Der möderische Haß auf das Lebendige (Teil 1)

Stefan Müschenich hat in seinem Buch Der Gesundheitsbegriff im Werk des Arztes Wilhelm Reich (S. 246) darauf hingewiesen, daß das, was Reich in Charakteranalyse als „Emotionelle Pest“ beschrieben hat, zu einem Gutteil mit jenem Verhalten am Arbeitsplatz identisch ist, das heutzutage als „Mobbing“ bezeichnet wird.

Dieser Punkt findet Unterstützung durch eine psychologische Studie von Thomas Rammsayer und Kathrin Schmiga, Universität Göttingen.

Zuvor war man davon ausgegangen, daß vor allem psychisch weniger stabile, sensible Menschen der dauerhaften Boshaftigkeit ihrer „Kollegen“ ausgesetzt seien, doch dann fanden 2003 die beiden Forscher zur eigenen Überraschung, daß in der Arbeitswelt neugierige, kreative und „offene“ Menschen genauso leicht zu Mobbing-Opfern werden. Nicht nur der bekannte Risikofaktor „Neurotizismus“ mache angreifbar, sondern auch das Merkmal „Offenheit“. Das bedeutet, daß nicht nur Abweichungen nach „unten“ (also ängstliches, nervöses, „verdruckstes“ Verhalten), sondern auch nach „oben“ erbarmungslos eingeebnet werden. Wer nicht ins Mittelmaß paßt, wird ausgegrenzt, teilweise schlichtweg vernichtet.

Unter Kindern und Jugendlichen sind, so der Kinder- und Jugendpsychiater Josef Kirchner, insbesondere sensible, mitfühlende und aggressionsarme Schüler gefährdet, Mobbing-Opfer von Gleichaltrigen zu werden („Amokläufer von heute – Mobbingopfer von gestern“, Der Neurologe & Psychiater, DNP, 10/09).

Besonders fatale Folgen zeitigt jedoch die Ausgrenzung von „Grenzautisten“. Es handelt sich dabei zwar nicht um eigentliche Autisten, doch mangelt es auch ihnen an sozialer Wahrnehmung und an emotionaler Empathie.

In ihrer eigenen Altersgruppe werden sie von den meisten gemieden oder gar gemoppt, da sie durch ihre soziale Unbeholfenheit andere oft genervt haben, ohne es zu merken. Sie erleben nur ihre eigene emotionale Bedürftigkeit, ohne die des Gegenübers wahrnehmen zu können. Daher werden sie als rücksichtslos erlebt.

Der durch vollkommene Gefühlskälte gekennzeichnete Ablauf von Schulmassakern wäre klassisches Verhaltensmuster von Grenzautisten. Typisch sei beispielsweise das Fehlen von jedweder Lust an der Erniedrigung der Opfer. Es ist ein vollkommen mechanisch ablaufendes Geschehen, in dem nicht einmal das Gefühl sadistischer Lust auftritt. Und dies, obwohl Opfer gezielt ausgewählt und bestraft werden.

Was tun? Kirchner weist darauf hin, daß es schon immer Grenzautisten gegeben hat (er nennt Newton und Einstein als Beispiele). Er fordert dazu auf, die Unterschiede zwischen den Schülern zu akzeptieren und die unterschiedlichen Normvarianten nicht zu pathologisieren. Es sei ein Unding, wenn sogar Psychopharmaka hinzugezogen würden, nur um bestimmte Gruppen ans Schulsystem anzupassen.

Was diese Gesellschaft braucht, ist mehr Toleranz gegenüber jenen, die nicht ins Muster passen. Wir sind zwar stolz auf den angeblichen „Individualismus“ in dieser Gesellschaft, tatsächlich ist der Anpassungsdruck aber stärker als jemals zuvor. Wer nicht paßt, „wird passend gemacht“. Die Individuen werden in den Seelentod, teilweise sogar den physischen Tod getrieben. Manche treibt die Erniedrigung in den Amoklauf.

Die „Anpassung“ erfolgt mit den Mitteln des Terrors und der Verhaltensmodifikation (wobei sogar zur Chemie gegriffen wird). Die Folgen sieht man in der Wirtschaft und Politik, wo es kaum noch Führungsfiguren mit Ecken und Kanten gibt (ein Herbert Wehner oder Franz-Josef Strauß wäre heute schlichtweg undenkbar – stattdessen nur die leeren Gesichter von Sparkassenangestellten), in der Wissenschaft (die trotz des angeblich exponentiell ansteigenden Wissens zunehmend verflacht – Fach-Idioten) bis hin zum Alltag (wo es trotz der schreienden Neurosen und Perversionen immer weniger „Originale“ gibt).

Jedes Kind ist wißbegierig. Ich habe meinen Eltern Löcher in den Bauch gefragt und konnte es kaum abwarten, nach der Schule, diesem Totenhaus, nach Hause zu kommen, um Bildungsfernsehen zu sehen, das X-Magazin und Sachbücher zu lesen. Die Funktion der Schule in der gepanzerten Gesellschaft ist es, dieses Feuer zu ersticken, diese lebendige Expansion einzuschränken. Liebe, Arbeit und Wissen sind die Quellen unseres Lebens. Die Lehrerschaft verkörpert das genaue Gegenteil.

Eine Fernsehdokumentation regt zur Diskussion über Schüler, Schulen und Lehrer an. Folgender Absatz ist bezeichnend für den Zustand unserer Lernfabriken:

Sabine Czerny ist Grundschullehrerin in Bayern und überzeugt: „Alle Kinder können lernen.“ Sie kritisiert, daß viele ihrer Kollegen, statt die Freude am Lernen zu fördern und die Kinder für ihre Leistungen zu loben, in erster Linie Druck auf die Schüler aufbauen. Ihr selbst gelang es in ihrer Klasse, daß die Kinder plötzlich Spaß am Schulstoff hatten. Als jedoch damit die Noten der Schüler immer besser wurden, erklärte man Czerny, daß es auch in ihrer Klasse „Fünfer und Sechser“ geben müsse. Schließlich mußte die Lehrerin die Schule wechseln. Czerny macht deutlich, daß Kinder nicht an ihren Fähigkeiten und an ihrem Können scheitern, sondern am System.

Anläßlich seines 75. Geburtstages 2004 sagte der mittlerweile verstorbene Schriftsteller Walter Kempowski, einst selbst Dorfschullehrer in Niedersachsen, heutzutage würde er lieber Taxifahrer werden als Lehrer.

Die 68er haben die Pädagogik restlos zerstört. Das ganze Schulsystem, so wie es heute ist, ist menschenfeindlich geworden. (…) Es war ein großer Fehler, die kleinen Dorfschulen zu schließen. Jetzt beklagen sich dieselben Leute, die das veranlaßt haben, darüber, daß die Kinder sich im Schulbus prügeln. Was sollen die sonst tun?

Seiner Meinung nach müßte die Pädagogik wieder an die Reformbewegung der 1920er Jahre anknüpfen. „Damals waren wir weiter als heute.“

In Der politische Irrationalismus aus orgonomischer Sicht wird gezeigt, daß das Wirken der Sozialisten (beschönigend „Sozialdemokraten“ genannt) und „modern liberals“ (pseudo-liberale Kommunisten!) ein integraler Bestandteil der Ausbreitung der emotionalen Wüste ist. Mit maschinenhafter blinder Konsequenz ver-wüsten die kontaktlosen Sozialingenieure unsere letzte Hoffnung: die Kinder der Zukunft. Die „PISA-Katastrophe“, für die ihre „Bildungsreformen“ verantwortlich sind (man denke nur an die „Verwissenschaftlichung“ der Lehrerausbildung!), veranlaßt sie, alles zu mobilisieren, um noch mehr Schulzentren und Gesamtschulen zu errichten und die Kinder nicht nur am Vormittag, sondern in Zukunft ganztags „über einen Kamm zu scheren“.

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Die wirkliche Ursache der „Bildungskatastrophe“ wird jedoch auch von Konservativen nie angeschnitten (für Linke ist sie eh ein absolutes Tabu!). Jeder weiß aus eigener Erfahrung, daß Lehrer im allgemeinen weitaus neurotischer strukturiert sind als der Rest der Bevölkerung. Ich wage sogar die Generalisierung, daß die Sprößlinge von Lehrern fast ausnahmslos psychisch extrem auffällig sind. Jaja, man darf nicht generalisieren – aber man frage einen beliebigen Psychotherapeuten, der seit einigen Jahren im Geschäft ist. Außerdem sind wir ja alle Experten, was Lehrer betrifft – und unsere Kinderaugen waren unbestechlich.

Die Hauptqualifikation für einen Lehrer sollte ein erfülltes Liebesleben sein, um fähig zu sein, mit den Kindern emotional mitzuschwingen. Die Lage wäre dann jedoch vollkommen hoffnungslos, denn an sich dürften nur Leute Lehrer werden, die in Orgontherapie sind und einen Kurs in sozialer Orgonomie abgeschlossen haben. Vollkommen utopisch und selbst in einer Million Jahren nicht realisierbar. Das bringt mich zurück zu meinem Helden Walter Kempowski:

Ein funktionelles Leben erzwingt ein funktionelles Verhalten. Lehrer in kleinen „Dorfschulen“ haben gar keine Chance ihre Neurose auszuleben, weil sie sich nicht hinter einer Institution verstecken können. Sie müssen auf die Schüler eingehen, ständig in Kontakt sein. Die Arbeit selbst wird zur „Therapie“.

Dieses Land benötigt eine konservative Revolution im Sinne eines Kempowski oder eines Joachim Fest. Beide waren fast schon archetypische Verkörperungen des „konservativen Charakters“, der von allen Charaktertypen innerhalb der gepanzerten Gesellschaft dem genitalen Charakter noch am nächsten kommt. Um was es geht, zeigt der Titel von Fests 2006 erschienenen Beschreibung der ersten zweieinhalb Jahrzehnte seines Lebens: Ich nicht.

Der konservative Charakter hat so viel „Restkontakt“ zum eigenen bioenergetischen Kern, daß er sich den irrationalen Massen, den „modernen Ideen“, dem Anpassungsdruck an die schwachsinnigen Normen des angeblichen „Fortschritts“ nicht unterwerfen muß. Er ist der einzige vernunftbegabte Erwachsene in einem Meer von verzogenen Kindern, die wie Lemminge ihrem sicheren Untergang entgegentrotten.

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7 Antworten to “Der möderische Haß auf das Lebendige (Teil 1)”

  1. David Says:

    Siehe auch Jerome Eden, der eine Zeitlang als Lehrer gearbeitet hat, „Children in Armor“, sowie Äußerungen von ihm in „The Desert Makers“, Teil 2 (Interview).

  2. Robert Says:

  3. Mörderischer Anpassungsdruck « Nachrichtenbrief Says:

    […] Man lese dazu auch Walter Kempowski gegen die Verwüstung der Kinderseelen. […]

  4. Robert (Berlin) Says:

    Habe gerade in einem Lokalblatt die verheerenden Wirkungen der neuen integrierten Sekundarschulen (Hauptschüler werden mit Realschülern vermischt) gelesen. Die Hauptschüler ziehen das Niveau der Klasse auf ihr Level herunter. Es gibt zuwenig Lehrer, um differenzierte Kurse anzubieten. Wieder ein linkes Projekt, was zur Zerstörung der Bildung beiträgt und Deutschland ins Mittelmaß drückt.

    Zitat:
    „… an der Oberschule, die seit dem Schuljahr 2011/2012 eine Integrierte Sekundarschule (ISS) ist und im teilgebundenen
    Ganztagsbetrieb arbeitet.
    Zur Berliner Schulstrukturreform, die Haupt-, Real- und Gesamtschulen zu ISS-Schulen machte, hatte Reinhardt Schwebke jedoch nicht nur Positives anzumerken.
    Früher eine Realschule, habe sich das Leistungsniveau an seiner Schule spürbar verschlechtert. „Die Hauptschüler passen
    sich nicht etwa dem Leistungsniveau der Realschüler an, sondern es ist genau umgekehrt“, berichtete der Schulleiter. Damit stünden
    seine Pädagogen vor Problemen, die sie vorher nie hatten.
    Für mehr differenzierten Unterricht in getrennten Kursen
    oder gemeinsamen Lerngruppen fehlt der Schule aber das Personal.“

  5. David Says:

    doch dann fanden 2003 die beiden Forscher zur eigenen Überraschung, daß in der Arbeitswelt neugierige, kreative und „offene“ Menschen genauso leicht zu Mobbing-Opfern werden.

    Nur deshalb ist Mobbing für die Firmen überhaupt ein Kostenfaktor.

    Normales, „egoistisches“ unternehmerisches Denken wäre – und dieses ist infolge von Bequemlichkeit ohnehin immer noch vorherrschend: ist doch gut, dass die Schwächeren, die weniger Leistungsfähigen, gemobbt werden, bis sie zusammenbrechen oder das Unternehmen verlassen; mir als Chef ist das recht, hauptsache sie verschwinden irgendwie. Also schaue ich bewusst weg oder unterstütze das sogar.

    Es sei ein Unding, wenn sogar Psychopharmaka hinzugezogen würden, nur um bestimmte Gruppen ans Schulsystem anzupassen.

    Das Schulsystem ist geprägt vom Modern-Liberalen Charakter, insbesondere von solchen von der 68er Bewegung.

    Dass auch intellektuelle Konservative da in vollem Umfang mitspielen, ist im Moment ein Rätsel.

    Wichtig zu vermerken ist die Tatsache, dass es niemandem, auch nicht den Konservativen einfällt, wie man das Schulsystem an die Menschen anpassen könnte anstatt – mit allen Mitteln, auch Psychopharmaka – die Menschen an das Schulsystem (nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir)!

    Als jedoch damit die Noten der Schüler immer besser wurden, erklärte man Czerny, daß es auch in ihrer Klasse „Fünfer und Sechser“ geben müsse.

    Das System selektiert und segregiert mehr als dass es bildet. Das ist in allen Ländern so, infolge der Bedürfnisse, die das kapitalistische System hat, der Personalchefs, die eine gut vorselektierte Bewerbermenge wollen.

    In allen – westlichen – Ländern, aber vielleicht doch in besonderem Maße in (Japan und) Deutschland. Weil hier noch eine gewisse Mentalität des „Scheitern wird nicht geduldet“ ist (siehe Wüllenweber und andere) einmal gescheitert, immer gescheitert. Im Vergleich zu anderen westlichen Ländern soll auch Deutschland die UN-BRK besonders spät ratifiziert haben, sie steht zu der Mentalität dieses Landes, wie ich glaube, im Widerspruch.

    Betreffend Nachteile der Zusammenlegung von Haupt- und Realschule – oder gar Hauptschule, Realschule und Gymnasium:

    wie kriegen denn die anderen Länder, wo eher eine Einheitsschule ist – oder wo die Trennung auf Schul-Arten viel später als bei uns erfolgt – (Frankreich, USA) das überhaupt hin??

  6. Klaus Says:

    Wir hatten hier ansatzweise Kritik am Ganztag. Ich habe völlig die Faxen dicke vom Ganztag: Ein Aspekt dabei ist, dass
    – Konflikte im Keim erstickt werden müssen, denn: Gerade im Ganztag können sie ausarten. Und die Eltern haben die Verantwortung an die Schule abgegeben, so dass der Ganztag sich rechtfertigen muss.
    – Das führt zu jenem Zwangspazifismus, der hier schon einige Male angesprochen wurde. Gerade das kommt natürlich der linksliberalen Gesinnung typischer Lehrer entgegen. Es ist tatsächlich erwünscht, möglichst viel auf die verbale Ebene zu übertragen.

  7. Robert (Berlin) Says:

    Dumme werden nicht klüger, wenn Kluge dümmer werden

    Ein sehr interessantes Uni-Experiment zeigt, was aus unserer Gesellschaft wird, wenn alle dieselben Noten erhalten würden. Gleichmacherei kann NIE funktionieren.

    http://www.michaelgrandt.de/dumme-werden-nicht-klueger-wenn-kluge-duemmer-werden/

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