Sensation oben, Emotion unten

Reich zufolge sind die Emotionen unmittelbarer Ausdruck der Bewegung der organismischen Orgonenergie. Bewegt sie sich zur Peripherie, hat man es mit Lust zu tun, fließt sie in die Muskulatur, mit Wut, fließt sie in die Brust, mit Sehnsucht. Fließt sie gegen die normalerweise vorherrschende Expansion zum Zentrum des Organismus führt das zur Angst („Stauungsangst“), eine einfache Kontraktion („Resignation“) zur Trauer.

In den letzten Jahrzehnten hat die Humanethologie gezeigt, daß Mimik und Gestik, mit der die Emotionen zum Ausdruck gebracht werden, bei allen Menschen weitgehend gleich sind: bei Eskimos, Pygmäen, Bayern und Maoris. Disa Sauter (University College, London) et al. konnte das gleiche auch für die entsprechenden Lautäußerungen nachweisen, als sie Briten mit den im Nordwesten Namibias lebenden Himba verglichen.

Unterschiede fanden die Forscher allerdings in Lautäußerungen, die Erleichterung ausdrücken sollten. Hier hatten die Himba deutliche Schwierigkeiten, die entsprechende Lautäußerung – ein Seufzen – richtig zuzuordnen. Auch bei anderen positiven Gefühlen wie sinnliche Freude und Stolz über einen Erfolg schnitten sie weniger gut ab. Die Wissenschaftler erklären dieses Ergebnis damit, daß in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit solche positiven Gefühle hauptsächlich mit Vertretern des eigenen Volks geteilt wurden und ein Verständnis über kulturelle Grenzen weniger wichtig war.

Man sieht: die Universalität der Emotionen führt die mechanistische Wissenschaft nicht etwa zu einer tieferen, umfassenderen Funktionsebene (nämlich die Biophysik), sondern zu einer höheren, begrenzteren (die Soziologie – die sich dann mittels natürlicher Auslese in den Genen verewigt).

Es ist natürlich möglich, daß solche Mechanismen die biophysikalisch vorgegebenen Emotionen bzw. „ihre Universalität“ modifizieren können, aber das macht eben nicht ihr Wesen aus.

Ohnehin wissen wir alle aus eigener Erfahrung, daß etwa Trauer und Schrecken weitaus spontaner Ausdruck finden, tatsächlich kann man sich kaum dagegen wehren, als etwa Freude und Stolz. Dazu müssen wir nur Haustiere beobachten, die sich ständig in einem expansiven (vagotonen) Zustand befinden. Er ist die Norm bei allen Lebewesen. Vor dieser Grundfärbung sind positive Emotionen so etwas wie „monochromatische Malerei“.

Erst die Kontraktion bringt so etwas wie Dramatik und Heftigkeit ins Spiel. Man vergegenwärtige sich nur eine Affenhorde, die den ganzen Tag gemütlich vor sich hin döst, bis sich plötzlich ein Leopard nähert.

Daß die Expansion und damit die Emotion Lust beim Menschentier natürlicherweise überwiegt, zeigt auch die Sprache. Peter Dodds (University of Veermont in Burlington) et al. konnten bei der Analyse des Gebrauchs von positiv bzw. negativ konnotierten Begriffen in zehn Sprachen nachweisen, daß die positiven Begriffe überwiegen und dies vermutlich für alle Sprachen gilt.

Für ihre Studie werteten sie systematisch Texte aus zehn Sprachen aus: Englisch, Spanisch, Französisch, Deutsch, Portugiesisch, Koreanisch, Chinesisch (vereinfacht), Russisch, Indonesisch und Arabisch. (…) Bei den Analysen kristallisierten sich etwa Zehntausend der am häufigsten verwendeten Begriffe in der jeweiligen Sprache heraus. Diese Wörter legten die Forscher dann rund 1900 Muttersprachlern zur Beurteilung vor. (…) Bei allen 24 Quellen von Wörtern und in allen analysierten Sprachen gab es mehr Begriffe, die über dem neutralen Bereich lagen – mit anderen Worten: Die Stimmung der Sprache ist im Durchschnitt eher positiv geladen. Die Forscher betonen, daß es sich dabei nicht um die Botschaften von ganzen Texten handelt, sondern um den Durchschnittscharakter der kleinsten Bausteine der Sprache – der Wörter.

Sensation (Empfindung, „Nervenerregung“) und Emotion (Gemütsbewegung, „Herausbewegung = e-motion“) sind grundlegend unterschiedliche Phänomene, die auf zwei separaten Funktionen der Orgonenergie beruhen: die Kreiselwelle und die Pulsation. Die Kreiselwelle strukturierte sich im Zentralen Nervensystem (Rückgrat und Gehirn), die Pulsation im Vegetativen Nervensystem. Das Zentrale Nervensystem steht für „Nervenerregung“, das Vegetative Nervensystem steht für „Gemütserregung“.

In Der politische Irrationalismus aus Sicht der Orgonomie diskutiere ich die soziopolitischen Auswirkungen dieser bioenergetischen Gegebenheiten, in Die Massenpsychologie des Buddhismus die „spirituellen“. In diesem Blogeintrag geht es um die soziologischen.

Michael W. Kraus (University of California, San Francisco) et al. führten drei Experimente durch:

  1. Besser situierte Studenten waren schlechter in der Lage die Emotionen von abgebildeten Gesichtern abzulesen.
  2. Ihnen gelang es schlechter, die Emotionen eines Fremden während eines in der Gruppe ablaufenden Vorstellungsgesprächs einzuschätzen.
  3. Wurde den Versuchsteilnehmern das Gefühl vermittelt, daß sie einer niedrigeren Klasse angehören als der, zu der sie tatsächlich gehörten, verbesserte sich ihr Vermögen Emotionen zu lesen.

Die Erklärung von Kraus und seinen Kollegen ist rein soziologisch: die Ärmeren müssen sich mehr auf Freunde als auf Geld verlassen, um ihre alltäglichen Bedürfnisse zu befriedigen. Beispielsweise können sie sich keine Babysitter mieten, sondern müssen Freunde fragen.

Aus bio-soziologischer Sicht ist Sensation oben, Emotion unten, weil es bei der Klasseneinteilung um „Hochnäsigkeit“ und „Coolness“, d.h. „Gemütsruhe“ geht. Es geht um „aristokratisches“, gehirnzentriertes, überlegenes und „überlegendes“ Auftreten gegenüber „denen da unten“, die Spielball ihrer animalischen Gemütsregungen sind.

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7 Antworten to “Sensation oben, Emotion unten”

  1. David Says:

    1. Besser situierte Studenten waren schlechter in der Lage die Emotionen von abgebildeten Gesichtern abzulesen.

    2. Ihnen gelang es schlechter, die Emotionen eines Fremden während eines in der Gruppe ablaufenden Vorstellungsgesprächs einzuschätzen.

    Dieses Ergebnis würde ich einfach orgonomisch funktional interpretieren: Wer arm ist, und diese Fähigkeit nicht hat, geht unter. So einfach ist das.

    Frappierend ist allerdings, dass eben besagte Fähigkeiten untersucht werden zwecks Diagnostik des Asperger-Syndroms und anderer Störungen aus dem autistischen Spektrum.

    Aber wie sollen diese Dinge, die – Thilo Sarrazin zufolge – wie auch Intelligenz oder Mangel an Intelligenz – weitgehend (50-80%) erblich sind, etwas mit der Klassenzugehörigkeit zu tun haben?

    Tritt das Asperger-Syndrom infolge negativer Selektion in der Mittel- und Oberschicht gehäuft auf? Über diese Frage ist soviel ich weiß noch nie untersucht worden. sie ist vermutlich politisch inkorrekt.

    In Indien und Afrika ist man jedenfalls, soweit ich weiß, der Ansicht, Autismus sei eine Krankheit der Weißen (siehe auch das Buch Isaacson: Der Pferdejunge).

  2. David Says:

    1. von der Gegenwart in die Vergangenheit
    2. von außen nach innen
    3. von oben nach unten

    1. und 2. leuchten spontan ein.

    3. ist jedoch im Widerspruch zu 1. und 2. und ist daher kontra-intuitiv.

    Weil die oberen Segmente mit den frühesten Traumata bzw. Blockaden zu tun haben.

    Hier kann also viel falsch gemacht werden.

    Gute Ausbildung der Therapeuten ist hier wichtig.

    Dass man jedoch – Elsworth Baker und Wilhelm Reich folgend, Menschen mit nicht-medizinischem Studienabschluss, die diese Dinge erlernen wollen, den Zugang verwehrt, ist nicht richtig.

    OffTopic: Lowen

    Wir leben im Kapitalismus. Ein feudalismus-artiges System, welches den geeignetsten Menschen die optimale Ausbildung, Ausbildungsziel hier: medical orgonomist, ermöglichen würde (vielleicht 13 Jahre, bei gleichzeitigem Beginn von Therapieausbildung und Facharztausbildung wäre es vielleicht in neun Jahren möglich), könnte das so durchziehen.

    Wie versucht wurde gegenüber Alexander Lowen. An anderer Stelle hatte ich hier schon meine Vermutungen geäußert:

    1. In Amerika erhält man nach vielleicht fünf Jahren Medizinstudium – während der Facharztausbildung nicht etwa ein kleines Gehalt sondern muss statt dessen zahlen und für den eigenen Lebensunterhalt auch noch aufkommen – und – Vermutung Nummer 2:

    2. Dem Lowen war, als er mit der Facharztausbildung hätte beginnen müssen, durch eben deren Kosten das Genick gebrochen, das heißt er konnte, wie ich glaube, gar nicht erst anfangen.

    Und Vermutung Nummer 3:

    man lebte schon damals zu A.Lowens Lebzeiten im Kapitalismus und brauchte deshalb immer dringend Geld um zu überleben; Folge: man muss verkaufen können.

    Und Lowen packte das wenige, was er so halbwegs konnte, in Butterbrotpapier (so wie man in Papier verpackte marode Hypotheken nochmals verpackt, d.h. nochmals verbrieft, 2007 ff.) und verkaufte das wenige Können teuer.

    Das ist Kapitalismus!

    Oder gewisse in ihm vorkommende Wirtschaftssubjekte …

    • O. Says:

      „3. ist jedoch im Widerspruch zu 1. und 2. und ist daher kontra-intuitiv.
      Weil die oberen Segmente mit den frühesten Traumata bzw. Blockaden zu tun haben.“

      In 70 Jahren Orgonomy und psychiatrischer Orgontherapie ist dieser Widerspruch noch nicht bemerkt worden.
      Das Peter hier die beiden Modelle auch farblich in den Skizzen der Zwiebel und dem Orgonom unterscheidet, ist zu beachten.

      • Peter Nasselstein Says:

        Nein, Davids Argument klingt zwar „mechanisch“ logisch ist jedoch funktionell grundlegend falsch, da wir es hier mit Orgontherapie, nicht mit irgendeiner “psychoanalytisch orientierten Körperpsychotherapie” zu tun haben. Der Kern und Ursprung der Panzerung ist die Orgasmusangst und die orgastische Impotenz. Alles andere, insbesondere die okulare und orale Panzerung, ist davon abhängig, daß es zu einem pathogenen Energiestau infolge von Orgasmusangst und orgastischer Impotenz gekommen ist. Nehmen wir als Extremfall einen paranoid-schizophrenen Charakter. Nachdem die okulare Panzerung aufgelöst ist, wird er zu einem phallisch-narzißtischen Charakter (die Realität ist natürlich komplizierter, aber grundsätzlich stimmt das!), der schließlich zu einem genitalen Charakter wird, wenn die ödipale Verstrickung („genitale Rache“) aufgelöst wird.

        Oder anders ausgedrückt: In der Orgontherapie geht es ausschließlich um den CHARAKTER, d.h. um „charakterologische Umstrukturierung“ – Orgontherapie ist nichts anderes. Der Charakter entsteht aber über den Ödipuskomplex, der die Orgasmusangst und orgastische Impotenz bedingt. Wie Baker erläutert, kommt es zwar beim paranoid-schizophrenen Charakter zu einer sehr frühen okularen Störung, aber das hindert das Individuum nicht, sich weiterzuentwickeln und den ödipalen Konflikt durchzumachen, der aus ihm einen paranoid-schizophrenen Charakter macht (oder unter anderen Bedingungen einen kataton-schizophrenen Charakter). Hier entsteht der Charakter und hier ist der Ort, an den die Orgontherapie zurückkehrt: 1. von der Gegenwart in die Vergangenheit (von der okularen Pathologie, die das jetzige Leben prägt, zum genitalen Kern), 2. von außen nach innen (von der Peripherie zum Kern, beispielsweise von der Persönlichkeit zum Charakter) und 3. von oben nach unten (vom Kopf zum Genital). Die Funktion des Orgasmus ist der Kern der Orgontherapie nicht irgendwelche „körperpsychotherapeutischen“ Versatzstücke. Genau das ist der unaufhebbare Unterschied zwischen Orgonomen und „Reichianern“!

        • David Says:

          kommt es zwar beim paranoid-schizophrenen Charakter zu einer sehr frühen okularen Störung, aber das hindert das Individuum nicht, sich weiterzuentwickeln und den ödipalen Konflikt durchzumachen, der aus ihm einen paranoid-schizophrenen Charakter macht (oder unter anderen Bedingungen einen kataton-schizophrenen Charakter).

          also ist der Widerspruch ein Schein-Widerspruch: er ist gar kein Widerspruch.

      • O. Says:

        KPT vs. „Orgonom“/Orgontherapeut nach ACO
        Sicherlich wird das wesentliche weggelassen, die O-Funktion wird zur „Pulsation(-stheorie)“. Doch der wesentliche Unterschied ist, das der Körperpsychotherapeut keinen Bezug zu Reich hat, ihn nicht vertritt und ihn nie verstehen will und kann. Ausrutscher bestätigen nur diese Regel.

        Die KPT, ob als „Reichianer“ oder nicht, gehört nicht zur Orgonomy und schon gar nicht umgekehrt. Alle süßen Pseudobekenntnisse zu dem toten Reich dienen der eigenen Selbsterhöhung aus abgewehrten Minderwertigkeitsgefühlen, wenn man dies analysieren möchte.

        Reich braucht keine Anerkennung, er hat sein Werk dargestellt und es bleibt nur zu fragen, wo ist es geblieben?

        „Der Kern und Ursprung der Panzerung ist die Orgasmusangst und die orgastische Impotenz“ (PN nach WR, s.o.) Und genau daraus hätte eine neue Orgontherapie entstehen müssen, die sich, wie von Reich angekündigt und ohne eine Verwechslungsgefahr zur Psychoanalyse oder zu einer sog. „Körperpsychotherapie“ (KPT), um die Charakteranalyse nicht mehr schert. Bestenfalls hätte die Diagnostik übernommen werden können und nicht wie beim ACO neu aufgestellt (und entfremdet) werden müssen.
        Was war in Amerika passiert? Angeblich habe Reich seine Schüler unterrichtet … Hatte er keine Zeit für Therapietrainings gehabt? Konnte er nicht ein neues Therapiebuch schreiben? Die Charakteranalyse wurde in der 3. Aufl. erweitert, um das Neue vorzustellen. Warum sagte er nichts über die Technik und stellt ein NEUES Modell zur segmentalen Panzerung auf, die der charakteranalytischen Technik (hier „mechanisch“ genannt) grundsätzlich widersprechen. Entweder ich arbeite nach dem Zwiebelmuster der Charakterpanzerung oder segmental von oben nach unten. Ein Vermischen war nicht Reichs Idee und kann nur Chaos verursachen.
        Wieviel Zeit hatte Reich nach 1947 für seine Orgontherapie, die er in Schriften noch bis ca. 1948 eingefügt hat, damit sie der Welt erhalten bleibt? – Er hatte wohl keine Zeit mehr, zumindest findet sich im ACO repräsentierten Ansatz (nach Baker) – für mich – keine Spur mehr. Er hatte anderes, vielleicht auch wichtigeres zu tun, nämlich das Orgon zu fundieren. War dies wichtiger als die Rückentwicklung zu einem genitalen Charakters? Der Preis für die Orgonenergie war hoch und sie zerstörte auch ihn.

        • Peter Nasselstein Says:

          „Entweder ich arbeite nach dem Zwiebelmuster der Charakterpanzerung oder segmental von oben nach unten. Ein Vermischen war nicht Reichs Idee und kann nur Chaos verursachen.“ Das sind einfach Behauptungen.

          Mal abgesehen von der Theorie ist es die Erfahrung jedes Orgontherapie-Patienten, daß, wenn einer der zwei Aspekte der Orgontherapie wegfällt, die Abwehr freie Bahn hat und die Orgontherapie nirgends hinführt. Deshalb sind ja auch „Körpertherapien“ so beliebt – und „Gesprächstherapien“: die Leute fühlen sich sicher, weil es nicht wirklich ans Eingemachte geht. Produkt derartiger „Therapien“ sind blasierte Arschlöcher, die ihre Abwehr, etwa ihren phallischen Narzißmus als Gesundheit, gar „orgastische Potenz“ hinstellen.

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