Charakter heutzutage eine Borderline Störung genannt würde.

    „Die Borderline-Störung ist das, was der Analytiker Wilhelm Reich bereits 1925 als “triebhaften Charakter” beschrieb.“
    http://www.medizin-im-text.de/blog/?p=35

    „Reich definierte den triebhaften Charakter und unterschied ihn von der Symptomneurose und den Psychosen – heute unter dem Begriff „Borderline“ bekannt.“
    http://members.inode.at/g.hebenstreit/Buk_6_99_Ratz_Ambulatorium.html

  3. Reich, Rambo und Eden « Nachrichtenbrief Says:

    […] ist ein typisches Produkt eines Bootcamps. Ich habe mich darüber in Der triebhafte Charakter heute […]

  4. David Says:

    Genauso wie „Rambo“ kann auch eine spindeldürre „Schwuchtel“ ein triebhafter Charakter sein.

    Alkoholiker: oft dick, wenn das Lieblings-Alkohol-Getränk Bier ist (Bierbauch), spindeldürr wenn nikotin- oder heroin-abhängig …

  5. O. Says:

    „Die Kulturdebatte“ (bitte was?) zwischen Freud und Reich ist die Verdrängung – … der menschlichen Psyche, des Reichschen Begriffes eines Charakters und seines Urkonfliktes, welches sich täglich neu wiederholt und nur die eine Lösung fordert: keine!

    Kommt ein „Patient“ zum Psychologen, stellt sich die Frage, was er dort will. Er möchte repariert werden, das Symptom soll weg, ohne dass am Charakter gekratzt wird. Die VT macht hier vorzügliche „Heilsversprechen“. – Doch tiefer soll es nie gehen. Dies ist die Verdrängung der Psyche und Konservierung des Elend, was man „Kultur“ zu nennen pflegt.

    Mit Freud darf man gepflegt über das Unbwußte, sogar über das Triebhafte sprechen und schreiben; ihn zu lesen, schafft kaum einer heute (18 Bände Gesammelte Schriften).

    Und dennoch drängt das Unbewußte, der Trieb – mit oder ohne Reich – ins Kultur- und persönliche Bewußtsein. Und all die Drogen und Betäubungen wollen hier nicht wirken: TV-, PC-Unterhaltungen, Smartphonestrahlung und -gefummel, „social“ Netz-Werk, X-boxen und Gesichtsbuch sowie vegan-radioactiv, genetic food oder Discounter-Futter kriegen die Triebenergie – das Orgon – nicht richtig tot. „Noch nicht“ sollte man kulturoptimistisch sagen.

  6. Reich, Rambo und Eden | Nachrichtenbrief Says:

    […] ist ein typisches Produkt eines Bootcamps. Ich habe mich darüber in Die Kulturdebatte zwischen Freud und Reich heute […]

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