Marienmord

In seinem Buch über „die schöpferische Rolle der Frau in der Menschheitsgeschichte“ schreibt Hans Biedermann:

Wenn in unserem Sprachgebrauch die Sonne als weiblich, der (im Prinzip „weiblich signierte“) Mond als männlich ausgedrückt wird, so steht dies nicht im Einklang mit der bei den meisten Völkern anerkannten Symbolik, die von einem Sonnengott und einer Mondgöttin spricht; es mag aber sein, daß sich gerade darin ein kaum beachteter Hinweis auf eine Suprematie des weiblichen Geschlechts erhalten hat. Ist die Erde immer ebenso weiblich aufgefaßt worden wie der Mond, der Himmel und der Sonnenball immer als männlich? (Die Großen Mütter, München 1989, S. 213)

In den ältesten Kulturschichten des Nahen Ostens scheint, Biedermann zufolge, die besagte weibliche Suprematie zu herrschen. Im Megalithikum überwog die Vorstellung,

bei der das Weib den Himmel und der Mann die Erde verkörperte. Dieses Bild ist uns etwa in der sehr altertümlichen ägyptischen Vorstellung des Paares Geb (Erdmann) und Nout (Himmelsweib) erhalten geblieben. Es gibt in der Tat ikonographische Darstellungen aus alten Epochen, in denen anscheinend das Weib über den passiv liegenden Mann kauert, sein Glied in den Körper aufnehmend und beim Koitus den „aktiven Part“ ausübend, wobei die Frau den Zeitpunkt des Orgamus bestimmt. (Biedermann, S. 210)

Vor dem Einbruch des Patriarchats empfand der Mensch das Himmelszelt als weiblich, als befruchtendes Licht in der Nacht, als Milchregen in der Dürre. Das spiegelte sich auch in der Sexualität. Die Frau wurde nicht auf die Erde gepreßt, sondern war frei sich nach ihrem Takt in die Lust zu schaukeln, weiß doch die moderne Sexualmedizin, daß derjenige, der oben ist, leichter zum Orgasmus kommt.

Wenn die Scheide nach unten zeigt und die Samenflüssigkeit wieder nach unten fließt, gilt der Koitus einzig und allein der Lust der Frau. Ist die Stellung normal (für die Katholiken und Puritaner war sie die einzig erlaubte), gilt der Koitus einzig und allein der Lust des Mannes – nach Söhnen.

Ich werde zornig, wenn ich an all den angeblich „esoterischen“ Weisheitsschatz über das dunkle weibliche Yin und das lichte männliche Yang denke. Uns wird weisgemacht, die Orgonomie könne ja noch so viel zu lernen – von dieser erzreaktionären patriarchalischen Scheiße.

Eure „Archetypen“ stellen nichts anderes dar als die Verabsolutierung patriarchalischer Vorurteile.

Die Bibel beginnt mit dem Gongschlag des Patriarchats, dem souveränen Schöpfungsakt des verabsolutierten Mannes:

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde, die ganze Welt. Auf der Erde war es noch wüst und unheimlich; es war finster, und Wasserfluten bedeckten alles. Über dem Wasser schwebte der Geist Gottes. (Gen 1,1f)

Für den letzten Satz gibt die Einheitsübersetzung auch folgende Übersetzungsmöglichkeit an: „Ein gewaltiger Sturm brauste über das Wasser.

Die Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth schreibt, daß der „Wind über den Wassern“ das die Schöpfung auslösende phallische Moment war, welches zum weiblich besetzten Unten herabkam. Auf dieser Stufe der mythologischen Entwicklung sei der Göttin noch kein begattender Partner beigesellt, sondern nur ein Phallussymbol. Der „Wind“ hatte dabei keine genuin schöpferische Funktion, sondern nur die Aufgabe den Schoß zu öffnen (Die Göttin und ihr Heros, München 1984). Mir will es jedoch so scheinen, daß wir mit dieser Phallussymbolik und der buchstäblichen Umkehrung von Oben und Unten den Einzug des Patriarchats vor uns haben. Von einer „matriarchalen Mythologie“ kann angesichts der phallischen Metaphorik also überhaupt keine Rede sein.

Ich möchte Göttner-Abendroths Ansatz grundsätzlich infrage stellen. Das hebräische Original spricht von ruach, was sowohl „Wind“ als auch „Geist“ bedeuten kann und das ein Femininum ist. Unsere Bibelstelle wird sich deshalb wohl ursprünglich auf die Große Göttin, wie z.B. die altägyptische „Himmelsfrau“ Nout, bezogen haben, die das Firmament, der Himmel, der Luftraum, der Wind war.

In der zweiten Schöpfungsgeschichte (Gen 2,4b-25), ist die Schöpfung weniger ein Geburts- als vielmehr eine Opferhandlung. Dies wird deutlich, wenn man sie mit ihrer Quelle vergleicht, dem babylonischen Epos Enuma Elisch (um 1800 v.Chr.). Dort fängt die eigentliche Schöpfung damit an, daß das Meeresungeheur „Tiamat“, die Gebärerin der Götter vom patriarchalen Vatergott Marduk getötet wird (Keel/Küchler: Synoptische Texte aus der Genesis, Fribourg 1971). Im Enuma Elisch spiegelt sich der Sieg des Patriarchats (die semitische Babylonier) über das Matriarchat (die „schwarzköpfigen“ Sumerer) wider. Dem „Christusmord“ am Ende der Zeit geht also der Mord an der Großen Mutter, der „Marienmord“ am Anfang der Zeit voraus.

Eindeutigere Verweise auf diesen Kampf des patriarchalen Vatergottes gegen die matriarchale Urgöttin, das „Urchaos“, finden sich in den poetischen Werken des Alten Testaments. Im Buch Ijob steht, Jahwe habe mit seiner Kraft das Meer besiegt und mit seinem Können das Meerungeheuer Rahab umgebracht (Ijob 26,12). Jahwe habe den Drachen Rahab durchbohrt und zerteilt, das Urmeer ausgetrocknet (Jes 51,9f). Er habe das Urmeer gebändigt und „mit Tor und Riegel“ sicher eingeschlossen (Ijob 38,8-11).

Der griechische Komödiendichter Menander (342-290 v.Chr.) hat die Grundhaltung des Patriarchats treffend charakterisiert, als er sagte: „Drei Übel gibt’s: das Meer, das Feuer und das Weib!“ (vgl. 2 Petr 3,6f). So ist auch die Utopie der Jahwe-Anhänger die vollständige Durchsetzung des Patriarchats, wenn alles „Böse“ und „Chaotische“ besiegt sein wird.

Zu der Zeit wird der Herr abrechnen mit dem Ungeheuer Leviathan, der schnellen, gewundenen Schlange, dem Drachen im Meer. Mit seinem scharfen, schweren, gewaltigen Schwert bringt er das Ungeheuer um. (Jes 27,1)

Die alte Urgöttin wird einfach mit dem Teufel im Flammenmeer der Hölle gleichgesetzt (Offb 12,9), mit dem am Ende aller Tage abgerechnet wird. Zu dieser Zeit wird sogar das Meer verschwunden sein (Offb 21,1).

Jahwe hat die Welt geschaffen indem er die Wellen des Meeres brach (Ijob 38,4 und 8-11). Dies entspricht der Panzerung, die die Strömung der Lebensenergie einschränkt: Jahwe packte „den Drachen, die alte Schlange, die auch Teufel und Satan genannt wird, und fesselte ihn“ (Offb 20,2). Typischerweise wird die eigene patriarchale Panzerung auf die Urschlange Leviatan projiziert:

Sein Bauch ist straff und fest, wie angegossen, das Fleisch liegt unbeweglich, gibt nicht nach. Sein Herz ist hart wie Stein, kennt kein Erbarmen, es ist unnachgiebig wie ein Mühlstein. (Ijob 41,15f)

Sein „harter Panzer“ ist undurchdringlich (Ijob 41,18).

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16 Antworten to “Marienmord”

  1. max benser Says:

    Wer sich nach Bibel orientiert, braucht dringend, aber wirklich dringend eine
    psychiatrische Untersuchung! Weil solche kriminelle Buch gibt es nur einmal.

  2. Ezra+Jesus+Hitler!!! Says:

    Theologe Horst Hermann: „Gewalttat, Folter, Mord, Ausrottung, Unterdrückung des Geistes als Mittel zur Etablierung einer bestimmten Moral, christlichen Moral sind nur die eine Seite der biblisch-christlicher Geschichte. Das zweite: Sollen wir uns nicht daran erinnern, dass die Grundprinzipien dieser entsetzlichen Sittlichkeit noch heute aktuell sind, und stammen aus den Alten Testament.“

    Simone Weil: „Die jüdische ist die einzige rassistische Religion.“

  3. Ezra+Jesus+Hitler!!! Says:

    Henry Charles Lea: „Die Inquisition ist eine nur schwer verständliche Einrichtung, wenn man bedenkt, dass sie aus dem Schosse einer Kirche hervorging, die sich auf das Evangelium beruft. Wie hat die Religion der Liebe und der Duldsamkeit dahin kommen können, die Menschen lebendig zu verbrennen, welche ihre Lehren nicht freiwillig annehmen wollten? Das ist die entscheidende Frage“? Joh.15:5-6.

  4. Mona Lisa, der weibliche Christus « Nachrichtenbrief Says:

    […] Tatsächlich verdankt das Bild seine bezwingende Kraft dem Umstand, daß hier Leonardo (den Reich nicht von ungefähr in die Bibliographie seines Christusmord aufgenommen hat) die weibliche Form der zentralen Menschheitstragödie dargestellt hat: die weibliche („matriarchale“) Version von Christus. Gewisserweise ist es das heiligste Bild der Menschheit. Der Marienmord. […]

  5. Marc Says:

    Zur Matriarchatsdiskussion

    Zur Info: Meine Mail an G.A.,

    vielleicht können Sie etwas damit anfangen. Hätten Sie eine Idee, in welchen Foren man über diese Themen diskutieren kann?.

    Sehr geehrte Heide Göttner-Abendroth,

    seit vielen Jahren diskutiere ich mit Vertretern der Matriarchatsforschung, besonders gut gefällt mir „Der Weg zu ….“

    Es wäre schön, wenn Sie mit meiner Matriarchatsforschung zusammenkommen könnten, die von Top-Professoren als die Spitze des wissenschaftlichen Denkens bezeichnet wurde.
    Ich selbst wäre auch zufrieden mit einem Clanaufbau ähnlich der Lebensweise der Mos(u)o.

    Hier nur einige Anregungen zum Nachdenken, warum ich bzw. die Professorinnen, auf denen meine Arbeit hauptsächlich fußt, zu etwas anderen Ergebnissen kommen als Sie:

    1. Ganz generell ist die kulturanthropologische oder ethnologische Perspektive immer in der Gefahr, Wahrheit zu verfehlen, da sie sich um viel zu kurze Zeitspannen kümmert. Wahrheit wird möglich, wenn man mindestens die 13 Milliarden Jahre seit dem Urknall im Blick hat. Dann wird einem bewußt, wie unbedeutend in Wahrheit die letzten 100 000 Jahre der Menschheitsevolution sind, ein Wimpernschlag in der Hominidenevolution.

    Nur einige Aspekte aus dieser langfristigen Perspektive:

    2. Die genetische Umkonstruktion hin zum Homo erectus vor ca. 2 Millionen Jahren war die hin zum ersten homo matriarchalis.

    3. Die Abspaltung des homo sapiens vor ca. 250 000 Jahren war die zum homo mercantilis. Wenn man dann erkennt, dass es eine gute und eine schlechte Variante des damals erfundenen Tauschhandels gibt, kann man beginnen zu verstehen, dass die schlechte, vorkapitalistische Variante des Tauschhandels nicht wesensmäßig zum Matriarchat gehört, sondern der Anfang vom Patriarchat und vom Niedergang des Matriarchats war.

    4. Die Matriarchate der letzten 100 000 Jahre waren nur noch die angefressenen Reste vom eigentlichen Matriarchat. Spiritualität und Schamanentum, Folge der schlechten Form des Tauschhandels, waren schon der Anfang des zum patriarchalen Kapitalismus gehörenden umsatzfördernden „Gotteswahn“s (Dawkins) und niemals etwas Positives.

    Alles dazu auf meiner neuen Homepage:

    http://www.10xgluecklicher.de/

    MfG
    Marc Dylan (Schulze)

  6. Robert (Berlin) Says:

    „(Ijob 41,15f)“
    Gemeint ist Hiob. Was für eine Übersetzung ist das eigentlich?

  7. walter Says:

    Ist es möglich durch sehr starke Angst den emotionalen Kontakt zu verlieren?

  8. Peter Nasselstein Says:

    Verdiene dir deinen Muskelpanzer:

  9. Matristisch oder materiarchal? Zwei Sichtweisen (Teil 2): Der Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat und der Übergang vom Patriarchat zum Matriarchat | Nachrichtenbrief Says:

    […] (Ijob 7,12), wird schlagartig deutlich, daß der Christusmord ursprünglich tatsächlich ein Marienmord war. Die Mutter des Lebendigen wurde wie Christus (vgl. 2 Kor 5,21) zum Träger aller Sünden, zum […]

  10. Mona Lisa, der weibliche Christus | Nachrichtenbrief Says:

    […] Tatsächlich verdankt das Bild seine bezwingende Kraft dem Umstand, daß hier Leonardo (den Reich nicht von ungefähr in die Bibliographie seines Christusmord aufgenommen hat) die weibliche Form der zentralen Menschheitstragödie dargestellt hat: die weibliche („matriarchale“) Version von Christus. Gewisserweise ist es das heiligste Bild der Menschheit. Der Marienmord. […]

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