Wilhelm Reich und Aleister Crowley

Genitalität läßt sich mit der folgenden Gleichung beschreiben:

genitalitätjungengewalt

Die Trennung der beiden Varianten der zugrundeliegenden Funktion, und damit die Negation der Genitalität, indem aus Hingabe Masochismus und aus Aggression Sadismus wird, ist Folge von Panzerung. Steht die Hingabe einseitig im Mittelpunkt, haben wir die masochistische Religion des Christentums vor uns, ist es die Aggression, folgt daraus die sadistische „Religion“ des Nationalsozialismus. Reich und sein Mitarbeiter Karl Teschitz haben sich in den 1930er Jahren umfassend mit der Sexualökonomie dieser beiden Gegenspieler beschäftigt. Beide Parteien sind gleich weit weg von einem natürlichen Lebensgefühl.

Heute wird die Gesellschaft von diesem Gegensatz, der im Übrigen, wie bereits in den 1930er Jahren, hervorragend koexistieren kann, noch immer geprägt. Er zeigt sich etwa in der merkwürdigen „Fernstenliebe“, die uns zwingt, dem Abschaum des Planeten Asyl zu gewähren (fast nur junge Männer!). Eine vollkommen endgrenzte Mutterliebe im Exzeß. Gleichzeitig feiert der „Satanismus“, der „Nächstenhaß“, einen kulturellen Triumph nach dem anderen. Dabei geht es stets um nur eins: Macht („Wille“) durch radikale Absage an die Liebe („Willenlosigkeit“). Der Zuhälter ist das Modell des Magus: er wird geliebt und saugt zum Dank die Frau aus, bis alle Lebensenergie ihm gehört. Die „Jugendkultur“ handelt heute von nichts anderem! Die emanzipierten Mädchen machen begeistert mit, sei es mit „Ritzen“ oder durch demonstratives Nuttentum.

In unserer Kultur wird systematisch, sozusagen „auf allen Kanälen“, die Sexualität („Sex“) von der Liebe getrennt. Implizit, erstaunlich oft explizit, geschieht dies unter Berufung auf den Kulturheroen der antiautoritären Gesellschaft: Aleister Crowley und seine Sexualmagie („Magick“). Dabei geht es nur um eins: keine Gefühle, insbesondere kein Mitleid haben, und stattdessen Sex benutzen, um Macht zu akkumulieren. Es werden ganz bewußt Seelen zerstört, letztendlich auch Körper. Die „Scarlett Woman“ ist die ausblutende Frau, entsprechend den auf Scheiterhaufen brennenden Hexen („Dakinis“) im tantrischen Buddhismus. Es ist phallische Rache im Exzeß. (Übrigens ist diese phallische Rache im Exzeß ein weiterer Beleg für die Nähe der antiautoritären Gesellschaft zum Nationalsozialismus!)

Das ganze läßt sich orgonometrisch wie folgt beschreiben:

Liebesex1

Genauso wie im sexualfeindlichen Christentum werden Liebe und Sex zu antagonistischen Gegensätzen. Wie Reich in seinen bioelektrischen Versuchen der 1930er Jahre verifizierte, ist orgastische Erfüllung jedoch nur möglich, wenn zur mechanischen Erektion eine bioenergetische Ladung hinzutritt, die nur bei liebevoller Hinwendung möglich ist. Liebe ohne Sex und Sex ohne Liebe sind unvorstellbar, will sagen sinnlos, „unhygienisch“ (wie Reich sich im Sinne der damaligen „Mentalhygiene“ ausgedrückt hat).

Liebesex2

Panzerung hat nicht nur ein somatisches Element (chronisch verspannte Muskeln), sondern auch ein psychisches (das Über-Ich). Das Kind ist den Erwachsenen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Seine einzige Überlebenschance ist die Anpassung: es nimmt die Werte, Einstellungen und Verhaltensweisen jener an, die es unterdrücken. Es identifiziert sich mit den Tätern (den „Erziehungsberechtigten“) und bildet einen Charakter aus, der entweder weitgehend mit dem ihren identisch oder doch zumindest kompatibel ist.

So zugerichtet können dann später Autoritäten weiter mit uns spielen. Man denke etwa an den Stalinismus: je größer die Unterdrückung war, desto mehr wurde der Führer geliebt und ihm nachgeeifert. Ähnlich funktioniert jede Sekte und sogar jede Armee. Man denke auch an so manche Partnerschaft: je schlechter die Frau behandelt wird, desto hündischer folgt sie dem Schwein.

Diesen Grundmechanismus der Neurose findet sich auch in der Spiritualität, die weitgehend nichts anderes ist als die Identifikation mit „höheren Wesenheiten“. Dabei ist es zunächst gleichgültig, ob es diese „Wesenheiten“ wirklich gibt oder die Psychoanalyse recht hat, daß sie psychische Repräsentanten unserer Eltern sind. In jedem Fall sind sie „das Über-Ich“ – die psychische Seite der Panzerung.

Das wird in den verschiedenen tantrischen Schulen evident, die darum kreisen, daß man sich vollständig mit einer Gottheit, teilweise sogar einem „Dämon“, identifiziert bis man eins mit ihr bzw. ihm wird; sein Ich opfert. So funktioniert sowohl die „satanistische“ Magie eines Aleister Crowley als auch der „göttliche“ Bhakti-Yoga eines Sri Chinmoy.

Während man Reichs Ansatz mit dem Satz „Wo Über-Ich war, soll Ich sein!“ zusammenfassen kann, geht es in der Spiritualität im Kern darum, daß das Ich sich dem Über-Ich opfert.

Es geht, statt um Selbstbestimmung, um Fremdbestimmung. Dazu gehören „Channeling“, der Bezug auf „Erzengel“ und andere „Botschafter aus höheren Welten“ und insbesondere die Ritualisierung des Alltags, aus dem jede Spontanität weicht, weil alles, was einem widerfährt und was man tut, eine höhere Bedeutung hat und aufeinander abgestimmt werden muß. Es ist eine enge, bedrückende Welt – im Namen der „Befreiung“. Eine Art spiritueller „DDR“, in die sich die Menschen selbst einmauern.

Man nehme etwa die weitgehende „Tibetisierung“ weiter Teile der bildungsbürgerlichen „Elite“ dieses Landes. Hier ein beliebiges Beispiel einer „Lebensberaterin“. Innerhalb von vier Tagen habe ich sowohl im Münsteraner Schloßpark als auch hier am Rande Hamburgs im Park der Klinik Nord jeweils einen Baum gesehen, der mit tibetischen Gebetsfahnen umwickelt war.

Neulich in einem Park in der Innenstadt zwei Schülerinnen, die geheimnistuerisch eine große Figur in den Boden ritzen. Als ich es mir schließlich anschaue: ein fünfzackiger Druidenstern. Hier im Moor vor meiner Haustür habe ich auf einer Waldlichtung einen „satanistischen“ Altar mit entsprechenden unappetitlichen Opfergaben gesehen. Der Irrsinn greift um sich!

Das eigentliche Problem ist jedoch nicht die Selbstzerstörung von Leuten, die nie erwachsen werden, sondern das tatsächliche Heraufbeschwören negativer Energien (DOR), die sie und andere zerstören.

Interessanterweise geben dies diese Leute selbst so an: daß ein neuer Schritt in der Evolution des Menschen bevorstehe und dieser Planet in eine neue Ära „höherer und schnellerer Schwingungen“ eingehe. Nur jene werden überleben, die auf diese neue Umwelt eingestellt sind – die offenbar energetisch zu toxisch für lebendiges Leben sein wird. Crowley sprach vom kommenden Äon, in dem die Menschen mit den Göttern in Kommunion leben. Siehe dazu meine Ausführungen in Ea und die Wellenfunktion.

Ja, gibt es denn nicht auch lebenspositive Spiritualität? Was für eine Frage! Gibt es auch lebenspositive Neurosen? Oder konkret: man beschäftige sich doch bitte mit dem Dalai Lama oder irgendeinem anderen „Guru“. Das sind alles keine Einzelfälle oder bedauerliche Ausrutscher: die Schweinerei ist direktes Resultat des neurotischen Grundmechanismus, der hinter der Spiritualität steckt: wo Ich war, soll das Über-Ich herrschen!

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6 Antworten to “Wilhelm Reich und Aleister Crowley”

  1. David Says:

    Selbstverständlich haben auch die nicht von Neurose, Über-Ich etc. bestimmten Kulturen, d.h. die matriarchalen Kulturen, eine Religion und infolgedessen Spiritualität.

    Die ist nur ganz, ganz anders, als etwa die bei uns oder etwa im Hinduismus (man denke etwa auch an den Personenkult betreffend den – inzwischen verstorbenen – Führer der Ananda-Marga Organisation).

    Daher könnte man je nachdem wie man den Begriff Spiritualität definiert schon sagen in matriarchalen Kulturen gibt es keine Spiritualität.

    In meinem Bekanntenkreis ist auch die Astrologie wieder zunehmend en vogue …

  2. David Says:

    Astrologie: das Geburtshoroskop einer Person macht Aussagen über günstige Eigenschaften einer Person und auch über ungünstige, es weist also hin auf Dinge die bearbeitet bzw. geändert werden sollten.

    Jedoch gibt die Astrologie soviel ich weiß keine Hinweise darauf wie Änderungen, die sinnvoll sind, bewerkstelligt werden können und ist daher wie ich glaube, von recht geringem Wert; sie ist daher mehr oder weniger saharasisch und patriarchalisch. Wer tatsächlich Änderungen bei sich herbeiführen will, wendet sich m.E. doch besser an einen Verhaltens- oder auch Orgontherapeuten.

  3. David Says:

    Im Stalinismus ist das Beten nicht erwünscht, weil ja Religion, Marx zufolge, Gift ist, Opium für das Volk. Aber russische Leute sagen – der Literatur zufolge – früher habe man oft gesagt, wenn Du ein Problem hast, nicht weiter weißt, dann denk an Stalin; das hilft, dann fällt Dir was ein.

    Was ist denn die geistige Konzentration auf den Führer anderes als Beten?

  4. Manuel Says:

    Bei den ersten Sätzen habe ich gedacht, ich lese was von Alice Miller…
    😉

  5. David Says:

    Steht die Hingabe einseitig im Mittelpunkt, haben wir die masochistische Religion des Christentums vor uns …

    Islam ist meines Wissens ein arabisches Wort welches bedeutet: Unterwerfung, Hingabe. Der Islam – in diesem Aspekt – also dasselbe wie das Christentum, nur eben noch extremer?

  6. David Says:

    http://www.focus.de/familie/videos/soziales-experiment-diese-jungs-sollen-ein-maedchen-schlagen-was-dann-passiert-ist-sehr-beruehrend_id_4388696.html

    Scheint mir in Italien aufgenommen; bin der Frage in welchem Land nicht näher nachgegangen.

    Mag sein, dass wenn man richtig gefragt und konfrontiert wird, man die gestörte, sadistische Aggression wie auch die Gewalt gegen Schwächere immer ablehnt.

    Wie ich glaube, sind die meisten Menschen nur dann gewaltbereit, wenn sie nicht gezwungen sind, richtig Farbe zu bekennen, wenn sie nicht offen agieren müssen.

    Mit wenigen Ausnahmen. Wenn man einen muslim-fundamentalistischen Schläger fragt, ob man Ungläubige zu Toder prügeln darf – oder gar soll – dann wird der sagen, ja, unser Gott will das so.

    Aber die meisten Menschen werden sich zur Gewalt nicht odffene bekennen – oder?

    Welche Möglichkeiten, der Gewalt – und der Emotionellen Pest generell – Einhalt zu gebieten, ergeben sich daraus?

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