Liebe, Arbeit und Wissen: Zwei Arten von Wissen

Hundert Jahre bevor Reich sein Konzept „Kinder der Zukunft“ formulierte, hatte der Orthopäde und Pädagoge Moritz Schreber eine formal ganz ähnliche psychophysische, medizinisch greifbare Utopie: Kinder zu graden Charakteren in graden gesunden Körpern zu machen, um die Welt mit einer neuen Rasse aus „freien“ Gottmenschen zu bevölkern, die souverän über ihre Triebe herrschen. Hitler hatte später einen ganz ähnlichen Plan: hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder. Diese Lebensauffassung hat sich im Leistungssport bewahrt, für den schon Kinder erbarmungslos gedrillt werden.

Reich erwähnt 1948 die schädlichen Säuglingspflegearten, die, so Reich damals, bereits aus der Welt geschafft seien. Tatsächlich feiern sie immer wieder fröhliche Urstände. Es gibt mir stets einen Stich ins Herz, wenn ich (häufig genug) sehe, wie Mütter ihre Säuglinge im Kinderwagen auf den Bauch gelegt haben. Irrwitzigerweise ist sogar das Pucken wieder in!

(…) die strenge Einteilung der Nahrungsmenge und der Nahrungszeiten à la Pirquet, gewaltsame Streckung der Beinchen durch festes Wickeln wie vor 30 Jahren, Verweigerung der Brust in den ersten 24 Stunden in manchen Hospitälern, Überhitzung der Säuglingsräume, die Routinebehandlung von Säuglingen in großen Anstalten, das „Ausschreienlassen“ etc. Solche Zwangsmaßnahmen sind Ausdruck lebensfeindlicher Einstellungen von Eltern und Ärzten. Sie schädigen die biologische Selbststeuerung des Organismus sofort nach der Geburt und legen die Grundlage zur späteren Biopathie, die dann als hereditäre Belastung verkannt wird. (Der Krebs, Fischer TB, S. 384)

Freud reiht sich bruchlos in diese von Reich beschriebene „Schrebersche“ Gesinnung ein. Beispielsweise diente Freud 1917 die Erkenntnisse der Psychoanalyse wie folgt an, um Kinder effektiver, d.h. möglichst von Beginn an zu beeinflussen:

Auch hat die Erziehbarkeit einer jugendlichen Person in der Regel ein Ende, wenn ihre Sexualbedürfnisse in endgültiger Stärke erwachen. Das wissen die Erzieher und handeln danach; aber vielleicht lassen sie sich durch die Ergebnisse der Psychoanalyse noch dazu bewegen, den Hauptnachdruck der Erziehung auf die ersten Kinderjahre, vom Säuglingsalter an, zu verlegen. Der kleine Mensch ist oft mit dem vierten oder fünften Jahr schon fertig und bringt später nur allmählich zum Vorschein, was bereits in ihm steckt. (Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, Fischer Taschenbuch, Frankfurt 1992, S. 340)

Mit dieser Anregung, mit der Dressur so früh wie nur irgend möglich anzufangen, zeigt sich, daß Freud das Negativ von dem propagierte, was Reichs Programm „Kinder der Zukunft“ ausmachte.

Noch verheerender waren die Auswirkungen der Wendung vom Autoritarismus zum Antiautoritarismus seit Anfang der 1960er Jahre. 1973 hat das die Orgonomin Barbara G. Koopman in dem Aufsatz „The Rise of the Psychopath“ erstmals behandelt (Journal of Orgonomy, Vol. 7, No. 1, S. 40-58). Elsworth F. Baker faßte diese neuen Einsichten der Orgonomie 1977 wie folgt zusammen:

(…) der permissive Erziehungstil, der in den letzten ein oder zwei Jahrzehnten üblich wurde, kommt dem Verzicht auf jedwede Rolle der Eltern beim Anleiten und Disziplinieren gleich und ruft eine intensive Angst im Kind hervor, mit dem Festhalten vieler infantiler Züge, kombiniert mit Ichbezogenheit, Rücksichtslosigkeit anderen gegenüber und Haß auf die Eltern. Es führt zu sogar noch größeren Schäden, als wenn alles auf Unterdrückung beruhte. („Medical Orgonomy“, Journal of Orgonomy, Vol. 11, No. 2, S. 188-194)

Aber auch die Orgonomie selbst kann sich in ein Horrorszenario für Kinder verwandeln, wenn sie in die Hände von Mechanisten und Mystikern fällt, d.h. wenn „Gesundheit“ zu einer Ideologie der Perfektion wird. Es sei, so Reich, ein Mißverständnis anzunehmen, daß das gesunde Kind perfekt ist. Er schreibt den „orgonomischen“ Menschheitserrettern ins Stammbuch:

Es stimmt (…) einfach nicht, daß das gesunde Kind keine Angst kennt oder keine destruktiven Antriebe hat, nie aufsässig wird und nie Erwachsene absichtlich ärgert. Wie alle anderen Kinder hat es das ganze Potential für „gute“ oder „schlechte“ Einstellungen. Der Unterschied zwischen ihm und anderen Kindern, die innerhalb dieser falschen Gedankensysteme aufwachsen, liegt darin, daß es nicht in diesen Reaktionsweisen bzw. Einstellungen gefangen bleibt. Es kann vorkommen, daß ein gesundes Kind nachts Angst vor Wölfen hat. Jedoch reicht ein einfaches Gespräch, um diese Angst zu beseitigen. Es entwickelt keine Phobie, die sein gesamtes Leben andauert. Es kommt vor, daß ein gesundes Kind, ob durch Zufall oder mit Absicht, ein Glas zerbricht, aber die Zerstörung von Dingen entwickelt sich nicht zu einem chronischen Charakterzug. Die Struktur des Kindes enthält keine zerstörerische Wut, die im Charakter verankert ist und von der sich das Kind nicht selbst befreien kann. Ein gesundes Kind kennt Angst, weint, haßt, ist aufsässig, „benimmt sich daneben“, aber nichts davon ist strukturell verankert. („The Biological Revolution from Homo Normalis to the Child of the Future“,Orgonomic Functionalism, Vol. 1, Spring 1990, S. 30-74).

In seinem Projekt „Kinder der Zukunft“ konnten, so Reich, „keine Absolutheiten im Sinne von ‚Gesundheit‘ Anwendung finden“ („Armoring in a Newborn Infant“, Orgone Energy Bulletin, Vol. 3, No. 3, July 1951, S. 121-138).

Alexander Neill war solch ein idealistischer Kinderfreund. Reich: „Ich hatte ziemliche Auseinandersetzungen mit Neill. Er glaubt, daß das gesunde Kind keine Konflikte kennt, daß alles schön und perfekt wäre“ („Some Remarks of Reich: Summer and Autumn 1948“, Journal of Orgonomy, Vol. 5, No. 1, May 1971, S. 97-106).

Kommen wir nun zum Wissenserwerb in der Schule: In konservativen Gesellschaften ging es stets darum sich das Wissen der Vorfahren anzueignen. In Karikaturen war der Schüler ein passiver Behälter, in den aktiv etwas eingetrichtert wurde, d.h. sie gewannen an Substanz, mit der sie dann später im Leben arbeiten konnten. Ihre Kompetenzen, d.h. die Fähigkeit dieses Wissen auch anzuwenden, zu modifizieren und auf neue Gebiet zu übertragen, galten als etwas Gegebenes bzw. als etwas, was sie aus der Familie mitbekommen haben und im Leben automatisch erwerben würden. Heute, in der antiautoritären Gesellschaft, ist das Lernziel ein vollkommen anderes; es werden „Angebote“ gemacht und der Schüler soll sie aktiv nutzen:

Anstelle des angeblich unnützen Wissens sollen Kompetenzen, also Fähigkeiten, erworben werden, die unmittelbar auf die zu lösenden Probleme der künftigen Arbeitsmarktteilnehmer anzuwenden sind. Der Kompetenzbegriff eröffnete den Autoren der Lehr- und Studienpläne ein unendlich weites Feld der Beliebigkeit.

Immer neue Kompetenzen – im Schweizer Lehrplan 21 sind es nicht weniger als 4500 verschiedene – werden dem Schüler abverlangt. Allein im Philosophieunterricht beginnt das mit der Reflexionskompetenz, dazu kommt dann die „phänomenologische Kompetenz“ und als Krönung die Handlungskompetenz.

Wenn zwischendurch auch mal von Sachkompetenz die Rede ist, so heißt das nicht, daß der Schüler irgendetwas wirklich wissen muß. Inhalte, also zum Beispiel die Lehren eines bestimmten Philosophen, sind stets nur als Beispiel zu nutzen, an dem der Schüler seine Kompetenz zeigen soll.

Wir haben es hier mit der Aktivierung vollkommen unterschiedlicher Energiesysteme zu tun: dem orgonotischen System, das im Solar plexus zentriert ist, und dem energetischen Orgonom, das sich im Zentralen Nervensystem (Gehirn und Rückgrat) widerspiegelt. Im ersteren System geht es um Emotionen und entsprechend um eine gewisse Schwere, in letzterer um Sensationen und entsprechend um mehr Leichtigkeit und Unverbindlichkeit, weniger um Inhalt und mehr um Form. In der modernen Welt überwiegt diese „liberale“ Lebenshaltung, was sich eben auch in der Erziehung widerspiegelt. Es ist eine antiautoritäre Erziehung, in der es nicht mehr um vorgegebene Inhalte und Überlieferungen geht, sondern um von jedem konkreten Inhalt abstrahierte „Kompetenzen“.

Das ganze erinnert etwas an das fälschlicherweise als „antiautoritäre Erziehung“ bezeichnete „Prinzip Summerhill“. Auch Neill wandte sich gegen die konservative Erziehung seiner Zeit und das öde Akkumulieren von Buchwissen. Auch Neill glaubte, daß seine Schüler nicht so sehr mit angelerntem Wissen es im Leben schaffen würden, sondern mit ihren im Schulalltag erworbenen Kompetenzen. Dabei gibt es jedoch einen alles entscheidenden Unterschied: das heutige die Schulen bestimmende Erlernen von Kompetenzen ist eine mechanistische Entartung des Neillschen Ansatzes und eine Verkehrung ins Gegenteil.

Neill ging es darum, das Gefühlsleben der Schüler zu befreien, ihre im Bauch zentrierten Emotionen. Wenn sie in dieser Hinsicht nicht mehr belastet seien, würde sich das Lernen von allein einstellen. Das Lebendige entfaltet sich von allein und braucht nicht durch Didaktik künstlich in „4500“ unterschiedliche Kanäle umgeleitet zu werden.

Tatsächlich läßt das Einpauken von festem, unumstößlichen Wissen letztendlich mehr Spielraum (es ist ein „Wissensschatz“ mit dem man später etwas anfangen kann) als das Erlernen von beliebigen, inhaltsleeren, willkürlichen Verhaltensrepertoires („Kompetenzen“), die sich letztendlich auf das unreflektierte Abspulen von Reflexfolgen reduzieren. Man war beispielsweise „gelernter DDR-Bürger“ und wußte sich immer absurderen Vorgaben geschmeidig anzupassen. Diese erschreckende Substanzlosigkeit, die sich etwa in Angela Merkel, einem Musterkind dieses Systems, zeigt, prägt, wenn auch im anderen Gewande, die heutigen Schüler im Westen.

kompetenzwissen

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8 Antworten to “Liebe, Arbeit und Wissen: Zwei Arten von Wissen”

  1. O. Says:

    „Kinder der Zukunft“ gab einem Projekt einen Namen und den Reich-Schülern/ Studenten (wenn man es so nennen möchte) heute eine theoretische Orientierung, sich hiermit zu befassen.
    Jeder Theoretiker sollte großen Respekt vor den Fähigkeiten der Kinder haben und sich von ihnen auch (!) leiten lassen, was nicht bedeutet Kinder emotional allein zu lassen.
    Die Erziehung kann dann auf ein Minimum reduziert werden. Kinder verstehen und fühlen sehr genau, was um sie herum passiert und wissen auch wie gemein die Umgebung (Menschen) für sie sein können. Sie bekommen alles (jede Stimmung und jedes Wort) vom ersten Tag an mit und können sich sehr klar an Erlebnisse des Babyalters erinnern!

    Das wir Erwachsenen uns an ganze Episoden unserer Kindheit nicht mehr erinnern, sollte uns zu denken geben, wie grausig unsere Kindheit uns erschien – das wir sie nicht mehr erinnern wollten. (Ich spiele hier nicht auf sexuelen Mißbrauch oder physische Gewalt an)
    Kinder nehmen die Umgebung „unbewußt“ sehr genau auf und deren Bedrohung findet man in Alpträumen wieder. Und reale Konflikte mit anderen gewaltbereiten (misshandelten) Kindern gibt es zur Genüge in allen Schulen. Das Problem ist, dass die Erwachsenen (Lehrer, Eltern, Erzieher und das fehlende, eingesparte Peronal) teilweise physisch überpräsent sind, aber die wesentlichen Gewaltandrohungen und körperliche Übergriffe nicht mitbekommen. Ferner schaut man zu lange untätig (mangles Finanzen und personeller Ausstattung) zu, wie Fehlentwicklungen in Problemfamilien ihren Verlauf nehmen. Und das rächt sich dann für alle Kinder.

    Die Zukunft der Kinder ist heute und jeden Tag. Die soziale Misere begleitet sie auch jeden Tag. In der Theorie sollten wir unsere Modelle überdenken, in der Praxis sollten wir umsetzen können, was wir an Zielvorstellungen z. B. in Schulbildungsprogrammen wissen.

    Wie hier erwähnt, wenn optimale Erziehung und Bildung zu einer mechanistischen Ideologie der Perfektion („Qualitätsmanagement“ ohne notwendige Ressourcen) wird.

    Programme sollten aber nicht nur die Ziele für Kinder im Blick haben, sondern bei der Umsetzung genauso großzügig verfahren, statt die Erwachsenen immer mehr unter Leistungsdruck zusetzen und das letzte an Arbeitkraft aus ihnen herauszuquetschen, um sie dann in den „Müll“ zu schmeißen und durch jüngere unerfahrene Arbeitskräfte zu ersetzen.

  2. Manuel Says:

    DAS macht mir Angst:

    …und die Kommentare: „wie süüüß!“. Wie krank, wie kaputt, wie grausam…

  3. Sebastian Says:

    Was ist mit „idealistischer Kinderfreund“ gemeint? Ich frage mich das schon seit Monaten. Ist damit seine Einstellung gegenüber Zoe, bzw. dem „gesunden Kind“ gemeint oder gegenüber sämtlichen Kindern?

    • Peter Nasselstein Says:

      Zunaächst einmal ein sehr interessantes Interview mit Zoe Readhead:

      http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/36943

      Zunächst einmal hatten sowhl Reich als auch Neill auch ziemlih verkorkste Ideen. Reich etwa wollte partout nicht an Vererbung glauben, was Peter Reich schwer geschadet hat, weil ihm gegen seine erblich bedingte Kurzsihtigkeit nicht früh genug eine Brille verschrieben wurde. Und Neill? Ihm wird ja geeinhin entgegengehalten, daß er glaubte, Kinder könnten aus sich heraus eine in jedem Sinne des Begriffs „gute“ Gesellschaft aufbauen. Der „Leninist“ Reich glaubte dies dezidiert nicht. Und das nicht etwa, weil Kinder in irgendeiner Weise „böse“ sind, sondern weil Reich die Macht der Emotionellen Pest und die leichte Anfälligkeit auch und gerade von Kindern für die Emotionelle Pest besser einschätzen konnte.

      • David Says:

        Anfälligkeit für die Emotionelle Pest – da ist folgendes Zitat aus dem Interview interessant:

        Wie gehen Sie mit Mobbing um?

        Das ist bei uns zum Glück kein großes Thema, weil solche Vorfälle immer schnell ans Licht kommen. Besonders die älteren Schüler sind da wachsam. Aber wer tatsächlich jemand anderen mobbt, kommt auf die Mobbingliste: Er wird von allen Gemeinschaftsveranstaltungen ausgeschlossen und muss sich als Letzter in der Reihe beim Essen anstellen.

        Zitat Ende.

        Besonders die älteren Schüler sind da wachsam.

        Die sind – anderswo – oft die fleißigsten Mobber.

  4. Robert (Berlin) Says:

    mit dem Festhalten vieler infantiler Züge, kombiniert mit Ichbezogenheit, Rücksichtslosigkeit anderen gegenüber und Haß auf die Eltern.

    Genau zu diesem Ergebnis führt auch die „freie Liebe“. Die festen Konstanten sind hinweg und Unsicherheit und Verantwortungslosigkeit treten an dessen Stelle. Man denke nur an die Scheidungsraten oder Abtreibungszahlen. Wäre beides nicht mehr, bräuchte Deutschland keine Einwanderung aus Südland.

  5. Robert (Berlin) Says:

    Wer sagte das?

    „Was braucht ein Junge, der Musik üben will, Geometrie, Physik, Chemie? Was weiß er später davon? Nichts! Es ist widersinnig: Weil einer in einem Fach ,Ungenügend‘ hat, soll er dann nicht werden können, was er hat werden wollen? Wenn man sich das Lehrmaterial an den Schulen näher anschaut, muss man sagen, dass ein gewisser Prozentsatz davon irrsinnig war: Sie töteten die Kinderseele!“

    http://www.taz.de/!5065895/

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