Körpergewicht, Depression, Gendermainstreaming, die Gene – und das mechanistische Denken in der Medizin

Die Neuro-Depesche (Schnellinformationen für Neurologen und Psychiater) vom Mai 2010 berichtet über eine Studie von S. Corteses et al. über die Beziehung zwischen Körpergewicht und depressiven Symptomen bei Heranwachsenden. Dazu wurden 678 Jugendliche zwischen 11 und 14 Jahren untersucht. Es besteht eine signifikante Beziehung: je dicker desto depressiver, wobei bei Mädchen auch die Untergewichtigen verstärkt depressionsgefährdet sind.

Grundsätzlich mögliche Erklärungen für die Zusammenhänge bestehen darin, daß das Körpergewicht zur depressiven Stimmung beiträgt bzw. sich umgekehrt die depressive Stimmung auf Nahrungsaufnahme/Bewegung auswirkt. Eventuell spielt aber auch ein dritter unbekannter Faktor bei der Regulation sowohl des Körpergewichts als auch der depressiven Stimmung eine Rolle.

Jeder Student der Orgonomie kann sofort diesen geheimnisvollen „dritten unbekannten Faktor“ benennen.

Zuviel zu essen hat die Funktion, den Magen zu füllen, der dann auf den Solar plexus drückt und so die Angst vermindert. (Elsworth F. Baker: „Orgone Therapy“, Journal of Orgonomy 12(2), November 1978)

Der Solar plexus ist der „Energiegenerator“ des Organismus. Der gepanzerte Mensch versucht durch ein kontrahiertes und so ständig gesenktes Zwerchfell und durch Bauchspannung, die „Energieproduktion“ einzuschränken, da er die Energie nicht verwerten und entladen kann („orgastische Impotenz“). Diesen Mechanismus konnte Reich bei seinen bioelektrischen Untersuchungen Mitte der 1930er Jahre unmittelbar messen. Bei der Einatmung sank das bioelektrische Hautpotential am Epigastrium, stieg aber wieder bei der Ausatmung – wenn das Zwerchfell einigermaßen ungepanzert war.

Völlerei ist einfach nur ein Versuch, den Solar Plexus förmlich „einzuquetschen“ und damit ruhigzustellen. Außerdem bindet das Fett zusätzliche Energie und hilft den gesamten Körper zu immobilisieren.

Depressive Symptome sind eine unmittelbare Funktion des dramatisch gesenkten Energieniveaus des Organismus. Entsprechend ist der typische chronisch depressive Charakter ein „Hungerhaken“, der sich alle „oralen Genüsse“ verwehrt und so den „Energiegenerator“ buchstäblich aushungert. Es sieht wie das Gegenteil der Fettsucht aus, doch tatsächlich ist eine einfache funktionelle Identität gegeben: die Senkung des Energieniveaus.

Das Spezifische an der Biopathie „Fettleibigkeit“ ist unbefriedigte Oralität: Essen wird zu einer Ersatzhandlung für eine befriedigende Sexualität („Kummerspeck“). Das Spezifische an der Biopathie „Magersucht“ ist unterdrückte Oralität: man verwehrt sich alle Genüsse.

In der Anorexie versuchen die jungen Mädchen aus Angst vor der als schmutzig („fett“) empfundenen Sexualität die sich entwickelnden sekundären Geschlechtsmerkmale geradezu wegzuhungern. Andere stopfen das Essen in sich hinein, um auf diese Weise die sexuellen Regungen („die Schmetterlinge im Bauch“) zu ersticken.

Der auffällige Unterschied zwischen Jungen und Mädchen in der eingangs erwähnten Studie ist darauf zurückzuführen, daß jede Biopathie eine soziale Dimension hat. Man denke, wie an anderer Stelle diskutiert, etwa daran, daß die Beckenpanzerung bei Mädchen zu keuschen X-Beinen führt, bei Jungen zu obszönen O-Beinen. Entsprechend macht es für einen Jungen wenig Sinn, seine sekundären Geschlechtsmerkmale weghungern zu wollen (was ja sowieso kaum funktionieren würde).

Überschüssige Pfunde werden bei Männern und Frauen als völlig unterschiedliche Fettgewebsvarianten eingelagert. Deborah Clegg (University of Texas) et al. konnten an übergewichtigen Mäusen nachweisen, was seit eh jeder sehen kann: Männer setzen Fett am Bauch an, Frauen in den Hüfte, Schenkel und Gesäß, außerdem werden die für den Fettverbrauch zuständigen Gene bei beiden Geschlechtern drastisch unterschiedlich reguliert, insbesondere was die Insulinproduktion und die Endzündungswerte betrifft. Eine neue Studie der gleichen Forscher unterstreicht dies nochmals. „Damit mehren sich die Hinweise weiter, daß der Körper von Männern und Frauen unterschiedlich auf Ernährung, Behandlungen oder Medikamente reagiert.“

Nicholas Christakis (Yale University) et al. haben die bisher besten Belege dafür präsentiert, daß die Rolle der Gene nicht nur beispielsweise vom Geschlecht abhängt, sondern sogar von den Zeitläufen.

Christakis und seine Kollegen konzentrierten sich auf eine spezifische genetische Variante des FTO-Gens, das allgemein Adipositas zugeordnet wird. Ein Blick auf Daten aus der Framingham Heart Study zeigte einen Unterschied zwischen Menschen mit FTO-Gen, je nach der Zeit ihrer Geburt. Menschen, die vor 1942 geboren wurden, zeigten keinen Zusammenhang zwischen der Risikovariante und Adipositas; Menschen, die nach 1942 geboren wurden, zeigten eine sogar noch stärkeren Zusammenhang als zuvor berichtet worden war.

Forscher führen den Unterschied auf Veränderungen in den Gesellschafts- oder Umweltbedingungen zurück, die einen Einfluß darauf haben, ob genetische Faktoren ins Spiel kommen. „Es verweist darauf, daß noch mehr Vorsicht und Zurückhaltung in der modernen genetischen Forschung angebracht ist,“ sagte Christakis. „Es verweist auch darauf, daß, wenn große genetische Studien über die Zusammenhänge mit diesem Gen eine Generation früher durchgeführt worden wären, sie auf ein anderes Ergebnis hätte stoßen können.“

Den Forschern zufolge erstrecken sich die Auswirkungen dieser Ergebnisse auf das gesamte Studium der Genetik und verweisen auf die komplexe, sich entfaltende Verbindung zwischen Vererbung und Umwelt. Die Untersuchung von Phänomenen wie dem Anstieg von Adipositas wird ihnen zufolge dabei helfen, die Stränge von historischen und zeitgenössischen Umweltfaktoren, die mit genetischen Merkmale im Laufe der Zeit interagieren, zu „entwirren“.

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7 Antworten to “Körpergewicht, Depression, Gendermainstreaming, die Gene – und das mechanistische Denken in der Medizin”

  1. Robert (Berlin) Says:

    Bei zwanghaften Überessern ist auch das Sättigungsgefühl nicht mehr richtig vorhanden. Manche sind erst dann satt, wenn sie Magenschmerzen haben. Außerdem macht das Überessen träge und man wird müde (immobil). Bei allen Essgestörten existiert eine Fehlwahrnehmung des Körperschemas, Vormittags fühlt man sich viel zu dick, Nachmittags zu dünn. Essstörungen sind immer Folge der gestörten Sexualität, im weiteren von Beziehungsstörungen.
    Die Ersatzbefriedigungern können von Essen zu Drogensucht wechseln oder umgekehrt.

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  3. Wie aus süßen kleinen Mädchen dumme, fette, keifende Frauen werden « Nachrichtenbrief Says:

    […] die spezifischen Mechanismen betrifft siehe meinen Blogeintrag Körpergewicht, Depression – und das mechanistische Denken in der Medizin. Teilen Sie dies mit:E-MailDruckenFacebookGefällt mir:Gefällt mirSei der Erste dem dies […]

  4. David Says:

    Andere stopfen das Essen in sich hinein, um auf diese Weise die sexuellen Regungen („die Schmetterlinge im Bauch“) zu ersticken.

    Oder auch: um – wie auch die Magersüchtigen – unattraktiv zu sein!

  5. Robert (Berlin) Says:

    Killerspeck: Fettzellen zerstören schädliche Erreger

    Unterhautspeck hat offenbar zu Unrecht ein schlechtes Image. Forscher fanden in Versuchen mit Mäusen heraus, dass Fettzellen eine entscheidende Rolle in der Immunabwehr spielen.

    „Bisher dachten wir, dass vor allem weiße Blutkörperchen uns davor schützen, Infektionen zu bekommen“, so Gallo. „Aber es dauert, bis diese Zellen an der Angriffsstelle sind.“ Die aktuellen Ergebnisse zeigen nun, dass Fettstammzellen in der ersten Immunantwort eine entscheidende Rolle spielen. „Das war total überraschend.“

    http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/immunsystem-fettzellen-zerstoeren-bakterien-a-1010991.html

  6. Renate Says:

    Wie funktioniert das beim Solar plexus, wie funktioniert der Energiegenerator? Wie kann man hier den Zusammenhang mit der Orgonenergie verstehen?

  7. O. Says:

    „Es besteht eine signifikante Beziehung: je dicker desto depressiver, wobei bei Mädchen auch die Untergewichtigen verstärkt depressionsgefährdet sind.“
    Mädchen in dem Alter definieren sich über ihr Aussehen und das korreliert mit dem Gewicht. Wer fett ist mag sich nicht sonderlich und bekommt auch nur ablehnende Kommentare …
    Mädchen, die adipös sind, haben wenig soziale Kontakte, bewegen sich weniger, werden antriebslos, interessenloser, haben weniger Kontakte zu Jungs usw.
    Es wäre eine Meisterleistung hier keine Korrelation zu finden.

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