Versuch über das Leib-Seele-Problem

Zum Leib-Seele-Problem gibt es prinzipiell fünf Auffassungen, die sich jeweils bestimmten therapeutischen Schulen zuordnen lassen.

  1. Bestimmt die Psyche den Körper (Idealismus, Psychoanalyse) oder
  2. der Körper die Psyche (mechanistischer Materialismus, Psychopharmakotherapie)? Existieren Psyche und Soma
  3. nebeneinander her und beeinflussen einander („psychosomatische Medizin“),
  4. schließen sie einander aus (Mystizismus, „religiöse Heilung“) oder sind sie
  5. ein und dasselbe (Monismus, „Körpertherapien“)?

Reich hat diese fünf sich gegenseitig ausschließenden Anschauungen wie folgt zu einem einheitlichen Konzept integriert:

Die Orgontherapie umfaßt alle fünf Herangehensweisen. Beispielsweise hat sie psychoanalytische Komponenten (1) und solche, die der Herangehensweise der Verhaltenstherapie ähneln (2).

Tatsächlich läßt sich diese umfassende funktionelle Herangehensweise auf alle denkbaren Bereiche ausweiten. Auf das Wesentliche reduziert hat man folgendes vor sich:

Neben der Aristotelischen Entweder-Oder-Logik gibt es beispielsweise dreiwertige Logiken, wie die Neumannsche Quantenlogik (außer „Ja“ und „Nein“ gibt es in der Natur auch ein „Vielleicht“). Aus der klassischen zweiwertigen Logik läßt sich aber auch eine vierwertige ableiten. Daneben gibt es beispielsweise auch die buddhistische vierwertige Logik (es ist x; es ist nicht-x; es ist x und nicht-x; es ist weder x noch nicht-x).

Mit der gegebenen Logik läßt sich ein Teilaspekt der Wirklichkeit besonders gut beschreiben. Deshalb wurde sie ja entwickelt! Beispielsweise verwendet man heute die „Fuzzy Logic“ für Steuersysteme, bei denen man keine exakten Eingaben machen kann, weil ein und dasselbe Element „ein wenig“ zu dieser Menge gehört und „ein wenig“ zu jener Menge. Neuerdings findet sie vor allem in der Medizintechnik und sogar Medizintheorie verstärkt Anwendung.

Der Sprache selbst ist eine Logik inhärent, die uns manchmal schlimm in die Irre führen kann. Robert Anton Wilson will uns wieder zum Herrn über unser Werkzeug Sprache machen. Ein neues Instrument der Sprache ist Wilsons Kunstwort „po“:

„Sexualität po Physik“ führt zum Orgon; oder „Sexualität po Träume“ führt zur Psychoanalyse. Auf diese Weise funktionieren Suchmaschinen. „Türklinke po Maximalismus“ ergibt dann beispielsweise das Stichwort „Willy Brandt“. (Die Sozialdemokratie ist maximalistischen Forderungen seit jeher abhold gewesen, was dazu geführt hat, daß sich infolge der Entspannungspolitik am Ende des Kalten Krieges die Vertreter der beiden Blöcke die Türklinken in die Hand gaben.)

Die unterschiedlichen Logiken und „Denkweisen“ in das obige Schema (erste Abbildung) einzupassen, wäre Aufgabe entsprechend geschulter Mathematiker und Philosophen („Logiker“). Ich bin überzeugt, daß dies möglich ist, weil letztendlich alle mehrwertigen Logiken doch wieder in der klassischen Logik ausgedrückt werden müssen. Siehe dazu das I. Kapitel von Orgonometrie.

Ein erster Versuch, eine vorläufige Skizze, könnte etwa wie folgt aussehen:

  1. Wilsons „x po y“ und andere derartige Pseudologiken analog zur Psychoanalyse;
  2. die klassische Logik, die Logik der Grammatik;
  3. der Hegelsche Dialektik und andere mehrwertige Logiken, die zwischen „x“ und „y“ vermitteln;
  4. die buddhistische Logik;
  5. die Fuzzy Logic.

Als ich mich daran machte, die obige Aufstellung der fünf Arten von Logik in Angriff zu nehmen, hatte ich nicht den blassesten Schimmer, was ich überhaupt schreiben sollte und war drauf und dann „diesen ganzen Unsinn“ unter der Riesendatei „Fehlversuche und Quatsch“ abzuspeichern. Dann hat sich aber doch spontan eins zum anderen gesellt – das ist die funktionelle Logik, die von uns Besitz ergreift.

Aber zurück zum Leib-Seele-Problem, daß man nur ganz erfassen kann, wenn man bedenkt, daß es funktionell betrachtet auch Organe außerhalb des Körpers gibt:

In der Fachzeitschrift für Psychiater und Neurologen Nervenheilkunde (7/2004, S. 431) wurde Woody Allens berühmter Film von 1973 Was sie schon immer über Sex wissen wollten zur nervenärztlichen Fortbildung herangezogen:

Es wäre gar nicht so falsch, den Körper „als Netzwerk von Einheiten“ zu betrachten, die, so wörtlich, „jeweils durch Menschen dargestellt werden“! Nach dem Motto „Gehirn an Hand: Faust ballen!“ Tatsächlich würde sich das Zusammenspiel einzelner Module im Gehirn ganz ähnlich abspielen, wie in Woody Allens Filmsatire: „Frontalhirn an Mandelkern: cool bleiben!“ Neben der Regulation der Emotionen wird in Nervenheilkunde mit Hilfe dieses Kasperletheaters auch die Konsolidierung von Gedächtnisinhalten erläutert.

Reich hat gegen eine Biologie polemisiert, die organismische Vorgänge von einer „Befehlszentrale“ her zu erklären versucht. Strukturen wie das Gehirn und die Chromosomen seien allenfalls Werkzeuge des Lebendigen für bestimmte Aufgaben.

In Hans Hass und der energetische Funktionalismus habe ich ausgeführt, daß unsere Werkzeuge Erweiterungen unserer Körper sind. „Zusätzliche Organe“, die sich in die Evolution genauso einreihen, wie unsere angeborenen Organe. Man denke nur an den Arm, der etwas greift, und den Bagger, der Erdarbeiten verrichtet.

Ernst Kapps 1877 publizierte Grundlinien einer Philosophie der Technik stehen am Anfang der modernen Technikphilosophie. Kapps Überlegungen, sind aus seiner Beschäftigung mit der Hegelschen Dialektik hervorgegangen. Wikipedia zufolge ist sein Buch „vielleicht das erste genuin moderne Werk der Technikphilosophie“, da es „die bis dahin vorherrschende cartesianische Metaphorik des Organischen als etwas bloß Mechanischem komplett umkehrt.“

Zentrale These des Werkes ist, daß alle technischen Artefakte letztlich als Organprojektionen zu verstehen seien. So ist z.B. ein Hammer letztlich als Faust zu verstehen, eine Säge bildet die Schneidezähne ab, ein Fernrohr bildet unbewußt den inneren Aufbau des Auges nach usw. Die Entwicklung des Buches folgt dabei einer zunehmenden Komplexität der technischen Apparaturen, über die damals aufkommende Telegraphie, die als ein Nervensystem verstanden wird, bis hin zum Staat als Abbild des menschlichen Organismus in toto. Die technische Entwicklung als Motor der kulturellen Entwicklung ist dabei stets ein Herausstellen von etwas, das bereits im Menschen organisch wie geistig angelegt ist, um im selben Moment als ihre Konkretion dessen geistige Entwicklung herauszufordern und voranzutreiben.

Das war stand der Anthropologie von vor über 100 Jahren. Das Lebendige greift in die „mechanische Welt“ hinaus und erweitert so ihren Wirkungsbereich. Und wo sind wir heute: bei Woody Allen!

Das Lebendige entfaltet sich von links nach rechts (→), entsprechend sollten auch seine Gesetze Priorität über die autonomen Gesetze der beiden oberflächlicheren Funktionsbereiche haben. Doch leider werden die oberflächlichen Gesetze, die das Funktionieren unserer zusätzlichen Organe bestimmen, dazu herangezogen, das Funktionieren des menschlichen Körpers zu beschreiben (←).

Da die zusätzlichen Organe nicht mit unserem Körper verbunden sind, funktionieren sie per Befehl: „Mensch an Bagger: Schaufel nach unten hebeln!“ Daraus ein „Gehirn an Hand: Faust ballen!“ zu machen – nun, das ist mechanistische (den funktionellen Naturgesetzen diametral entgegengesetzte) Wissenschaft. Reich hat dies im einzelnen in Äther, Gott und Teufel ausgeführt.

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8 Antworten to “Versuch über das Leib-Seele-Problem”

  1. Klaus Says:

    Etwas wirr hier für mich. „weil letztendlich alle mehrwertigen Logiken doch wieder in der klassischen Logik ausgedrückt werden müssen“ – eher umgekehrt ? (wenn mit „klassisch“ „zweiwertig“ gemeint ist).
    Eine meiner Lieblingseinführungen:
    L.T.F. GAMUT (1982), Logica, Taal en Betekenis,
    Vol. 1 und dann
    Vol. 2 Intensionale logica en logische grammatica. De Meern: Uitgeverij Het Spectrum. Englisch: Logic, Language, and Meaning. Volume II: Intensional Logic and Logical Grammar. Chicago und London: The University of Chicago Press. 1991.

    Zum Leib-Seele-Problem:
    Brüntrup, Godehard (1996), Das Leib-Seele-Problem. Stuttgart: Kohl-hammer.

    Vertiefend z. B.
    „Emergence or Reduction?“, ed. v. Ansgar Beckermann u. a.
    und natürlich immer:
    Putnam, Hilary, Aufsätze in „Mind, Language, and Reality“

    • Peter Nasselstein Says:

      Der Kern der Logik, wie er sich in den Sätzen der Identität, des ausgeschlossenen Widerspruches und des ausgeschlossenen Dritten ausgedrückt findet, ist nicht revidierbar, auch nicht mit Hilfe von mehrwertigen Logiken. Überdies kommt der Logik, will man die uneingeschränkte Möglichkeit von Widersprüchen eliminieren, gegenüber der Dialektik der methodologische Primat zu. Der unaufhebbare Primat der Logik ist jedoch ein Primat und keine absolute Herrschaft, d.h. es ist möglich, die Grenze der Anwendbarkeit der Logik zu ermitteln. http://www.springerlink.com/content/gk972l54l7k5n451/

      Für die Beschreibung der objektiven Wirklichkeit bleibt damit die klassische Logik, auf die unser Gehirn programmiert ist, gültig. Denn eine unmittelbar auf die Realität statt auf das diese reflektierende Bewußtsein angewandte transklassische Logik würde natürlich eine Welt abbilden, „in der der Wahnsinn regiert“. Das Ganze der Wirklichkeit, so stellt es Günther dar, ist vielmehr eine Art Konglomerat unendlich vieler „ontologischer Orte“, die, isoliert betrachtet, durch eine zweiwertige Logik beschreibbar sind; als Gesamt dieser Orte kann Wirklichkeit indes nur durch ein mehrwertiges System abgebildet werden. Die Welt, so ließe sich sagen, besteht aus unendlich vielen Stellen klassischer Rationalität, deren Zusammenspiel aber durch punktuelle Rationalität nicht durchschaubar wird. http://www.vordenker.de/ggphilosophy/whgg80.htm

      Wie immer man es wendet, man kommt ohne die klassische zweiwertige Logik nicht aus.

  2. Robert (Berlin) Says:

    @Klaus
    Auch wenn ich nicht soviel davon weiß, aber ist es nicht absurd, über das Leib-Seele-Problem nachzudenken, wenn man als Logiker keine Ahnung von organismischer Orgonenergie hat. Da spekuliert das gepanzerte Individuum über die Ideen anderer gepanzerter Neurotiker. Das ist doch nachdenken über das Leben in der Falle, wie es Reich im Christusmord beschrieben hat.

  3. Klaus Says:

    Sorry, es geh nicht so ganz ohne Lektüre des Forschungsstandes. Ich bezweifle nicht, dass es analytischen Philosophen gut tun würde, z. B. längerfristig ‚orgonotische‘ Erfahrungen zu machen. Umgekehrt ist es allerdings erforderlich, sprachanlytisches Argumentieren in Sachen Leib-Seele kennen zu lernen – schon um die Frage, um die es einem geht, einmal genau zu formulieren. Zu diesem Anliegen ganz gut z. B. „Analytische Philosophie“ von Eike von Savigny und Albert Newen (UTB).

    • Peter Nasselstein Says:

      Reich war kein Philosoph und entsprechende Fachleute hätten in bei Diskussionen schnell in die Enge treiben können. Er hatte jedoch aufgrund seiner Arbeit als Therapeut, dem es nicht um das „Was“, sondern um das „Wie“ ging, „einen schrecklichen Verdacht“: daß sich all dieses Ringen um Sprachen (Logiken) um ein einziges verborgenes Motiv drehten:

      Die Unsicherheiten in der Beurteilung der eigenen Wahrnehmungen und Aussagen war von jeher so groß, daß man oft den Eindruck hat, als hätten sich berühmt gewordene philosophische Schulen in leere Zwangsgrübelei verrannt (z.B. Husserl). (Äther, Gott und Teufel, S. 43)

      Es geht schlicht darum, wie beispielsweise das zweite (Mund) und dritte Segment (Hals) gepanzert sind („sprachlicher Ausruck“). Ganz ähnlich hat Lenin argumentiert: die Philosophie (insbesondere der Gegensatz „Idealismus vs. Materialismus“) hängt von der Verortung des jeweiligen Proponenten im Klassenkampf ab. Der eigentliche Inhalt der Philosophie ist von sekundärem Interesse. Ähnlich hat auch Nietzsche gedacht: Philosophien sind letztendlich Ausdruck der „Physis“ derer, die sie vorbringen.

      Ich will gar nicht bestreiten, daß es sinnvoll ist sich mit Analytischer Philosophie zu beschäftigen und daß der Student der Orgonomie hier unendlich viel lernen kann – aber Vorsicht! Immer den „schrecklichen Verdacht“ im Auge behalten!

  4. Manuel Says:

    JEDE Logik (Philosophie, Mathematik oder Wissenschaft ganz allgemein) basiert auf prinzipiell unbeweisbaren, der logischen (philosophischen, mathematischen, wissenschaftlichen …) Betrachtung nicht zugänglichen GLAUBENSGRUNDSÄTZEN (Axiome). Je nachdem, was man unbewiesen und unbeweisbar, unreflektierbar als wahr zugrunde legt, kommt man „logisch“ zu den Folgerungen, die man gerne haben möchte. Insofern ist das alles müßig! Wesentlich sind alleine die Glaubensgrundsätze – sie sind direkter Ausdruck der Persönlichkeit (des Charakters).

  5. Klaus Says:

    „Wesentlich sind alleine die Glaubensgrundsätze“ – kann man vielleicht so andeuten. Und um etwas über Annahmen in unserer Kultur über das Leib-Seele-Verhältnis herauszufinden, wird man um Analysen über Redeweisen über Mentales und Physisches in unserer Sprache nicht herumkommen.
    Und ohne solche Analysen wird man nichts Beurteilbares über Leib und Seele sagen können – wenn man auch noch so viel zu meinen glaubt.

  6. Claus Says:

    Wie man durch Beobachtung überhaupt nichts zur Antwort auf die Frage beiträgt: Haben Bienen Gefühle?
    http://www.academia.edu/2640656/What_is_it_like_to_be_a_bee

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