Versteinerte Muskeln und gefrierendes Blut

Anfang der 30er Jahre entdeckte Reich, daß der charakterliche Panzer (stereotype Verhaltensmuster, die selbst beibehalten werden, wenn sie denkbar unpassend sind), sein Korrelat in chronischen muskulären Verspannungen findet, die der Patient kaum willentlich beeinflussen kann. Man verkrampft sich, um seine Gefühle unter Kontrolle zu halten, bis sich dieser Mechanismus verselbständigt und man die betreffenden Gefühle gar nicht mehr zulassen kann, so sehr man sich auch anstrengt. „Man wird nicht mehr locker.“

Später, in Der Krebs (Fischer TB, S. 191), wies Reich auf den Zusammenhang zwischen den emotionell verursachten Muskelspasmen und den Orten hin, an dem Krebs-Metastasen auftreten. Tumoren entwickeln sich dort, wo der Körper sich am meisten gegen bioenergetische Erregung mit Muskelpanzerung wehrt (Der Krebs, S. 189), das Gewebe deshalb schlecht mit Sauerstoff versorgt wird und so am ehesten krebsartig zerfällt, also insbesondere an der sich besonders einfach abpanzernden Ringmuskulatur wie im Hals, im Magen und im Anus, aber auch an den Brüsten und am Genital (siehe auch Der Krebs, S. 172).

In neuro aktuell, dem „Informationsdienst für Neurologen und Psychiater“ wies Dezember 2010 der Neurologe Dr. med. Frank Erbel darauf hin, wie schwer es ist, Patienten davon zu überzeugen, daß Kopfschmerzen eine denkbar einfache Ursache haben können: Nackenverspannungen. Teil dieser Aufklärungsarbeit sei es auch, dem Patienten zu verdeutlichen, daß ein ständig angespannter Muskel nicht ausreichend durchblutet ist und seinen Stoffwechsel nur schwer aufrechterhalten kann. Beispielsweise wird der Patient seinen Arm nur wenige Minuten gestreckt halten können, weil der Stoffwechsel der Schultermuskeln zusammenbricht. Genauso ist es mit ständig angespannten Nackenmuskeln.

Eigene Experimente hätten gezeigt, daß jede Muskelanspannung zu einer Minderdurchblutung des betreffenden Muskelgewebes führt:

Dazu wird eine Kanüle mit einem winzigen Thermistor in den Muskel eingestochen. Der Thermistor ist ein elektrischer Widerstand, dessen Wert sich temperaturabhängig verändert. Das Gerät wir durch einen elektrischen Strom aufgeheizt und gibt Wärme an das umliegende Gewebe ab. Dadurch kühlt der Thermistor ab und ändert entsprechend seinen Widerstandswert. Je stärker die Durchblutung des Muskels, um so leichter kann das Blut die Wärme vom Thermistor abführen. Die gemessenen Effekte der Muskelkontraktion sind höchst beeindruckend. Kräftige Kontraktionen bringen die Durchblutung auf null, doch bei jeder Muskelerschlaffung schießt das Blut erneut in die Blutgefäße.

Für Reich war der Muskelpanzer nur ein Teilaspekt einer umfassenden energetischen Kontraktion des Organismus, der „Sympathikotonie“. Dies wird beispielsweise daran sichtbar, daß nicht nur die Blutzufuhr gedrosselt, sondern auch das „flüssige Organ“ Blut selbst betroffen ist. In der Sympathikotonie „gefriert“ das Blut buchstäblich in den Adern!

Ängstliche Menschen neigen zu einer erhöhten Blutgerinnung mit dem Risiko einer Thrombose. Entsprechend besteht ein bis zu viermal so großes Risiko, an einer Herzerkrankung zu sterben. Forscher der Universität Bonn (Franziska Geiser et al.) haben 2008 erstmals das Blut von Patienten, die unter Panikstörung oder sozialer Phobie leiden, mit Blut einer gesunden Kontrollgruppe verglichen.

Normalerweise halten sich im Gerinnungssystem zwei gegenläufige, lebensnotwendige Mechanismen in etwa die Waage: Bei der Koagulation verdickt das Blut, ein Blutpfropf entsteht, und der dichtet etwaige Verletzungen ab. Die so genannte Fibrinolyse dagegen macht das Blut flüssig und löst den Blutpfropf wieder auf. Bei den Angstpatienten beobachteten die Forscher bei genauerer Analyse aber eine Aktivierung der Koagulation bei gleichzeitiger Hemmung der Fibrinolyse. (…) So gerät das Gerinnungssystem in eine Schieflage, und die Gerinnungsneigung erhöht sich, möglicherweise mit gefährlichen Folgen, die im Extremfall bis zur Verstopfung einer Herzkranzarterie reichen können.

Eine Folgestudie liefere erste Hinweise darauf, daß sich die Blutgerinnung bei den Patienten nach einer erfolgreich verlaufenden Therapie verbessere.

Vor einiger Zeit berichtete ich, daß, einer klinischen Studie zufolge, eine feindselige Haltung gegen die Mitmenschen zu einem höheren Herzinfarktrisiko führt als Fettleibigkeit, Rauchen oder hohe Blutfettwerte. Die Rede von „verhärteten Herzen“ kann man wörtlich nehmen!

1995 haben Forscher der Columbia University das Glücksniveau von mehr als 1700 Kanadiern ermittelt, die zu der Zeit (noch) keine Herzprobleme hatten. Nach einem Jahrzehnt untersuchten sie 145 der Probanden, bei denen mittlerweile eine Herzerkrankung vorlag. Auf diese Weise fanden sie heraus, daß glücklichere Menschen mit geringerer Wahrscheinlichkeit kardiovaskulär erkranken.

Die Forscher verwendeten eine Fünf-Punkte-Skala, um das Glück zu messen. Für jeden Punkt auf der Glücksskala ergab sich eine um 22 Prozent geringere Wahrscheinlichkeit später ein Herzproblem zu entwickeln.

Was die Ursache für diesen Zusammenhang betrifft, spekulieren die Forscher darüber, daß glücklichere Menschen mit größerer Wahrscheinlichkeit einem gesünderen Lebensstil frönen. Es könnte auch einen unbekannten genetischen Zusammenhang zwischen Glück und geringerer Anfälligkeit für Herzkrankheiten geben. Schließlich wird spekuliert, daß das Glück direkt auf das Herz wirkt, denn bei Streß und Depressionen werden Hormone ausgeschüttet, die den Herzmuskel angreifen und es kommt zu Ablagerung in den Arterien. Selbst wenn man von Natur aus kein glückliches Gemüt habe, solle man deshalb im Interesse seiner Gesundheit sozusagen Glück simulieren.

Aus orgonomischer Sicht geht es einfach darum, offen und „unverkrampft“ (vagoton) zu sein. Das betrifft insbesondere ein möglichst ungepanzertes Brustsegment. Glück bedeutet einfach seinem Herzen zu folgen. So erübrigt sich auch die absurde Frage, ob die Korrelation zwischen Glück und Herzgesundheit auf die gesündere Lebensweise von glücklichen Menschen oder auf eine direktere Verbindung zwischen Glück und Herzgesundheit zurückzuführen ist. Verhalten und Charakterstruktur sind nicht zu trennen.

Reich war seit den 40er Jahren schwer herzkrank, erlitt 1951 einen Herzinfarkt und erlag schließlich 1957 im Gefängnis seinem buchstäblich „gebrochenem Herzen“. Seinen Sohn ermahnte er kurz vor seinem Tod, Glück sei das wichtigste im Leben.

Advertisements

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

5 Antworten to “Versteinerte Muskeln und gefrierendes Blut”

  1. walter Says:

    Ist in die Sauna gehen gut gegen versteinerte Muskeln und gefrierendes Blut?

  2. Sven Says:

    „Man wird nicht mehr locker.“

    Der langsame Tod des besten Ruderers der Welt.

    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-20521514.html

    Teil 1: https://www.youtube.com/watch?v=UpAIyJRi21w
    Teil 2: https://www.youtube.com/watch?v=gIDhP7-Ma-I

    *Was er nicht sagen konnte, hat er nicht gesagt.“ – die Mutter

    Batman = Schlagmann http://www.amazon.de/Schlagmann-Roman-Evi-Simeoni/dp/3608939695

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: