Die Befreiungsbewegung der Pharisäer

Warum wurde Jesus von den Pharisäern abgelehnt? Und warum ist er umgekehrt den Pharisäern derartig hart entgegengetreten? Kurz gesagt ging es um das Wesen des Judentums. Ging es um das Land, den Tempel, die wortwörtliche Einhaltung der mosaischen Gesetze, die wortwörtliche Erfüllung der Prophezeiungen über die „Befreiung“ Israels oder ging es um den humanitären Geist des Judentums? Die Pharisäer beteten, daß die „Ungläubigen“, insbesondere die Römer, von Gott unterworfen und Jerusalem zu einer Art neuem „Rom“ erklärt würde, dem die Nichtjuden Tribut zahlen müßten. Jesus antwortete darauf, daß die Pharisäer damit genauso empfanden wie die römischen Barbaren um sie herum, sie dergestalt also Gott aus ihren Herzen verbannt und seine Botschaft zerstört hätten und daß sie, wenn sie nicht ihm, dem Gesandten Gottes folgen würden, Gott sie und die gesamte jüdische Nation den Feinden, d.h. Satan (Rom) überantworten werde. Sie hätten sich mit dieser wörtlichen und materialistischen Auslegung der prophetischen Überlieferung von Gott getrennt und müßten jetzt die Konsequenzen davon tragen, daß sie ihre eigenen Wurzeln gekappt hätten. Das ist dann auch im Jahre 70 geschehen. Israel wurde restlos zerstört, der Tempel in Schutt und Asche gelegt – tatsächlich war die ganze Erde in Aufruhr. Man denke nur an den Untergang Pompejis 79! Das war die Apokalypse, die Jesus für seine Generation vorausgesagt hatte und die Johannes im allegorischen Stil der jüdischen Überlieferung beschrieben hat. Nero war der Antichrist, das Tier 666, Jerusalem war die Hure Babylon, die sich mit dem Blut der Propheten, der Apostel und Christi besäuft. Seit dem Unterhang Jerusalems sitzt Jesus zur Rechten Gottes und die Kirche ist das neue spirituelle Israel, das die humanitäre Botschaft Gottes frei von allen nationalen und ethnischen Begrenzungen über den gesamten Globus verkündet. Wir leben demnach in dem „Tausendjährigen Reich“, in dem Jesus über die Erde herrscht, das christliche Äon, in dem der Löwe (der römische Staat) und das Lamm (Israel, d.h. die Kirche Christi) friedlich koexistieren.

Ein Gutteil der Christen, insbesondere fundamentalistische Christen in Amerika, hängen heute den gleichen Glaubensvorstellungen an, die einst Jesus bei den Pharisäern angeprangert hatte. Die Pharisäer konnten nicht glauben, daß Jesus der Messias sei, denn all das materielle Tschingderassabum, das für das Kommen und das Wirken des Messias prophezeit worden sei, wäre ausgeblieben, statt dessen wurden sie mit Parabeln abgespeist. Er war nicht in den Wolken im Glorienschein erschienen, sondern nur als armseliger Wanderprediger. Genauso können heute die Christen nicht glauben, daß sich die Offenbarung bereits erfüllt hat, denn wo sei beispielsweise die Auferstehung der Toten? (So als wäre Christus nicht die Auferstehung der Gläubigen!) Ohne atomares Weltinferno a la Hollywood gibt es für diese „Christen“ keine Apokalypse! Jesus wirft den Pharisäern vor, daß sie das Goldene Kalb sehen wollen, eine große Show der nationalen Erweckung, einen „Messias“ als nationalen Superhelden, als Befreier, als Führer a la Mussolini, Stalin oder Hitler. Und deshalb werde sie am Jüngsten Tag, d.h. im Jahre 70 das gleiche Schicksal ereilen wie einst ihre Vorfahren am Berg Sinai.

Und du ERKENNST Gott. Du willst nicht glauben, daß es so etwas gibt: Gott NICHT zu erkennen oder gar, es nicht zu wagen, Gott zu erkennen. Es war der kranke, gottverlassene und vertrocknete Mensch, der das Märchen erfunden hat, man dürfe Gott nicht ansehen, erkennen, fühlen, leben. So versetzten sich die Menschen in die Lage, daß sie auf mühselige Art – bloß aufgrund von Gerüchten, Erwartungen und Hoffnungen – das suchen müssen, was sie einst so leichtfertig aufgegeben hatten. Es war auch das Volk, das Moses zwang, strenge Gesetze gegen die Verehrung des goldenen Kalbes, gegen das Essen von Schweinefleisch und für das Waschen der Hände vor den Mahlzeiten zu erlassen. Das alles war deshalb notwendig geworden, weil sie mit dem Verlust Gottes in sich auch ihren ERSTEN Sinn verloren hatten und anfingen, das Gold zu verehren.

Und das werden die Schriftgelehrten und Pharisäer Christus nie vergeben, das ist es, was sie dazu zwingt, ihn zu töten: Daß er seinem Volk sagte, wo der Ozean ist, während sie, die Gelehrten, weiter in ihren Büchern danach suchten und kleine Wasserbecken bauten, in denen sie mit Rudern herumstocherten, um einen Scheinozean zu haben.

Christus wagt es, ihnen die Tiefe des Ozeans zu zeigen. Und deswegen muß er sterben. Die Pharisäer von damals sind weder besser noch schlechter als die Genetiker, Bakteriologen, Pathologen und Marxologen von heute, was ihre Haltung dem Leben gegenüber betrifft. Über alle Meinungsverschiedenheiten hinweg werden sie sich zusammenschließen, um Christus zu töten, ihren gemeinsamen Feind, der ihre entsetzlichen Ausflüchte angeprangert hat. Sie werden ihn töten, weil er den Leuten gesagt hat, wo sie das Leben finden können: in ihren eigenen Seelen, in ihrem Innern, in ihren Neugeborenen, in den angenehmen Gefühlen, die ihre Lenden während der sexuellen Umarmung durchströmen, in ihrer glühenden Stirn beim Denken, in ihren der lebensspendenden Sonne entgegengestreckten Gliedern. Sie werden ihn wegen all dem töten, weil er es nicht in talmudische Bücher vergrub. (Christusmord, Freiburg 1978, 169f)

Statt sich der lebendigen Wirklichkeit inner- und außerhalb ihrer selbst zuzuwenden, d.h. Gott in den unschuldigen Kindern und der aktuellen Bedrohung durch die Römer, würden sie sich haltlosen Spekulationen und Träumereien von nationaler Größe hingeben, die von der Wirklichkeit wegführen und zwangsläufig in die Katastrophe führen müssen. Aber Jesus und seine Botschaft würden schließlich triumphieren, wenn die alte jüdische Welt untergegangen sei – im Sinne der Botschaft, d.h. als ein Ereignis der Neugeburt im Inneren jedes einzelnen.

Reich mußte sich bei der Lektüre des Neuen Testaments in seine Zeit versetzt fühlen, in der die „Befreiungsbewegungen“ zu den sowjetischen Fünfjahresplänen und „vaterländischen Schlachten“ geführt hatten, während die Massen innerlich toter waren als jemals zuvor. Ähnlich den Pharisäern vor ihnen hatten die „Marxologen“ auf das Materielle, die nationale Glorie („proletarisches Vaterland“) und bloßes Buchwissen gesetzt und Christus‘, d.h. Reichs, Versuche ignoriert, das Ruder doch noch rumzureißen. Der neue „Untergang Jerusalems“ sollte der Fall der Mauer 1989 sein.

Und wieder werden die Pharisäer aufjohlen, wie man denn Jesus mit Reich gleichsetzen könne und die Heilsgeschichte mit der Entwicklung des Bolschewismus oder gar den Untergang des Kommunismus mit der Apokalypse. Doch es ist wieder der gleiche Denkfehler: die Unfähigkeit das Einfache, das Lebendige, das Unspektakuläre, das Alltägliche, das Bioenergetische zu sehen. Es ist die strukturelle Unfähigkeit Reichs Buch Christusmord, das Gedankenfeld, das es umreißt, auch nur annähernd zu erfassen.

jesusreich

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2 Antworten to “Die Befreiungsbewegung der Pharisäer”

  1. Robert (Berlin) Says:

    während sie, die Gelehrten, weiter in ihren Büchern danach suchten und kleine Wasserbecken bauten, in denen sie mit Rudern herumstocherten, um einen Scheinozean zu haben

    Meint Reich jetzt die Theologie oder die Wissenschaften?

    • Peter Nasselstein Says:

      Reich betrachtet die heutige Wissenschaf als „Theologie“ und die damalige Theologie als „Wissenschaft“. Fie einen beschäftigen sich auf abstrakte Weise mit „Gott“, die anderen seit Descartes auf abstrakte Weise mit dem „Äther“ (bzw. „dem Raum“), aber niemand aif praktische Weise mit der kosmischen Orgonenergie.

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