Babys: „Experten“ fordern die harte Tour!

Vor einem Jahrzehnt erschien folgende Meldung in der BILD-Zeitung:

Baby kann nicht schlafen? Lassen Sie es schreien! Es ist Abend, das Baby will nicht einschlafen. Es weint und schreit herzerweichend. Was tun? Paul Ramchandani von der englischen Oxford-Universität hat über Jahre verschiedene Einschlafmethoden untersucht. Sein Rat: die harte Tour. „Auch wenn es schwer fällt“, sagte er, „Eltern sollten ihre Kinder, wenn sie nicht einschlafen können, schreien lassen, dann gewöhnen sie sich am schnellsten an den Schlafrhythmus. Es ist ein natürlicher Prozeß, den alle Säuglinge durchmachen.“ In ihren ersten Lebensmonaten würden die Babys lernen, zwischen hell und dunkel, Tag und Nacht zu unterscheiden, und langsam ihren Schlaf mehr zur Nacht hin verlegen.

Die effektivste Methode, Kinder abzurichten, ist es, sie in die emotionale Resignation zu treiben. Das ist jedenfalls das, was beim Publikum ankommt. Die Diskussion sah damals weitaus differenzierter aus:

Beispielsweise wendet die Kinderärztin Mary Fay ein, es sei gefährlich alle Schlafprobleme von Babys auf Verhaltensprobleme zu reduzieren. Es könnten nämlich auch rein physiologische Probleme mit der Atmung vorliegen, was den Schlafrhythmus stört. Im Zweifelsfall müßte eine umfangreiche Polysomnographie durchgeführt werden.

Ein bemerkenswerter Einwand stammt von dem Psychologie-Professor Dieter Wolke: Man solle bei Säuglingen bis zum 6 Monat die Maßnahmen zum Durchschlafen nicht anwenden, da in den ersten Monaten für manche Babys auch das Stillen während der Nacht wichtig ist, um eine schnelle Gewichtszunahme und ein ordentliches Wachstum des Gehirns zu gewährleisten!

Geradezu orgonomisch ist der Einwand der Stillberaterin Zan Buckner:

Die Grundannahme der Studie von Ramchandani et al, daß sehr kleine Kinder sich daran gewöhnen sollten, von ihren Eltern getrennt zu schlafen, so daß sie erst am Morgen wieder gesehen und gehört werden, ist sehr fragwürdig. In vielen nicht-westlichen Gesellschaften würden derartige Schlafgewohnheiten als eine Abirrung betrachtet werden. Die Anthropologin Carol Wortham von der Emory University in Atlanta fand eine Vielfalt von Schlafgewohnheiten in zehn traditionellen Gesellschaften von Jägern und Sammlern, von denen keine mit dem gegenwärtigen Ideal unserer Gesellschaft zusammenfällt, durch die ganze Nacht hindurch alleine zu schlafen, ohne dabei zu erwachen. Vielleicht ist für Babys ein gewisses Maß des nächtlichen Wachens, und ihr Wunsch von den Eltern getröstet zu werden, natürlich und gesund. Unsere Probleme, dieses Verhalten in den Griff zu bekommen, können darauf beruhen, daß wir gegen die Natur und die grundlegende Biologie des Menschen ankämpfen. Wir müssen streng darauf bedacht sein, nicht das, was wünschenswert für die menschliche Gesundheit ist, mit dem zu vermengen, was nur der gegenwärtigen Erwartungshaltung unserer Gesellschaft entspricht.

Unter dem oben angegebenen Link finden sich weitere Diskussionsbeiträge und die abschließende Antwort von Ramchandani und seiner Mitautoren.

Was am Ende bleibt, ist die auf wenige Sätze reduzierte unverantwortliche Anleitung, gegen die Natur und die ganz individuellen (teilweise grob physiologischen Bedürfnisse) von Babys zu kämpfen und sie in unsere „Kultur“ einzupassen, d.h. Panzerung zu erzeugen. Die harte Tour!

Von Interesse ist auch der Artikel aus der WAZ, „Elf populäre Irrtümer zum Babyschlaf“. Besonders hat mir folgende Stelle gefallen:

Die Sozialpädagogin Eva Solmaz liefert mit ihrem Buch Besucherritze: Ein ungewöhnliches Schlaf-Lern-Buch einen pragmatischen Ansatz zum Kinderschlaf und zu Schlafproblemen. Vor allem entdramatisiert sie den Begriff Schlafproblem und wendet sich gegen allzu rigide Formen des Einschlaf-Trainings. Ans Herz geht zum Beispiel ein Selbstversuch: Begeben Sie sich ins Freie, legen Sie sich hin und schreien sie lauthals wie ihr Baby, bevor es ohne Hilfe einschlafen soll. Versuchen sie einzuschlafen, während sie immer mehr schreien und rot anlaufen.

[youtube:https://www.youtube.com/watch?v=fEf2Ctd0Oms%5D
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7 Antworten to “Babys: „Experten“ fordern die harte Tour!”

  1. Robert (Berlin) Says:

    Die Rückschritte in den Erkenntniswissenschaften betreffen inzwischen die gesamte Psychologie und Pädagogik. In den siebziger Jahren war man beträchtlich weiter als heutzutage, wo größtenteils primitivster Behaviorismus (NLP etc) und Chemismus (Pharmaka, bes. bei Kindern) als alleinige Mittel die Bühne beherrschen. Dies hat viel mit den gesellschaftlichen Änderungen der Globalisierung und dem Demokratieabbau zu tun.

  2. aka Says:

    Es gibt auch eine Therapie für Schreibabys, die von dem Bremer Psychologen Thomas Harms entwickelt wurde: Emotionelle Erste Hilfe.
    Er integriert Massagetechniken von Eva Reich, theoretische Erkenntnisse von Wilhelm Reich mit neueren neurobiologischen Forschungsergebnissen. Natürlich sollte man Babys trösten! Auch die Schreibaby-Problematik sollte man ernst nehmen, da viele Eltern in der Zuspitzung einer solchen Krise Gewaltphantasien bekommen.

  3. Thordis Says:

    Das Schreien kann allerdings wirklich zum Problem werden, wie aka schon angemerkt hat. Ein Kind schreien zu lassen ist sicherlich nicht das Ideal, aber kontrolliert und mit der Prämisse dem Kind zu zeigen, dass man grundsätzlich da ist, kann schon eine Möglichkeit sein.

  4. Robert (Berlin) Says:

    Experten streiten über Stillzeit

    Wie lange ein Säugling idealerweise zu stillen ist, gehört zu den Kernfragen bei der Geburt eines Kindes. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt einen Zeitraum von sechs Monaten. Davor warnen jetzt britische Forscher – und stürzen Mütter in Verwirrung.
    Wie lange soll ich mein Kind stillen? Schwangere, die nicht sofort zu Milchpulver und Fläschchen greifen wollen, stehen unweigerlich vor dieser Frage – in Deutschland sind das gut 90 Prozent aller werdenden Mütter.
    Wer sich mit dieser Frage an die Weltgesundheitsorganisation WHO wendet, erhält von ihr eine Empfehlung: Sechs Monate soll man das Neugeborene ausschließlich stillen, also auf jeglichen Brei und Pulvermilch verzichten. Das sei das Beste für das Kind, beuge Infektionsrisiken und Wachstumsproblemen vor. Dieser Empfehlung folgen 65 Prozent der EU-Staaten.
    Britische Forscher stellen diese Empfehlung jetzt in Zweifel. Im „British Medical Journal“ haben Mary Fewtrell vom University College in London und ihre Kollegen eine Analyse veröffentlicht, der zufolge die bisherige Beweislage für die Empfehlung nicht ausreicht. Es sei an der Zeit, die derzeit gültige Empfehlung neu zu bewerten, schreiben die Kinderärzte.
    Stattdessen empfehlen die Forscher nach Auswertung der bekannten Daten, dass zumindest in den Industriestaaten Babys vom vierten Monat an neben der Muttermilch mit anderen Nahrungsmitteln gefüttert werden sollen. Das Forscherteam analysierte eine Reihe aktueller Studien zu dem Thema und kommt zu dem Schluss: Babys, die länger voll gestillt werden, könnten unter Allergien und Eisenmangel leiden. Ein weiteres Argument der Autoren ist, dass die frühere Beikost und damit die Erfahrung neuer Geschmacksrichtungen Babys besser auf Lebensmittel wie etwa Gemüse vorbereiten könne.
    Nur in wenig entwickelten Ländern ist Muttermilch alternativlos –
    Für weniger entwickelte Länder gelte die Empfehlung dagegen nicht, schreiben die Wissenschaftler. Denn dort biete die Nahrung mit Muttermilch die beste Vorsorge, um Krankheiten aus verunreinigtem Wasser und Lebensmitteln vorzubeugen.
    (…)
    Profit der Babynahrungsindustrie?
    Andere Experten hegen gehörige Zweifel an der Studie und den Schlussfolgerungen der Mediziner. Janet Fyle von der britischen Hebammen-Vereinigung etwa sagte dem Sender BBC, die Stillempfehlung auf vier Monate zu beschränken, wäre ein „Rückschritt“ – und spielte den „Herstellern von Babynahrung in die Hände“ – drei der vier Studienautoren haben bereits als Berater für die Babynahrungsmittelindustrie gearbeitet oder Forschungsgelder von ihr erhalten. Auch das britische Gesundheitsministerium bekräftigte, Babys bis zum sechsten Monat erhielten alle für sie notwendigen Nährstoffe aus der Muttermilch.
    Ähnlich sieht das auch die deutsche Stillkommission. Sie folgt der sechsmonatigen Empfehlung der WHO nicht ganz stringent. In einem Beitrag aus dem Fachblatt „Kinderheilkunde“ aus dem Jahr 2010, an dem die Stillkommission beteiligt war heißt es: „Im ersten Lebenshalbjahr sollten Säuglinge gestillt werden, mindestens bis zum Beginn des fünften Monats ausschließlich. Das gilt auch für Kinder mit erhöhtem Allergierisiko.“ Wohl gemerkt, geht es um Zufütterung und nicht um das Abstillen, also eine langsame Verminderung der Muttermilchmengen. Weiter, schreiben die Autoren: „Auch nach Einführung der Beikost – spätestens mit Beginn des zweiten Lebenshalbjahres – sollten Säuglinge weiter gestillt werden. Die Stilldauer insgesamt bestimmen Mutter und Kind.“

    http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,739537,00.html

    Kommentar:
    Irgendwann wird die EU den Müttern vorschreiben, so früh wie möglich mit dem Muttermilchersatz zu beginnen.

  5. David Says:

    Schlafgewohnheiten … von denen keine mit dem gegenwärtigen Ideal unserer Gesellschaft zusammenfällt, durch die ganze Nacht hindurch alleine zu schlafen, ohne dabei zu erwachen.

    Zitat Ende, Hervorhebung hinzugefügt.

    Woher kommt dieses „gegenwärtige Ideal“?

    Gibt es das überhaupt?

    Alleine zu schlafen?

    Wie ich glaube, wünschen sich die meisten Menschen eher das Schlafen angeschmiegt an einen Partner …

    Wenn dem nicht Probleme körperlicher Art entgegen stehen, wie beispielsweise jene Fehlfunktionen im Hals, die zum Schnarchen führen.

    Also dieses Ideal – ich kenne es eigentlich nicht.

    Die andere Frage ist komplizierter.

    Die ganze Nacht hindurch zu schlafen.

    Nützlich ist das nicht unbedingt, wenn man etwa – wie ich in dem inzwischen bankrotten Wohnprojekt aus dem ich vor einer Woche ausgezogen bin – mit Braunkohle heizt und der Ofen von der Art ist, dass es – ohne Nachlegen – nur etwa die halbe Nacht lang brennt.

    … also woher kommt dieses nicht nützliche Ideal?

    Vom Protestantismus? Oder von eher militärischen Notwendigkeiten?

    Von dem Ideal, den ganzen Tag hindurch – ohne Mittagsschlaf – ohne Unterbrechung mit Höchstleistung zu arbeiten?

    Hat dies nicht eher mit den immer längeren Wegen zur Arbeit zu tun, die eine doch eher neue Erscheinung sind (in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit kann es mir schon passieren, dass der tägliche Weg über 100km ist weil es in der Nähe nichts gibt; die amerikanischen Pilgerväter hatten ihre Felder immer noch vor der Haustür)?

    Sicher hatte ich dieses Ideal auch in mir. Bei nächtlichem Aufwachen: Blase entleeren und mit einem Liter Bier nachfüllen.

    Das mache ich ja jetzt nicht mehr. Also akzeptiere ich das ein- bis zweimalige Aufwachen jede Nacht.

    Aber das Ideal des Durchschlafens – das eigentlich gar nicht so nützlich ist – woher kommt es?

  6. LizzyGun Says:

    Echt schlimm, wie sich unsere Gesellschaft entwickelt. Ich bin Vater von zwillingen, die mittlerweile 15 Monate alt sind.

    Beide schlafen nach wie vor nicht „durch“. Wobei per Definition 6h am Stück ja als durchschlafen gelten. Das tun sie doch manchmal… Zwangsläufig kamen wir an einen Punkt, an dem wir zu Hilfsmitteln griefen mussten, weil wir einfach nicht mehr konnten.

    NIEMALS hätten wir aber unsere Jungs schreien lassen. Stattdessen haben wir Sleepy gefunden (www.thesleepyhelp.com). Das hat uns wenigstens ein paar Stunden herumtragen und schuckeln pro Nacht erspart.

    An alle da draußen: unsere Kinder brauchen uns Eltern! Auch Nachts. Lasst sie nicht schreien. Bringt ihnen nicht bei, aufzugeben… Seid für sie da 😀

  7. Sebastian Says:

    Wieder die BILD mit einer neuen Studie:

    http://m.bild.de/ratgeber/kind-familie/kindererziehung/studie-lassen-sie-ihr-baby-ruhig-schreien-45978866.bildMobile.html

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