Die Farben- und Formenwelt des Säuglings

Es ist eine pestilente Mär, daß der Mensch als Baby von der Welt abgekoppelt, „autistisch“ sei („primärer Narzißmus“). Reich zufolge konnten Freud, Melanie Klein und andere nur deshalb zu dieser Theorie gelangen, weil sie bloß mit Säuglingen zu tun hatten, die durch eine widernatürliche Geburt und eine empathielose Pflege in einen entsprechenden Schockzustand versetzt worden waren.

Heute wird dieser „Autismus“ durch die technische und gesellschaftliche Umwelt verstärkt. Maria Luisa Nüesch, Präsidentin des Vereins Spielraum-Lebensraum e.V., sagt dazu in einem Interview:

In der von Ihrem Verein herausgegebenen Broschüre Neugeborene unter dem Einfluss von TV und Handys beklagen renommierte Wissenschaftler, daß allgemein der mütterliche Instinkt in Bezug auf die Säuglinge schwindet. Wie äußert sich das?

Man darf den jungen Müttern nicht die Schuld zuschieben, sondern muß die gesamtgesellschaftliche Entwicklung betrachten. Immer mehr Mütter sind mit ihrem Baby allein. Sie fühlen sich einsam und sind isoliert, weil die Familie nicht in der Nähe ist oder keine Zeit für sie hat. Die Freunde, der Kindesvater und die Großeltern müssen viel arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. So findet viel weniger soziales Miteinander statt. Verständlich, daß die Mütter dann per Handy und Computer Kontakt und Unterhaltung suchen. Diese Geräte gehören ganz selbstverständlich zum Alltag, so daß praktisch niemand auf die Idee kommt, der Umgang damit könnte für das Baby schädlich sein. Das Bewußtsein in dieser Hinsicht ist noch außerordentlich gering.

Deshalb sitzen manche Mütter beim Stillen vor dem Fernseher oder sie chatten stundenlang mit dem Baby im Arm am Computer. Manche Mamas reden mehr am Handy als mit dem eigenen Kind.

Manche Eltern scheinen tatsächlich das Gefühl für ihre Babys verloren zu haben. Wieso?

Ja. Väter bringen Säuglinge mit zu Rockkonzerten, Mützchen für Kinder gegen Sonne oder Wind und Wetter werden einfach vergessen, die Kinderwägen sind nach vorne ausgerichtet, so daß kein Augenkontakt mehr stattfinden kann, Kinder werden zu lange in den Autositzschalen gelassen, damit die Eltern mobil sind usw. Es gibt viele Beispiele.

Viele Eltern haben gar nicht die Chance, die Bedürfnisse ihres Babys kennenzulernen. Wenn schon am Wochenbett im Krankenhaus der Fernseher läuft und dauernd das Handy klingelt, wird es für Mütter schwer, sich auf ihr Neugeborenes einzulassen, dessen zarte Signale zu empfangen und zu deuten. Es gibt eine Menge Ablenkungen, die es Müttern erschweren, die Bedürfnisse ihres Kindes zu erkennen.

Anna Franklin, vom Surrey Baby Lab, hat bei über 250 Babys erforscht, welche Farben sie bevorzugen.

Es ist ein Mythos, daß Neugeborene farbenblind sind. Sie können Farben sehen, auch wenn es sich in den folgenden Monaten weiterentwickelt.

Babys bevorzugen reine Farben wie Rot, Blau, Gelb und Grün. Am wenigsten mögen sie Braun.

Einige Babys zeigen eine auffallende Vorliebe für nur eine Farbe, während andere mehrere Farben mögen.

Bei 105 Babys im Alter zwischen einem halben und sieben Tagen haben Teresa Farroni und Kollegen von der Universität in Padua die Reaktion auf stark stilisierte Gesichter untersucht und festgestellt, daß Babys bevorzugt auf aufrechte Gesichter reagieren. Offenbar, weil nur ein solches einen Kommunikationspartner signalisiert. Auch sind Babys auf helle Flecken mit einem dunklen Punkt in der Mitte fixiert. Diese Flecken signalisieren die stärkste Form des Kontaktes über eine Distanz: den Augenkontakt (die dunkle Iris im Weißen des Auges).

Neben dem Hell-Dunkel-Kontrast spielt aber noch ein zweiter Faktor eine Rolle, wenn sich die Aufmerksamkeit von Neugeborenen auf ein bestimmtes Bild richtet: die Beleuchtung. Die Forscher zeigten den Babys Fotos einer Frau, deren Gesicht einmal von oben und einmal von unten beleuchtet wurde. Die Kinder sahen wesentlich öfter und länger zum zweiten Bild, bei dem die Frau von oben angestrahlt wurde. Diese Form der Beleuchtung kommt auch in einem normalen Umfeld am ehesten vor, entweder durch die Sonne oder einer Lampe, und es entstehen dabei charakteristische Schattierungen rund um die Augen.

Mit dem Handy in der Hand oder vor dem Computer kommt heutzutage das Licht eher von unten.

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4 Antworten to “Die Farben- und Formenwelt des Säuglings”

  1. Robert (Berlin) Says:

    Schreibabys: Erste Hilfe bei Brüll-Attacken

    Wenn Neugeborene ständig schreien, treibt das ihre Eltern in die totale Erschöpfung. Wo liegen die Ursachen für das Gebrüll? Schrei-Ambulanzen unterstützen die Gestressten beim Umgang mit ihrem anstrengenden Nachwuchs.

    http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/schreikinder-was-eltern-von-schreibabys-tun-koennen-a-920689.html

  2. O. Says:

    „Auch Leonies Eltern suchten schließlich Hilfe in einer Berliner Schrei-Ambulanz. Nach zehn Terminen hatte sich Leonies Schreien auf ein normales Maß reduziert…“ = unter drei Stunden pro Tag.
    Also wenn ein Kind nach zehn Terminen (sind das fünf oder zehn Wochen?) nicht mehr schreien kann, verstehe ich das auch. Welcher Erwachsene könnte so schreien?

    Und wo ist die Schreiambulanz, in der Charite?

  3. Renate Says:

    Leider kenne ich auch so eine kontaktlose Mutter, sie hat zwei Kinder (6 Jahre Bub, 4 1/2 Jahre Mädchen), die hält sich die Ohren zu wenn die Kinder laut sind!!!!!!! Arghhh! Und jammert, sie hält das nicht aus. Und das wichtigste ist natürlich das neueste Handy. Und alle anderen müssen für sie sorgen, etc. etc.
    Und dann kenne ich noch zwei „Mädels“, die beide nicht arbeiten wollen, die eine ließ sich sogar freiwillig in eine Psychiatrie einweisen, weil sie nicht arbeiten will, die haben aber gesagt, sie hat keine Krankheit und haben sie nach einer Weile wieder rausgeschmissen (aber Antidrepressiva verschrieben!!!!!!)
    Eine Katastrophe, und die andere ist mit 30 Jahren noch immer finanziell komplett vom Arbeitsamt und ihren Eltern abhängig, jedesmal wenn sie eine Arbeit beginnt, wird ihr nach ein paar Tagen so schlecht, dass sie arbeitsunfähig ist!!!! und wieder zum Psychologen rennt, der sie dann bemitleiden soll. Grauslich.

    Und wieder andere wollen sich nur Kinder machen lassen, damit sie zuhause bleiben können und nicht selber arbeiten müssen, da kann man sich dann gut vorstellen, wie sie sich um die Babies und Kinder kümmern, nämlich gar nicht.

    • Renate Says:

      Also ich sehe das Problem in der grenzenlosen Bequemlichkeit und Faulheit. Die Frage ist, woher das in der Generation 16 Jahre bis 30 Jahre herkommt, also Jahrgänge 1999-1985 in etwa, davor gab es das sicher nicht.

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