Un-Umkehrbarkeit

In ihrem Buch Die Zyklen des Himmels (Wien 1979) schreiben Guy Lyon Playfair und Scott Hill es sei seltsam,

daß sich die Biologen in einer Zeit, in der sich die Physiker (…) von den mechanistischen Modellen immer mehr lösen, mit großem Eifer Modelle zu eigen machen, die die Physiker schon lange fallengelassen haben.

Dies trifft leider auch auf Leute zu, die sich auf Reich berufen. Mit dem Einzug von diversen „Äther“-Modellen und anderen mystischen und mechanistischen Konstrukten (etwa „Radix“ und „Kosmonen“) wollen diese „Hinterweltler“ (Nietzsche) hinter die Energie greifen, verfangen sich so aber natürlich nur im mechano-mystischen Gestrüpp. Wie viel orgonomischer ist da doch der Energetiker Hans Hass, wenn er schreibt, Energie liege „allem real Seienden zugrunde – konstituiert sogar Raum und Zeit.“

Das gepanzerte Pendant des Hinterweltlers ist der „Agnostiker“. Hans Hass gehört zu dieser Gruppe, wenn er sagt:

Was dem gesamten Entwicklungsstrom zugrunde liegt, ist unserer Erkenntnis einstweilen verschlossen – vielleicht auch für immer. (Naturphilosophie Schriften, München 1987)

Was veranlaßte die undifferenzierte primordiale Energie, sich in Raum und Zeit zu entwickeln, die ja wiederum auch nur sekundäre Funktionen von ihr sind? Um dies beantworten zu können, müssen wir etwas weiter ausholen:

In seiner Aphorismenaammlung über Reich und Nietzsche The Value of Values schrieb Jerome Eden 1980:

Nur Materie altert. Freie, kosmische Energie ist zeitlos.

Wie kann das sein? Wo Reich doch in Äther, Gott und Teufel geschrieben hatte:

Die physikalischen Funktionen, die in der Orgonphysik als „Orgonenergie“ abstrahiert werden, sind immer und überall in Bewegung oder, anders ausgedrückt, bewegen sich.

Oder an anderer Stelle: „Die Natur kennt keine statischen Zustände.“ Ihr Grundchrakateristikum ist deshalb Bewegung und damit Zeit (Strecke/Zeit = Bewegung).

Dieser scheinbare Widerspruch läßt sich am Beispiel „reversibler Systeme“ wie z.B. einem reibungslos im Vakuum aufgehängten Pendel auflösen. Der Physiker Alexandre Koyré hat über solche Systeme gesagt:

Es ist eine Bewegung, die nicht mit der Zeit verknüpft ist oder, noch seltsamer, eine Bewegung, die sich in einer zeitlosen Zeit vollzieht, ein Begriff, der ebenso paradox ist, wie der eines Wandels ohne Wandel. (z.n. Heimo J. Keller: Entropie und Energiepolitik, München 1987)

So ist das Pendel ein Bild für die nichtalternde „zeitlose kosmische Energie“. Merkwürdigerweise hat diesen „zeitlosen kosmischen Aspekt“ gerade die mchanistisch-platonische Wissenschaft von Galilei bis zur Aufkunft der Thermodynamik abgedeckt. Wie Nietzsche in seinem Nachlaß schrieb:

Die beiden extremsten Denkweisen – die mechanistische und die platonische – kommen überein in der ewigen Wiederkunft: beide als Ideale.

An anderer Stelle:

Der Satz vom Bestehen der Energie fordert die ewige Wiederkehr.

Das ist der Erste Hauptsatz der Thermodynamik. Der Schritt von der Ewigkeit reversibler Prozesse zur eigentlichen, „vergänglichen“ Zeit hat die Physik erst neuerdings mit aller Konsequenz vollzogen, als sie lernte den Zweiten Hauptsatz ernst zu nehmen.

Man denke nur an den Buchtitel Vom Sein zum Werden (München 1979) des Physik-Nobelpreisträgers Ilya Prigogine. [Wie sehr sich Prigogine der Orgonomie genähert hat, zeigen die Einwürfe eines gewissen Rainer Hohlfeld, der in Günter Altners Buch Die Welt als offenes System (Frankfurt 1986) zur Kontroverse um Prigogine diesem ein physikalistisches, biologistisches und schlechthin objektivistisches Verständnis des menschlichen Handelns vorwirft, das als „Rechtfertigungsformel neokonservativer Gesellschaftsutopien“ diene! Es sei in diesem Zusammenhang an die Aussage des Marxistischen Sexologen Dr. Volkmar Sigusch im Film bzw. Buch Wilhem Reich – Viva Kleiner Mann von Digne Meller Marcovicz erinnert, Reich hätte „sich (…) zu einem Energetiker [entwickelt], einem der (…) an Hand physikalischer Vorstellungen und Begriffe an etwas nur gesellschaftlich Denkbares wie die Sexualität herangeht (…).“]

Bereits 1912 hatte der Energetiker Wilhelm Ostwald in seinem Buch Der energetische Imperativ geschrieben:

Durch die Zerstreuung der Energie kommt eine Einseitigkeit, ein bestimmter Richtungssinn in alles Geschehen hinein. Von diesem Urphänomen aus entwickelt sich das Geschehen der Sternenwelt, es entwickeln sich die besonderen Eigenschaften der Lebewesen mit Geburt und Tod und endlich entwickelt sich aus dem gleichen Urphänomen auch alles Kulturwesen mit dem langsamen Aufstieg der Menschheit zu immer höheren Betätigungsformen. Alles was wir wollen, werten, wählen nennen, beruht in letzter Analyse auf dieser Einseitigkeit des Geschehens.

Playfair und Hill erwähnen in ihrem eingangs zitierten Buch, man habe

die Hypothese aufgestellt, daß während der Entstehung der ersten Lebensmoleküle eine asymmetrische Umweltkraft wirksam war. Die wahrscheinlichste Form einer solchen Kraft wäre die eines elektromagnetischen Feldes. Man könnte annehmen, daß solche Felder bei der Organisierung oder Strukturierung der geobiochemischen Umwelt eine Rolle spielten und das ursprüngliche entropische Chaos der „organischen Brühe“ in den Ozeanen und Atmosphären zu ersten, primitiv organisierten Lebensformen umwandelten. Kann es ein Zufall sein, daß der fundamentalste Baustein aller Lebewesen, die Desoxyribonukleinsäure (DNS), die Form einer Doppelspirale hat (…)? Genauso wurden in Tausenden Jahren mystischer Tradition die Lebensenergien dargestellt. (Hervorhebungen hinzugefügt)

Es deutet demnach einiges darauf hin, die „Gerichtetheit“ des Geschehens weniger etwas mit Zerfall und wachsender Entropie zu tun hat (Zweiter Hauptsatz der Thermodynamik), als vielmehr mit der sich kreiselwellenartig fortbewegenden kosmischen Orgonenergie. Man kann sie im Orgonraum unmittelbar sehen und sie ist in das Naturgeschehen um uns herum eingezeichnet; im Pflanzenwachstum, dem Flug der Vögel, in der Form und Bewegung unseres eigenen Körpers und seiner Organe, etc.pp.

Während die klassische Mechanik noch von der prinzipiellen Umkehrbarkeit der Zeit ausging, die so faktisch zwei Dimensionen erhielt, hat erst mit der Thermodynamik („Entropie“) der Zeitpfeil seine eindeutige evolutionäre Richtung bekommen. (Für Carl Friedrich von Weizsäcker ist die Evolution „ein Spezialfall irreversiblen Geschehens“.)

Aus orgonomischer Sicht ist das „Werden“ identisch mit der Überlagerung zweier Orgonenergie-Ströme und der darauf folgenden Schöpfung einer neuen Energieeinheit. Dies ist gleichbedeutend mit einer Zunahme der Qualität der Energie, d.h. mit Abnahme von Entropie. Genau umgekehrt sieht die mechanistische Physik die energetische Entwicklung.

Reichs Ansatz wird orgonometrisch wie folgt formuliert:

abstrueber

Dabei steht N für die undifferenzierte und deshalb qualitativ „minderwertige“ ursprüngliche kosmische Energie. Spontan kommt es in dieser zu Fluktuationen bzw. zu Variationen, die hier durch Vx und Vy symbolisiert werden. Durch Überlagerung dieser beiden Energieströme entsteht dann das vollkommen neue orgonotische System A. Mit der Transformation von N nach A wird Entropie vernichtet. Dies ist funktionell identisch mit dem Bruch der Zeitsymmetrie, d.h. aus A heraus kann man N bzw. seine beiden Variationen Vx und Vy nicht wieder herstellen.

Der Schöpfungsvorgang folgt dem „orgonomischen Potential“ (Aufbau), das sich beispielsweise in der Gravitation zeigt, durch die Dinge „zusammenklumpen“ und die Reich zufolge ebenfalls auf Überlagerung beruht. Auf einer anderen Ebene zeigt sich, daß das, was erschaffen wurde, also A, dazu tendiert wieder zu zerfallen, wenn ihm nicht ständig frische Orgonenergie zugeführt wird. Man denke beispielsweise an den Werdegang eines Organismus oder auch an den eines Gebäudes. Diesen „Abbau“ bezeichnete Reich als „mechanisches Potential“, das der wachsenden Entropie entspricht, die normalerweise mit dem Zeitpfeil verbunden wird.

Dabei wird gerne auf die Kaffetasse verwiesen, die auf den Boden fällt und in tausend Einzelteile zerfällt (mechanisches Potential, wachsende Entropie, gerichtete Zeit). Der umgekehrte Vorgang, daß „tausend Einzelteile“ sich spontan zu einer Kaffeetasse zusammenfügen, ist extrem unwahrscheinlich (orgonomisches Potential).

Diese Argumentation ist auf den ersten Blick bestechend, – aber immerhin gibt es diese Kaffetasse! Außerdem zeigt ein zweites gerne zur Illustration des Zeitpfeils vorgebrachtes Paradoxon, daß es wirklich eher um die Unumkehrbarkeit der oben illustrierten Schöpfungsfunktion geht:

Könnte ich mit Hilfe einer Zeitmaschine einige Jahrzehnte zurückkehren und meinen Vater vor seiner Hochzeitsnacht umlegen, hätte es mich nie gegeben. Aber dann hätte ich auch nicht meinen Vater kaltmachen können, was ich ja aber tue, womit ich jedoch nie hätte existieren können, aber…

Mein Vater steht für das „Vx“ aus der obigen Gleichung. Der Zeitpfeil entsteht, weil A prinzipiell keinen Zugriff mehr auf die Prozesse hat, aus der es hervorgegangen ist.

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Eine Antwort to “Un-Umkehrbarkeit”

  1. David Says:

    wollen diese „Hinterweltler“ (Nietzsche) hinter die Energie greifen, verfangen sich so aber natürlich nur im mechano-mystischen Gestrüpp.

    … ich weiß nicht so recht – Energie ist wie man uns beigebracht hat, das was in Kalorien oder Joule oder Kilowattstunden gemessen wird.

    Aber das Orgon scheint in gewissem Sinne Energie zu erzeugen, folglich ist es mehr als die „gewöhnliche“, Energie wie z.B. die mechanische oder elektrische.

    Dieser scheinbare Widerspruch läßt sich am Beispiel „reversibler Systeme“ wie z.B. einem reibungslos im Vakuum aufgehängten Pendel auflösen.

    Weitaus frappierender ist ein Pendel, welches aufgehört hat sich zu bewegen und unter gewissen Bedingungen wieder anfängt sich zu bewegen – hat nicht Reich so etwas berichtet? Im Pendelkopf waren glaube ich Erd- und Metallpartikel gemischt, wenn ich mich nicht irre.

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